Liebe Susanne,

über deine Schwiegermutter hast du mir schon mal ein wenig erzählt – sie muss ja wirklich ein interessantes Leben gehabt haben.

Meine Schwiegereltern haben ihr ganzes Leben in Ostdeutschland gelebt, und als sie sich vor vielleicht zehn Jahren noch ein Häuschen auf dem Dorf gekauft haben, sprach meine Schwiegermutter davon, wie wichtig ihr „diese Freiheit“ dort draußen sei. Bis dahin hatte ich nur verwundert überlegt, ob sie sich die ganze Arbeit mit Haus und Garten wirklich noch antun sollten, aber diese Worte haben mir die Augen geöffnet.

Wer weiß, vielleicht ziehe ich auch irgendwann noch mal aufs Land. Aber ob das in Bayern, in der ursprünglichen Heimat oder ganz woanders sein wird, kann ich dir noch nicht sagen. Wo auch immer es ist – du bist herzlich eingeladen, die Obstbäume zu plündern und Pflaumenkuchen (oder Zwetschgendatschi) mit Sahne zu essen!

Viele Grüße

Petra

Liebe Petra,

die Biografie von Helen Keller würde mich auch interessieren. Bin schon gespannt, was du davon berichten wirst. Ich habe zuletzt Monika Helfer, «Die Bagage» gelesen. Es wurde mir mehrfach empfohlen, ich glaube auch von dir :), und ich fand es sehr schön. Eine leise erzähle Familiengeschichte, ganz nach meinem Geschmack, wenn auch der Lesegenuss schnell vorbei ist, weil das Buch so dünn ist.

Mit dem «Ausgegrenzt sein», (darum geht es unter anderem in dem Buch), ist es so eine Sache. Kürzlich wurde mir gesagt, ich solle doch nach Deutschland zurückgehen. Wir wohnen nun seit zehn Jahren in der Schweiz, aber das passiert immer noch ab und zu. Wegen seiner Herkunft blöd angemacht zu werden hat etwas eigentümlich Verletzendes. Immerhin hat mich diese Person (eine relativ neu zugezogene Nachbarin – nein, die anderen sind nicht so und Schweizer sind auch nicht «in der Regel» so, nur manche halt), daran erinnert, was es für Menschen bedeutet, wirklich fremd zu sein und es womöglich für immer zu bleiben. Für meine Schwiegermutter Anita (Jahrgang 1925), im Jahr 1945 aus dem Osten Deutschlands in den Westen geflohen, war das bis ins hohe Alter ein Thema.

Ging es dir auch schonmal so? Immerhin kommst du ja ursprünglich nicht aus Bayern. Oder bist du «in der Fremde» (Zitat Anita) inzwischen ganz und gar zuhause?

Viele Grüße aus der Schweiz (wo wir trotzdem sehr gerne wohnen!)

Susanne

Liebe Susanne,

ach, die Ideen im Kopf sind Legion, aber eine Idee ist ja noch längst kein Roman, wie du bestimmt auch weißt. Sobald man etwas aufschreibt, ist es ohnehin nicht mehr so wunderbar, so großartig und tja, so genial, wie es sich im Kopf anfühlt, oder liegt das nur an mir? Neulich habe ich von Helen Keller gelesen, einer US-Amerikanerin (1880–1968), die mit achtzehn oder neunzehn Monaten erblindet und taub geworden ist, und gleich hatte ich den Gedanken: Wie könnte man ihre innere Welt darstellen, und zwar ohne die Wörter und Bilder, die sie ja nicht hat? Wie kann man ihre Geschichte erzählen, bevor und nachdem sie eine Lehrerin kennengelernt hat, die ihr ein Fingeralphabet beibrachte und sie zurück in die Welt führte?

