Die Architektin Zaha Hadid erhielt als erste Frau die bedeutendste Ehrung im Bereich Architektur: den Pritzker-Preis. Das war 2004. Ihre Entwürfe sind markant und streben nach Schwerelosigkeit. Sie selbst war eine hartnäckige, selbstbewusste Frau, der es gelang, sich in einer männerdominierten Branche durchzusetzen.

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Eine Biografie über diese beeindruckende Frau, die Forbes zeitweise unter den 100 mächtigsten Frauen der Welt führte, gibt es leider noch nicht. Dafür eine Reihe von Ausstellungskatalogen und Bildbänden mit ihren Werken, einen Gesprächsband mit Hans Ulrich Obrist, dazu verschiedene Kinderbücher und natürlich einen Wikipedia-Artikel und richtig gute Podcasts. Doch einer mehr kann definitiv nicht schaden!

Kindheit

Geboren wird Zaha Muhammad Hadid am 31. Oktober 1950 in Bagdad. Ihre Mutter Wajiha Sabunji (?–1983) und ihr Vater Muhammad Hussein Hadid (1907–1999) stammen aus Mossul; ihre wohlhabenden Familien sind in den Bereichen Handel, industrielle Investitionen und Immobilien aktiv. Ihr Vater studiert an der London School of Economics, ist 1946 Mitbegründer der Demokratischen Partei des Iraks, nach dem Staatsstreich 1958 zweimal Finanzminister in der neuen Republik. 1960 ist er Mitbegründer und Leiter einer progressiven Partei.

Sie pflegen einen westlichen Lebensstil. Zaha geht, obwohl ihre Familie dem sunnitischen Glauben anhängen, in eine von katholischen Nonnen geleitete Klosterschule, später wechselt sie auf ein Schweizer und dann ein englisches Internat, wie auch ihre beiden Brüder.

Mit ihren Eltern hat sie Glück: Ihr Vater beantwortet ihr geduldig all ihre Fragen, von denen sie viele hat. Die Mutter, selbst sehr kreativ, bringt ihr das Zeichnen bei, und als Zaha mit sieben oder acht Jahren zum ersten Mal Kleidung entwirft, lässt ihre Mutter sie tatsächlich nachschneidern. Zahas Freundinnen sind begeistert. Ein Freund der Familie ist jedoch Architekt, und so möchte sie dann mit elf lieber Architektin werden. Sie entwirft ihr eigenes Kinderzimmer neu – und ein Tischler setzt ihre Pläne um.

Studium

Um an der American University of Beirut Mathematik zu studieren, zieht Zaha Hadid von 1968 bis 1971 in den Libanon. Lieber hätte sie wohl gleich Ingenieurwesen studiert, ein Fach, was jedoch noch männlicher konnotiert war.

Doch so langsam beginnt die Zeit, in der Saddam Hussein an die Macht kommt, und die Familie entscheidet sich, nach London zu ziehen. Dort studiert Hadid schließlich von 1972 bis 1977 Architektur an der renommierten Architectural Association School (AA). Zu ihren Lehrern gehören so bekannte Architekten wie Oscar Niemeyer (Brasilien), Rem Kohlhaas (Niederlande), Bernard Tschumi (Schweiz) und Ilias Zengelis (Griechenland). Der Unterricht gilt als frei und modern; die Studierenden entwickeln eigene Projekte, die Professoren dienen ihnen als Mentoren. (Auf eine genderinklusive Formulierung muss hier kaum geachtet werden: Damals waren nur 6 % Frauen in der Architektur tätig, und vermutlich nicht als Professorinnen …)

Zenghelis (links oben), Meyer (rechts), Kohlhaas (links unten)

Erste Schritte ins Berufsleben

Von 1977 bis 1978 arbeitet Zaha Hadid im Office for Metropolitan Architecture (OMA) für Ilias Zengelis und Rem Kohlhaas. Schon 1980 gründet sie jedoch ihr eigenes Büro in London, mit vier Mitarbeitenden, die ihre Chefin als herzlich und witzig erleben. Hadid sagt selbst, ihr sei es nie darum gegangen, Ideen hinzuwerfen und die anderen herausfinden zu lassen, wie sich das bauen lässt. Ein Architekturstudio funktioniert nur mit Teamwork und Diskussionen, auch wenn sie als Chefin natürlich ein Veto hat.

Zaha Hadid Architects fangen früh mit Computeranimationen an. Allerdings bedauert Hadid in Interviews auch, dass das händische Zeichnen und die Kunstfertigkeit oder das Handwerk des Zeichnens so natürlich verloren gehe. Doch es heute wiederzubeleben, sei auch nicht sinnvoll und nichts als Nostalgie.

Aktuelle Website von Zaha Hadid Architects

1980 erhält Hadid die britische Staatsbürgerschaft.

1983 kommt als Praktikant der Deutsche Patrik Schumacher ins Unternehmen, 1988 wird er fester Mitarbeiter, 2002 auch Teilhaber/Partner. Auch wenn die Zusammenarbeit anfangs schwierig ist (Hadid feuert ihn mehrfach), entwickelt sie sich nach und nach zu einer sehr engen beruflichen Beziehung.

Passend zu Hadids Interesse an Theorie, lehrt sie bereits ab 1980 an ihrer Alma mater, der AA. 1987 bis 1994 ist sie Gastdozentin in Chicago, Hamburg und New York. 1994 übernimmt sie den Kenzo-Lange-Lehrstuhl in Harvard, 2000 den Städtebaulehrstuhl der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Was die Praxis angeht, so hat ihr Büro Startschwierigkeiten, man nennt Hadid bereits „Papierarchitektin“. Doch was sie auf Papier bringt, hat es in sich.

Zwischen Suprematismus und Star Wars

In der architektonischen Postmoderne ist, ähnlich wie in der Literatur, keine „große Erzählung“ mehr möglich. Harmonien und Proportionen werden dekonstruiert und neu zusammengesetzt. Das Jüdische Museum von Daniel Libeskind in Berlin ist ein Beispiel dafür, das Guggenheim Museum von Frank O. Gehry in Bilbao ein anderes: Ein Gebäude zeichnet sich nicht mehr durch klassische Fassaden und Rechtwinkligkeit aus, bleibt aber dennoch funktionsfähig.

Dieser Dekonstruktivismus besteht aus mehreren Strömungen, Hadid ist vom Suprematismus und dessen „Gründer“ Kasimir Malewitsch beeinflusst. Schon ihr Dozent und späterer Kollege Ilias Zengelis macht sie während des Studiums auf Malewitsch aufmerksam, und für eine Projektarbeit projiziert sie eine seiner Skulpturen auf die Londoner Hungerford Bridge.

Der Suprematismus ist mit dem Futurismus und Konstruktivismus verwandt und stammt, wie viele andere Kunstrichtungen der Zeit, aus Russland. Geltung hatte er von 1913 bis zu Beginn der 1930er Jahre.

