Angst habe sie nie gehabt, sagte die Französin Marie Marvingt in einem Interview. Sie war Pilotin im Krieg und im Frieden, sie war Krankenschwester, Erfinderin des Luftrettungsdiensts, Extremsportlerin – und wohl ein Adrenalinjunkie.

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Marie Marvingt in Deperdussin aeroplane 1912
Marie Marvingt in einem Deperdussin-Flugzeug, 1912

Nachdem ich die Biografie von Rosalie Maggio gelesen hatte, fragte ich mich, wie diese Marie Marvingt all das, was sie getan und erlebt hat, in einem einzigen Leben unterbringen konnte. Und wie sollte ich es nun alles in eine Podcastfolge stopfen? Schon allein der Gedanke war erschöpfend 😉

Marie Marvingt
Marie Marvingt

Marie Marvingt war das Sinnbild der New Woman, die genau in der Zeit ins Leben gerufen wurde, in der (einzelne) Frauen sich bereits genug Freiheiten nehmen konnten, um ihre Träume zu verwirklichen, und in der ihnen auch die Voraussetzungen zur Verfügung standen, um Erfolg zu haben. In Marvingts Fall waren das vor allem die Technik – Automobile, Fahrräder, die ersten Flugzeuge.

Dazu gehörte ein unbedingter Wille, alles zu erreichen und immer das Beste zu geben.

Verblüffenderweise wurde sie dabei von der Öffentlichkeit stets unterstützt. Die Presse war ihre beste Freundin: Sie gab ihr ehrenvolle Spitznamen wie die „Verlobte der Gefahr“, die „wichtigste Frau in Frankreich seit Jeanne d’Arc“ und „Leonardo da Vinci im Rock“.

Marie Marvingt by Emile Friant 1914
Marie Marvingts Flugambulanz, Zeichnung von Emile Friant (1914)

Was diese Frau alles erlebt und ausprobiert hat, erfahrt ihr in dieser Folge.

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Empfehlung:
Der Film The Aeronauts (2019) mit Felicity Jones und Eddie Redmayne

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Quellen:
Rosalie Maggio: Marie Marvingt, Fiancée of Danger. First Female Bomber Pilot, World-Class Athlete and Inventor of the Air Ambulance. McFarland & Company 2019.

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Artwork und Musik: Uwe Sittig

Frauenleben-Hosts: Susanne Popp und Petra Hucke

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Die gebürtige Polin Helena Rubinstein war eine Pionierin der Kosmetikindustrie. Den Grundstein zu ihrem Unternehmen legte sie 1902 im australischen Melbourne, mit einer aus ihrer Heimat importierten und später vor Ort hergestellten Hautcreme. In Europa und den USA eröffnete sie zahlreiche Schönheitssalons und baute in den folgenden Jahrzehnten eine international erfolgreiche Firma auf. 

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Helena ist die älteste von acht Schwestern einer jüdischen Familie, der Vater ist Kolonialwarenhändler in Krakau. Sie möchte Medizin studieren, stellt jedoch fest, dass sie kein Blut sehen kann, weshalb aus diesem Plan nichts wird. Den Ehemann, den die Eltern für sie aussuchen, findet sie zu alt, den jungen Mann, in den sie sich verliebt, mögen die Eltern wiederum nicht. Sie wird nach Australien zu einem Onkel geschickt. (Wie alt sie damals war ist etwas unklar, in ihrer Autobiografie behauptet sie, nicht einmal 18 gewesen zu sein, als sie nach Australien kam, andere Quellen verlegen ihre Ankunft in Australien ins Jahr 1896, dann wäre sie je nach Geburtsdatum – 1870 oder 1872, auch das ist nicht eindeutig – bereits 24 oder 26 gewesen. Leider konnte ich nicht herausfinden, was davon stimmt, wahrscheinlicher erscheint letzteres. Auf jeden Fall hat Helena Rubinstein ihr Alter auch selbst verschleiert, etwa um jünger zu erscheinen als ihre Konkurrentin Elisabeth Arden.)

Im «Schafzüchterland» ist es ihr zu langweilig. Sie geht nach Melbourne und beginnt, eine Hautcreme zu verkaufen. Ihre Mutter hat die Rezeptur von einer berühmten Schauspielerin, mit der sie befreundet ist, ein ungarischer Chemiker stellt die Wundercreme in Krakau her. Mit geborgtem Startkapital eröffnet sie 1902 ein eigenes Geschäft, später kommen weitere Cremes dazu, die sie eigens entwickeln lässt. 

Helena Rubinstein gezeichnet von Paul César Helleu 1908. Quelle: Wikipedia

Helena Rubinstein geht wieder nach Europa

Die junge Firma ist schnell erfolgreich. Hautpflege ist noch weitgehend unbekannt und der Bedarf groß. In zwei Jahren verdient sie 250’000 Pfund. Sie übergibt das Geschäft ihrer Schwester Ceska, die in der Zwischenzeit Chemie studiert hat, und geht selbst zurück nach Europa, um ihre Kenntnisse über Hautpflege zu vertiefen. Sie will ihr Unternehmen professionalisieren, knüpft wertvolle Kontakte zu Ärzten und Chemikern und lässt weitere Hautpflegeprodukte entwickeln. 

