Sofja Kowalewskaja war Mathematikerin, Revolutionärin und Schriftstellerin. 1850 in Moskau als Tochter eines russischen Landadligen geboren, wurde sie in ihrer Jugend Teil der nihilistischen Bewegung in St. Petersburg und ging eine Scheinehe ein, um in Deutschland studieren zu können. Sie gewann mit dem Prix Bordin eine der höchsten Auszeichnungen in Mathematik und erhielt in Stockholm als erste Frau in Europa eine Mathematikprofessur. Ihr größter Wunsch, in ihrer russischen Heimat lehren und arbeiten zu können, blieb unerfüllt. 

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In ihren Jugenderinnerungen zeichnet sie ein leicht skurriles Bild ihrer Kindheit. Da gibt es Kindermädchen und Gouvernanten, die ihre Machtposition ausnutzen, um die Geschwister gegeneinander auszuspielen, einen distanzierten Vater und eine noch weiter entfernte Mutter, Verwandte, die kommen und gehen – oder sich auch wochenlang einnisten, einen Hauslehrer, der sich selbst im Nachhinein als wichtig für die Entwicklung des genialen Kindes beschriebt, von der kleinen Sofia jedoch offenbar kaum wahrgenommen wird, und das alles in der Abgeschiedenheit eines russischen Landsitzes mit dem poetischen Namen Palibino. 

Mit 18 Jahren kehrt sie dieser Welt den Rücken. Sie weiß bereits, dass sie Mathematik studieren will und eine besondere Begabung für das Fach hat. Trotzdem widmet sie sich einige Semester lang auch der Medizin und der Physik. Die Scheinehe mit dem später als Paläontologen bekannt gewordenen Wladimir Kowalewski, der sie zuerst nach Heidelberg und dann nach Berlin begleitet, erweist sich als spannungsreich. Was als rein kameradschaftliches Verhältnis geplant war, wird zu einer komplizierten Beziehung und zu einer lebenslangen Zerreißprobe für beide. 

Sofja Kovalevskaja | © Mittag-Leffler-Institut Djursholm/Schweden

Ab 1870 studiert Sofja Kowalewskaja – unterstützt mit Geld ihrer Familie – privat beim Mathematiker Karl Weierstraß in Berlin, da sie als Frau keine Zulassung an der Universität erhält. Sie und Wladimir reisen viel herum und haben viel Kontakt zu den intellektuellen Geistesgrößen dieser Zeit, und insbesondere Sofja erlangt eine gewisse Berühmtheit. Einen engen Kontakt pflegt sie auch zu ihrer sieben Jahre ältere Schwester Anjuta, die sich in diesen Jahren hauptsächlich der Revolution in Frankreich verschreibt.

1874 ermöglicht Weierstraß Sofja die Promotion in Göttingen. Danach kehren sie und ihr Mann nach Sankt Petersburg zurück, wo ihr jegliche ihrer Qualifikation angemessene Beschäftigung versagt wird. Abgesehen davon, dass sie als Frau nicht an einer Universität lehren darf, stammen beide aus dem Milieu der russischen Nihilisten. Die revolutionären Bestrebungen, die sich gegen das zaristische Russland richten, machen es ihnen unmöglich, in ihrer Heimat wieder Fuß zu fassen. Die beiden betreiben einen Salon, werden Eltern und Sofja versucht sich mit einigem Erfolg als Schriftstellerin, doch 1879 sind sie finanziell am Ende und 1883 nimmt sich Wladimir, der das verbleibende Vermögen durch Immobilien-Spekulationen verloren hat, das Leben. Er lässt seine Frau allein mit der fünfjährigen Tochter zurück.

Sofja wendet sich wieder der Mathematik zu. Mit einem Vortrag auf einem Kongress in Petersburg erregt sie das Aufsehen des Schweden Mittag-Leffler, auch er ein Weierstraß-Schüler wie sie, der beschließt, ihr zu einer Universitätslaufbahn zu verhelfen. Vier Jahre später geht sie als Privatdozentin nach Stockholm, muss auf Gehalt verzichten, um arbeiten zu dürfen, und bekommt mit Verzögerung doch noch ab 1884 eine Anstellung als außerordentliche Professorin für Mathematik an der Universität Stockholm. 1888 erhält sie den Prix Bordin, eine der höchsten Auszeichnungen in Mathematik. Wegen der Eleganz der Ausführungen wird das Preisgeld von 3000 Francs auf 5000 Francs erhöht. 1891 stirbt sie in Stockholm an einer Lungenentzündung. 