Malewitsch verstand unter Suprematie die „Vorrangstellung der reinen Empfindung vor der gegenständlichen Natur“ – das unterscheidet sich von abstrakter Kunst „insofern, als die Formen dieser Kunstwerke keine Abstraktionen von sichtbaren Gegenständen sind, sondern völlig von Gegenstandsbezügen befreit. Diese Kunstrichtung stellt die Reduktion auf einfachste geometrische Formen in den Dienst der Veranschaulichung ‚höchster‘ menschlicher Erkenntnisprinzipien“ (Quelle).

Das Schwarze Quadrat. Weiß auf Weiß. Für diese einfachsten geometrischen Formen ist Malewitsch auch heute noch bekannt. Hadid erzählt von einer „fast religiösen“ Erfahrung, als sie 1992 in New York eine Ausstellung kuratierte und das Schwarze Quadrat aufhängen durfte.

Das Futuristische, Schwebende, Schwerelose dieser Strömung findet sich in Hadids eigenen Konzepten und Ausstellungsobjekten wieder: Star Wars ist wohl unsere heutige Assoziation, aber natürlich dachte ja auch Russland zur Zeit des Suprematismus an Raumfahrt und die Eroberung des Kosmos.

Von der Papierarchitektin zur einflussreichen Künstlerin

Ob ein Bürohaus am Kurfürstendamm in Berlin oder der Neue Zollhof in Düsseldorf: Hadid nimmt an Wettbewerben teil, gewinnt – und dennoch werden ihre Entwürfe nicht umgesetzt. Besonders schwer trifft sie das 1983 beim mit 100.000 US-Dollar Preisgeld dotierten Projekt „The Peak Leisure Club“ in Hongkong, das sie gegen 600 Konkurrent:innen gewinnt.

Hier eine Zeichnung und ein Rendering ihres Entwurfs:

Doch aufgrund politischer Entwicklungen wurde das Projekt nie gebaut. Ein großer Rückschlag für Zaha Hadid Architects.

Doch im Jahr 1993 wurde endlich ihr erstes wichtiges Projekt gebaut: Ein Feuerwehrhaus für die Firma Vitra, eine Schweizer Firma für Wohn- und Büromöbel in Weil am Rhein. Eigentlich sollte Hadid einen Stuhl entwerfen, doch der Auftraggeber war so begeistert, dass er ein ganzes Gebäude beauftragte. Es wurde eine Weile tatsächlich als Feuerwache genutzt, heute ist es für Veranstaltungen und Ausstellungen vorgesehen.

Sonia Ricon Baldessarini beschreibt es wie folgt:

Das Gebäude bohrt sich wie ein Keil mit seinen dreieckigen Spitzen horizontal in das Gelände und vertikal in die Luft hinein. … Jede Fassadenseite hat ein unterschiedlichen Erscheinungsbild … [es] ergibt sich ein dramatischer Effekt, der sich im Innenraum wiederholt. Schräge Trennwände intensivieren diesen Eindruck. … In den Decken sind Beleuchtungsschächte eingebaut, die längs durch den Raum ziehen und ein Gefühl von Tageslicht erzeugen. … Das Gebäude … wirkt durch seine Schlichtheit schwerelos und beruhigend.

Sonia Ricon Baldessarini: Wie Frauen bauen. Architektinnen von Julia Morgan bis Zaha Hadid, Aviva 2001.

Ablehnungen und Zusagen

Erneut enttäuscht wird sie Mitte der 1990er Jahre, als ihr Entwurf für ein neues Opernhaus im walisischen Cardiff dreimal die Ausschreibung gewinnt, aber dreimal von der Baukommission der Stadt abgelehnt wird. Mal vermutet man, die Statik könne nicht stimmen, mal hat man Angst vor einer Fatwa, weil der Entwurf Ähnlichkeiten mit der Kaaba in Mekka habe … Hadid ist sich sicher, dass es vor allem daran liegt, dass sie in London lebt und arbeitet (auf England ist man in Wales ja nicht immer gut zu sprechen), aber vor allem, dass sie eine Frau und Irakerin ist. Später sagt Hadid, diese Behandlung habe sie beruflich um sieben oder acht Jahre zurückgeworfen.

Aber andere Projekte werden umgesetzt:

  • 1999 der Info-Pavillon des Landes Baden-Württembergs für die Landesgartenschau in Weil am Rhein, genannt LF one oder Landscape Formation one, ein 140 Meter langes Gebäude aus drei Segmenten mit einem begehbaren Dach
  • 2003 das Contemporary Arts Center, ein Museum für zeitgenössische Kunst in Cincinnati, Ohio – das erste Museum in den USA, das von einer Frau gebaut wurde und die Frage beantwortet, wie man die typische, verlassene Innenstadt US-amerikanischer Städte „zurückholen “ und erneut zu einem kulturellen Zentrum machen kann
  • 2003 das BMW-Zentralgebäude in Leipzig, das die Grenzen zwischen öffentlichem Raum und öffentlichem Gebäude relativieren und zwischenmenschliche Interaktionen fördern soll – hier werden die gerade gefertigten Autos auf dem Band durch das Gebäude gefahren

Preise und Auszeichnungen

Im Jahr 2004 gewinnt sie dann den weltweit renommierten Pritzker-Architekturpreis, der auch „Nobelpreis für Architektur“ genannt, jährlich vergeben wird und mit 100.000 US-Dollar dotiert ist. Hadid ist 2004 die erste Frau. In den Jahren 2010, 2017, 2020 und 2021 gewinnen weitere Büros, die teilweise oder ganz von Frauen geleitet werden. Das Alter der Architekt:innen im Jahr der Preisverleihung liegt im Durchschnitt bei 65 Jahren (Hadid ist 54).

Nun wird sie auch endlich in der Fachpresse endlich ausreichend gewürdigt und steht bald in einer Reihe zum Beispiel mit Frank O. Gehry, Norman Foster und Daniel Libeskind. Sie wird zum Star, wie Architekt:innen in dieser Zeit überhaupt Stars sein konnten. Auf der Biennale in Venedig wirft sich ein junger Mann vor sie auf die Knie, reißt sein Hemd auf und fragt nach einem Autogramm auf seiner Brust. Andererseits muss sie sich als berühmte, ehrgeizige Frau natürlich auch manchmal solche Begriffe wie „Diva“ und „böse Hexe“ anhören.