1907 eröffnet sie in London ihren ersten Salon in der «Alten Welt». Den Heiratsantrag ihres Geliebten, Edward William Titus, lehnt sie zunächst ab, heiratet ihn dann aber doch. Sie bekommt mit ihm zwei Söhne, tritt aber nur kurzzeitig kürzer. Im Jahr 1912, dem Geburtsjahr ihres zweiten Sohns, eröffnet sie einen Salon in Paris. 1914 siedelt die Familie von London nach Paris über, sie berät die Kundinnen nun wieder selbst. Zahlreiche Prominente und ihr avantgardistischer Freundeskreis verschaffen ihr immer mehr Zulauf. 

Helena Rubinstein. Quelle: Wikipedia

1915 siedelt die Familie nach New York über, was nur möglich ist, da ihr Mann die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt. Schnell erkennt sie das große Potenzial des amerikanischen Marktes. Ihre größte Konkurrentin ist Elizabeth Arden. Beide Unternehmerinnen gründen in rascher Folge Salons in Philadelphia, Boston, Washington, Chicago, Toronto – 1920 eröffnet Arden einen Salon in Paris. 

Börsencrash mit Folgen für Rubinstein

Ende der 20er Jahre verkauft Rubinstein ihre amerikanische Firma an das Bankhaus Lehman Brothers und erwirbt nach dem Börsencrash von 1929 das Unternehmen mit großem Gewinn zurück. 1930 eröffnet sie einen Salon in Rom, 1932 in Mailand, 1934 in Wien. Ihr Erfolg und die vielen Reisen, sie hält zeitweise einen Weltrekord für transatlantische Flüge, gehen auf Kosten ihres Familienlebens. 1937 wird ihre erste Ehe geschieden, sie heiratet ein zweites Mal, einen 25 Jahre jüngeren georgischen Prinzen von allerdings etwas zweifelhafter Abstammung. In einem Sanatorium in Zürich macht sie sich mit den Methoden von Bircher-Brenner vertraut und integriert dessen Methoden in ihr Schönheitskonzept, sie schreibt zwei Bücher und erweitert das Angebot von Helena Rubinstein um Massagen und Diäten. 

Nach dem zweiten Weltkrieg baut sie, mittlerweile über 70jährig, die teilweise zerstörten Salons in Europa wieder auf, manche Mitarbeiterinnen bleiben jedoch verschollen. In New York entwickelt sie Kosmetik für Männer. Auch eine Krebserkrankung in den 1950er Jahren kann sie nicht stoppen, sie arbeitet immer weiter und reist unermüdlich um die Welt. 1955 stirbt ihr zweiter Ehemann, 1958 ihr Sohn Horace. Mit über 90 Jahren bittet sie zu Geschäftsbesprechungen in ihr Schlafzimmer in New York. Ihr Vermögen hat sie teilweise in wohltätigen Stiftungen angelegt, sie besitzt eine umfangreiche Kunstsammlung und mehrere Häuser und Wohnungen. 

Als sie 1965 stirbt, hinterlässt sie ein erhebliches Vermögen und ein erfolgreiches Unternehmen. Die Erben, sie hat zeitlebens auf Angehörige ihrer großen Familie vertraut, haben nicht denselben Geschäftssinn. 1974 wird das Unternehmen für 143 Millionen Dollar an Colgate-Palmolive verkauft. 1980 geht es für nur noch 20 Millionen Dollar an Albi Enterprises Inc., 1988 schließlich an L’Oréal. 

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Für diese Episode verwendete Literatur: 

Doris Burchard: Der Kampf um die Schönheit. Helena Rubinstein, Elizabeth Arden, Estée Lauder. Europäische Verlagsanstalt 1999. 

Helena Rubinstein: Ein Leben für die Schönheit. Im Verlag der Arche, Zürich, 1958.

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Virginia Prince war eine der ersten Transgender-Aktivistinnen und wurde für revolutionäre Ideen zu arbiträren Geschlechterrollen und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft bekannt. Sie war Herausgeberin eines der ersten Magazine für «Transvestiten» und setzte sich bei Politikern, Psychiatern und Polizisten für diese Gruppe von Menschen ein.

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Anmerkung: Der Geburtsname von Virginia Prince sowie die männlichen Pronomen werden in diesem Artikel bewusst verwendet, um die Identität von Virginia abzubilden, wie sie sie selber in «Transvestia» beschrieben hat. Generell ist es wichtig, Transgender-Personen nach ihren Pronomen zu fragen. Diese werden oft auch für die Zeit vor der Transition verwendet.

Worte wie «Transvestit» oder «transsexuell» werden im historischen Kontext gebraucht, um die damaligen Ansichten verständlich zu machen.

Ein Gastbeitrag von Antonia Popp

Kindheit von Virginia Prince

Die spätere Virginia wird 1913 als Arnold Lowman in Los Angeles geboren. Arnold ist das Kind des erfolgreichen Orthopäden, Charles Leroy Lowman, und der wohlhabenden Tochter eines Gutsbesitzers, Elizabeth Hudson Lowman. Eine Faszination für das Tragen von Frauenkleidung entwickelt sich bei dem Jungen mit zwölf. Er stiehlt sich oft heimlich als Mädchen aus dem Haus und nennt sich Muriel. Die Zweifel über die eigene Identität und die Tatsache, dass er sie versteckt halten muss, belasten ihn stark. Später schreibt Virginia, dass sie sich aber damals schon sicher war, sich nicht sexuell für Jungs oder Männer zu interessieren.

