Sofja Kowalewskaja war Mathematikerin, Revolutionärin und Schriftstellerin. 1850 in Moskau als Tochter eines russischen Landadligen geboren, wurde sie in ihrer Jugend Teil der nihilistischen Bewegung in St. Petersburg und ging eine Scheinehe ein, um in Deutschland studieren zu können. Sie gewann mit dem Prix Bordin eine der höchsten Auszeichnungen in Mathematik und erhielt in Stockholm als erste Frau in Europa eine Mathematikprofessur. Ihr größter Wunsch, in ihrer russischen Heimat lehren und arbeiten zu können, blieb unerfüllt. 

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In ihren Jugenderinnerungen zeichnet sie ein leicht skurriles Bild ihrer Kindheit. Da gibt es Kindermädchen und Gouvernanten, die ihre Machtposition ausnutzen, um die Geschwister gegeneinander auszuspielen, einen distanzierten Vater und eine noch weiter entfernte Mutter, Verwandte, die kommen und gehen – oder sich auch wochenlang einnisten, einen Hauslehrer, der sich selbst im Nachhinein als wichtig für die Entwicklung des genialen Kindes beschriebt, von der kleinen Sofia jedoch offenbar kaum wahrgenommen wird, und das alles in der Abgeschiedenheit eines russischen Landsitzes mit dem poetischen Namen Palibino. 

Mit 18 Jahren kehrt sie dieser Welt den Rücken. Sie weiß bereits, dass sie Mathematik studieren will und eine besondere Begabung für das Fach hat. Trotzdem widmet sie sich einige Semester lang auch der Medizin und der Physik. Die Scheinehe mit dem später als Paläontologen bekannt gewordenen Wladimir Kowalewski, der sie zuerst nach Heidelberg und dann nach Berlin begleitet, erweist sich als spannungsreich. Was als rein kameradschaftliches Verhältnis geplant war, wird zu einer komplizierten Beziehung und zu einer lebenslangen Zerreißprobe für beide. 

Sofja Kovalevskaja | © Mittag-Leffler-Institut Djursholm/Schweden

Ab 1870 studiert Sofja Kowalewskaja – unterstützt mit Geld ihrer Familie – privat beim Mathematiker Karl Weierstraß in Berlin, da sie als Frau keine Zulassung an der Universität erhält. Sie und Wladimir reisen viel herum und haben viel Kontakt zu den intellektuellen Geistesgrößen dieser Zeit, und insbesondere Sofja erlangt eine gewisse Berühmtheit. Einen engen Kontakt pflegt sie auch zu ihrer sieben Jahre ältere Schwester Anjuta, die sich in diesen Jahren hauptsächlich der Revolution in Frankreich verschreibt.

1874 ermöglicht Weierstraß Sofja die Promotion in Göttingen. Danach kehren sie und ihr Mann nach Sankt Petersburg zurück, wo ihr jegliche ihrer Qualifikation angemessene Beschäftigung versagt wird. Abgesehen davon, dass sie als Frau nicht an einer Universität lehren darf, stammen beide aus dem Milieu der russischen Nihilisten. Die revolutionären Bestrebungen, die sich gegen das zaristische Russland richten, machen es ihnen unmöglich, in ihrer Heimat wieder Fuß zu fassen. Die beiden betreiben einen Salon, werden Eltern und Sofja versucht sich mit einigem Erfolg als Schriftstellerin, doch 1879 sind sie finanziell am Ende und 1883 nimmt sich Wladimir, der das verbleibende Vermögen durch Immobilien-Spekulationen verloren hat, das Leben. Er lässt seine Frau allein mit der fünfjährigen Tochter zurück.

Sofja wendet sich wieder der Mathematik zu. Mit einem Vortrag auf einem Kongress in Petersburg erregt sie das Aufsehen des Schweden Mittag-Leffler, auch er ein Weierstraß-Schüler wie sie, der beschließt, ihr zu einer Universitätslaufbahn zu verhelfen. Vier Jahre später geht sie als Privatdozentin nach Stockholm, muss auf Gehalt verzichten, um arbeiten zu dürfen, und bekommt mit Verzögerung doch noch ab 1884 eine Anstellung als außerordentliche Professorin für Mathematik an der Universität Stockholm. 1888 erhält sie den Prix Bordin, eine der höchsten Auszeichnungen in Mathematik. Wegen der Eleganz der Ausführungen wird das Preisgeld von 3000 Francs auf 5000 Francs erhöht. 1891 stirbt sie in Stockholm an einer Lungenentzündung. 


Literatur: 

Ann Hibner Koblitz: A Convergence of Lives, Birkhäuser Boston Inc. 1983

Sonja Kowalewski: Jugenderinnerungen. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 1968

Anna Maria Stuby: Sofja Kovalevskaja  “Prinzessin der Naturwissenschaften”. Ein Beitrag zur Entheroisierung. Aus der Zeitschrift „Feministische Studien“, 2017 

Empfehlung:

Erzählung von Alice Munro über Sofja Kowalewskaja: Zu viel Glück. Veröffentlicht in Alice Munro, Zu viel Glück, Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main 2011 

Eine Quellensammlung findet sich auch unter https://www.cordula-tollmien.de

Wir erwähnen die Folge über Laura Bassi


Artwork und Musik: Uwe Sittig

Frauenleben-Hosts: Susanne Popp und Petra Hucke

Frauenleben-Podcast

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Angst habe sie nie gehabt, sagte die Französin Marie Marvingt in einem Interview. Sie war Pilotin im Krieg und im Frieden, sie war Krankenschwester, Erfinderin des Luftrettungsdiensts, Extremsportlerin – und wohl ein Adrenalinjunkie.

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Marie Marvingt in Deperdussin aeroplane 1912
Marie Marvingt in einem Deperdussin-Flugzeug, 1912

Nachdem ich die Biografie von Rosalie Maggio gelesen hatte, fragte ich mich, wie diese Marie Marvingt all das, was sie getan und erlebt hat, in einem einzigen Leben unterbringen konnte. Und wie sollte ich es nun alles in eine Podcastfolge stopfen? Schon allein der Gedanke war erschöpfend 😉

Marie Marvingt
Marie Marvingt

Marie Marvingt war das Sinnbild der New Woman, die genau in der Zeit ins Leben gerufen wurde, in der (einzelne) Frauen sich bereits genug Freiheiten nehmen konnten, um ihre Träume zu verwirklichen, und in der ihnen auch die Voraussetzungen zur Verfügung standen, um Erfolg zu haben. In Marvingts Fall waren das vor allem die Technik – Automobile, Fahrräder, die ersten Flugzeuge.

Dazu gehörte ein unbedingter Wille, alles zu erreichen und immer das Beste zu geben.

Verblüffenderweise wurde sie dabei von der Öffentlichkeit stets unterstützt. Die Presse war ihre beste Freundin: Sie gab ihr ehrenvolle Spitznamen wie die „Verlobte der Gefahr“, die „wichtigste Frau in Frankreich seit Jeanne d’Arc“ und „Leonardo da Vinci im Rock“.

Marie Marvingt by Emile Friant 1914
Marie Marvingts Flugambulanz, Zeichnung von Emile Friant (1914)

Was diese Frau alles erlebt und ausprobiert hat, erfahrt ihr in dieser Folge.

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Empfehlung:
Der Film The Aeronauts (2019) mit Felicity Jones und Eddie Redmayne

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Quellen:
Rosalie Maggio: Marie Marvingt, Fiancée of Danger. First Female Bomber Pilot, World-Class Athlete and Inventor of the Air Ambulance. McFarland & Company 2019.