Zaha Hadid Architects wächst und ist bald doppelt so groß. Weitere Projekte folgen:

  • 2005 das Wolfsburger Science Center / phaeno Wolfsburg als interaktives Museum für Wissenschaft und Technik, das die Tradition der expressionistischen Wolfsburger Kulturbauten weiterführt: es gibt geschwungene Rampen und Trichter, ein „schwebendes“ Obergeschoss, das die Abgrenzung zwischen Innen- und Außenraum aufhebt – als neuen nachhaltigen Baustoff nutzt Hadid hier selbstverdichtenden Beton
  • 2005 die Stationen für die Hungerburgbahn in Innsbruck
  • 2009 das mit dem Sterling Prize ausgezeichnete MAXXI (Museo nazionale delle arti del XXI secolo) in Rom, das die traditionelle Wand infrage stellt und eine „emanzipierte“ Wand dagegenstellt, als wandelbares Element. das mal zum Fußboden wird oder selbst aufgehängt wird, passend zur zeitgenössischen Kunst, die auch nicht mehr nur das macht, was man von Kunst gewöhnt ist – Hadid vergleicht das Gebäude mit einem Tanzstück von Martha Graham
  • 2011 das London Aquatics Center, das öffentliche Schwimmbad für die 2012 Olympics

Form oder Funktion

Sieht man sich die Entwürfe und Gebäude von Zaha Hadid an, kann es nicht überraschen, dass sie hin und wieder kritisiert wird, sie mache sich zu wenig Gedanken um Funktion und Raumoptimierung. Ihre Entgegnung: Früher sei es die Pflicht der Architekt:innen gewesen, die Idee dem Massengeschmack anzupassen und somit oft das geistige Niveau ihrer Entwürfe herunterzuschrauben. Architektur sei eine Dienstleistung gewesen. Doch das sei ihr nicht genug. Sie sei eben auch Künstlerin.

Auf die Frage, ob sie sich dem Kontext des Ortes anpassen würde, an dem ihre Gebäude entstehen, erklärt sie in einem Interview, dass sie den Kontext (also zum Beispiel die umstehenden Häuser oder die Struktur des Stadtviertels) berücksichtigt, ihn aber nicht unbedingt nachahmt.

Im Jahr 2010 sagt sie:

Es ist eine interessante Zeit, weil noch vor dreißig Jahren ein starkes Misstrauen gegenüber Architektur und Architekten herrschte. Das hat sich nicht unbedingt sehr geändert, aber ich finde, heute herrscht größerer Optimismus. Es gibt diesen unglaublichen Wohlstand und Aufschwung. Länder wie die Niederlande haben immer schon Projekte gebaut; jetzt sind es Asien und der Mittlere Osten. Aber niemand hat alle Themen in einem Projekt für ein Land zusammengefasst. Niemand hat einen Masterplan für eine Stadt entwickelt, der alle Ideen vereinigt, wie die ideale amerikanische Stadt oder Berlin oder was auch immer aussehen soll. Es gibt keinen idealen Ort. Sie haben noch keinen Nutzen aus der Chance gezogen, zum Beispiel Beirut neu aufzubauen. Ich denke, darum überwiegen in einem bestimmte Kontext auch immer noch die Ideen von Überlagerung und Nebeneinander, weil wir nicht davon sprechen, die ganze Gegend abzureißen. Man muss sich mit Konzepten der Schichtung auseinandersetzen, um in Beziehung zu bestehenden Gebäuden zu treten. Und ich finde, es sollten mehr Untersuchungen zur angemessenen Bebauung durchgeführt werden. Wie leben wir? Wie ist unser Arbeitsumfeld?

Galerie Gmurzynska (Hrsg.): Zaha Hadid und Suprematismus. Hatje Cantz 2012.

Innenarchitektur und Design

Hadid ist multidisziplinär auch im Bereich Design tätig und entwirft Möbel, Gebrauchsgegenstände und Innenräume. An solchen Projekten gefällt ihr, wie schnell man, im Gegensatz zur Architektur, Ergebnisse sieht. aber es fehlt ihr schlicht die Zeit.

Ihre grafischen Darstellungen und Planzeichnungen werden zum Beispiel im Guggenheim Museum in New York, im Museum of Modern Art in New York und in der GA Gallery in Tokio ausgestellt. Eine Dauerausstellung gibt es heute im Deutschen Architektur Museum in Frankfurt am Main zu sehen.

Sie trägt gern ausgefallene Kleider, Pelze und Schmuck – Mode, die selbst an Architektur erinnert. Zusammen mit ihrer beeindruckenden Präsenz und ihrer tiefen Stimme zieht sie stets die Aufmerksamkeit auf sich.

Weitere Erfolge

Im Jahr 2009 gewinnt sie den renommierten internationalen Kunstpreis Praemium Imperiale der Japan Art Association in Höhe von 95.000 Euro.

Im Jahr 2011 gibt es zeitweilig eine Filiale ihres Büros in Hamburg. Ihr Londoner Büro hat 2012 ca. 250 Mitarbeiter:innen, 2015 schon 400, die an über 950 Projekten in 44 Ländern arbeiten.

Sie gewinnt einen zweiten Sterling Prize.

Im Jahr 2012 wird sie zur Dame Commander of the Order of the British Empire ernannt, eine Auszeichnung, die ihr als Frau mit arabischem Hintergrund sehr wichtig ist. Ihr Berufsleben sei ein langer Kampf gewesen, weil sie nie Zugang zu diesen Männerwelten in der Architekturbranche gehabt habe, in denen man gemeinsam Golf spielen oder etwas trinken gehe. Es habe gedauert, bis sie erkannt habe, dass sie das auch gar nicht wollte. Und gerade dieser Kampf habe sie nur stärker und präziser gemacht.

Probleme mit Projekten außerhalb Europas

Hadid baut auch in Baku, in Shanghai oder Guangzhou. Im Zusammenhang mit dem Al Janoub Stadium in Katar wird kritisiert, dass Migrantenarbeiter gestorben seien und Anwohner:innen vertrieben worden seien, um Platz für das Gebäude zu schaffen. Hadid gibt zu, dass es in „diesen Ländern“ immer wieder zu solchen Problemen käme, sie aber so gut wie möglich aufpasse, dass es bei ihren Projekten nicht passiere und die Bedingungen für die Arbeiter stimmten.

Tod und Erbe

Im Jahr 2016 wird ihr letztes Projekt fertiggestellt, das Port House oder Havenhuis in Antwerpen, das als Regierungsgebäude dient und interessanterweise eine ehemalige Feuerwache ist – so war ihr erstes wichtiges Projekt eine Feuerwache, und ihr letztes fertiggestelltes ebenfalls.

Als sie für ein Projekt in Miami ist, muss sie sich wegen einer Bronchitis ins Krankenhaus begeben und stirbt dort im März im Alter von 65 Jahren an einem Herzinfarkt.

Ihren großen Traum, ein neues Parlamentsgebäude in Irak bauen zu können, kann sie sich leider nicht mehr erfüllen.

Sie liegt zwischen ihrem Vater Muhammad und ihrem Bruder Foulath auf dem Brookwood Cemetery bei London begraben. Ihr Grab ist von einer rechtwinkligen Steinplatte bedeckt. Sie hinterließ einen Bruder und ihre Nichte Rana Hadid, die ebenfalls Architektin ist.