Literatur: 

Ann Hibner Koblitz: A Convergence of Lives, Birkhäuser Boston Inc. 1983

Sonja Kowalewski: Jugenderinnerungen. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 1968

Anna Maria Stuby: Sofja Kovalevskaja  “Prinzessin der Naturwissenschaften”. Ein Beitrag zur Entheroisierung. Aus der Zeitschrift „Feministische Studien“, 2017 

Empfehlung:

Erzählung von Alice Munro über Sofja Kowalewskaja: Zu viel Glück. Veröffentlicht in Alice Munro, Zu viel Glück, Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main 2011 

Eine Quellensammlung findet sich auch unter https://www.cordula-tollmien.de

Wir erwähnen die Folge über Laura Bassi


Artwork und Musik: Uwe Sittig

Frauenleben-Hosts: Susanne Popp und Petra Hucke

Frauenleben-Podcast

Instagram: https://www.instagram.com/frauenleben.podcast/

Die erste Universitätsprofessorin Europas inspirierte ihre Zeitgenossinnen und Zeitgenossen. Sie galt als Wunderkind, lehrte später Philosophie und Physik an der Universität von Bologna und ließ trotz Heirat und acht Kindern die Wissenschaft nicht ruhen. Wie sie die an sie gestellten Erwartungen erfüllt und doch ihren ganz eigenen Weg geht, erzählt diese Podcastfolge. 

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Sie sei «die deutsche Bassi» – diese Aussage begegnete mir mehrfach bei meinen Recherchen zu der eigenwilligen Frau Doktor Erxleben, der wir kürzlich schon eine Episode gewidmet haben. Naheliegend also, zu schauen, wer denn bitteschön «die Bassi» war? 

Laura Bassi gilt schon früh als Wunderkind, das von den Eltern herumgezeigt und vorgeführt wurde. Ähnlich wie Mozart, der ja auch von seinem Vater ausgestellt wurde. Ehrgeizige Eltern gehören zu Wunderkindern einfach dazu. Laura muss Rechenkünste vorführen oder wissenschaftlich «disputieren». Ganz entzückt ist man davon, was das Mädchen so alles kann und weiß. 

Abb. von Mailsapartbassimore

Sie lebt in Bologna und ist die einzige Tochter eines Juristen. Eine wohlhabende und angesehene Familie mit Verbindungen zu adligen Kreisen. Die Brüder sind verstorben. Für Mädchen ist keine schulische Ausbildung vorgesehen, daher wird Laura von ihren Cousins zu Hause unterrichtet. 

Laura Bassis Erziehung steht somit in der Tradition eines Kuriosums, welches im Renaissance-Humanismus entstanden war. Das Anliegen des Humanismus, Bildung und Studium in den antiken Sprachen, ihrer Literatur und Kultur zu fördern, ermöglichte nämlich auch einigen ausgewählten Mädchen und Frauen Zugang dazu, üblicherweise durch männliche Familienangehörige, also Brüder oder Väter – eine Parallele übrigens zu Dorothea Erxleben, die von ihrem Vater unterrichtet wurde. 

Die Gesellschaft liebt Wunderkinder

Das Phänomen der Wunderkinder gab es nicht nur in Italien, sondern auch in anderen europäischen Ländern, je jünger, je kurioser. Auch Knaben konnten Wunderkinder sein, doch Mädchen waren eben noch interessanter. Die italienischen Humanistinnen verkörperten zudem eine zweite Eigenschaft, nämlich die der keuschen Jungfräulichkeit. Studium und Heirat schlossen einander normalerweise aus. 

Als Laura Bassi etwa 14 Jahre alt ist, übernimmt es ein gewisser Gaetano Tacconi, Arzt der Familie Bassi und Universitätsprofessor, sie in Logik, Metaphysik und Naturphilosophie zu unterrichten. Er machte sie sehr wahrscheinlich auch mit dem wissenschaftlichen Streitgespräch bekannt. Für Laura Bassi ist dies etwas vollkommen Neues. Zuerst hatte sie die Grundlagen gelernt, um wissenschaftliche Texte überhaupt lesen zu können. Nun lernt sie auch etwas über die Inhalte und sie lernt, aktiv Wissenschaft zu betreiben. Wissenschaft sah damals so aus, dass man über Texte Rede und Gegenrede hielt– das war die Ausdrucksform schlechthin an der Universität und darüber hinaus, denn eine öffentliche Disputation spielte auch allgemein in Bologna eine wichtige Rolle.  

Ein Spektakel – und eine Professur mit 21 Jahren

Im Jahr 1732, sie ist 21 Jahre alt, entsteht um sie ein regelrechter Hype. Sie hält Disputationen in ihrem Elternhaus, wird im März in die Akademie aufgenommen, im April folgt die erste öffentliche Disputation, einen Monat später wird ihr in einer öffentlichen Zeremonie der Doktorgrad verliehen, im Juni gibt es eine weitere öffentliche Disputation, mit der sie sich um einen Philosophie-Lehrstuhl an der Uni bewirbt, den sie Ende Oktober vom Senat bekommt. Im Dezember 1732 hält sie ihre erste Vorlesung. Das Spektakel, das sich um ihre Person vollzieht, hat nicht nur mit der Ehrung einer überragenden jungen Frau zu tun, Bologna feiert sich auch selbst, alle nehmen an der Inszenierung teil. Trotz ihres Ruhms hält sie jedoch nur selten öffentliche Vorlesungen, da sie dafür jedesmal eine Ausnahmegenehmigung vom Senat benötigt. Sie macht sich als Privatgelehrte einen Namen.