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Artwork und Musik: Uwe Sittig

Frauenleben-Hosts: Susanne Popp und Petra Hucke

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Virginia Prince war eine der ersten Transgender-Aktivistinnen und wurde für revolutionäre Ideen zu arbiträren Geschlechterrollen und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft bekannt. Sie war Herausgeberin eines der ersten Magazine für «Transvestiten» und setzte sich bei Politikern, Psychiatern und Polizisten für diese Gruppe von Menschen ein.

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Anmerkung: Der Geburtsname von Virginia Prince sowie die männlichen Pronomen werden in diesem Artikel bewusst verwendet, um die Identität von Virginia abzubilden, wie sie sie selber in «Transvestia» beschrieben hat. Generell ist es wichtig, Transgender-Personen nach ihren Pronomen zu fragen. Diese werden oft auch für die Zeit vor der Transition verwendet.

Worte wie «Transvestit» oder «transsexuell» werden im historischen Kontext gebraucht, um die damaligen Ansichten verständlich zu machen.

Ein Gastbeitrag von Antonia Popp

Kindheit von Virginia Prince

Die spätere Virginia wird 1913 als Arnold Lowman in Los Angeles geboren. Arnold ist das Kind des erfolgreichen Orthopäden, Charles Leroy Lowman, und der wohlhabenden Tochter eines Gutsbesitzers, Elizabeth Hudson Lowman. Eine Faszination für das Tragen von Frauenkleidung entwickelt sich bei dem Jungen mit zwölf. Er stiehlt sich oft heimlich als Mädchen aus dem Haus und nennt sich Muriel. Die Zweifel über die eigene Identität und die Tatsache, dass er sie versteckt halten muss, belasten ihn stark. Später schreibt Virginia, dass sie sich aber damals schon sicher war, sich nicht sexuell für Jungs oder Männer zu interessieren.

Virginia Prince
Virginia Prince. Quelle: University of Victoria, Transgender Archive

Magazin Transvestia

1957 veröffentlicht Virginia einen Artikel unter dem Pseudonym Charles Prince über Transvestiten. Hier drückt sie ihre Meinung über die Trennung von drei verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen aus: 1. Homosexuelle: Männer, welche sexuell an Männern interessiert sind, 2. Transsexuelle: Männer, welche als Frau auftreten, eine anatomische Angleichung wünschen und auch sexuell an Männern interessiert sind, 3. Transvestiten: Männer, die nach außen hin als Frau auftreten, aber «ausschliesslich heterosexuell», das heisst an Frauen interessiert sind. Zwei Jahre später legt sie «Transvestia» als Magazin wieder auf. Zielgruppe sind ausschliesslich die ihrer Meinung nach «wahren Transvestiten». Diese Ansichten haben zur Folge, dass sich andere Aktivistinnen wie Louise Lawrence von ihr distanzieren. Joan Thornton, welche sich den Namen «Transvestia» ausgedacht hatte, wirft ihr sogar vor, diesen gestohlen zu haben.

Virginia Prince Transvestia Magazine
Quelle: University of Victoria, Transgender Archive

Im Zusammenhang mit der Trennung von Transsexuellen und Transvestiten beginnt Virginia aber auch über die Trennung von «sex» (sexuelles Geschlecht) und «gender» (gesellschafliches Geschlecht) zu schreiben. Später schreibt sie oft über die arbiträre Kategorisierung im Bereich von «gender» und führt die Theorie aus, dass jeder Mann eine feminine Seite habe, welche die meisten Männer aber unterdrücken würden, um gesellschaftlichen Normen zu genügen. Auch in Sydney und London ist sie als Aktivistin tätig. Sie tritt bei medizinischen Konferenzen auf, um Transvestismus zu entstigmatisieren und gegen die Meinung anzutreten, er sei ein pathologisches Problem, welches geheilt werden müsse. Ausserdem setzt sie sich für die Aufhebung von Gesetzen ein, die das Tragen von Kleidung des anderen Geschlechts kriminalisieren.

Virginia Prince Talk

1960 gründet sie den Hose and Heels Club in Los Angeles. Bei den heimlichen Treffen kommen die Transvestiten in Männerkleidung zusammen und ziehen Strumpfhosen und hohe Schuhe, die sie in Papiertüten verborgen mitbringen, gleichzeitig an. Ein Ritual, das die Unterwanderung durch verdeckte Vermittler verhindern soll. 1962 folgt die Gründung von FPE, der Organisation für «Full Personality Expression», welche anfangs neben dem Hose and Heels Club auch Ableger in Chicago, Cleveland und Wisconsin umfasst und während Virginias Aktivismustätigkeit immer weiter wächst. Bei ihrem Austritt umfasst die Organisation 1800 Mitglieder. Zu Zeiten des Hose and Heels Clubs waren es 12 gewesen.

Virginia Prince Hose and Heels Club
Hose and Heel Club. Quelle: University of Victoria, Transgender Archive

1966 beginnt mit ihrer zweiten Scheidung ihre endgültige gesellschaftliche Transition. Mit der Hilfe ihres Therapeuten Harry Benjamin erhält sie einen weiblichen Pass, unterzieht sich einer Gesichtshaarentfernung, beginnt weibliche Hormone zu nehmen und kleidet sich im Alltag immer öfters weiblich, bis sie schlussendlich Männerkleidung generell vermeidet. Zu dieser Zeit wird sie für einen Briefwechsel mit einem Transvestie-Interessenten verurteilt. Sie erhält fünf Jahre auf Bewährung und darf sich für einige Zeit in der Öffentlichkeit nicht mehr in Frauenkleidung zeigen. Mit der Hilfe ihres Anwaltes schafft sie es allerdings, eine Ausnahmeerlaubnis für Auftritte zu Aufklärungszwecken zu erhalten. Ihre Aussagen gegenüber Transsexuellen werden zu dieser Zeit immer extremer. Trotz ihrer Freundschaft mit einigen Frauen, welche sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen haben, bedauert sie die zunehmende Popularität dieser Operation öffentlich und rückt auch nicht von ihrer Meinung ab, Transsexuelle seien homosexuell, obwohl diese sich selber als Frauen verstehen, welche sexuell an Männern interessiert sind.

Als sie sich im Magazin «Transvestia» zu oberflächlichen sexuellen Kontakten mit einem Mann bekennt, erhält sie Kritik von ihrer eigenen Leserschaft, die Diskriminierung und einen Rückschlag für den Aktivismus der Transvestiten-Gemeinschaft fürchtet. Nach der zweiten Hochzeit ihres Vaters wird Virginia nicht mehr in sein Haus gelassen. Kurz darauf schliesst auch ihre eigene Organisation FPE sie aus, da herauskommt, dass sie persönliche Informationen von Mitgliedern verkauft hatte.

1979 verkauft Virginia Prince schliesslich «Transvestia» zur 100. Ausgabe des Magazins. 1982 beendigt sie ihre Aktivismustätigkeit und stirbt 27 Jahre später mit 96 in Los Angeles.

Anmerkung: Im Podcast sage ich, dass Christine Jorgensen die erste Transgender-Frau war, welche sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzog. Dem ist nicht so. Sie war aber eine der ersten, die die Prozedur in Amerika bekannt machte und wegen ihrer anatomischen Transition durch die Presse ging. Dies dürfte der Grund gewesen sein dafür, dass Virginia mit ihr Kontakt aufnahm.