Um ihren Nachlass in Höhe von 215 Millionen US-Dollar gab es einen vier Jahre währenden Gerichtsstreit, doch 2020 wurde der Großteil des Geldes an die Zaha Hadid Foundation übergeben, die arabische bzw. arabischstämmige Architekturstudentinnen unterstützt.

Ihr Büro, Zaha Hadid Architects, gibt es immer noch. Es legt seinen Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit in der Baubranche, zum Beispiel was die eingesetzten Materialien und die Energieversorgung der Gebäude angeht.

Ihre Nichte Rana Hadid sagt:

Zaha hat uns beigebracht, dass es besser ist, Brücken zwischen Menschen zu bauen statt Mauern.

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Quellen:
Sonia Ricon Baldessarini: Wie Frauen bauen. Architektinnen von Julia Morgan bis Zaha Hadid, Aviva 2001.
Galerie Gmurzynska (Hrsg.): Zaha Hadid und Suprematismus. Hatje Cantz 2012.
Podcast „Dead Ladies Show“, Folge 48: „Zaha Hadid“
Podcast „Who, When, Wow!“, Folge „Zaha Hadid: Architect“
Podcast „Moonshots“, Folge 50: „Zaha Hadid, Architect“
Podcast „She Builds“, Folge 18: „Zaha Hadid“
Wikipedia: Zaha Hadid
OxfordUnion: Dame Zaha Hadid Full Q&A Oxford Union

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Frauenleben-Hosts: Susanne Popp und Petra Hucke 

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All unsere inspirierende Frauen und ihre Zeit – wer hat eigentlich dafür gesorgt, dass Ada Lovelace sich stundenlang mit Babbages Erfindung beschäftigen konnte? Wer hat Friederike Ronnefeldt ihren Morgentee aufgebrüht? Das waren vermutlich ihre Dienstmädchen. Junge Frauen, die oft aus ärmeren Verhältnissen kamen und in den Haushalt der bürgerlichen Frauen eingegliedert wurden.

Die österreichische Autorin Maria Wachter hat sich im Rahmen ihres Romans Café Buchwald mit diesen Mädchen und Frauen beschäftigt, insbesondere solchen, die um das Jahr 1900 in Großstädten wie Wien und Berlin tätig waren. In dieser Folge erzählt sie uns von ihrer Recherche und den anstrengenden Aufgaben und langen Arbeitszeiten des damaligen Dienstpersonals.

Fotograf: Patrick Schörg

Wir machen außerdem kurze Abstecher nach Korea und Schlesien und sprechen über die großartige Erfindung der modernen Waschmaschine.

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Maria Wachter ist in Wien aufgewachsen. Nach vielen Jahren in Südkorea, den USA und Deutschland, wo sie in den Bereichen Werbung und Pressebetreuung arbeitete, kehrte sie in ihre Heimatstadt zurück, wo sie jetzt mit ihrer Familie lebt und historische Romane schreibt.

Website: https://www.maria-wachter.at
Instagram: mariawachter.stories

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Die Autorin Heidi Rehn lebt in München, und die bayrische Metropole ist auch der Schauplatz ihres im August 2023 erschienen Romans „Wir träumten vom Sommer“. Mit ihr reden wir über Hesitationspartikel, das Leben von Frauen im 19. und im 20. Jahrhundert, die Olympischen Spiele von 1972 – und natürlich über ihre Romane.

Heidi Rehn

Es ist kein Zufall, dass unsere heutige Gästin sich mit historischen Themen befasst. Heidi Rehn entdeckte schon früh ihre Faszination für Geschichte und Geschichten, hat Germanistik und Geschichte studiert und machte 1997 das Schreiben zum Beruf. In ihren Gesellschaftsromanen macht sie die großen Umbrüche quer durch die Jahrhunderte zum Thema, lässt anhand historischer Kriminalerzählungen die Vergangenheit wieder auferstehen oder schildert das Leben bekannter Künstlerinnen und Persönlichkeiten.

Mehr über Heidi Rehn erfahrt ihr auf ihrer Website.

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Äh, ach ja – und falls euch das Thema interessiert: Hier geht’s zum Podcast über Hesitationspartikel.

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„Es drehte sich alles um Kunst und Liebe“, so Peggy Guggenheim (1898–1979) über ihr Leben. Von der schillernden Kunstsammlerin erzählt uns die Autorin Sophie Villard.

Sophie Villard mit ihrem Roman "Peggy Guggenheim"

Sie liebte die Kunst, und sie liebte die Künstler: Peggy Guggenheim rettete im Zweiten Weltkrieg hunderte Werke von Kandinsky, Miró, Dalí, Picasso, Klee, Chagall, Brancusi, Arp … Aber sie rettete auch zahlreiche Menschenleben. Wie sie das gemacht hat und warum sie bis heute unterschätzt wird, erzählt uns die Autorin Sophie Villard. Sie nimmt uns mit in das aufregende Jetset-Leben der Mäzenin zwischen Paris, London, New York bis in ihr Refugium, den Palazzo Venier dei Leoni am Canale Grande in Venedig, wo heute ihre Sammlung zu sehen ist.

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Die Autorin Sophie Villard schreibt historische Romane beim Penguin Verlag. Ihre Romanbiografie über Peggy Guggenheim stand auf der Spiegel-Bestsellerliste und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Neben Peggy Guggenheim und der Traum vom Glück sind bisher erschienen: Madame Exupéry und die Sterne des Himmels über Consuelo de Saint-Exupéry, die „Rose“ des Kleinen Prinzen und Ehefrau des Autors Antoine de Saint-Exupéry. Und Mademoiselle Eiffel und der Turm der Liebe über Claire Eiffel, Tochter von Gustave Eiffel und dessen Privatsekretärin beim stark umstrittenen Bau des berühmten Turms. Derzeit arbeitet Sophie Villard an einem Zweiteiler über eine berühmte Pariser Familie, dessen erster Band im Herbst 2024 erscheint.

Sophie Villard im Caféhaus
Foto: www.andreaartz.com

Die Peggy Guggenheim Collection in Venedig ist unbedingt einen Besuch wert!

Und Sophies Website auch 😉

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Hättet ihr’s gewusst? Privatdetekteien setzten in den 60er Jahren mit Vorliebe Frauen für verdeckte Ermittlungen ein, um Ehebrechern und Ehebrecherinnen auf die Spur zu kommen. Das brachte das konservative Ehe- und Scheidungsrecht so mit sich.

