Die japanische Geschäftsfrau Tatsuuma Kiyo (1809–1900) baute über Jahrzehnte hinweg die Sake-Brauerei ihrer Familie zu einem Unternehmensimperium aus, und das in einer Zeit, in der Frauen zu Brauereien keinen Zutritt hatten. Ihre Geschichte gibt einen Einblick in die Strukturen von Familienunternehmen im Japan des 19. Jahrhunderts und in die Rolle, die Frauen dabei spielten. Die Sake-Marke Hakushika, die sich aus dem Unternehmen entwickelt hat, ist bis heute eine der großen Sake-Brauereien Japans.

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Ein Gastbeitrag von Antonia Popp

Tatsuuma Kiyo wird 1809 in der kleinen Gemeinde Nishinomiya in der Region Nada bei Osaka geboren. Sie ist das einzige Kind einer Kaufmannsfamilie, die seit 1662 eine mittelgroße Sakebrauerei betreibt. Frauen durften in Japan zu dieser Zeit offiziell kein Eigentum besitzen und konnten somit auch nicht Familienoberhaupt werden. Gängige Praxis in Kaufmannsfamilien war es daher, einen jungen Mann auszuwählen und umfassend auszubilden, um ihn dann zu adoptieren und mit der eigenen Tochter zu verheiraten. Die adoptierten Schwiegersöhne hießen mukoyoshi und wurden unter strategischen Gesichtspunkten ausgewählt, oft kamen sie aus Unternehmen der gleichen Branche. Dies diente der Stärkung von Geschäftsbeziehungen und gab der talentierten Tochter die Möglichkeit, als Frau des Familienoberhaupts weiter Einfluss auf das Unternehmen auszuüben. Auch der Name des Auserkorenen wurde geändert, und so wird Tatsuuma Kiyo im Jahr 1830 die Ehefrau von Tatsuuma Kichizaemon X, Nachfolger von Kiyos Vater, Tatsuuma Kichizaemon IX.

Tatsuuma Kiyo, Porträt
Das einzige bekannte Bild von Tatsu’uma Kiyo.
Quelle: Joyce Chapman Lebra, Women in All-Male Industrie

Die Häuser der japanischen Familienklans

Nach der traditionellen, von den herrschenden Samurai beeinflussten, Familienstruktur bildet jede Familie ein Haupthaus, ein sogenanntes honke, dessen Führung von einem Vater an seinen ältesten Sohn vererbt wird. Jüngere Söhne treten mit ihrer Heirat aus einem Haus aus und gründen ein Nebenhaus, ein bunke. Frauen allerdings verlassen das Haus ihrer eigenen Familie mit ihrer Heirat und werden Teil des Hauses ihres Ehemanns – außer natürlich, dieser wurde gleichzeitig in die Familie adoptiert. Für Kaufmannsfamilien bedeutete dies, dass das Hauptunternehmen im honke vererbt wird, während bunke oft Firmen mit einer engen Geschäftsbeziehung sind, die etwa bei einer Krise als Absicherung dienen können, oder unternehmerisch sowie geographisch in andere Branchen oder Gegenden expandieren und so den Einfluss der Hauptfamilie ausbauen. Auch das strategische Verheiraten von Töchtern, oder das Verschicken der eigenen Söhne als mukoyoshi in andere Unternehmen konnte für zukünftige Investitionen oder wirtschaftliche Krisen wichtige Allianzen bilden. Gute Heiratsverhandlungen erfordern somit diplomatisches Geschick und unternehmerische Weitsicht.

Tatsuuma Kiyo – das Unternehmen Hakushika, das sie mitgeprägt hat,   gibt es seit 1662
Das Unternehmen Hakushika existiert seit 1662.
Quelle: hakushika.co.jp

Familie und Firma bilden eine untrennbare Einheit 

Tatsuuma Kiyo bekommt 6 bis 12 leibliche Kinder (die genaue Anzahl ist nicht bekannt), die sie in strategische Ehen mit Mitgliedern anderer Familienunternehmen vermittelt. Kiyos Ehemann wird 1842 offizielles Familienoberhaupt, wobei man davon ausgehen kann, dass Kiyo schon zu diesem Zeitpunkt einen substanziellen Einfluss auf ihre eigene Familie ausübt. 1855 stirbt ihr Ehemann und Kiyo leitet die Firma nun auch offiziell für eine gewisse Übergangszeit (5 Jahre waren erlaubt), bis ihr Sohn übernimmt. Nach dessen frühem Tod wird das Unternehmen schließlich an die von Kiyo ausgewählte und ausgebildete Schwiegertochter übergeben, für die sie entgegen der gesetzlichen Vorgaben eine längere Übergangszeit von sieben Jahren verhandelt.