Gastbeitrag und Podcast-Episode von Antonia Popp  

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Quellen

https://zagria.blogspot.com/2013/03/virginia-prince-1912-2009-part-1-youth.html#.YO21RhMzbCU (Hauptquelle)

Basierend auf den Büchern:

“From Man to Woman: The Transgender Journey of Virginia Prince” Richard Docter, 2014

“Virginia Prince: Pioneer of Transgendering” Richard Ekins, 2006

“Transvestia” Archiv: https://vault.library.uvic.ca/collections/6576cedf-1282-4089-8351-08f73f4199b4

Bilder: https://www.uvic.ca/transgenderarchives/collections/virgina-prince/index.php

Podcastempfehlung: https://zurichpridefestival.ch/podcast/ (auch bei Spotify und Apple Podcasts) Interessante Folge z.B. zum Thema Transgender: «Trans und zum Islam konvertiert» vom 31.1.2021

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Artwork und Musik: Uwe Sittig 

Frauenleben-Hosts: Susanne Popp und Petra Hucke 

Frauenleben-Podcast 

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Bertha Pappenheim war Frauenrechtlerin, sprach sich aber gegen Frauenwahlrecht und Abtreibung aus. Sie war Sozialaktivistin, sprach sich aber dagegen aus, dass Menschen für Sozialarbeit bezahlt wurden. Sie übersetzte A Vindication of the Rights of Woman von Mary Wollstonecraft sowie die Memoiren von Glikl bas Judah Leib. Außerdem war sie Anna O. – die junge Frau hinter Sigmund Freuds psychoanalytischer Fallstudie zur sogenannten Hysterie, der Modekrankheit des 19. Jahrhunderts.

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Bertha Pappenheim selbst sprach in in ihrem späteren Leben nie mehr über ihre Erfahrungen mit ihrem Dr. Josef Breuer und seiner Psychoanalyse (die er noch nicht so nannte). Doch auch die modernen Biografien, in denen die Autorinnen behaupten, man solle Bertha Pappenheims spätere soziale Arbeit viel stärker betonen als die wenigen Jahre ihrer Krankheit, nehmen bereits in ihren Titeln immer wieder darauf Bezug. Das leicht Skandalöse, Dramatische dahinter zieht. Und so – shame on us – reden auch wir in dieser Folge darüber …

Bertha Pappenheim während ihres Aufenthalts im Sanatorium Bellevue 1882
Fotograf unbekannt, Quelle: Wikipedia

Bertha Pappenheim, die bereits früh schneeweiße Haare bekam, heiratete nie, sondern konzentrierte sich als Erwachsene auf Wohltätigkeitsarbeit. So erzählen wir auch von ihrer Zeit in Frankfurt am Main und der Gründung eines Waisenhauses für jüdische Mädchen und Frauen in Neu-Isenburg sowie von ihren Tätigkeiten im Jüdischen Frauenbund und ihren Reisen durch Osteuropa, wo sie sich Kinderheime und Bordelle ansah. Sie sprach mit Politik, Polizei und sogar einer Königin. Ihr großes Ziel war es, dass die armen, ungebildeten jüdischen Familien dort nicht mehr auf Menschenhändler hereinfielen, die den Frauen und Mädchen das Blaue vom Himmel – genauer: Arbeit und Auskommen versprachen, um sie in Deutschland als Prostituierte zu verkaufen.

Wie es vielen Menschen geht, die ihrem Leben einer solchen Aufgabe verschreiben, hatte Bertha Pappenheim oft Angst, niemals genug tun zu können. Doch viele ihrer Mitstreiter*innen und „Geretteten“ haben sie stets verehrt.

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Ergänzungen:

Susanne fragte nach Bertha Pappenheims Bruder. Wilhelm hieß er. Gefunden habe ich nur, dass sie gemeinsam beim Erforschen ihres Stammbaums herausgefunden haben, dass sie mit Glikl verwandt sind. Also hatten die beiden auf jeden Fall im Erwachsenenalter noch Kontakt.

Das erwähnte Buch von Irvin D. Yalom heißt Und Nietzsche weinte. (Und ja, einen Film gibt es davon auch!) Empfehlen kann ich allen, die sich für Psychoanalyse und -therapie interessieren, außerdem Yaloms Memoiren Wie man wird, was man ist. Und, wenn wir grad beim Thema sind: Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden von Lori Gottlieb.

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Quelle:
Marianne Brentzel: Sigmund Freuds Anna O. Das Leben der Bertha Pappenheim. Biografie, Reclam Verlag, Leipzig 2004.

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Artwork und Musik: Uwe Sittig

Frauenleben-Hosts: Susanne Popp und Petra Hucke

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Noch mit 90 Jahren sitzt die US-Amerikanerin Betty Ann Dodson im Fernsehstudio und klärt Frauen über Gleichberechtigung und Selbstständigkeit auf – zu erreichen durch befreiten Sex und Masturbation. Denn wenn Frauen ihren eigenen Körper kennen und lieben, können sie viel selbstbewusster durchs Leben gehen.

Diese Podcastfolge über The Women’s Guru of Self-Pleasure (NYT) ist unser kleiner Beitrag zum Karfreitag … gegen die verklemmte katholische Sexualmoral …

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Ihre Initialen formen das Wort BAD – schlecht, böse, verdorben. Und das nimmt sich bereits die junge Betty zum Vorbild, als sie im Mittleren Westen aufwächst und mit der rigiden Sexualmoral der Dreißiger, Vierziger, Fünfziger Jahre so überhaupt nichts anfangen kann. Warum soll sie als Frau ihre Lust nicht zeigen? Warum darf sie sie sich selbst nicht einmal eingestehen?

Eigentlich möchte sie Modeillustratorin werden und studiert an der National Academy of Design in New York City. Aber als sie zum ersten Mal im Museum alte Renaissance-Aktgemälde sieht, ist es um sie geschehen. Genau so etwas will sie zeichnen.

Und so etwas will sie selbst erleben. Betty Dodson begibt sich in den nächsten Jahrzehnten auf eine Reise ins Reich ihrer eigenen Sexualität und macht vor (fast) nichts und niemandem Halt. In den Sechzigern und Siebzigern – zur Zeit der sexuellen Revolution – ist sie dabei zum Glück nicht allein. Sie möchte ihre eigenen Grenzen austesten und überschreiten, auch wenn ihr das nicht immer leicht fällt.

Quelle: Pinterest

Bald erkennt sie außerdem, dass sie anderen Frauen viel über ihre Körper und ihr sexuelles Erleben beibringen kann und beginnt eine Reihe von Workshops mit „Genital Show and Tell“ (bei dem die Frauen ihre eigene Vulva betrachten und bewundern lernen) und der Vermittlung von Praktiken für Masturbation und Partnersex.

Auch ihre Kunst kommt nicht zu kurz. Sie stellt ihre Bilder aus und verkauft sie, auch wenn es oft in ihrem Leben Phasen gibt, in denen sie kaum Geld hat.

Sie schreibt für das Ms. Magazine – Selbstbefriedigung ist für sie radikaler Feminismus – und veröffentlicht das Buch Liberating Masturbation. A Meditation on Self-Love, das Ende der Achtziger von einem großen Verlag „entdeckt“ wird. Und noch mit 90 Jahren sitzt sie bei Gwyneth Paltrow im Goop Lab (Netflix-Serie) und assistiert ihrer Geschäftspartnerin Carlin bei laufender Kamera, bis diese zum Orgasmus kommt.