Virginia Prince
Virginia Prince. Quelle: University of Victoria, Transgender Archive

Magazin Transvestia

1957 veröffentlicht Virginia einen Artikel unter dem Pseudonym Charles Prince über Transvestiten. Hier drückt sie ihre Meinung über die Trennung von drei verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen aus: 1. Homosexuelle: Männer, welche sexuell an Männern interessiert sind, 2. Transsexuelle: Männer, welche als Frau auftreten, eine anatomische Angleichung wünschen und auch sexuell an Männern interessiert sind, 3. Transvestiten: Männer, die nach außen hin als Frau auftreten, aber «ausschliesslich heterosexuell», das heisst an Frauen interessiert sind. Zwei Jahre später legt sie «Transvestia» als Magazin wieder auf. Zielgruppe sind ausschliesslich die ihrer Meinung nach «wahren Transvestiten». Diese Ansichten haben zur Folge, dass sich andere Aktivistinnen wie Louise Lawrence von ihr distanzieren. Joan Thornton, welche sich den Namen «Transvestia» ausgedacht hatte, wirft ihr sogar vor, diesen gestohlen zu haben.

Virginia Prince Transvestia Magazine
Quelle: University of Victoria, Transgender Archive

Im Zusammenhang mit der Trennung von Transsexuellen und Transvestiten beginnt Virginia aber auch über die Trennung von «sex» (sexuelles Geschlecht) und «gender» (gesellschafliches Geschlecht) zu schreiben. Später schreibt sie oft über die arbiträre Kategorisierung im Bereich von «gender» und führt die Theorie aus, dass jeder Mann eine feminine Seite habe, welche die meisten Männer aber unterdrücken würden, um gesellschaftlichen Normen zu genügen. Auch in Sydney und London ist sie als Aktivistin tätig. Sie tritt bei medizinischen Konferenzen auf, um Transvestismus zu entstigmatisieren und gegen die Meinung anzutreten, er sei ein pathologisches Problem, welches geheilt werden müsse. Ausserdem setzt sie sich für die Aufhebung von Gesetzen ein, die das Tragen von Kleidung des anderen Geschlechts kriminalisieren.

Virginia Prince Talk

1960 gründet sie den Hose and Heels Club in Los Angeles. Bei den heimlichen Treffen kommen die Transvestiten in Männerkleidung zusammen und ziehen Strumpfhosen und hohe Schuhe, die sie in Papiertüten verborgen mitbringen, gleichzeitig an. Ein Ritual, das die Unterwanderung durch verdeckte Vermittler verhindern soll. 1962 folgt die Gründung von FPE, der Organisation für «Full Personality Expression», welche anfangs neben dem Hose and Heels Club auch Ableger in Chicago, Cleveland und Wisconsin umfasst und während Virginias Aktivismustätigkeit immer weiter wächst. Bei ihrem Austritt umfasst die Organisation 1800 Mitglieder. Zu Zeiten des Hose and Heels Clubs waren es 12 gewesen.

Virginia Prince Hose and Heels Club
Hose and Heel Club. Quelle: University of Victoria, Transgender Archive

1966 beginnt mit ihrer zweiten Scheidung ihre endgültige gesellschaftliche Transition. Mit der Hilfe ihres Therapeuten Harry Benjamin erhält sie einen weiblichen Pass, unterzieht sich einer Gesichtshaarentfernung, beginnt weibliche Hormone zu nehmen und kleidet sich im Alltag immer öfters weiblich, bis sie schlussendlich Männerkleidung generell vermeidet. Zu dieser Zeit wird sie für einen Briefwechsel mit einem Transvestie-Interessenten verurteilt. Sie erhält fünf Jahre auf Bewährung und darf sich für einige Zeit in der Öffentlichkeit nicht mehr in Frauenkleidung zeigen. Mit der Hilfe ihres Anwaltes schafft sie es allerdings, eine Ausnahmeerlaubnis für Auftritte zu Aufklärungszwecken zu erhalten. Ihre Aussagen gegenüber Transsexuellen werden zu dieser Zeit immer extremer. Trotz ihrer Freundschaft mit einigen Frauen, welche sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen haben, bedauert sie die zunehmende Popularität dieser Operation öffentlich und rückt auch nicht von ihrer Meinung ab, Transsexuelle seien homosexuell, obwohl diese sich selber als Frauen verstehen, welche sexuell an Männern interessiert sind.

Als sie sich im Magazin «Transvestia» zu oberflächlichen sexuellen Kontakten mit einem Mann bekennt, erhält sie Kritik von ihrer eigenen Leserschaft, die Diskriminierung und einen Rückschlag für den Aktivismus der Transvestiten-Gemeinschaft fürchtet. Nach der zweiten Hochzeit ihres Vaters wird Virginia nicht mehr in sein Haus gelassen. Kurz darauf schliesst auch ihre eigene Organisation FPE sie aus, da herauskommt, dass sie persönliche Informationen von Mitgliedern verkauft hatte.

1979 verkauft Virginia Prince schliesslich «Transvestia» zur 100. Ausgabe des Magazins. 1982 beendigt sie ihre Aktivismustätigkeit und stirbt 27 Jahre später mit 96 in Los Angeles.

Anmerkung: Im Podcast sage ich, dass Christine Jorgensen die erste Transgender-Frau war, welche sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzog. Dem ist nicht so. Sie war aber eine der ersten, die die Prozedur in Amerika bekannt machte und wegen ihrer anatomischen Transition durch die Presse ging. Dies dürfte der Grund gewesen sein dafür, dass Virginia mit ihr Kontakt aufnahm.