Sake als Opfergabe – Illustration für Podcast über Tatsuuma Kiyo
Sake-Opfergaben in Japan – Foto: Susanne Popp

Sake – das traditionelle alkoholische Reisgetränk

Die Sakeproduktion stellt für Frauen im 19. Jahrhundert ein besonders kompliziertes industrielles Umfeld dar, weil ihnen der Zutritt zu den Brauereien selbst verboten ist. Dafür gibt es verschiedene Erklärungen, deren Wurzeln im Buddhismus oder Shintoismus zu suchen sind. So werden Frauen generell als unreine Wesen betrachtet, welche die Qualität des Sake gefährden könnten. Außerdem gilt der Geist des Sake als weiblich. Man fürchtet, dass die Präsenz von Frauen ihn eifersüchtig macht, wodurch das Getränk sauer und ungenießbar werden würde. Tatsuuma Kiyo ist darum auf eine loyale Vertrauensperson angewiesen, die sie im täglichen Geschäft unterstützt. 1843 nimmt sie einen Küchenjunge unter ihre Fittiche, benennt ihn um in Tatsuenosuke (eine Anspielung auf den Familiennamen Tatsuuma) und macht ihn nach umfassender Ausbildung zu ihrer rechten Hand. Mit der Zeit wird er der oberste Buchhalter und Büroleiter des Familienunternehmens. Er vertritt Kiyo in den Brauereiräumen, welche sie nicht betreten darf, sowie bei offiziellen Geschäftstreffen, zu denen sie nicht zugelassen ist. Später trifft er auch eigene Geschäftsentscheidungen und gibt sein Wissen an die Kinder der Familie weiter. Er bleibt Tatsuuma Kiyo und dem Unternehmen bis zu seiner Berentung treu.

Hakushika-Sake Tatsuuma Kiyo
Quelle: hakushika.co.jp

Tatsuuma Kiyo: Weitsichtige Entscheidungen

Der Sake-Handel ist beständigen Unsicherheiten unterworfen. Der stark schwankende Reispreis, Missernten, Bakterienbefall, der den Sake ungenießbar werden lässt, häufige Brände sowie Schiffsunglücke, die den Transport nach Edo, der größten Abnehmerregion, gefährden, verkomplizieren das Geschäft. Eines der größten Verdienste Kiyos ist es somit, ihr Unternehmen durch intelligente Entscheidungen krisensicher zu machen. Sie beginnt, Sake von anderen Brauereien einzukaufen und unter eigenem Namen zu vertreiben, sowie eigenen Sake abzugeben, wenn andere Unternehmen bereit sind, mehr dafür zu bezahlen. Außerdem erweitert sie das Familienimperium in andere verwandte Branchen, beispielsweise den Vertrieb von Quellwasser für die Sakeproduktion. Sie schließt durch Heirat besiegelte Allianzen mit den Familien anderer Brauereien, die eigene Schiffe für den Saketransport besitzen, und schafft schließlich eine eigene Flotte an, um die Logistik des Unternehmens unabhängiger zu machen. Außerdem steigt sie mit einer hauseigenen Währungstauschbörse und Kreditvergabe ins Bankgeschäft ein. Für den Fall, dass Schuldner ihre Schulden nicht mehr begleichen können, lässt sie sich in Ländereien bezahlen, die Immobilien stellen eine zusätzliche Absicherung für die Familie dar. Als nach der Meiji-Revolution andere Gegenden Japans wirtschaftlichen Aufschwung erfahren, baut Kiyo die Schiffsrouten aus, um ebenfalls von dieser Entwicklung zu profitieren.

Tatsuuma Kiyo – das Unternehmen Hakushika, Sake-Brauerei seit 1662

Bis kurz vor ihrem Tod im Jahr 1900 behält Kiyo ihren großen Einfluss auf die Geschicke ihres Familienunternehmens. Sie vermittelt auch Ehen für ihre Enkelkinder und trifft die wichtigsten Personal- und Geschäftsentscheidungen, obwohl auf dem Papier eigentlich andere die Familie vertreten. Unter ihrer Führung verdreifacht sich die Produktionsmenge der Brauerei und ist bei ihrem Tod die größte Sakebrauerei Japans.