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We’re very dangerous when we’re knowledgeable

Betty Dodson in „The Goop Lab with Gwyneth Paltrow“

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Nachtrag: Susanne fragt in der Folge danach, was Betty Dodson wohl zu #metoo zu sagen hatte. Hier gibt es ein Interview bei InsideHook, in dem sie darüber spricht.

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Quelle:
Betty Dodson: Sex by Design – The Betty Dodson Story, Eigenverlag 2010

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Website Betty Dodson & Carlin Ross. Better Orgasms. Better World

Bettys Bücher Sex for One – Die Lust am eigenen Körper und Sex for Two – Gemeinsam Lust empfinden

The Goop Lab with Gwyneth Paltrow, Folge 3, „Das Vergnügen ist ganz meinerseits“ auf Netflix

Zwei Aufklärungsbücher aus früheren Jahrhunderten, die wir erwähnen:
Geheime Belehrung über den Ursprung des Menschen und nöthige Warnungen für junge Mädchen zur allerfrühesten Bewahrung ihrer Unschuld (1789)
Dr. Karl Weißbrodt: Die eheliche Pflicht: Ein ärztlicher Führer aus Uromas Zeiten (1897, Neuauflage bei Heel 2011)

Der Podcast-Klassiker zur finanziellen Weiterbildung: Madame Moneypenny mit Natascha Wegelin

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Artwork und Musik: Uwe Sittig

Frauenleben-Hosts: Susanne Popp und Petra Hucke 

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Die Schweizerin aus gutbürgerlichem Hause war Juristin, Journalistin und Frauenrechtlerin. Scharfzüngig und hellsichtig analysierte sie die Geschlechterverhältnisse in der Schweiz. In ihrem Werk „Frauen im Laufgitter“, erschienen 1958, kritisiert sie, dass den Frauen oft nur berufliche „Abfallarbeit“ zugestanden werde. Sie verurteilt den „Haushaltsfron“, problematisiert Ehe und Mutterschaft sowie die politische Unmündigkeit der Frauen und propagiert überdies sexuelle Selbstbestimmung und freie Liebe. 

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Iris von Roten, geborene Iris Meyer, war ein ausgesprochen reflektierter Mensch. Und sie war bei aller intellektueller Schärfe ein sinnlicher Mensch. Sie liebte Literatur, Kunst und Kunstgeschichte und stellte schon als junges Mädchen fest, dass Arbeit und Genuss sich im Leben eines Menschen die Waage halten sollten. Die Rolle, welche die Gesellschaft für Frauen vorgesehen hatte, behagte ihr hingegen ganz und gar nicht.  

Sie studiert Rechtswissenschaften an der Universität Bern, fällt auf durch ihre Intelligenz, ihre selbstbewusste Haltung und ihren Sinn für Mode. Nach ihrer Dissertation arbeitet sie als Journalistin, unter anderem als Chefredakteurin des Schweizer Frauenblatts. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Peter von Roten, den sie während ihres Studiums kennengelernt hat, betätigt sie sich auch als Anwältin. Bereits 1948 beginnt sie mit den Recherchen für ihr Hauptwerk „Frauen im Laufgitter. Offene Worte zur Stellung der Frau“, das 1958 erscheint. 

efef-Verlag, Neuauflage 2014 mit einem Nachwort von Elisabeth Joris

Zu dieser Zeit dürfen Frauen in der Schweiz noch nicht wählen. Im Februar 1959 soll darüber abgestimmt werden – und ihr feministischen Manifest feuert die Debatten rund um das Thema Frauenwahlrecht an. Iris von Roten wird als wütend und aufrührerisch wahrgenommen und als „streitsüchtige Hysterikerin“ diffamiert. Selbst Frauenverbände distanzieren sich von ihr, da sie sich mit vielen ihrer radikalen Positionen nicht anfreunden können. Insbesondere ihre Auffassung von selbstbestimmter Sexualität findet bei ihren Geschlechtsgenossinnen keine Zustimmung. Dass Iris und Peter von Roten selbst ein unkonventionelles Beziehungsmodell leben, welches nicht strikt monogam ist und Haushalt und Kindererziehung auf beide Ehepartner verteilt, dürfte die Ablehnung zusätzlich verstärkt haben. 

Die „Simone de Beauvoir der Schweiz“ wird sie auch genannt und eine solch faszinierende Persönlichkeit hat natürlich einen Ehrenplatz in unserem Frauenleben-Podcast verdient. Diese Folge beruht auf der Doppelbiografie „Verliebte Feinde“ des Historikers Wilfried Meichtry, dem umfangreiches Archivmaterial für seine Arbeit zur Verfügung stand, unter anderem Tagebücher von Iris von Roten sowie der Briefwechsel des Ehepaars Iris und Peter von Roten. 

Quelle: 

Wilfried Meichtry, Verliebte Feinde. Iris und Peter von Roten. Nagel & Kimche 2012

Weiterlesen:

Frauen im Laufgitter. Offene Worte zur Stellung der Frau. Neuausgabe 2014, efef-Verlag

Lesetipp online: 

Mit Iris von Roten “den Problemen des weiblichen Lebens bis an die Wurzel nachgehen”, von Dolores Zoé Bertschinger

Anschauen:

Trailer zum Kino Film „Verliebte Feinde“, Drehbuch von Wilfried Meichtry (Docufiction) 

Iris von Roten interviewt Esther Vilar zu ihrem Buch „Der dressierte Mann“ 

Artwork und Musik: Uwe Sittig

Frauenleben-Hosts: Susanne Popp und Petra Hucke 

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Rachel Carson war Meeresbiologin, Journalistin, Schriftstellerin und Pionierin des Nature Writing. In den 1960er Jahren war sie in den USA eine richtige Heldin, nachdem sie in ihrem Meisterwerk Der stumme Frühling auf die skandalöse Umweltverschmutzung durch Pestizide aufmerksam machte.

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Wenn Lucy von den Peanuts ein Fangirl ist, kann eigentlich nichts Großartigeres mehr folgen:

Rachel Louise Carson wird am 27. Mai 1907 in Springdale, Pennsylvania, geboren. Die Region um Pittsburgh ist industriell geprägt, und Luft und Wasser sind furchtbar ungesund, es stinkt. Ihre Schwester Marian ist zehn Jahre älter, ihr Bruder Robert acht. Ihre Mutter Maria stammt aus gutem Haus und hat als Klavierlehrerin gearbeitet. Sie hat deutlich größeren Einfluss auf Rachels Leben als der Vater, der Gelegenheitsarbeiter ist und es kaum je auf einen grünen Zweig geschafft. Die Familie kämpft mit der Armut.

Sie leben jedoch in einem kleinen Haus im Grünen, und Maria unterstützt Rachels Interesse an der Natur und ihre Liebe zur Literatur. Die beiden haben eine enge Beziehung. Rachel gewinnt erste Schreibwettbewerbe und schließt die High School als Klassenbeste ab.

Englisch oder Biologie?

1925 bekommt sie ein Stipendium und studiert am Pennsylvania College for Women, deren Präsidentin und Dekanin sich immer wieder für eine gerechte Finanzierung ihrer nur für Frauen geöffneten Universität einsetzt.

Rachel wählt Englisch als Hauptfach und veröffentlicht eigene Texte in der Unizeitung. Am Wochenende kommt regelmäßig Mutter Maria zu Besuch – vermutlich ein seltsamer Anblick für die restlichen Studentinnen. Rachel gilt entsprechend als Eigenbrötlerin, wenn auch als humorvoll und hilfreich, und hat nur wenige enge Freundinnen.