Gastbeitrag und Podcast-Episode von Antonia Popp  

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Quellen

https://zagria.blogspot.com/2013/03/virginia-prince-1912-2009-part-1-youth.html#.YO21RhMzbCU (Hauptquelle)

Basierend auf den Büchern:

“From Man to Woman: The Transgender Journey of Virginia Prince” Richard Docter, 2014

“Virginia Prince: Pioneer of Transgendering” Richard Ekins, 2006

“Transvestia” Archiv: https://vault.library.uvic.ca/collections/6576cedf-1282-4089-8351-08f73f4199b4

Bilder: https://www.uvic.ca/transgenderarchives/collections/virgina-prince/index.php

Podcastempfehlung: https://zurichpridefestival.ch/podcast/ (auch bei Spotify und Apple Podcasts) Interessante Folge z.B. zum Thema Transgender: «Trans und zum Islam konvertiert» vom 31.1.2021

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Bertha Pappenheim war Frauenrechtlerin, sprach sich aber gegen Frauenwahlrecht und Abtreibung aus. Sie war Sozialaktivistin, sprach sich aber dagegen aus, dass Menschen für Sozialarbeit bezahlt wurden. Sie übersetzte A Vindication of the Rights of Woman von Mary Wollstonecraft sowie die Memoiren von Glikl bas Judah Leib. Außerdem war sie Anna O. – die junge Frau hinter Sigmund Freuds psychoanalytischer Fallstudie zur sogenannten Hysterie, der Modekrankheit des 19. Jahrhunderts.

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Bertha Pappenheim selbst sprach in in ihrem späteren Leben nie mehr über ihre Erfahrungen mit ihrem Dr. Josef Breuer und seiner Psychoanalyse (die er noch nicht so nannte). Doch auch die modernen Biografien, in denen die Autorinnen behaupten, man solle Bertha Pappenheims spätere soziale Arbeit viel stärker betonen als die wenigen Jahre ihrer Krankheit, nehmen bereits in ihren Titeln immer wieder darauf Bezug. Das leicht Skandalöse, Dramatische dahinter zieht. Und so – shame on us – reden auch wir in dieser Folge darüber …

Bertha Pappenheim während ihres Aufenthalts im Sanatorium Bellevue 1882
Fotograf unbekannt, Quelle: Wikipedia

Bertha Pappenheim, die bereits früh schneeweiße Haare bekam, heiratete nie, sondern konzentrierte sich als Erwachsene auf Wohltätigkeitsarbeit. So erzählen wir auch von ihrer Zeit in Frankfurt am Main und der Gründung eines Waisenhauses für jüdische Mädchen und Frauen in Neu-Isenburg sowie von ihren Tätigkeiten im Jüdischen Frauenbund und ihren Reisen durch Osteuropa, wo sie sich Kinderheime und Bordelle ansah. Sie sprach mit Politik, Polizei und sogar einer Königin. Ihr großes Ziel war es, dass die armen, ungebildeten jüdischen Familien dort nicht mehr auf Menschenhändler hereinfielen, die den Frauen und Mädchen das Blaue vom Himmel – genauer: Arbeit und Auskommen versprachen, um sie in Deutschland als Prostituierte zu verkaufen.

Wie es vielen Menschen geht, die ihrem Leben einer solchen Aufgabe verschreiben, hatte Bertha Pappenheim oft Angst, niemals genug tun zu können. Doch viele ihrer Mitstreiter*innen und „Geretteten“ haben sie stets verehrt.

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Ergänzungen:

Susanne fragte nach Bertha Pappenheims Bruder. Wilhelm hieß er. Gefunden habe ich nur, dass sie gemeinsam beim Erforschen ihres Stammbaums herausgefunden haben, dass sie mit Glikl verwandt sind. Also hatten die beiden auf jeden Fall im Erwachsenenalter noch Kontakt.

Das erwähnte Buch von Irvin D. Yalom heißt Und Nietzsche weinte. (Und ja, einen Film gibt es davon auch!) Empfehlen kann ich allen, die sich für Psychoanalyse und -therapie interessieren, außerdem Yaloms Memoiren Wie man wird, was man ist. Und, wenn wir grad beim Thema sind: Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden von Lori Gottlieb.

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Quelle:
Marianne Brentzel: Sigmund Freuds Anna O. Das Leben der Bertha Pappenheim. Biografie, Reclam Verlag, Leipzig 2004.

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Die Österreicherin Hedy Lamarr war Antifaschistin, Hollywood-Diva und wurde vor allem für ihre Schönheit gefeiert. Als ein Fan in den 1990er Jahren eine Kampagne um ein Patent startet, das sie 1942 angemeldet hatte, wird sie auch als Erfinderin berühmt, obwohl das mechanische, auf Lochstreifen basierende Frequenzsprungverfahren schon bei der Einreichung eine veraltete Technik zugrunde legte und keinerlei wirklich Neuerungen enthielt.

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Der moderne Mythos von Hedy Lamarr als Erfinderin wurde von dem Ex-Colonel der US-Armee David R. Hughes geschaffen, der schon als Bub in die aus Österreich stammende Hollywood-Hedy verliebt gewesen war. Hughes war in den 90er Jahren eine wichtige Persönlichkeit in der wachsenden Online-Community und besaß eine frühe Domain. Über diese steuerte er die Kampagne zur Bekanntmachung von Hedys Patent – und zwar so erfolgreich, dass sie 1997 sogar einen Technik-Oscar erhielt. Ihr Sohn Tony Loder strickt weiter an der Legendenbildung. In Deutschland Österreich und der Schweiz wird heute der „Tag der Erfinder“ am 9. November gefeiert, Hedy Lamarrs Geburtstag.