1900 stirbt Tatsu’uma Kiyo im Alter von 91 Jahren. Kiyos Geschichte wird 1991 von Dr. Joyce Lebra recherchiert und in einem Artikel veröffentlicht. 

Quellen:

Lebra, Joyce Chapman (1991). Women in an All-Male Industry: The Case of Sake Brewer Tatsu’uma Kiyo. In Recreating Japanese Women, 1600-1945 (pp. 131-148). University of California Press.

History of Hakushika-Sake: https://www.hakushika.co.jp/en/brand/history.html

Artwork und Musik: Uwe Sittig 

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New Journalism, New Woman – Nellie Bly lebt zu einer Zeit in New York, in der so einiges neu erfunden wird. Und sie ist mittendrin. Ihr erster großer Coup: Sie lässt sich als Investigativ-Reporterin in eine Psychiatrie einweisen. Ihr zweiter, noch größerer Coup: Sie will es schaffen, in weniger als 80 Tagen um die Welt zu reisen. Angelehnt an den beliebten Roman von Jules Verne, selbstverständlich. Und Nellie Bly wäre nicht Nellie Bly, wenn es ihr nicht auch gelänge.

Später übernimmt sie dann noch das Unternehmen ihres verstorbenen Mannes, lässt mehrere Patente anmelden und versorgt ihre Arbeiter à la Google mit Pausenraum und gutem Essen, Tischtennisplatte und Pianoforte.

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, ist sie gerade auf dem Weg nach Europa und entscheidet sich, aus dem Kriegsgebiet zwischen Österreich und Serbien wieder als Journalistin zu berichten. Es kommt, wie es kommen muss: Sie wird als Spionin festgenommen …

Nellie Bly ist wieder einmal eine dieser Frauen, die mehrere Leben gleichzeitig gelebt zu haben scheint. Ausführlich erzählen wir davon in dieser neuen Folge.

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Quellen:
Brooke Kroeger: Nellie Bly. Daredevil, Reporter, Feminist. Times Books, New York 1994.
Karen Roggenkamp: Sympathy, Madness, and Crime. How Four Nineteenth-Century Journalists Made the Newspaper Women’s Business. The Kent State University Press, Kent, Ohio 2016.

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Artwork und Musik: Uwe Sittig

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Wer in Bayern lebt, hat vielleicht schon von ihr gehört: Lola Montez, die von 1846 bis 1848 in München für Furore gesorgt hat und untrennbar mit der Märzrevolution von 1848 und der Abdankung König Ludwig I. verbunden ist.

Diese faszinierende, betörend schöne spanische Tänzerin mit dem wilden Temperament war schon zu Lebzeiten eine Legende und zugleich Objekt von Hass und Begierde. Sie bewegte sich in den höchsten Kreisen und verdrehte zahlreichen Männern den Kopf; doch sie stieß auch auf vehemente Ablehnung, die sich bis zum Volkszorn steigerte.

Heute findet man fast überall auf der Welt Spuren von ihr – und auch einer gewissen Irin namens Eliza mit wechselnden Nachnamen sowie einer bayerischen Gräfin namens Marie von Landsfeld …

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Ein Gastbeitrag von Stefanie Schlatt

Um es gleich vorwegzunehmen: Lola Montez war eine Kunstfigur, eine künstlich erschaffene Identität, Objekt von Hass und Begierde, ein „exzentrisches Weibsbild“, über das bereits zu Lebzeiten zahllose Zeitungsberichte, Karikaturen, stark ausgeschmückte Anekdoten und Biografien in Umlauf waren. Heute ist diese schillernde Persönlichkeit eine Legende und inspiriert noch immer Künstler:innen und Historiker:innen zu neuen Werken und weiteren Biografien.

Lola Montez Porträt Josef Heigel
Lola Montez: Porträt von Josef Heigel

In Wirklichkeit war Lola Montez keine Spanierin, sondern Irin, geboren am 17. Februar 1821 als Eliza(beth) Rosanna Gilbert in Grange, im irischen County Sligo.