Darüber und über viele andere spannende Themen sprechen wir in dieser Folge des Frauenleben-Podcast. Eine Episode unserer Minireihe „Autorinnen-Special“. Unsere heutige Gästin Charlotte Printz aka Beatrix Mannel hat schon über dreißig Bücher veröffentlicht und versteht ihr Handwerk, weshalb sie ihr Wissen auch in der Münchner Schreibakademie an andere weitergibt. In ihrem neuesten Roman, „Die rätselhafte Klientin“ aus der Reihe „Die Detektivinnen von Nachtigall & Co.“ geht es um ein ungewöhnliches Schwesternpaar, das eine Detektei in Berlin betreibt. Eine spannende Geschichte aus der Zeit des Berliner Mauerbaus.

Fotograf: Erol Gurian

Website von Charlotte Printz / Beatrix Mannel: https://www.beatrix-mannel.de/
Instagram: https://www.instagram.com/gurianbeatrixmannel/?hl=de
Münchner Schreibakademie: https://www.xn--mnchner-schreibakademie-cpc.de/

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Beitragsbild von Erol Gurian.

Astrid Töpfner ist die erste von fünf Autorinnen, die wir euch in einer Reihe von Spezialfolgen vorstellen möchten. Sie schreibt historische und zeitgeschichtliche Romane, und wir fragen sie über ihre Spanien-Trilogie Wir sind für die Ewigkeit aus.

Astrid Töpfner ist in der Schweiz aufgewachsen, lebt aber seit vielen Jahren an der Costa Brava und hörte eines Tages davon, dass im Jahr 1939 viele Katalan:innen vor den Kämpfen des Spanischen Bürgerkriegs aus Barcelona fliehen mussten – und knapp hinter der französischen Grenze in Internierungslagern landeten. Das nahm sie als Ausgangspunkt für ihre Trilogie um drei Frauen aus einer Familie, die so einige Schicksalsschläge zu bewältigen haben.

Wir erfahren in dieser Podcastfolge interessante Hintergründe zur Geschichte Kataloniens, zum Spanischen Bürgerkrieg und zur Franco-Diktatur. Außerdem erzählt sie uns, wie sie ihre Ideen findet und Geschichten über solch emotional schwierige Themen schreibt. Und sie verrät uns bereits etwas über ihren neuen Roman, der im Oktober 2023 erscheint!

Astrids Website: https://astrid-topfner.com/
Astrids Newsletter: https://astrid-topfner.com/newsletter/
Astrids Instagram: https://www.instagram.com/astrid_topfner
Astrids Facebook: https://www.facebook.com/Astrid.Topfner/

Und hier findet ihr Astrids Bücher: https://www.amazon.de/stores/author/B07CTK6HQJ/allbooks

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Die Wienerin Margarete Schütte-Lihotzky war als Architektin an der Entwicklung des „Neuen Bauens“ beteiligt und erfand als Funktionalistin die „Frankfurter Küche“, die als standardisierte Einbauküche die Arbeit der Hausfrau erleichtern sollte. Im Zweiten Weltkrieg engagierte sie sich im Widerstand gegen die Nazis, verbrachte dafür über vier Jahre im Gefängnis und wurde danach als politische Aktivistin bekannt.

Margarete Schütte-Lihotzky
Margarete Schütte-Lihotzky
Die Frankfurter Küche
Die Frankfurter Küche

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Quellen:
Chup Friemert: Margarete Schütte-Lihotzky. Erinnerungen aus dem Widerstand 1938–1945, Konkret Literatur Verlag 1985.
Anke Gröner: Referatsnotizen zur Frankfurter Küche (1926). Abgerufen am 2.6.2023.
Mona Horncastle: Margarete Schütte-Lihotzky. Architektin, Widerstandskämpferin, Aktivistin. Die Biografie. Molden Verlag 2019.
Karin Zogmayer: Margarete Schütte-Lihotzky. Warum ich Architektin wurde. Residenz Verlag 2004.

Außerdem:
Evke Rulffes: Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung. HarperCollins 2021.

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Die französische Autorennfahrerin Hellé Nice begann ihre Karriere als Nacktmodell und Tänzerin in Paris, bevor sie sich dem Autorennsport zuwandte. In den 20er und 30er Jahren war sie eine der bekanntesten Rennfahrerinnen weltweit und trat mit Autos von Bugatti und Alfa Romeo in vielen großen Rennen an, darunter dem Grand Prix de France oder der Rally Monte Carlo. Sie stellte Geschwindigkeits- und Langstreckenrekorde auf.

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Hellé Nice

Eine Podcast-Episode von unserem Gast Christian Popp

Geboren wurde Hellé Nice am 15. Dezember 1900 als Mariette Hélène Delangle in dem Städtchen Aunay-sous-Auneau in Frankreich. Mit 16 Jahren verließ sie ihr Elternhaus, um nach Paris zu gehen. In den Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg führte sie ein Jet-Set-Leben zwischen Paris und der Côte d’Azur und fuhr auch Rennen in Brasilien, wo sie ebenfalls ein großer Star und für viele Mädchen ein Vorbild wurde. Zahlreiche Männer umschwärmten über viele Jahre hinweg die sehr attraktive, sportliche junge Frau, doch ihre Geliebten starben in ihren Rennautos. Sie selbst verunglückte 1936 schwer in Sao Paulo. Danach gelang es ihr nicht mehr, an ihre vorherigen Erfolge anzuknüpfen.  

Hellé Nice

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Nice beschuldigt, eine Spionin der Nazis zu sein, aber diese Anschuldigungen wurden nie bewiesen. Ihr Versuch die Karriere fortzusetzen misslang. 

Nice verbrachte ihre letzten Jahre zurückgezogen und in Armut und starb 1984. Sie geriet in Vergessenheit, erst nach ihrem Tod wurde sie wiederentdeckt und für ihren Beitrag zum Motorsport geehrt.

Zu dieser Podcast-Episode passt unsere erwähnte Folge über die mutige Marie Marvingt.

In dieser Episode reden wir über unseren Morgan Roadster, ein britisches Sportwagen Coupé nach Bauart der 1930er Jahre. Christian sitzt am Steuer.

Morgan Roadster

Foto: Laurent Bougnion

Quellen und weiterführende Links:

Miranda Seymour, The Bugatti Queen, Simon & Schuster, 2004

Upscaled to HD 60-FPS: 1936 Rio de Janeiro Grand Prix Featuring Hellé Nice… – YouTube

Helle Nice Crashes Into Spectators @ Sao Paulo 1936 – YouTube

Helle Nice: The incredible life story of the first Women’s Grand Prix winner – BBC Sport

Artwork und Musik: Uwe Sittig 

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Die Mitgründerin der amerikanischen Spielzeugfirma Mattel erfand auch deren größten Verkaufsschlager: Von der Barbie verkauften sich seit ihrer „Geburt“ im Jahr 1959 weltweit eine Milliarde Stück. Ruth Handler war eine erfolgreiche Geschäftsfrau in einer Männerwelt, feministische Ansichten blieben ihr fremd. Im Podcast erfahrt ihr mehr über ihre Lebensgeschichte und über die Hintergründe der Barbie und der Firma Mattel. 

