Liebe Petra,

die Backfischliteratur habe ich tatsächlich gelesen, auch den Trotzkopf, aber mein Liebling war die Autorin Berte Bratt. Da musste ich jetzt direkt mal googeln, ob ich mich richtig erinnere, aber ja, das war eine schwedische Autorin, die in den 50er bis 80er Jahren publiziert hat. Die Romane erschienen als Schneiderbücher, auch so ein Wort, das mich direkt in meine Lesekindheit katapultiert. Toll fand ich auch immer Enid Blyton – am Sonntagmorgen bis ultimo im Bett liegen bleiben und ein 5-Freunde-Buch lesen, das war Leseglück.

Meine Kindheit war sehr schön, aber auch wenig spektakulär. Im Rahmen eines Seminars habe ich mal eine Art Kurzgeschichte verfasst, das Thema nannte sich “Das Haus meiner Kindheit” – es hat Spaß gemacht und mir fiel einiges dazu ein, trotzdem wäre es ein langweiliger Roman, fürchte ich.

Liest du heute anders als früher? Ich freue mich immer, wenn ich einen Roman entdecke, in den ich so abtauchen kann, wie ich es als Kind getan habe.

Viele Grüße vom Zürisee

Susanne

Liebe Susanne,

deine Eltern waren Jugendherbergseltern!? Das allein hört sich ja schon nach einer Kinderbuchkindheit an – Mädcheninternate, Kinderheime, Jugendherberge, klingt alles nach dieser Backfischliteratur von früher. Meine Mutter hat mir ihren Trotzkopf vererbt, und auch vom Nesthäkchen habe ich noch einen Band, von Hanni und Nanni ganz zu schweigen. Hast du so was früher auch gelesen?

Und wichtiger noch: Wirst du über deine Kindheit auch mal ein Buch schreiben? 🙂

Viele Grüße

Petra

Liebe Petra,

das klingt nach einer sehr glücklichen Kindheit! Die hatte ich auch – großes Haus (meine Eltern waren Jugendherbergseltern), viel Platz, auch im Winter, weil dann weniger Gäste da waren und wir den Tagesraum oft für uns hatten, drei Geschwister und immer jemanden zum Spielen.

Wir sind oft im Hof Roller, Fahrrad und Kettcar gefahren. Ich weiß noch, wie ich mir mal den nackten großen Zeh ganz doof in der Kette eingeklemmt habe, hat heftig geblutet! Und dann habe ich mir beim Rollschuhlaufen das Schienbein gebrochen. Das waren noch so Rollschuhe zum Anschnallen (ja, so alt bin ich schon!) – und ein Riemen ist gerissen. An dem Abend sollte es bei uns irgendetwas besonderes zu essen geben, Steaks oder so, das war ungewöhnlich, da wir sonst nie extra für die Familie was gekocht haben. Und als ich aus dem Krankenhaus mit meinem Gips wieder nach Hause kam, (wo ich fies lange bleiben musste, zehn Tage oder so), war ich enttäuscht, dass die Familie alles ohne mich verspeist hat. Ich war halt immer schon gierig.

Komisch, an was man sich so erinnert! Zu Teppichböden würde mir auch eine Menge einfallen. Vielleicht beim nächsten Mal. Muss jetzt kochen.

Hungrige Grüße

Susanne

Liebe Susanne,

ich wohne in einem Haus aus den 1950ern – noch mit Originalfenstern, bei denen man erst einen Hebel umlegen muss, je nachdem, ob man sie nur kippen oder komplett öffnen will. Für das berühmte deutsche Durchlüften.

Als ich klein war, haben wir ein paar Jahre in einer winzigen Siedlung mit sechs oder sieben Häusern gewohnt, inklusive einer Hühnerzucht und einem fiesen Hund, der uns Kindern gern in die Waden gezwackt hat. Meine Freundin Jennifer und ihre Familie lebten dort im tollsten Haus überhaupt, mit großen Bäumen und einem Spielhaus im Garten, das im Sommer nach Harz duftete. Mit einem Nähzimmer der Mutter, das einen schrägen Boden hatte, so, wie Dachzimmer ein schräges Dach haben, nur halt andersherum … Klingt seltsam, oder? Ich weiß nicht, was das für eine seltsame Konfiguration war, vielleicht ein späterer Anbau? Vielleicht habe ich mir das auch nur ausgedacht? Aber in meiner Erinnerung ist diese Schräge jedenfalls mit beiger Auslegeware bedeckt gewesen, und man konnte sie wunderbar runterrutschen und sich die Knie aufschürfen. Hat man als Kind eigentlich jemals was anderes gemacht, als sich die Knie aufzuschürfen und den Schorf abzuknibbeln? Ach ja, Äpfel und Pflaumen vom Baum im Spielhäuschen essen und mit Bauchschmerzen zurück nach Hause laufen, um sich mit den Geschwistern zu streiten.