Quelle: Wikipedia

Hedy Lamarr alias Hedwig Kiesler dürfte der späte Ruhm sehr gefreut haben. Denn sie war sich ihr Leben lang ihrer Außenwirkung bewusst und verstand recht genau, welche Rolle PR, Marketing und die Medien dabei spielten. Umso erstaunlicher eigentlich, dass sie das Patent, um das es ging, in ihrer Biographie „Extasy and Me“ von 1967 mit keinem Wort erwähnte. 

Der Titel ihrer Autobiografie hat übrigens selbstverständlich nichts mit der gleichnamigen Droge zu tun, sondern mit dem Skandalfilm „Extase“, den sie als 18jährige drehte und in dem der erste weibliche Orgasmus der Filmgeschichte vorkam. Der in Europa gedrehte Film verschaffte ihr internationale Bekanntheit, machte ihr jedoch später, als sie ihre Karriere in den USA begann, auch Schwierigkeiten. So sehr, dass sie angab, zu den Sexszenen im Film gezwungen worden zu sein. Dabei war dies offenbar nicht nötig gewesen. Ihr Filmpartner war auch ihr Freund und überhaupt lebte sie sehr freizügig. Sie liebte Sex und hatte in ihrem Leben unzählige Verehrer, Liebhaber und Ehemänner. Ihren ersten Freund habe sie mit 12 Jahren gehabt, erzählte ihre Mutter später. Da sie schon als Jugendliche eine auffallende Schönheit gewesen war, fiel es ihr sehr leicht, Männer für sich zu gewinnen.  

„Das schönste Mädchen der Welt“, so stellte der Theater- und Filmemacher Max Reinhardt sie vor. Später gelang es ihr, die Aufmerksamkeit des einflussreichen Filmmanager Louis B. Mayer zu gewinnen, der ihr den Künstlernamen Hedy Lamarr gab. Da es mit ihren Englischkenntnissen nicht weit her war, verlieh er sie an ein anderes Filmstudio, wo sie ihren ersten Film drehte: „Algier“. Eine beinahe stumme Rolle, doch sie schafft es mit diesem Film, ihren Look berühmt zu machen: Dunkle Haare und rote Lippen gelten nun als sexy. 1937 wird die Zeichentrickfilmfigur Schneewittchen geschaffen, und Hedy Lamarr ist das Vorbild. 

Von rechts Hedy Lamarr, Charles Boyer, Sigrid Gurie im Film Algier 1938

Sie heiratet mehrfach, bekommt zwei Kinder und dreht weitere Filme. Keiner der Filme wird für seine Qualität gefeiert, doch alle jungen Männer wollten Hedy sehen. Nur wegen ihrer Schönheit werden viele der Filme zum Erfolg, selbst dann, wenn sie das zweifelhafte Label „schlechtester Film aller Zeiten“ erhalten. Hedy Lamarr sie ist nie richtig zufrieden, nie richtig glücklich, immer auf der Suche, und ihr kompromissloser Lebensstil bekommt ihr nicht gut. 1966, mit 52 Jahren, wird sie wegen Ladendiebstahls angeklagt. Versuche, eigene Filme zu produzieren scheitern. Ihre fünfte Ehe mit einem texanischen Ölmilliardär hält fünf Jahre, es ist ihre längste Beziehung. Sie beginnt eine Affäre mit ihrem Scheidungsanwalt, er wird Ehemann Nummer 6. 

In den 60er Jahren ist die Schauspielkarriere vorbei. Ein Klatschjournalist führt Interviews mit ihr, ihre Autobiografie wird veröffentlicht, ohne dass sie sich die Mühe macht, den Inhalt wirklich zu kontrollieren. Die „Sexbeichte“ wird ein riesiger Erfolg. Sie geht gegen das Buch vor, verliert jedoch vor Gericht. Im Alter leidet sie unter Verfolgungswahn. Ihre Wohnung in New York vermüllt zunehmend. Finanzielle Probleme hat sie nicht, ist jedoch abhängig von Medikamenten und ihren Kindern entfremdet, zu denen sie nie eine enge Beziehung gepflegt hatte. 1998 wirbt die Softwarefirma Corel ungefragt mit einem Foto von ihrem Gesicht für das Grafikprogramm Corel Draw. Vor Gericht erstreitet sich die Vierundachtzigjährige 5 Millionen Dollar. Ihren Kindern hinterlässt sie bei ihrem Tod 3 Millionen Dollar, die von dem Betrag zunächst einmal ausstehende Anwaltskosten begleichen müssen.  

Noch viel mehr über das aufregende Leben der Hedy Lamarr und über ihr Patent von 1942, das sie zusammen mit dem Musiker Georg Antheil erhielt, erfahrt ihr im Podcast. 

Quelle

Diese Episode beruht auf folgender Biografie: Michaela Lindinger, “Hedy Lamarr. Filmgöttin, Antifaschistin, Erfinderin”, Molden Verlag 2019. 

Den Film „Bombshell, The Hedy Lamarr Story“ von Alexandra Dean habe ich mir nicht angeschaut. Er soll ziemlich unkritisch mit der Geschichte umgehen, aber trotzdem interessant sein, darum hier der Hinweis. (Deutscher Titel: Geniale Göttin. Die Geschichte von Hedy Lamarr. Der Film wurde übrigens im Oktober 2020 auf Arte gezeigt). 

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Noch mit 90 Jahren sitzt die US-Amerikanerin Betty Ann Dodson im Fernsehstudio und klärt Frauen über Gleichberechtigung und Selbstständigkeit auf – zu erreichen durch befreiten Sex und Masturbation. Denn wenn Frauen ihren eigenen Körper kennen und lieben, können sie viel selbstbewusster durchs Leben gehen.