Der Anatomiesaal von Bologna aus dem 17. Jahrhundert.
Von Wikipeder

Doch dann heiratet sie und fügt sich somit nicht dem gesellschaftlichen Dogma, welches für sie ein gelehrtes Leben ohne Familie vorgesehen hätte. Ihr Ehemann, der Arzt Giuseppe Verati (1707–1793) ist weit weniger bekannt als sie und noch nicht einmal vermögend, doch weil Laura Bassis Vater bereits tot ist, kann sie über ihre Ehe frei entscheiden. Das Paar bekommt acht Kinder.

Sie hält in ihrem Haus regelmäßig Vorlesungen, ist eine Anhängerin von Isaac Newton, unterstützt die Theorie von Benjamin Franklin zur Elektrizität und installiert zusammen mit ihrem Mann den ersten Blitzableiter Italiens auf dem Dach der Universität von Bologna – der wegen Aberglaubens der Bevölkerung wieder entfernt werden muss. Sie betreibt ein Observatorium in ihrem Landhaus und veröffentlicht Arbeiten zur Hydromechanik. Als im Jahr 1772, da ist sie 61 Jahre alt, eine Physikprofessur frei wird, bietet man diese zuerst ihrem Mann an, als dieser ablehnt, nimmt sie die Stelle an. 1778 stirbt sie mit 66 Jahren an einem Herzinfarkt. 

Münzkabinett, staatliche Museen zu Berlin, Silbermedaille von 1732
Münzkabinett, staatliche Museen zu Berlin, Silbermedaille von 1732

Rezeption von Laura Bassi 

Ein Wort noch zur Rezeptionsgeschichte Laura Bassis. Männer, die sich über sie geäußert haben, betonten sehr oft ihre Bescheidenheit. Man fand, dass Laura Bassi selbst gut daran tat, ihre eigenen Fähigkeiten und Leistungen für gering zu erachten, und man lobte sie ausdrücklich dafür. 

In Texten von Frauen über oder an Bassi hingegen, findet sich kein einziges Lob für Bescheidenheit, für häusliche oder charakterliche Tugenden, wie bei den Männern. Vielmehr wird Bassi als «Glorie unseres Geschlechts» gesehen und verehrt, ihre wissenschaftlichen Errungenschaften, ihre Begabungen und ihr Fleiß werden gepriesen. Es zeigt sich, dass sie als Rollenvorbild für andere gelehrte Frauen in Bologna wahrgenommen wurde und dass sich diese auch Jahrzehnte später noch auf sie beriefen. 

Christiana Mariana von Ziegler (1695-1760) eine deutsche Schriftstellerin, die in Leipzig lebte und einen literarischen Salon unterhielt, verfasste anlässlich des Todes von Laura Bassi ein Gedicht. Hier ein Auszug: 

Als die gelehrte Laura Maria Catharina Bassi in Bologna den Doctorhuth erhielt.

(…) 

Denkt nicht, als müste Pallas nur
Vor Männer Ehrenkleider weben.
Meynt ihr, euch hätte die Natur
Das Recht darzu allein gegeben?
Ach weit gefehlt. Wisst ihr denn nicht,
Was Seneca von Weibern spricht?
Der kann euch euren Stolz benehmen.
Befragt nur diesen weisen Greis,
Ob nicht ein Frauenzimmer weis
Die Männer vielmals zu beschämen?

Ja wohl, sie haben nichts voraus:
Was fänden wir denn zu beneiden?
Der Körper nur, das Seelenhaus,
Kann uns von ihnen unterscheiden;
Sagt, wie viel Sinne habet ihr?
Zählt sie nur selbst: Nicht mehr, als wir.
Wohnt Witz in einer Männer Stirne,
So hat auch dieser Satz sein Recht:
Es steckt dem weiblichen Geschlecht
Kein Spinngeweb in dem Gehirne.

(…) 

Quelle: 

Beate Ceranski: Und sie fürchtet sich vor niemandem. Die Physikerin Laura Bassi. Campus-Verlag, 1996
Das Gedicht von Christiana Mariana von Ziegler über Laura Bassi bei zeno.org

Weiterführender Link:

In der Datenbank fembio.org gibit es einen langen Artikel zu Laura Bassi und ihrem Leben 

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