Im dritten Jahr wechselt sie zu Biologie. Diese Entscheidung kommt nicht von ungefähr, hat sie doch schon früh Naturforschungen betrieben. Unterstützt wird sie von Mary Scott Skinker, einer Lehrerin, die sie fasziniert. Sie muss viel aufholen und lernt eifrig.

Im Sommer 1929 macht sie ein Praktikum am Marine Biological Laboratory (MBL) in Woods Hole, südlich von Boston. Zum ersten Mal in ihrem Leben sieht sie das Meer – und die Weichen scheinen gestellt. Ihren Master möchte sie danach in Zoologie an der Johns Hopkins University machen. Auch hier erhält sie ein Stipendium, aber das Geld reicht trotzdem hinten und vorne nicht. In der allgegenwärtigen Finanzkrise – im Oktober 1929 schockiert der Black Friday das ganze Land – ist die Arbeitssuche nicht einfach, bis sie schließlich eine Stelle als Laborassistentin findet.

Arbeit beim Fish and Wildlife Service

Wegen des fehlenden Geldes muss sie auch den Traum aufgeben, eine Doktorarbeit zu schreiben. Nach ihrem Master-Abschluss 1932 bekommt sie ihre erste Vollzeitstelle bei der US-Fischereibehörde und darin beim Fish and Wildlife Service (FWS). Es ist jedoch zum Glück ganz und gar nicht die übliche Sekretariatsarbeit, die sie dort als Frau zugewiesen bekommt. Als ihr Chef erfährt, dass sie gut schreiben kann, verfasst sie die Texte für eine geplante Radiosendung sowie Broschüren für die Öffentlichkeit. Dabei kommt sie mit Experten, Laborarbeitern und Fischern ins Gespräch, besucht Feldstationen und kann sogar selbst erste professionelle Beobachtungen anstellen. Auch Zeitungsartikel über Überfischung und Flussverschmutzungen sowie die Probleme von Dammbauten schreibt sie. Neben den Fischen wendet sie sich anderen Tieren, insbesondere den Vögeln, zu.

Schließlich nimmt der Atlantic, eine der renommiertesten Zeitschriften der USA, einen Text von ihr an, und Rachel, die immer gedacht hat, dass sie sich für die Literatur oder die Wissenschaft entscheiden muss, versteht nun, dass sich beides ideal vereinbaren lässt. Allerdings veröffentlicht sie anfangs geschlechtsneutral unter dem Namen R. L. Carson.

Ihre Familie ist inzwischen mit ihr nach Baltimore gezogen. 1935 stirbt ihr Vater plötzlich, ihre Schwester Marian nicht viel später. Ihr Bruder kümmert sich nicht um die Familie, und so hat Rachel die Aufgabe, sich weiterhin ihrer älter werdenden Mutter anzunehmen.

Ihr erstes Buch: Under the Sea-Wind

Im Jahr 1938 fragt der New Yorker Verlag Simon & Schuster an, ob sie ein Buch schreiben möchte, und drei Jahre später erscheint Under the Sea-Wind (dt. Unter dem Meerwind). Darin beschreibt sie in einer Mischung aus wissenschaftlichen Fakten und poetischen Schilderungen das Leben eines Seevogels, eines Fischs und eines Aals. Ein Auszug:

Indem [das Vogelweibchen] Silverbar unmittelbar der zurücklaufenden Strömung folgte, sah sie zwei schimmernde Luftblasen, die sich aus dem Sand hoben, und sie wusste, dass eine Krabbe darunter war. Während sie die Blasen beobachtete, entging ihrem scharfen Auge nicht, dass im wälzenden Aufruhr der Brandung eine Welle aufstand. … Über den tieferen Untertönen der wandernden Flut hörte sie das lichtere Zischen des versprühenden Wellenkammes. Fast im selben Augenblick erschienen die gefiederten Fühler der Krabbe über dem Sand. Silverbar, die gerade unter dem Kamm des grünen Wasserhügels herlief, bohrte ihren geöffneten Schnabel heftig in den nassen Sand und zog die Krabbe heraus.

Zitiert in Dieter Steiner, Rachel Carson. Pionierin der Ökologiebewegung. Eine Biographie. S. 89.

Das Werk erhält gute Kritiken, aber als kurze Zeit später Pearl Harbor angegriffen wird, spielt ein kleines Naturbuch plötzlich keine große Rolle mehr. Die USA treten in den Krieg ein.

Rachel wird währenddessen zur Gewässerbiologin und Informationsspezialistin befördert und zieht mit ihrer Mutter erst nach Chicago, dann nach Washington bzw. Maple Spring in Maryland. Sie wird zur begeisterten Vogelbeobachterin und Mitglied der Audubon Society. Vom FWS wird sie unterdessen auch beruflich auf Feldforschungsexpeditionen in Tierschutzgebiete und Naturparks geschickt, um danach Broschüren über die Vogelwelt, Bisons und Lachse zu schreiben. 1949 übernimmt sie die Hauptredaktion aller Publikationen.

Mit ihrer Agentin Marie Rodell arbeitet sie gemeinsam am nächsten Buch, The Sea Around Us,  erhält wieder ein Stipendium, und Teile werden vorab im renommierten New Yorker und in der Vogue abgedruckt. Es wird ein Bestseller. Neben großer Bekanntheit und viel Geld erhält sie öffentliche Würdigungen und Ehrendoktortitel, aber auch Spott und Misogynie lassen nicht lange auf sich warten.

Verantwortung für den Großneffen

Im Jahr 1952 bekommt Marjorie, die Tochter ihrer verstorbenen Schwester, ein uneheliches Kind. Um einen Skandal zu vermeiden, zieht sie vorübergehend in eine andere Stadt, und die Carsons erzählen allen, dass es natürlich einen Ehemann gebe, der aber leider ganz schnell verstorben sei. Das Kind – Rachels Großneffe – ist ein Junge und wird Roger genannt.

Rachel kündigt ihre feste Stelle beim FWS, um nur noch zu schreiben und dafür zu forschen. Das gibt ihr nicht nur viel mehr freie Zeit, sondern auch die Möglichkeit, offener politische Strömungen und Entscheidungen zu kritisieren, zum Beispiel, als 1953 die Regierung wechselt und Nationalparks für wirtschaftliche Interessen freigibt.

Rachel baut sich ein Häuschen in Maine, wo sie ihre Nachbarin Dorothy Freeman und deren Mann Stanley kennenlernt. Es entwickelt sich eine dauerhafte, zeitintensive, liebevolle Brieffreundschaft. In den nächsten Jahren veröffentlicht sie den dritten Teil ihrer Meerestrilogie, The Edge of the Sea, der leider nicht ganz so erfolgreich ist, sie schreibt die Texte zu einem Film über Wolken, trägt zu einer Anthologie bei und schreibt ein Vogelbuch.

Die Familie vereinnahmt sie auch weiterhin, Mutter Maria ist inzwischen Mitte achtzig und pflegebedürftig, der Bruder hilft weiterhin nicht. Ihre Nichte Marjorie verstirbt, und Rachel, selbst schon 47 Jahre alt, übernimmt die Verantwortung  für ihren Großneffen Roger. Sie ziehen nach Silver Spring in Maryland um, und Rachels geliebte Katzen ziehen mit.

Das Dreckige Dutzend

In den kommenden Jahren arbeitet Rachel an dem Werk, das ihr den endgültigen Ruhm sichert: Silent Spring (dt. Der stumme Frühling).