Sie selbst behauptete, dass ihre Mutter einer maurisch-spanischen Adelsfamilie entstammte, und bezeichnete dieses irische und maurisch-spanische Blut als eine „explosive Mischung“, die maßgeblich ihr temperamentvolles Wesen prägte.

Ausgewandert nach Indien

Kurz nach Eliza Gilberts Geburt wanderte die Familie ins indische Kalkutta aus, wo der Vater – ein Leutnant der britischen Ostindienkompanie – bald an der Cholera starb. Ihre Mutter heiratete daraufhin neu.

Die ersten Jahre in Indien und die dortige nach europäischen Maßstäben recht „wilde“ Lebensweise prägten Eliza nach eigenen Angaben stark. Ihre Mutter und ihr Stiefvater waren jedoch darauf bedacht, sie zu einer gebildeten Dame erziehen zu lassen, und schickten sie deswegen im Alter von sechs Jahren nach Europa, zunächst in die Obhut von Verwandten des Stiefvaters in Schottland und später auf ein Internat in der englischen Stadt Bath. Als verhaltensauffälliges, „missratenes Gör“ eckte sie nicht selten bei anderen an.

Bereits im Alter von 16 Jahren nahm ihr Leben eine verhängnisvolle Wendung, die ihr ganzes späteres Leben prägen sollte.

Einer arrangierten Ehe entkommen

Elizas Mutter, die ihrer Tochter gegenüber übrigens kein liebevolles Verhältnis pflegte, hatte für ihre junge Tochter eine Ehe mit einem über 60-jährigen hochrangigen Richter arrangiert.

In ihrer Not wandte Eliza sich an einen Bekannten (möglicherweise Liebhaber) ihrer Mutter, den knapp 30-jährigen Leutnant Thomas James, der aus Indien zu einem Genesungsaufenthalt nach Großbritannien gekommen war. Doch James nutzte die Situation schamlos aus und verführte das Mädchen, ohne sich Gedanken über die Konsequenzen zu machen, die der uneheliche Verkehr mit einem minderjährigen Mädchen nach sich zog. Schließlich waren die beiden gezwungen zu heiraten und wurden 1837 in Irland getraut.

1839 kehrten sie gemeinsam nach Indien zurück. Die Ehe war von Frust und wohl auch Gewalt geprägt und zu allem Überfluss infizierte Eliza sich wohl mit Malaria, die ihr später immer wieder zu schaffen machte (sie hatte häufig Kopfschmerzanfälle und Fieberschübe).

Schuldig geschieden

Nachdem Thomas James sich wohl einer anderen Frau zugewandt hatte, beschloss Eliza ihre Rückkehr nach Großbritannien. Bereits auf dem Schiff begann sie selbst ein Verhältnis mit einem jungen Leutnant, das den anderen Passagieren nicht verborgen blieb und schließlich ihrem Gatten zugetragen wurde. Dem kam das gerade recht, um die Scheidung einzureichen.

1842 wurde Eliza dann wegen des erwiesenen Ehebruchs „schuldig“ von Thomas James geschieden – unter der Auflage, kein zweites Mal heiraten zu dürfen, solange Thomas James noch am Leben war.

Das kam damals einem gesellschaftlichen Todesstoß gleich, da sowohl die Aussicht auf eine Versorgungsehe als auch jegliche berufliche Perspektiven zerstört waren.

Schuldig geschiedenen Frauen blieb nur die Möglichkeit, sich in Kunstberufen oder in der Halbwelt den Lebensunterhalt zu verdienen. Zunächst wollte Eliza Gilbert Schauspielerin werden, wurde aber wegen ihres Akzents und ihrer fehlenden Schauspielerfahrung nicht an britischen Bühnen angenommen.

Lola Montez wird geboren

Daher fasste sie kurzerhand den Entschluss, ihr exotisches Aussehen und die damalige Begeisterung für südliche Länder auszunutzen. Kurzerhand reiste sie nach Andalusien, ließ sich dort einige Monate lang in traditionellen Tänzen und der spanischen Sprache unterrichten und warf ihre bisherige Identität über Bord, bevor sie 1843 nach England zurückkehrte – und so schlug die Geburtsstunde der berüchtigten spanischen Tänzerin Maria de los Dolores Porry y Montez, kurz: Lola Montez.

Ihr Debüt gab sie 1843 in London, wo sie als Attraktion zwischen Opernakten auftrat.