Diese Podcastfolge über The Women’s Guru of Self-Pleasure (NYT) ist unser kleiner Beitrag zum Karfreitag … gegen die verklemmte katholische Sexualmoral …

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Ihre Initialen formen das Wort BAD – schlecht, böse, verdorben. Und das nimmt sich bereits die junge Betty zum Vorbild, als sie im Mittleren Westen aufwächst und mit der rigiden Sexualmoral der Dreißiger, Vierziger, Fünfziger Jahre so überhaupt nichts anfangen kann. Warum soll sie als Frau ihre Lust nicht zeigen? Warum darf sie sie sich selbst nicht einmal eingestehen?

Eigentlich möchte sie Modeillustratorin werden und studiert an der National Academy of Design in New York City. Aber als sie zum ersten Mal im Museum alte Renaissance-Aktgemälde sieht, ist es um sie geschehen. Genau so etwas will sie zeichnen.

Und so etwas will sie selbst erleben. Betty Dodson begibt sich in den nächsten Jahrzehnten auf eine Reise ins Reich ihrer eigenen Sexualität und macht vor (fast) nichts und niemandem Halt. In den Sechzigern und Siebzigern – zur Zeit der sexuellen Revolution – ist sie dabei zum Glück nicht allein. Sie möchte ihre eigenen Grenzen austesten und überschreiten, auch wenn ihr das nicht immer leicht fällt.

Quelle: Pinterest

Bald erkennt sie außerdem, dass sie anderen Frauen viel über ihre Körper und ihr sexuelles Erleben beibringen kann und beginnt eine Reihe von Workshops mit „Genital Show and Tell“ (bei dem die Frauen ihre eigene Vulva betrachten und bewundern lernen) und der Vermittlung von Praktiken für Masturbation und Partnersex.

Auch ihre Kunst kommt nicht zu kurz. Sie stellt ihre Bilder aus und verkauft sie, auch wenn es oft in ihrem Leben Phasen gibt, in denen sie kaum Geld hat.

Sie schreibt für das Ms. Magazine – Selbstbefriedigung ist für sie radikaler Feminismus – und veröffentlicht das Buch Liberating Masturbation. A Meditation on Self-Love, das Ende der Achtziger von einem großen Verlag „entdeckt“ wird. Und noch mit 90 Jahren sitzt sie bei Gwyneth Paltrow im Goop Lab (Netflix-Serie) und assistiert ihrer Geschäftspartnerin Carlin bei laufender Kamera, bis diese zum Orgasmus kommt.

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We’re very dangerous when we’re knowledgeable

Betty Dodson in „The Goop Lab with Gwyneth Paltrow“

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Nachtrag: Susanne fragt in der Folge danach, was Betty Dodson wohl zu #metoo zu sagen hatte. Hier gibt es ein Interview bei InsideHook, in dem sie darüber spricht.

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Quelle:
Betty Dodson: Sex by Design – The Betty Dodson Story, Eigenverlag 2010

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Website Betty Dodson & Carlin Ross. Better Orgasms. Better World

Bettys Bücher Sex for One – Die Lust am eigenen Körper und Sex for Two – Gemeinsam Lust empfinden

The Goop Lab with Gwyneth Paltrow, Folge 3, „Das Vergnügen ist ganz meinerseits“ auf Netflix

Zwei Aufklärungsbücher aus früheren Jahrhunderten, die wir erwähnen:
Geheime Belehrung über den Ursprung des Menschen und nöthige Warnungen für junge Mädchen zur allerfrühesten Bewahrung ihrer Unschuld (1789)
Dr. Karl Weißbrodt: Die eheliche Pflicht: Ein ärztlicher Führer aus Uromas Zeiten (1897, Neuauflage bei Heel 2011)

Der Podcast-Klassiker zur finanziellen Weiterbildung: Madame Moneypenny mit Natascha Wegelin

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Die Britin Mary Leakey hatte nicht einmal einen Schulabschluss, aber wusste genau, was sie wollte: in Afrika nach Fossilien und Knochen suchen. Begleitet von ihrem Mann Louis Leakey wurde sie zu einer berühmten Paläoanthropologin und fand dort unter anderem den „Nussknackermenschen“ – den ältesten je gefundenen Vertreter der Hominini.

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Auf der Suche nach den Ursprüngen der Menschheit

Staub und Steine, Hitze bei Tag, Eiseskälte bei Nacht. Spinnen im Klo, Schlangen unter dem Dach, Geparden und Nashörner vor der Tür – und eines Abends schreit Baby Jonathan, als eine Horde Heeresameisen über ihn herfällt. Doch Afrika, genauer Kenia und Tansania, ist die Wahlheimat von Mary Leakey, und bei einem Besuch in London bekommt sie einmal fürchterliches Heimweh, als sie im Zoo einen Löwen brüllen hört.

Schon bald ist sie zurück in der Olduvai-Schlucht:

In a few more miles I was looking spellbound … at a view that has since come to mean more to me than any other in the world. As one comes over the shoulder of the volcanic highlands to start the steep descent, so suddenly one sees the Serengeti, the plains stretching away to the horizon like the sea, a green vastness in the rains, golden at other times of the year, fading to blue and grey. ... If it is the rainy season … the grass beside the road will be green and fresh and growing, and there will be many wild flowers. Some of the acacias, too, will have their sweet-smelling white blooms. Here and there, dark rain-storms gather as the day proceeds, but everywhere else shimmers in the hot, bright sunshine. … Olduvai Gorge itself can also be seen. … I shall never tire of that view, whether in the rains or the dry season, in the heat of the day or in the evening when one is driving down straight towards the sunset. It is always the same; and always different. Now, nearly half a century later, that view means to me that I am nearly home.