Ausschlaggebend sind die verheerenden Umweltverschmutzungen der 1950er und 1960er Jahre, die immer mehr in das Bewusstsein der Bevölkerung vordringen – nicht zuletzt, weil auch das Wappentier der USA, der Weißkopfseeadler darunter leidet und kurz vor dem Aussterben steht. Dazu kommt der sogenannte cranberry scare, bei dem kurz vor Thanksgiving verlautbart wird, dass ein Großteil der geernteten Cranberrys vom Markt genommen werden müssen, weil sie mit Chemikalien verseucht sind. Der Truthahn hat in diesem Jahr bestimmt nicht gut geschmeckt …

Rachel konzentriert sich auf diese Chemikalien und Insektizide, allen voran Dichlordiphenyltrichlorethan. Das DDT gehört zu den CKW (Chlorkohlenwasserstoffen) und damit zum „Dreckigen Dutzend“. Es wurde schon zu Kriegszeiten eingesetzt, um zum Beispiel amerikanische Soldaten in Süditalien vor dem Fleckfieber zu schützen. Die Kriegsrhetorik wurde dabei auch auf diese zu verspritzenden Mittel ausgeweitet:

Neben den Auswirkungen des Japsen-Stahls fürchten unsere Kämpfer im Fernen Osten am meisten den Stich des Moskitos. Neben dem Getöse eines Japsen-Bombern haben sie Angst vor dem Summen dieser tropischen Plage, die eine tödliche Ladung von Malaria- und Gelbfieber-Erregern mit sich führt … In den Vereinigten Staaten hat der Mangel an Arbeitskräften dazu geführt, dass Millionen von Acres ungepflügt daliegen und dem frischen Übergriff von hungrigen Insektenhorden freien Raum bieten … Onkel Sam, der in einem Weltkrieg kämpft, bereitet sich schon auf den nächsten vor – und dieser wird eine lange und bittere Schlacht sein, um die kriechenden, zappelnden, fliegenden, grabenden Milliarden zu vernichten, deren Zahlen und Verwüstungen menschliches Verständnis übersteigen.

Zitiert in Dieter Steiner, Rachel Carson. Pionierin der Ökologiebewegung. Eine Biographie. S. 206.

Seit 1945 sind DDT und ähnliche Stoffe auch für die Öffentlichkeit erhältlich, und natürlich gibt es Warnungen, dass es sich um Gift handelt und nicht nur die gewünschten Insekten sterben und ganze Ökosysteme in Gefahr geraten, aber der Bevölkerung  gegenüber wird dies verharmlost. Und die Regierung wird selbst – und in viel verheerenderem Maße aktiv: Ganze Wälder werden vom Flugzeug aus besprüht, um sogenannte Schädlinge wie die Feuerameise, den Japankäfer oder den Schwammspinner loszuwerden. Die Ironie ist natürlich, dass zahlreiche andere Insekten, Vögel, Säugetiere und Pflanzen sterben und gerade die Schädlinge sich danach noch viel schneller verbreiten, weil jegliche natürliche Abwehrmechanismen nicht mehr funktionieren. Auch Resistenzen entstehen.

Proteste von Anwohner*innen, deren Häuser, Grundstücke und draußen spielenden Kinder von der flächendeckenden Behandlung betroffen sind, beschweren sich an offizieller Stelle, aber der Nutzen für die Gemeinschaft wird höher angesehen als die vermeintliche Beschädigung und der Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht.

Es werden Vergleiche herangezogen: Diese Behandlung ist in etwa so, als ob man sich selbst skalpiert, um Schuppen loszuwerden. Oder als ob man mit dem Maschinengewehr in eine Gruppe Freunde schießt, um einen Dieb dazwischen zu erwischen.

(Und auch wenn man sich fragen mag, wie jemals jemand so etwas für eine gute, sinnvolle Idee gehalten hat, werden sich die Menschen in einigen Jahrzehnten hoffentlich fragen, wie wir jemals viel zu viele „Nutztiere“ in enge Ställe stellen und mit Antibiotika vollpumpen können, die sich nachweisbar in unserem Trinkwasser wiederfinden … (Die Antibiotika, nicht die Tiere.))

Was auch erst langsam klar wird: DDT und Konsorten schädigen das Ökosystem nicht nur einmal. Bioakkumulation oder Biomagnifikation bedeutet, dass sich die Gifte in den Organen anlagern und in der Nahrungskette nach oben weitergegeben werden. Die gemessenen Werte in Tieren können also nach und nach viel höher sein als die Mengen, die eigentlich versprüht wurden. Und es sind immense Mengen.

Rachel Carsons Meisterwerk: Silent Spring

Über diesen ganzen Komplex an chemikalischen, biologischen und politischen Faktoren schreibt Rachel innerhalb von vier Jahren ihr Buch Silent Spring (dt. Der stumme Frühling). Dass sie nicht mehr für den Staat arbeitet, war damit endgültig eine gute Entscheidung.

Sie erhält heimlich Hilfe von ganz verschiedenen Mitarbeiter*innen bei Behörden und holt sich Unterstützung von Fachleuten, damit die Fakten hundertprozentig stimmen. Sie rechnet bereits mit Kritik und Hass, unter anderem natürlich aus der Industrie, die mit ihren Insektiziden eine halbe Milliarde Dollar Umsatz pro Jahr macht. Rachel achtet penibel darauf, keine Markennamen zu nennen, weiß sie doch, dass Wirtschaft und Wissenschaft oft miteinander eng verbunden sind.

Sie spricht sich in ihrem Buch nicht vollständig gegen Insektizide aus, sondern möchte vor allem darauf hinweisen, dass man nicht immer glauben darf, etwas sei sicher, nur weil Autoritäten es behaupten. Sie befürwortet mehr Forschung im Vorhinein und eine fokussiertere Anwendung bei wirklichen Schädlingen sowie biologisch sanftere Methoden, die es teilweise schon gibt. So könnten zum Beispiel sterilisierte Männchen einer bestimmten Mücke ausgesetzt, falsche Lockstoffe verbreitet oder Fressfeinde gestärkt werden.

Eine schwere Diagnose

In dieser Zeit wird bei Rachel eine Brustkrebserkrankung diagnostiziert. Sie wird dies jedoch bis zum Ende geheimhalten, damit ihr Buch nicht als eine persönliche Abrechnung oder ähnliches angesehen wird. Für sie ist es jedoch erst einmal schwierig genug, die Wahrheit über ihre eigene Krankheit zu erfahren. Nach ihrer Mastektomie informieren die Ärzte sie nicht über die Bösartigkeit des Tumors, denn damals erfährt so etwas nur der Ehemann – den es in Rachels Fall aber ja nicht gibt. Erst ein befreundeter Arzt sagt ihr die Wahrheit. Rachel entscheidet sich für eine Bestrahlung und gegen eine Chemotherapie. Im Jahr 1958 stirbt dann auch noch ihre geliebte Mutter.

Dennoch lässt sie sich nicht unterkriegen. Sie schreibt an ihre Freundin Dorothy:

Letztes Jahr … ging ich in mich, wie Du Dir vorstellen kannst, und es war mir klar, dass ich, sollte meine Zeit bald abgelaufen sein, vor allem anderen dieses Buch fertig stellen will. … Aber jetzt, da es den Anschein macht, ich könnte dieses Ziel irgendwie erreichen, bin ich natürlich nicht zufrieden – nun möchte ich noch Zeit haben für das Help-Your-Child-to-Wonder-Buch und das große Man-and-Nature-Buch. Und dann gibt es noch mehr, denke ich – wenn ich bis 90 am Leben bleibe, will ich weiterhin etwas zu sagen haben.