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Ruth Handler kommt als zehntes Kind der polnisch-jüdischen Einwandererfamilie Moskowitz auf die Welt. Die Eltern waren vor den immer wiederkehrenden Progromen aus ihrer Heimat geflohen, aber auch in Denver, wo sich die Familie Mosko, wie sie sich nun nannte, ansiedelt, ist das Leben hart, und es ist normal unter den jüdischen Einwanderern, dass die Frauen am Erwerbsleben teilnehmen. 

Ruth Handler wächst bei ihrer Schwester auf

Baby Ruth wird von der Mutter bei ihrer ältesten Tochter Sarah in Pflege gegeben, die bereits verheiratet ist und gemeinsam mit ihrem Mann einen Drugstore betreibt. Ihre Schwester Sarah wird Ruths „role model“ wie sie selbst später in ihrer Biographie ausdrücklich betont. Schon früh arbeitet sie im Drugstore mit und entdeckt, dass sie ein Talent für den Verkauf, für Organisation und Geschäftsführung besitzt. Genau wie ihr eigener Vater verbringt ihr Ziehvater viel Zeit am Pokertisch – die Frauen müssen die Verluste und Fehlzeiten der Männer ausgleichen. 

Ruth Handler im Interview (Quelle: youtube)

Ruth und Elliot

In der Highschool lernt sie ihren Mitschüler Izzy Elliot Handler kennen. Die beiden werden ein Paar und bleiben trotz Sarahs Interventionen, die den Sprössling einer eher armen Familie als Kandidaten ungeeignet für die ehrgeizige Ruth findet, zusammen. Sie ziehen nach Los Angeles. Ruth hat eine Stellung bei der Filmgesellschaft Paramount, wo die Autodidaktin, deren Ausbildung sich auf Highschool, Steno und Schreibmaschine beschränkt, nach ihren eigenen Aussagen sehr viel Nützliches für ihr späteres Geschäftsleben lernt.

Firmengründung von Ruth Handler und Elliot Handler

Elliot studiert Design, kann sich jedoch aus finanziellen Gründen nicht die herausragende Ausbildung leisten, die er sich wünscht. Schon früh machen sich Ruth und Elliot selbstständig. Eliot entwickelt verschiedene Produkte vom Bilderrahmen bis zu Puppenhausmöbeln, und Ruth übernimmt es, die Sachen an Händler und später direkt an große Spielwarenläden zu verkaufen. Zusammen mit einem Freund, Harold Mattson, genannt Matt, gründen sie nach mehreren Anläufen schließlich „Mattel“. Der Name setzt sich aus „Elliot“ und „Matt“ zusammen und Ruth, die vom Start weg einen erheblichen Anteil am Erfolg der Firma hat, kommt gar nicht auf die Idee, dass auch ihr Name Teil dieser Neuschöpfung sein könnte. 

Schröder am Klavier

Spielzeug-Instrumente

Ein teilweise steiniger, doch ab einem bestimmten Zeitpunkt aber auch sehr steil nach oben zeigender Weg beginnt. Die Handlers spielen beide ihre Stärken aus. Ruths Wagemut und Verkaufstalent paart sich auf geniale Art und Weise mit Elliots Designtalent und Gespür für Dinge, die sich gut verkaufen lassen. Erstes Erfolgsprodukt ist eine Spielzeug-Ukulele, die dem Instrument eines sehr erfolgreichen Entertainers nachempfunden ist, dessen TV-Sendung damals ein großer Hit im amerikanischen Fernsehen ist. Ein spielbarer Spielzeugflügel schließt an den Erfolg an, weitere Musikinstrumente und in Spielzeuge eingebaute Spieldosen und Drehorgeln folgen. Das Prinzip ist es stets, eine bereits entwickelte Idee in verschiedenen Produkten zu verwenden. 

Burp Gun
Quelle: Ebay

Burp Gun

Das erste Produkt, das Mattel auf Ruths Initiative hin im Fernsehen bewirbt, ist ein Spielzeug-Gewehr, die „Burp-Gun“. Der Spot läuft im „Mickey Mouse Club“ – eine TV-Sendung speziell für Kinder entwickelt. Spielzeugwerbung im TV war damals etwas vollkommen Neues, doch Ruth Handler war davon überzeugt und setzt sich innerhalb der Firma – wie so oft in ihrem Leben – gegen sämtliche Skeptiker durch.  

Sechs Wochen nach erstmaliger Ausstrahlung des Spots treffen mehr Bestellungen bei Mattel ein, als die Firma bewältigen kann. Obwohl der Verkauf von Spielzeugwaffen auch damals schon Kritiker auf den Plan rief, waren diese doch in der Minderzahl. Die Spots sorgen heute allerdings eher für ungläubiges Staunen. Weiter Spielzeugwaffen folgen, die wegen ihrer Detailtreue sogar die Namen der Hersteller tragen dürfen, beispielsweise „Winchester“. Auch solche Deals sind auf Ruths Verhandlungsgeschick zurückzuführen. 

Idee für die Barbie

Ab Mitte der fünfziger Jahre denkt Ruth erstmals über eine Puppe für Mädchen nach, die eben keine Baby-Puppe darstellt, sondern vielmehr erwachsene Formen hat. Sie hat nämlich ihre Tochter Barbara beim Spielen mit Papierpuppen beobachtet. Das Hantieren mit schönen Kleidern und das Anziehen der Puppen ist deren größtes Vergnügen. Ruths Idee ist es, die Mädchenphantasien umzulenken. Baby-Puppen eignen sich schließlich nur dafür, das Dasein als Mutter zu entdecken und üben. Die neue Art von erwachsener Puppe stellt hingegen einen Spiegel des zukünftigen erwachsenen Ichs dar. „Ich will so sein wie du“, heißt es später in der Werbung und wird zum Credo der Vermarktung. 

Ruths Idee ruft bei Mattel allerdings eher mehr Skeptiker auf den Plan als die Spielzeug-Waffen. Eltern würden für ihre Kinder keine Puppen mit weiblichen Formen und einer ausgestellten Sexualität kaufen, heißt es. Aber auch die technische Entwicklung stellt die Firma vor Probleme. Das Projekt gerät ins Stocken.

Bild Lilliv – Vorlage für die Erfindung von Ruth Handler
Vorlage für die Barbie: Bild Lilli

Bild-Lilli als Vorlage

Bei einer Europareise entdeckt Ruth in einem Schaufenster in der Schweiz eine Puppe, die genau ihren Vorstellungen entspricht. Es ist die Bild-Lilli, ein Produkt der Spielzeug-Firma Hausser in Neustadt bei Coburg für die Zeitung BILD. Die erste Barbie wird 1959 in den USA auf der Toy-Fair vorgestellt. Sie sieht der Bild-Lilli zum Verwechseln ähnlich. Die Rechte werden trotzdem erst 1965 ordnungsgemäß erworben, und Hausser stellt die Produktion der Bild-Lilli daraufhin ein. Bereits für die allererste Modekollektion der Barbie engagiert Mattel eigens eine Modedesignerin.