Nostalgische Grüße

Petra

Der Contergan-Skandal in den 1950er und 1960er Jahren: Ein angeblich harmloses, rezeptfrei erhältliches Schlafmittel führt bei Neugeborene zu Fehlbildungen an Armen und Beinen, und die Herstellerfirma braucht viel zu lang, um den Stoff vom Markt zu nehmen.

Der gefährliche Wirkstoff nennt sich Thalidomid, wurde in Deutschland als Contergan, in Großbritannien als Distaval vertrieben, und in den USA als … nanu, in den USA war er nicht zugelassen?

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Oh, da komme ich liebend gerne vorbei, ich liebe Zwetschgen! Gab es früher bei uns daheim öfter, meistens mit Hefeteigboden. Doch ich backe eher selten. Manchmal einen Crumble nur mit Streuseln obendrauf aber ohne Boden, geht schneller. Beim Backen bin ich ungeduldig – ich koche lieber.

Wir haben jetzt übrigens eine Baustelle vorm Haus, die wird uns sicher ein bis zwei Jahre begleiten – und danach wird die Aussicht eine andere sein als vorher. Ein altes Haus wird abgerissen, in dem früher ein lokaler Verlag residiert hat, der Schriftzug steht noch dran. Solche Anzeigenblättchen haben ja schon lange ausgedient. Der großen Verlegervilla nach zu urteilen, die als einziges Gebäude stehenbleiben darf, lief das Geschäft jedenfalls früher nicht schlecht.

Wohnst du eigentlich in einem Altbau? Oder einem Neubau? Ich sollte wirklich mal nach München kommen, nicht nur zum Kuchen essen.

Liebe Susanne,

über deine Schwiegermutter hast du mir schon mal ein wenig erzählt – sie muss ja wirklich ein interessantes Leben gehabt haben.

Meine Schwiegereltern haben ihr ganzes Leben in Ostdeutschland gelebt, und als sie sich vor vielleicht zehn Jahren noch ein Häuschen auf dem Dorf gekauft haben, sprach meine Schwiegermutter davon, wie wichtig ihr „diese Freiheit“ dort draußen sei. Bis dahin hatte ich nur verwundert überlegt, ob sie sich die ganze Arbeit mit Haus und Garten wirklich noch antun sollten, aber diese Worte haben mir die Augen geöffnet.

Wer weiß, vielleicht ziehe ich auch irgendwann noch mal aufs Land. Aber ob das in Bayern, in der ursprünglichen Heimat oder ganz woanders sein wird, kann ich dir noch nicht sagen. Wo auch immer es ist – du bist herzlich eingeladen, die Obstbäume zu plündern und Pflaumenkuchen (oder Zwetschgendatschi) mit Sahne zu essen!

Viele Grüße

Petra

Liebe Petra,

die Biografie von Helen Keller würde mich auch interessieren. Bin schon gespannt, was du davon berichten wirst. Ich habe zuletzt Monika Helfer, «Die Bagage» gelesen. Es wurde mir mehrfach empfohlen, ich glaube auch von dir :), und ich fand es sehr schön. Eine leise erzähle Familiengeschichte, ganz nach meinem Geschmack, wenn auch der Lesegenuss schnell vorbei ist, weil das Buch so dünn ist.