Zitiert in Dieter Steiner, Rachel Carson. Pionierin der Ökologiebewegung. Eine Biographie. S. 240/241.

Negative Reaktionen auf Silent Spring

Natürlich bleiben die negativen Reaktionen auf ihr Buch nicht aus. Bevor es ans Inhaltliche geht, kommen die üblichen Einwände – eine hysterische Frau und alte Jungfer wie Rachel Carson hat doch keine Ahnung, wovon sie spricht. Sie hat ja nicht einmal einen Doktortitel. Sie ist eine Kommunistin, eine Feministin und/oder eine typische Bio-Spinnerin, die viel zu simpel argumentiert. (Als sie einmal gefragt wird, ob sie Feministin sei, sagt sie, dass es sie nicht interessiere, ob ein Mann oder eine Frau etwas getan habe, sondern nur, ob es gut geworden sein.)

Es werden ihr Klagen angedroht, aus denen aber nie etwas wird, und die Firmen geben sich stattdessen Mühe, in Werbung und Marketing weiterhin auf die positiven Aspekte ihrer Produkte zu setzen.

Positive Reaktionen auf Silent Spring

Im Allgemeinen wird das Buch jedoch finanziell und gesellschaftlich ein großer Erfolg.

Wieder werden Teile im New Yorker vorabgedruckt, und die Medien betiteln es als „Onkel Toms Hütte des 20. Jahrhunderts“. Sie erhält eine schriftliche Danksagung von ihrem Idol Albert Schweitzer, dem sie das Buch gewidmet hat, und zahlreiche Auszeichnungen. Zudem wird sie in die prestigeträchtige American Academy of Arts and Letters aufgenommen.

Am wichtigsten ist jedoch wohl, dass Präsident John F. Kennedy bereits den Vorabdruck zu lesen bekommt und eine Untersuchung aller Behörden beauftragt, was die Verwendung von Pestiziden angeht. Die Ergebnisse dieser Untersuchung geben Rachel recht. Empfohlen werden mehr Vorsicht mit den Chemikalien und, besser noch, die Suche nach biologischen Alternativen. Auch die Öffentlichkeit soll besser aufgeklärt werden.

Nach und nach werden in einigen Staaten Gesetze entworfen, die es zum Beispiel erlauben, seinen eigenen Grund vor Sprühaktionen zu schützen, die mehr Forschungen ermöglichen und dafür sorgen, dass nur noch vollständig untersuchte Chemikalien verkauft werden. (Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte wird jedoch deutlich werden, dass neue Wirkstoffe nicht unbedingt besser sind als das gute, alte DDT. Ganz im Gegenteil – beim DDT ließen sich die Schäden zumindest schneller bestimmen und zuordnen.)

Die letzten Jahre

Rachel tritt vor Komitees, bei Konferenzen und im Fernsehen auf, muss sich jedoch immer weiter zurückziehen. Der Krebs hat gestreut, und Schmerzen in Rücken und Hüfte machen ihr die Arbeit unmöglich. Behandlungen schlagen kaum noch an. Sie bestimmt, dass ihr schriftlicher Nachlass an eine Yale-Bibliothek gehen soll. Sie richtet einen Fonds für ihren Großneffen Roger ein, versäumt es jedoch, einen neuen Vormund zu bestimmen. Nach einer Operation bekommt sie einen Herzinfarkt und stirbt am 14. April 1964. Ein Teil ihrer Asche wird von Dorothy Freeman an der Küste verstreut.

Eine letzte Sache: Die Beziehung zu Dorothy Freeman

Rachel hat nie geheiratet. Das kann mit ihrer Berufung als Schriftstellerin zu tun haben und mit der Verantwortung für Roger und ihre Mutter – es kann aber auch daran liegen, dass sie kein Interesse an Männern hatte. In Dieter Steiners Buch wird darauf nur kurz mit dem Hinweis eingegangen, dass uns Rachels sexuelle Orientierung nichts angeht, und das ist zwar wahr – gleichzeitig sollte jedoch berücksichtigt werden, dass sie sie in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, in denen ihre eigene Nichte weggeschickt wurde, um in aller Heimlichkeit ihr uneheliches Kind zu bekommen, vielleicht verschweigen musste. Swantje Koch-Kanz und Luise F. Pusch gehen in ihrem Beitrag „Die schönsten Äußerungen der Liebe, die ich je gelesen habe“ in Berühmte Frauenpaare genau davon aus.

Rachel und Dorothy leben meist 800 Kilometer voneinander entfernt und können sich nicht räumlich, körperlich nahe sein. Zudem bleibt Dorothy die ganze Zeit mit ihrem Mann Stan verheiratet, und er wird in den Briefwechsel immer wieder einbezogen. Auch Rachels Familie bekommt viel davon zu lesen. Gleichzeitig stecken die beiden Frauen aber immer wieder kleine „Äpfel“ in die Umschläge – Extrabriefe, die nur für die Augen der jeweils anderen gedacht sind. Nur darin nennen sie sich „Darling“, und nach einem Anruf schreibt Rachel einmal: „Brauchtest Du wirklich den Klang meiner Stimme? So sehr, wie ich Deine Stimme brauchte?“ (S. 277) Es sind wirklich zärtliche Worte, die sie austauschen. Und auch, wenn uns alles Nähere nichts angehen mag, so soll diese Beziehung, die für Rachel vielleicht die engste ihres Lebens war, nicht unter den Tisch gekehrt werden.

Quellen:
Swantje Koch-Kanz und Luise F. Pusch: Rachel Carson und Dorothy Freeman. In: Joey Horsley und Luise F. Pusch (Hrsg.): Berühmte Frauenpaare. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005.
Dieter Steiner: Rachel Carson. Pionierin der Ökologiebewegung. Eine Biographie. oekom, München 2014.

Weitere Bücher über Rachel Carson:
Martha Freeman (Hrsg.): Always, Rachel. The Letters of Rachel Carson and Dorothy Freeman. 1952–1964. An Intimate Portrait of a Remarkable Friendship. Beacon Press, Boston 1995.
Linda Lear: Rachel Carson. Witness for Nature. Mariner Books, Boston 2009.

Bücher von Rachel Carson (zahlreiche deutsche Übersetzungen, teilweise antiquarisch erhältlich):
Under the Sea-Wind. Oxford University Press, New York 1941.
The Sea Around Us. Oxford University Press, New York 1950.
The Edge of the Sea. Houghton Mifflin, Boston 1955.
Silent Spring. Houghton Mifflin Company, Boston 1962.

Links:
Rachel Carson Center for Environment and Society der Uni München

Artwork und Musik: Uwe Sittig

Frauenleben-Hosts: Susanne Popp und Petra Hucke 

Podcast-Website: Frauenleben-Podcast 

Instagram: https://www.instagram.com/frauenleben.podcast/

Dorothea Christiane Erxleben war im 18. Jahrhundert die erste promovierte Ärztin Deutschlands, setzte sich für die Bildung von Frauen ein und kämpfte gegen Vorurteile an, die schon auf die Griechen zurückgehen.

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An einem schönen Frühsommertag 2019 in Quedlinburg. Bei unserem Streifzug zu Beginn unseres Urlaubs spazieren wir durch das Städtchen mit der jahrtausendealten Geschichte und landen schließlich im Klopstockmuseum. Die Stimmung ist ein wenig gedämpft. Verträumt und träge liegen die Häuser und Gassen im Schatten des Klosterberges, der die Stadt beherrscht. 