Mary Leakey: Disclosing The Past, S.55.
Olduvai Gorge

Immer dabei ist ihr Mann Louis Leakey, zumindest bis es zu einem großen Bruch kommt. Seine erste Frau hat er verlassen, als sie mit dem zweiten Kind schwanger war, und nach einer skandalösen Scheidung hat er Mary Leakey geheiratet. Er ist ein wahnsinnig charismatischer Mann, kann den Menschen Forschungsgelder aus den Rippen leiern, kann aber wohl leider auch die Finger nicht von anderen Frauen lassen.

Das sprichwörtliche Leakey-Glück

Doch Mary Leakey lässt sich dadurch nicht von ihrer größten Leidenschaft abbringen. Mit dem sprichwörtlichen Leakey Luck findet sie nicht nur den ersten Schädel eines Proconsul africanus, sondern auch Teile des sogenannten Nussknackermenschen. Bei einer Schlacht mit Elefantendung (wenn es keine Schneebälle gibt, muss man sich eben anders behelfen) stolpert sie regelrecht über prähistorische Fußabdrücke, die gleich nach einer lang vergangenen Regenzeit, aber kurz vor einem nahen Vulkanausbruch entstanden sein müssen.

Ein Proconsul-Schädel (Quelle: Wikipedia)

Was für ein Gefühl das wohl ist – die Erste zu sein, die nach über 3,5 Millionen Jahren die Fußabdrücke eines menschlichen Vorfahren entdeckt? Oder vor einer Wand mit Höhlenmalerei zu sitzen und mit Block und Stift auf dem Schoß eine solch entfernte Lebenswelt nachzuzeichnen, in der die Menschen miteinander getanzt und sich gestritten und Nashörnern bei der Kopulation zugesehen haben? Ganz wie heute … (Außer das mit den Nashörnern.)

Wenn ihr nach dieser Folge auch plötzlich den Drang habt, nach Afrika zu reisen, schreibt uns. Wir fahren gemeinsam!

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Quellen:
Mary Bowman-Kruhm: The Leakeys. A Biography. Greenwood, Westport 2005
Mary Leakey: Disclosing the Past. An Autobiography. Doubleday & Company, New York 1984
Virginia Morell: Ancestral Passions, The Leakey Family and The Quest For Humankind’s Beginnings, Simon & Schuster, New York 1995

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Podcast-Empfehlung: Ologies mit Alie Ward und Michael Habib über Dinosaurier

Leseempfehlung: Zwei bemerkenswerte Frauen von Tracy Chevalier

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Artwork und Musik: Uwe Sittig

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Die deutsche CDU-Politikerin war die erste Frau, die in der Bundesrepublik Deutschland das Amt einer Bundesministerin innehatte. Sie schrieb gegen die Nationalsozialisten an und setzte sich für die Reform des Familienrechts ein. Als Bundesgesundheitsministerin leistete sie Pionierarbeit auf dem Gebiet der Gesundheits- und Umweltpolitik.

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Ihr Elternhaus ist liberal eingestellt. Die Mutter, eine Lehrerin, und vor allem die Tante sind von der Frauenbewegung der 1880er Jahre beeinflusst. Elisabeth besucht die Schillerschule in Sachsenhausen, die als eine der besten Mädchenschulen Deutschlands gilt. 

Der Vater wird Oberschulrat und sitzt als Abgeordneter der Deutschen Volkspartei in der Weimarer Republik im preußischen Landtag. Er lebt seiner Tochter politisches Engagement vor, streitet für die Themen, die ihn bewegen und beschäftigen. Die selbstverständlich gleichberechtigte Lebensweise der Eltern prägt Elisabeth sehr. Gleichzeitig fragt sie sich, wie man die Rolle der Frau den neuen Gesellschaftsformen so anpassen könnte, dass sie Kinder haben und doch mit gleichen Entwicklungschancen leben könnte wie ein Mann. Es wird das Thema ihres Lebens. 

Lehrerin, Juristin, Kirchenbeamtin

Mit 19 Jahren hat sie ihr Abitur in der Tasche und will studieren, es zieht sie zum Journalismus. Der Vater empfiehlt ihr, Lehrerin zu werden. Ein Jahr später legt sie am Oberlyceum ihr Examen für Volks- und Mittelschulen ab, entscheidet sich aber dann, Jura zu studieren und Jugend- oder Vormundschaftsrichterin zu werden. Sie besucht Verhandlungen an Frankfurter Gerichten, Verhandlungen, die etwas Neuartiges haben, da der einfühlsame Richter sich für die Beweggründe der jungen Gesetzesbrecher interessiert. Der Geist der Güte, so sagt sie es selbst, durchweht den Gerichtssaal und sie ist sich nun sicher, dass dies ihr Beruf werden soll. 

Elisabeth Schwarzhaupt. Erste Bundesministerin Deutschlands
©ACDP

Dann kommen die Nazis an die Macht und alles anders als geplant. Elisabeth Schwarzhaupt liest Hitlers Schriften. Sie ist entsetzt, «und zwar wegen seines Niveaus, wegen dieser primitiven demagogischen Art, dass ich sagte, das darf doch nicht sein, dass dieser Mann eine große politische Rolle in Deutschland spielt.» In der Folge tritt sie in die DVP ein. Sie schreibt Broschüren und hält Vorträge, die die frauenfeindliche Haltung der Nationalsozialisten, ihre rein männlich ausgelegten Strukturen und ihr dümmliches Frauenbild zum Thema haben. Durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten, die keine Frauen im Richteramt dulden, muss sie sich beruflich neu orientieren. 