Der allererst Barbie-Werbespot: hier.

Benannt wurde die Barbie übrigens nach der Tochter der Handlers, Barbara. Barbies Freund Ken, der 1961 auf den Markt kam, erhielt den Namen des Sohnes. Beide waren über diese Namensgebung ziemlich unglücklich. 

In den 70er Jahren bekommt Ruth Handler Brustkrebs. Da sie äußerst unzufrieden mit den Brustprothesen ist, die ihr nach ihrer Mastektomie angeboten werden, gründet sie die Firma „Nearly Me“ und produziert fortan Brustprothesen. Zu ihrer gesundheitlichen Krise kommt auch noch eine geschäftliche, die Firma Mattel wird nämlich in einen Skandal um gefälschte Buchhaltungsunterlagen verwickelt. Es ging dabei darum, die Kaufkraft der Firma für den Erwerb von Ringling Bros. and Barnum & Bailey Circus besser aussehen zu lassen. Der Kauf kommt zustande, im nachfolgenden Prozess wird Ruth Handler, die bis zum Schluss ihre Unschuld beteuert, 1978 schuldig gesprochen. Sie muss zur Strafe Sozialarbeit leisten. 

Ihren Posten bei Mattel ist sie los, allerdings verzeiht man ihr den Fehltritt und sie wird 1994 vom damaligen CEO von Mattel zur Markenbotschafterin ernannt. Sie stirbt 2002 im Alter von 85 Jahren. 

Für diese Podcast-Episode verwendete Literatur:

Robin Gerber, Barbie and Ruth, Harper Collins, 2009

Hintergründe und Links

Bild-Lilli bei Axel Springer

Globometer zur Barbie

Im Podcast erwähnt: Die Ronnefeldt-Saga von Susanne Popp

und

Die Entdeckerin des Lebens von Petra Hucke

Artwork und Musik: Uwe Sittig 

Frauenleben-Hosts: Susanne Popp und Petra Hucke 

Frauenleben-Podcast 

Instagram: https://www.instagram.com/frauenleben.podcast/

Die Isländerin war Frauenrechtlerin, Lehrerin, Schulrektorin und die erste Frau im Parlament Alþing. Ingibjörg H. Bjarnason gründete eine Stiftung für den Bau des Nationalkrankenhauses und setzte sich für Mädchenbildung ein.

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Ingibjörg H. Bjarnason wurde am 4.12.1867 in Þingeyri geboren. Dieser Ort liegt in den abgeschiedenen Westfjorden, hatte jedoch damals einiges an Bedeutung, weil er der älteste Handelsplatz der Region war und im späten 18. Jahrhundert amerikanische Fischer dort ihren Stützpunkt hatten.

Ihr Vater Hákon Bjarnason war Kaufmann und Reeder. Als das Mädchen zehn Jahre alt war, kam er bei einem Schiffsunglück ums Leben. Mutter Jóhanna Kristín Þorleifsdóttir blieb allein mit fünf Kindern zurück. Neben Ingibjörg waren das vier Söhne, die später Psychologe, Politiker, Einzelhandelsunternehmer und Linguist/Lehrer wurden.

Umzug nach Reykjavík

Die Mutter führte Reederei und Laden eine Weile weiter, ging dann jedoch in die Hauptstadt Reykjavík. Ingibjörg wurde nach ihrer Konfirmation auf die Reykjavíker Kvennaskólinn („Frauenschule“) geschickt, die es erst seit 1874 gab und als Privatschule geführt wurde. Dort lernte sie vor allem Hauswirtschaft und machte 1882 ihren Abschluss.

Ingibjörg H. Bjarnason zwischen 1890 und 1905, Porträtbild
Ingibjörg H. Bjarnason zwischen 1890 und 1905, Porträtbild

In den folgenden zwei Jahren nahm sie Privatunterricht bei Þóra Pétursdóttir, einer bildenden Künstlerin (einer der ersten isländischen Frauen, die Kunst studierten), die ein Buch über isländische Volkslieder herausgab und journalistische Artikel u. a. im von Bríet Bjarnheðinsdóttir herausgegebenen Kvennablaðið („Frauenzeitschrift“) veröffentlichte. Als Tochter des Bischofs und eines der reichsten Männer des Landes war sie allen gut bekannt.

1884 ging Ingibjörg H. Bjarnason zur weiteren Ausbildung nach Dänemark – für junge Männer damals ganz normal, für Frauen weniger. Sie ließ sich am Poul Petersen Institut zur Gymnastiklehrerin nach Pehr Henrik Ling ausbilden. Ihre Mutter kam ebenfalls nach Kopenhagen und führte dort ein Heim für Schülerinnen/Studentinnen, die wie Ingibjörg ohne ihre Eltern zum Lernen den Heimatort oder sogar das Land verlassen mussten.

Tätigkeit als Lehrerin und Schuldirektorin

Zwischen 1893 und 1903 unterrichtete sie Gymnastik in Reykjavík und reiste nach Deutschland und in die Schweiz, um dort mehr über Schulverwaltung zu lernen.

Ingibjörg H. Bjarnason
Ingibjörg H. Bjarnason

Ab 1903 war sie dann Lehrerin an „ihrer“ Kvennaskólinn und unterrichtete Turnen, Zeichnen, Handarbeiten, später auch Dänisch und Gesundheitswissenschaften. 1906 wurde sie zur Direktorin der Schule ernannt und blieb dies bis zu ihrem Tod im Jahr 1941. Sie wurde von Kolleg:innen für ihre Ausdauer und harte Arbeit gelobt, und die Schülerinnen bewunderten sie ebenfalls. Sie setzte sich stark für ihre Schule ein, reiste wiederholt ins Ausland, um sich weiterzubilden, forderte mehr öffentliche Gelder und fand ein größeres Gebäude samt Wohnheim. Nach und nach führte sie die Fächer Säuglingspflege, Erste Hilfe und häusliche Pflege ein.

Andere Aktivitäten

1911 war Ingibjörg H. Bjarnason Mitgründerin des Lestrarfélag kvenna („Frauenlesevereins“), und auch bei der Gründung des isländischen Handarbeitsvereins war sie dabei.

Politische Karriere

Bereits nach ihrer Rückkehr nach Island wurde sie in der Frauenbewegung aktiv. Ab 1908 durften verheiratete Frauen bei Lokalwahlen wählen und Teil des Stadtrats werden. Am 19. Juni 1915 wurde dann das landesweite Frauenwahlrecht eingeführt. Der 19. Juni ist heute der Frauentag.