Nun, daraufhin habe ich mir erst einmal ihre Autobiografie gekauft, The Story of My Life, um zu schauen, welche Worte sie selbst gefunden hat. (Einen Film gibt es wohl auch.) Das Buch wartet jetzt auf meinem E-Reader, und ich verabschiede mich für heute. Verrätst du mir, was du im Moment liest?

Viele Grüße von

Petra

Liebe Petra,

ja, ich muss es zugeben, auch ich reite hin und wieder auf der True-Crime-Podcast-Welle. Und das kam so: Als die beste Tochter und der beste Ehemann von allen (!) kürzlich eine längere Autofahrt unternahmen, erzählten sie mir hinterher, den Zeit-Podcast gehört zu haben. Der heißt schlicht „Verbrechen“ und ist mit der stellvertretenden Chefredakteurin der Zeit Sabine Rückert. Ich habe daraufhin auch hinein gehört und war sehr gefesselt.

Das fand ich selbst ein bisschen überraschend, denn niemals, nie, nie, nie, habe ich Aktenzeichen XY von vorn bis hinten angesehen. Die Sendung ist aufs Jahr genau so alt wie ich, (habe eben nachgeschaut), und als ich ein Kind war, durfte ich sie nicht schauen. Später und bis heute wollte und will ich nicht … Sicher, es geht um Verbrechensaufklärung, aber für mich bleibt da ein Geschmäckle, dass man sich doch eher daran ergötzt und mit der Chipstüte in der Hand auf dem Sofa sitzend unterhalten werden will.

Von den True-Crime-Podcasts kenne ich eigentlich nur den einen oben genannten, und der Tonfall ist so wenig reißerisch, die Geschichten werden so wenig effekthaschend erzählt sondern vielmehr journalistisch solide, dass ich mir das gut anhören kann. Die psychologischen Abgründe, in die man da blickt, finde ich tatsächlich unglaublich interessant – und was deine Frage hinsichtlich der Beteiligten betrifft: Manche wünschen sich sogar, dass der Fall nochmals aufgerollt wird und bitten die Redaktion rund um Frau Rückert darum. Für jede Schriftstellerin ist das eine ziemliche Fundgrube.

Und wo wir schon bei Fundgruben sind: Wo holst du dir deine Ideen und Schreibimpulse? Mein Verdacht ist nämlich, dass du zu den Autorinnen gehörst, die immer schon die nächsten fünf Romane im Kopf haben … Beneidenswert! Aber vielleicht täusche ich mich ja auch und es ist nur einer :))

Neugierige Grüße

Susanne

Liebe Susanne,

ich benutze die App PodcastAddict. Ob böse oder nicht, muss wohl jeder und jede allein entscheiden. Genauso – apropos Assoziationen – ob man auf dieser True-Crime-Welle mitreitet, der man derzeit kaum aus dem Weg gehen kann. Aber genau das versuche ich. Ich verstehe nicht recht, wie man Verbrechen auf diese Weise als Unterhaltung ansehen kann. Tatort, klar. Thriller und Krimis, auch klar, aber das ist eben alles fiktiv. Ich frage mich immer gleich, wie es wäre, als Opfer dieser Verbrechen einen solchen Beitrag zu hören oder in einer Zeitschrift darauf zu stoßen. Vorausgesetzt, man ist deshalb nicht eh schon längst tot.

Geht dir das auch so oder bin ich da überempfindlich?

Makabere Grüße zum Sonntag

Petra

Liebe Petra,

ich denke auf einer Idee herum – das gefällt mir. Fühlt sich ja wirklich manchmal so an, als würde man einen Gedanken wieder und wieder durchkauen. Und dann am Ende womöglich ausspucken? Oder herunterschlucken? Und dann transformiert er sich in etwas … hm, ich merke gerade, die Assoziation ist nicht so besonders hilfreich. Und ja: Der Ort, an dem eine Handlung spielt, ist für mich fast immer wie eine weitere Figur. Er hat einen eigenen Charakter. Wie im wirklichen Leben, da sind Orte und ihre Atmosphäre für mich auch sehr wichtig.