Quedlinburg Klopstockhaus (wikimedia). Von Michael Mertens, Darmstadt.

Kämpferin für die Rechte der Frauen

Ein paar Studenten haben die Säule vor dem Museum mit langen Papierstreifen umwickelt, auf denen Gedichte stehen. Eine spielerische Einladung, sich ein Stück Lyrik abzureißen, zu lesen und mitzunehmen. Ich bin sofort verzaubert. Wir treten ein. Der freundliche ältere Herr mit dem feinen Lächeln, der an der winzigen Theke die Besucher empfängt, scheint schon seit Jahrhunderten hier auf uns zu warten. Früher trug er wahrscheinlich ein Barrett, heute ein Jackett. In dieser ein wenig entrückten Stimmung also begegnet mir Dorothea Erxleben zum ersten Mal, denn in dem kleinen Raum gleich links hat man ein Gedenkzimmer für diese berühmte Tochter der Stadt Quedlinburg eingerichtet. Dabei war sie natürlich alles andere als eine Träumerin. Im Gegenteil, sie stand mit beiden Beinen fest im Leben und ließ sich durch nichts von den Zielen, die sie sich für ihr Leben gesteckt hatte, abbringen. Sie war die erste promovierte Ärztin Deutschlands, erfahren wir. Und sie war eine Kämpferin für die Rechte der Frauen. Ihre Streitschrift mit dem Titel «Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studieren abhalten», liegt in einem Reprint aus. 

Meine Neugierde ist geweckt und als wir nach interessanten Frauen für unseren Podcast Ausschau halten, fällt mir natürlich Dorothea Erxleben als Erstes wieder ein. In der Unibibliothek besorge ich mir einen Nachdruck ihrer im altertümlichen Deutsch des 18. Jahrhunderts verfassten Streitschrift. Es ist die einzige ihrer Art in Deutschland in der damaligen Zeit. Ein Aufruf, Frauen die gleiche Erziehung zukommen zu lassen wie Männern. 250 Seiten schreibt sie, nach 410 Paragrafen geordnet, und setzt sich mit Fragen auseinander wie 

  • Ob Weyber Menschen seyn
  • Dass die Vernunft der Weyber nur eine halbe Vernunft sey
  • Gelehrsamkeit schicke sich nicht für dieses Geschlecht, da dasselbe keinen Nutzen davon zu erwarten habe.

Sie ist 22 Jahre alt, als sie diese Schrift verfasst, und es ist ihr Vater, der vier Jahre später dafür sorgt, dass sie publiziert wird. Eine bemerkenswerte Familie, denn Dorothea Christina Leporin, so ihr Mädchenname, kämpft gegen Vorurteile an, die schon auf die Griechen zurückgehen. Aristoteles zum Beispiel begriff «Mann und Frau» als ein kosmologisches Prinzip, ebenso wie die vier Elemente Feuer, Luft, Wasser und Erde. Männer galten als heiß und trocken, Frauen als feucht und kalt – Frauen galten als minderwertiger wegen der geringeren Hitze des weiblichen Körpers. Eine Auffassung die bis Ende des 18. Jahrhunderts vorherrschte und nicht wirklich herausgefordert wurde. Nur der Mann ist demnach die aktive Kraft, er legt den Samen in die passive Frau. (Die weibliche Eizelle wurde erst 1827 entdeckt!) 

Geburtshaus von Dorothea Erxleben, Foto: Christian Bickel. Wikimedia

Seit dem Mittelalter wurde diese Auffassung von den christlichen Scholastikern gelehrt. Und die Diffamierung der Frauen durch die katholische Kirche fand auch auf andere Art und Weise ihre Fortsetzung. Jahrhunderte lang wurde die Minderwertigkeit der Frau beispielsweise damit erklärt, dass Eva aus der Rippe des Adams gemacht und folglich ihm untergeordnet sei. Diese Auffassung wurde dann allerdings irgendwann auch theologisch herausgefordert, beispielsweise von dem Humanisten Heinrich Cornelius von Nettersheim (1529), der Eva als Gottes Meisterstück bezeichnet hat, weil er sie als Letztes erschaffen habe. 

Doch all diese Diskussionen änderten nichts an der sozialen und gesellschaftlichen Rolle der Frau, in der auch Dorothea sich wiederfand und mit der sie zurechtkommen musste. Nicht nur das, sie hat sie akzeptiert. Nur die Unwissenheit der Frau akzeptierte sie nicht. 

Ihre außergewöhnliche Streitschrift adressiert sowohl Männer als auch Frauen. Gegenüber den Männern gibt sie sich bescheiden. Kein Wunder, denn das ist die einzige Möglichkeit, gehört zu werden. Gegenüber den Frauen ist sie direkter, sie fordert die Frauen dazu auf, sich nicht hinter falschen Entschuldigungen zu verstecken, und dazu zählt sie fehlendes Selbstvertrauen, Angst für stolz gehalten zu werden oder auch die Angst vor Anstrengung.  Sie sieht zwar ein, dass Frauen, welche einen Haushalt zu führen haben, unter Umständen nicht die Energie haben, sich zu bilden. Doch Frauen, die durch ihren sozialen Status privilegiert seien, hätten diese Ausrede nicht, für sie bestehe kein Grund, ein Leben in Ignoranz zu führen. Solche Frauen sollten sich ihrer Meinung nach selbst weiterbilden. Dorothea weist außerdem die traditionelle Auffassung zurück, dass Frauen mehr als Männer ihren Emotionen ausgeliefert seien und den körperlichen Bedürfnissen unterliegen – sie sagt, dass wenn man bedenkt, was Frauen Tag für Tag leisten müssen, doch viel dafür spricht, dass sie durchaus leistungsfähig sind und durchaus ihre Emotionen unter Kontrolle zu halten vermögen. Einen Haushalt zu führen und Kinder zu erziehen seien schließlich anspruchsvolle Tätigkeiten. 

Es geht ihr dabei nicht um eine gesellschaftliche oder soziale Revolution. Sie argumentiert vielmehr, dass Frauen, die ihren Intellekt benutzen, um sich zu bilden, ihre täglichen Pflichten besser erfüllen und wahrnehmen können. Sie könnten ihr Leben besser und effektiver planen und in die Hand nehmen. Sie können auch der Gesellschaft besser dienen. 

Ihr Leben zeigt, dass sie harte Arbeit nicht scheute. Ihre Pläne, in Halle zu studieren, muss sie aufgeben, als sie einen Witwer mit fünf Kindern heiratet. Doch das medizinische Handwerk und das theoretische Wissen dazu hatte sie zuvor schon von ihrem Vater gelernt. Sie hört nicht auf zu praktizieren. Ihre Patienten lieben sie und die anderen Ärzte in Quedlinburg fürchten ihre Konkurrenz. Sie macht sich einen Namen, erwirbt sich einen guten Ruf, und auch die Doktorwürde wird ihr nicht verwehrt, wenn sie ihr Ziel auch erst Jahre später erreicht. Wie sie das geschafft hat? Im Podcast erzählen wir die außergewöhnliche Geschichte dieser außergewöhnlichen Frau. 

Quellen:

Gründliche Untersuchung der Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studiren abhalten. Dorothea Christina Leporin, mit einem Nachwort von Gerda Rechenberg. Hildesheim : Georg Olms, 1975, Nachdruck Originalausgabe: Berlin, Johann Andreas Rüdiger, 1742
Renate Feyl. Der lautlose Aufbruch. Frauen in der Wissenschaft. Diana Verlag.
Ausstellung im Klopstockhaus Quedlinburg

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