Es gab eine große Kundgebung, eine Botschaft an den dänischen König wurde verlesen, eine Parade durchs Stadtzentrum organisiert. Fünf Frauen zogen ins Parlamentsgebäude ein und hielten Reden, auch Ingibjörg H. Bjarnason.

Exkurs: das isländische Parlament

Das isländische Parlament heißt Alþing (oder Althing) und existiert bereits seit der Landnahme im Jahr 930, als sich Menschen aus Norwegen in Island niederließen. Jedes Jahr zur Sommersonnenwende trafen sich die Familien und Clans im Südwesten des Landes in Þingvellir (oder Thingvellir), wo vom Lögberg („Gesetzesberg“) aus rechtliche Entscheidungen verkündigt wurden. Die Zusammenkunft war gleichzeitig auch Volksfest und Heiratsmarkt.

Þingvellir, wo das älteste europäische Parlament tagte
Þingvellir, wo das älteste europäische Parlament tagte

1262 wurde Island doch wieder der norwegischen Krone unterworfen. Ende des 14. Jahrhunderts kam es unter dänische Herrschaft. 1800 wurde das Alþing aufgelöst, 1844 in moderner Form wiederhergestellt. 1918 wurden die Strukturen weiter modernisiert, als Island zu einem unabhängigen Königreich in Personalunion mit Dänemark wurde.

Das war die Zeit von Ingibjörg H. Bjarnason. Die Ausrufung der Republik Island im Jahr 1944 hat sie nicht mehr erlebt.

Bau eines neuen Krankenhauses

Nach Erlangung des Wahlrechts war es eines der größten Anliegen der Frauen und Frauenvereine, den Bau eines neuen Krankenhauses voranzutreiben. Sie gründeten eine Stiftung, die heute noch aktiv ist und deren Vorsitzende damals Ingibjörg H. Bjarnason wurde. 1925 konnte dank ihrer engagierten Geldsammelaktionen mit dem Bau des Landspítali begonnen werden. Der Grundstein wurde von Königin Alexandrine gelegt. Auf ihm steht: „Dieses Haus wurde mit dem Geld gebaut, das isländische Frauen gesammelt haben …, um zu pflegen und zu heilen.“

Als erste Frau im Parlament

1922 trat Ingibjörg H. Bjarnason für eine parteiunabhängige Frauenliste (Kvennalistinn eldri) an, die bei der Wahl auf erfolgreiche 22,4 % kam. Ingibjörg H. Bjarnason zog am 15. Februar 1923 als erste Frau ins Parlament ein.

Sie sagte:

Ich sehe mich selbst als jemanden, die hierherkam, um die Interessen meiner Leute zu schützen, so gut wie ich es kann … Aber natürlich erwarte ich auch, dass es zu Situationen kommen kann, in denen ich besonders die Rechte der Frauen schützen muss.

Und:

Natürlich stehen die ersten Frauen, die Pionierinnen, vor diversen Herausforderungen, nur weil sie Frauen sind … Wenn die Zahl der Frauen im isländischen Parlament zunimmt, verschwindet, dass sie speziell angegriffen werden, weil sie Frauen sind.

Ihre Reden sind heute noch im Wortlaut im Internet abrufbar. Interessanterweise wollte sie damals durchsetzen, dass die Reden der Parlamentarier:innen nicht mehr veröffentlicht werden; sie wollte die Druckkosten sparen. Dabei wären ihre eigenen Reden gar nicht so teuer gewesen, denn sie bestand immer darauf, sich kurzzufassen.

Typisch Frau? „Typisch Frau“ wurde sie jedenfalls auch belächelt, wenn sie ihre Emotionen zeigte, während sie jedoch darauf bestand, sie würde logisch argumentieren und würde keine Lästereien dulden.

Platz am Tisch

Die ersten Frauenrechtlerinnen, so wird im Rückblick analysiert, dachten wohl, dass mit dem Wahlrecht alles gewonnen sei. Sie beklagten sich, dass die Männer sie jedoch nicht „reinlassen“ würden, obwohl Frauen doch aufgefordert werden wollten, wichtige Aufgaben zu übernehmen. Erst später verstanden sie, dass sie selbst weiter um einen Platz am Tisch kämpfen müssen.

Ingibjörg H. Bjarnason wurde später Mitglied der konservativen Íhaldsflokkurinn und später der Sjálfstæðisflokkurinn (Unabhängigkeitspartei), wofür sie von anderen Frauen kritisiert wurde. Das seien doch beides typische Männerparteien. Doch sie schien sich dort wohlzufühlen.

Konservative Partei Íhaldsflokkurinn, 1924, mit Ingibjörg, nicht schwer zu erkennen
Konservative Partei Íhaldsflokkurinn, 1924, mit Ingibjörg, nicht schwer zu erkennen

Diskussion um Kindererziehung

Es wurde diskutiert, ob Jungen und Mädchen getrennt zur Schule gehen sollten oder nicht. Die konservative Ingibjörg H. Bjarnason war der Meinung, Mädchen sollten getrennt unterrichtet werden, da nur sie wirklich wüssten, wie Haushalt und Familie funktionieren. Trotzdem sollten die Mädchen mehr als das lernen und die gleichen Rechte haben wie Jungen bzw. Männer.

Ihr Gegner dabei war der sozialdemokratische Jónas frá Hriflu – eine sehr interessante, nicht unumstrittene Politikerpersönlichkeit, für die ich auf Wikipedia verweisen möchte.

Ingibjörg H. Bjarnason setzte sich weiterhin gegen Armut (und die typischen Reykjavíker Kellerwohnungen) ein sowie für Frauenrechte, Bildung und Kunst. 1925 bis 1927 war sie zweite Vizepräsidentin des Oberhauses, 1928 bis 1932 Mitglied des Kultusministeriums. Sie starb im Jahr 1941.

Porträt von Ingibjörg H. Bjarnason, das heute im isländischen Parlament hängt
Porträt, das heute im isländischen Parlament hängt

Ehrung

Seit 2015, zum 100-jährigen Jubiläum des Frauenwahlrechts, steht vor dem Parlamentsgebäude eine Statue von Ingibjörg H. Bjarnason, geschaffen von der Bildhauerin Ragnhildur Stefánsdóttir.

Statue von Ingibjörg H. Bjarnason vor dem isländischen Parlament von Ragnhildur Stefánsdóttir
Statue von Ingibjörg H. Bjarnason vor dem isländischen Parlament von Ragnhildur Stefánsdóttir

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Quellen:
Hver var Ingibjörg H. Bjarnason…?
Kvennasólastjóri, fyrst kvenna alþingismaður: Ingibjörg H. Bjarnason
Málsvari íslenskra kvenna

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Artwork und Musik: Uwe Sittig 

Frauenleben-Hosts: Susanne Popp und Petra Hucke 

Frauenleben-Podcast 

Instagram: https://www.instagram.com/frauenleben.podcast/