Finde ich ja spannend, dass du Hotel Matze auch abonniert hast. Was die Podcasts betrifft bist du mir wirklich voraus. Wo abonnierst du die denn? Das heißt, welche Plattform benutzt du? In deinen Tipp sexy&bodenständig habe ich mich schon verliebt. Habe ich gesuchtet, wie man neudeutsch sagt. Alena und Till sind jetzt immer auf meinen Spaziergängen dabei. Das macht doch einen Teil des Charmes eines Podcasts aus, dass man das Gefühl hat, den Machern nahe zu kommen. Wo abonnierst du die denn? Ich muss ja zugeben, ich mache alles mit Spotify. Oder ist das schon so ähnlich wie amazon – also böse?

Liebs Grüesli vom See

Susanne

Liebe Susanne,

Martin Suter ist so ein Name, den man natürlich kennt, aber wenn ich mal nachdenke, habe ich nur Die dunkle Seite des Mondes gelesen, das ich gut in Erinnerung habe. (Mir geht es ziemlich oft so, dass ich nur noch ein „Gefühl“ für ein Buch habe, eine Erinnerung an die Atmosphäre, aber die Handlung auf keinen Fall mehr nacherzählen könnte.)

Hotel Matze habe ich abonniert, auch wenn ich nicht jede Folge höre. Kennst du denn sexy & bodenständig mit Alena Schröder und Till Raether? Sie reden übers Schreiben, und da freue ich mich wirklich auf jede einzelne Folge. Neulich haben sie über das Thema Setting gesprochen, was mich momentan besonders interessiert. Ich denke nämlich auf einer Idee herum, bei der das Setting zuerst da war – der Ort, an dem der Roman spielen soll. Ich habe ihn wie eine weitere Figur im Kopf und frage mich, wie ich das aufs Papier bekomme. Hattest du so was auch schon mal?

Spätsommerliche Grüße aus München

Petra

Liebe Petra, magst du eigentlich Martin Suter? Gestern habe ich ein Interview mit ihm gehört und zwar im Podcast Hotel Matze. Das war in vielerlei Hinsicht interessant. Es ging darum, wie Martin Suter Romane schreibt und wie er arbeitet. Nämlich wie ein Büromensch, so sagt er selbst über sich, von morgens 9 Uhr bis abends 18 Uhr. Und dass er sich 1000 Wörter pro Tag vornimmt. Das hat mich irgendwie gefreut, denn die 1000 Wörter pro Tag stehen auch auf meiner To-do-Liste, auch wenn ich die nicht immer schaffe. Dann weiß ich wenigstens, was ich nicht geschafft haben. Und genau so, sagte er das auch. Ich fühlte mich mit ihm gleich ein bisschen seelenverwandt. Das mag aber auch an dem Schweizer Hochdeutsch liegen. Und er hat so eine sympathische langsame Art. Langsam aber kein bisschen behäbig. Er lässt sich nicht hetzen, das gefällt mir. Da kann man sich was abschauen.

Aber auch der Podcast an sich hat mir gut gefallen. Vielleicht kennst du ja Hotel Matze schon, du hörst ja viel mehr Podcasts als ich. Matze Hielscher baut übrigens auch Werbung ein – spricht zu Beginn mindestens 60 Sekunden über sein Lieblingsbier. Er macht das sehr locker und dankt seinem Sponsor – ich fand es gut gemacht und vollkommen fair.

Es ging in dem Gespräch übrigens auch um den sich verändernden Buchmarkt. Dass die Absätze gesunken sind und so weiter. Martin Suter hat sich ein Abo-Modell ausgedacht. Man kann ihn nun abonnieren. Auch das finde ich fair und sehr modern. Wir müssen alle mit der Zeit gehen. Darum machen wir ja auch diesen Podcast 🙂

Liebs Grüesli us de Schwiiz, Susanne