Mit dem «Ausgegrenzt sein», (darum geht es unter anderem in dem Buch), ist es so eine Sache. Kürzlich wurde mir gesagt, ich solle doch nach Deutschland zurückgehen. Wir wohnen nun seit zehn Jahren in der Schweiz, aber das passiert immer noch ab und zu. Wegen seiner Herkunft blöd angemacht zu werden hat etwas eigentümlich Verletzendes. Immerhin hat mich diese Person (eine relativ neu zugezogene Nachbarin – nein, die anderen sind nicht so und Schweizer sind auch nicht «in der Regel» so, nur manche halt), daran erinnert, was es für Menschen bedeutet, wirklich fremd zu sein und es womöglich für immer zu bleiben. Für meine Schwiegermutter Anita (Jahrgang 1925), im Jahr 1945 aus dem Osten Deutschlands in den Westen geflohen, war das bis ins hohe Alter ein Thema.

Ging es dir auch schonmal so? Immerhin kommst du ja ursprünglich nicht aus Bayern. Oder bist du «in der Fremde» (Zitat Anita) inzwischen ganz und gar zuhause?

Viele Grüße aus der Schweiz (wo wir trotzdem sehr gerne wohnen!)

Susanne

Liebe Susanne,

ach, die Ideen im Kopf sind Legion, aber eine Idee ist ja noch längst kein Roman, wie du bestimmt auch weißt. Sobald man etwas aufschreibt, ist es ohnehin nicht mehr so wunderbar, so großartig und tja, so genial, wie es sich im Kopf anfühlt, oder liegt das nur an mir? Neulich habe ich von Helen Keller gelesen, einer US-Amerikanerin (1880–1968), die mit achtzehn oder neunzehn Monaten erblindet und taub geworden ist, und gleich hatte ich den Gedanken: Wie könnte man ihre innere Welt darstellen, und zwar ohne die Wörter und Bilder, die sie ja nicht hat? Wie kann man ihre Geschichte erzählen, bevor und nachdem sie eine Lehrerin kennengelernt hat, die ihr ein Fingeralphabet beibrachte und sie zurück in die Welt führte?

Nun, daraufhin habe ich mir erst einmal ihre Autobiografie gekauft, The Story of My Life, um zu schauen, welche Worte sie selbst gefunden hat. (Einen Film gibt es wohl auch.) Das Buch wartet jetzt auf meinem E-Reader, und ich verabschiede mich für heute. Verrätst du mir, was du im Moment liest?

Viele Grüße von

Petra

Liebe Petra,

ja, ich muss es zugeben, auch ich reite hin und wieder auf der True-Crime-Podcast-Welle. Und das kam so: Als die beste Tochter und der beste Ehemann von allen (!) kürzlich eine längere Autofahrt unternahmen, erzählten sie mir hinterher, den Zeit-Podcast gehört zu haben. Der heißt schlicht „Verbrechen“ und ist mit der stellvertretenden Chefredakteurin der Zeit Sabine Rückert. Ich habe daraufhin auch hinein gehört und war sehr gefesselt.

Das fand ich selbst ein bisschen überraschend, denn niemals, nie, nie, nie, habe ich Aktenzeichen XY von vorn bis hinten angesehen. Die Sendung ist aufs Jahr genau so alt wie ich, (habe eben nachgeschaut), und als ich ein Kind war, durfte ich sie nicht schauen. Später und bis heute wollte und will ich nicht … Sicher, es geht um Verbrechensaufklärung, aber für mich bleibt da ein Geschmäckle, dass man sich doch eher daran ergötzt und mit der Chipstüte in der Hand auf dem Sofa sitzend unterhalten werden will.

Von den True-Crime-Podcasts kenne ich eigentlich nur den einen oben genannten, und der Tonfall ist so wenig reißerisch, die Geschichten werden so wenig effekthaschend erzählt sondern vielmehr journalistisch solide, dass ich mir das gut anhören kann. Die psychologischen Abgründe, in die man da blickt, finde ich tatsächlich unglaublich interessant – und was deine Frage hinsichtlich der Beteiligten betrifft: Manche wünschen sich sogar, dass der Fall nochmals aufgerollt wird und bitten die Redaktion rund um Frau Rückert darum. Für jede Schriftstellerin ist das eine ziemliche Fundgrube.

Und wo wir schon bei Fundgruben sind: Wo holst du dir deine Ideen und Schreibimpulse? Mein Verdacht ist nämlich, dass du zu den Autorinnen gehörst, die immer schon die nächsten fünf Romane im Kopf haben … Beneidenswert! Aber vielleicht täusche ich mich ja auch und es ist nur einer :))

Neugierige Grüße

Susanne