Diese Chance bietet ihr die evangelische Kirche. Am 1. April 1939 wird sie zur Oberkirchenrätin ernannt und verbeamtet. Nach Kriegsende wechselt sie ins kirchliche Außenamt der EKD. Sie befasst sich mit dem Thema Abtreibung, die damals noch streng unter Strafe steht und wirft die Frage auf, ob es nicht erlaubt sein sollte abzutreiben, wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Schwangerschaftsabbrüche aus anderen Gründen werden von der evangelischen Kirche allerdings damals noch rigoros abgelehnt. 

Die erste Frau in einem Ministeramt 

1953 kandidiert sie zum ersten Mal für den Bundestag, nachdem sie vier Jahr zuvor ein entsprechendes Angebot noch abgelehnt hat. Im zweiten Anlauf, vier Jahre später, gewinnt sie ihren Wiesbadener Wahlkreis. Im Jahr 1954 hält sie ihre erste Rede im Plenum zum Thema Änderung des Familienrechts. 

Elisabeth Schwarzhaupt im Bundestag
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 Ich glaube, dass ich mit meinem Eintritt in das Kabinett, wenn auch als Alibifrau, eine Tür für die Frauen geöffnet habe, die nicht mehr zugeschlagen werden konnte.

Elisabeth Schwarzhaupt

Gleichstellung von Männern und Frauen ist ihr Thema und immer wieder auch die rechtliche Situation von Kindern. Beispielsweise setzt sie sich dafür ein, dass unehelich geborene Kinder den ehelich geborenen rechtlich gleichgestellt werden. 

1961 wird sie trotz Adenauers anfänglichem Widerstand gegen eine Frau in seinem Kabinett Ministerin. Das Familienministerium bleibt jedoch dank des Einsatzes mächtiger konfessioneller Gruppen einem verheirateten Katholiken vorbehalten. Für die unverheiratete Protestantin Elisabeth Schwarzhaupt wird das Amt des Gesundheitsministeriums neu geschaffen. Sie gestaltet es so aus, dass es auch Themen wie Verbraucher- und Umweltschutz umfasst. Die Umweltpolitik, die sie schon 1961 angestoßen hat, wird später der sozialliberalen Koalition ab 1971 zugeschrieben. 

Zu den Dingen, die sie auf den Weg gebracht hat, gehören das Mindesthaltbarkeitsdatum auf Lebensmitteln, die Kennzeichnung von Fremdstoffen in Lebensmitteln, eine Umweltschutzverordnung zur Reinhaltung des Wassers und der Luft und eine Reform des Arzneimittelgesetzes. 

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Quelle:

Harald Ille: “In diesem Kreise sind auch Sie ein Herr” – Elisabeth Schwarzhaupt, erste Ministerin der Bundesrepublik. In: Frankfurter Frauengeschichte(n), Societätsverlag 2017.

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Die Kinder- und Sozialpsychologin aus den USA beschäftigte sich mit den Auswirkungen von Rassismus und rassistischen Vorurteilen auf Kinder. Mit ihrem „Puppentest“ trug Mamie Phipps Clark dazu bei, dass vor Gericht eine Integration von bislang segregierten Kindergärten und Schulen vorangetrieben wurde.

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Mamies Kindheit war geprägt von der Rassentrennung in den Südstaaten, wo die Familie Phipps sich vor jedem längeren Ausflug oder dem Besuch eines Footballspiels ganz genau überlegen musste, wo sie etwas zu essen oder eine Toilette finden würde – denn alles war streng nach Schwarz und Weiß getrennt. Dennoch sagte sie später, sie habe eine glückliche Kindheit gehabt.

Das mag eine nachträgliche Verklärung sein, denn die Frage, wie Schwarze Kinder auf ihre tiefgreifend rassistische Umwelt der Zeit reagieren, hat sie ihr ganzes Leben umgetrieben. Sie studierte Psychologie und entwickelte in dieser Zeit den erwähnten Puppentest. In den 1940ern bis 1960ern startete sie gemeinsam mit ihrem Mann Kenneth Clark verschiedene Projekte zur Förderung unterprivilegierter Kinder. Gerade in Harlem war die Skepsis gegen ihren psychologischen Ansatz erst einmal groß, denn zu oft wurden Schwarze von den „weißen“ Behörden als geistig zurückgeblieben oder verrückt tituliert, nur weil ihnen jede Chance auf Bildung fehlte.

Doch Mamie Phipps Clark erarbeitete sich das Vertrauen ihrer Community, und ihr Northside Center for Child Development, das sie mit 936 Dollar ihres großzügigen Vaters startete, ist auch heute noch aktiv.

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Quellen:

Das erwähnte Transkript des Interviews findet man hier: Notable New Yorkers

Der Supreme-Court-Fall wird auf Wikipedia ausführlich beschrieben.

Außerdem Karera, Axelle und Alexandra Rutherford (2010/2017). Profil zu Mamie Phipps Clark. In A. Rutherford (Ed.), Psychology’s Feminist Voices Multimedia Internet Archive.

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Leseempfehlungen zum Thema Rassismus:

Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten, hanserblau 2019.
Tupoka Ogette: exit Racism, Unrast-Verlag 2019.

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Unsere Podcastempfehlungen der Woche:

HerStory von Jasmin Lörchner
Frauen von damals von Bianca Walther
History Chicks

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