Lola Montez (1818-1861). Née Marie Dolores Eliza Rosanna Gilbert. Irish dancer and adventuress. Lithograph, 1851, by Nathaniel Currier.
Lola Montez: Lithografie von Nathaniel Currier

Was sie als spanische Tänze präsentierte, war zwar ungemein betörend und durchaus originell und unterhaltsam, aber keinesfalls authentisch. Spanier im Publikum merkten sofort, dass sie keine Spanierin sein konnte, und schon bald wurde sie ihrer wahren Identität überführt und von der Presse als Hochstaplerin verunglimpft.

Ihr blieb daher nichts anderes übrig, als London zu verlassen, um von nun an ihre Tanzkarriere anderswo fortzusetzen.

Nach einigen turbulenten Monaten, in denen sie – stets mit Empfehlungsschreiben hochrangiger Persönlichkeiten in der Tasche – an verschiedenen Theatern in Europa auftrat und durch ihr unkonventionelles Verhalten und auch den ein oder anderen handfesten Skandal für Schlagzeilen sorgte, reiste sie 1844 mit einem Empfehlungsschreiben ihres damaligen Liebhabers, des Pianisten Franz Liszt (einer der größten Stars seiner Epoche), nach Paris.

1844 bis 1846 lebte Lola in der französischen Hauptstadt und verkehrte in intellektuellen Kreisen und Salons. In dieser Zeit unterhielt sie eine Beziehung mit dem einflussreichen Zeitungsverleger Alexandre Henri Dujarrier, der ihr auch ein Engagement am Theater verschaffte. Dieses harmonische Verhältnis nahm jedoch ein jähes Ende, als Dujarrier sich mit einem konkurrierenden Zeitungsverleger wegen einer Lappalie mit Pistolen duellierte und erschossen wurde.

So verlor Lola nicht nur ihren geliebten Partner, sondern auch ihren Förderer, und entschloss sich, Paris zu verlassen.

Die Affäre Lola Montez

So gelangte sie im Oktober 1846 nach München. Es folgte „die Affäre Lola Montez“, durch die sie in die Geschichte eingehen sollte.

Nachdem Lola in München zufällig einen Bekannten getroffen und ihm von ihren Plänen berichtet hatte, am Hoftheater auftreten zu wollen, arrangierte dieser für sie eine Audienz beim damals regierenden König Ludwig I.

Lola Montez Porträt Joseph Karl Stieler
Lola Montez: Porträt von Joseph Karl Stieler

Diesem stellte sie sich, Französisch und Spanisch parlierend, als in Not geratene spanische Adlige Maria de los Dolores Porrys y Montez vor. Der fast 60-jährige König war von ihr hingerissen. Lola inspirierte ihn und er genoss ihre Schönheit und anregende Gesellschaft. Zwar war Lola überall nur als die Mätresse des Königs bekannt und bezeichnete sich anfangs sogar (nicht ohne Stolz) selbst so, doch nach neuesten Erkenntnissen war die Beziehung eher platonisch als sexuell motiviert.

Von Anfang an war die schrille Lola in München unbeliebt. Die Stimmung gegen sie heizte sich immer mehr auf, als sich Gerüchte häuften, dass der König Steuergelder in astronomischen Höhen für Geschenke an sie verschwenden würde. Noch brisanter war, dass Lola sich in die Politik einzumischen begann. Bayern war seit 1818 (Hinweis: Im Podcast wurde versehentlich 1880 gesagt!) eine konstitutionelle Monarchie, in der ultramontane (streng päpstlich gesinnte) Kräfte dominierten. Lola hatte eine starke persönliche Abneigung gegen Ludwigs streng religiöses und konservatives Ministerium und drängte den König zu liberalen Reformen. Sie setzte sich für sozial Benachteiligte ein und beeinflusste Ludwig auch, wenn es um die Besetzung von Ämtern ging.

Ein Dekret – ein Eklat

Als Ludwig ihr 1847 das bayerische Indigenat verleihen und sie als Gräfin von Landsfeld in den Adelsstand erheben wollte, kam es zum Eklat. Seine Minister votierten fast einstimmig dagegen; das daraufhin vom König erlassene Dekret wollte der amtierende Innenminister Karl von Abel nicht unterschreiben, um es rechtskräftig zu machen. Stattdessen veröffentlichte er ein Memorandum aller Minister mit deren Argumenten gegen Lolas Einbürgerung in der Zeitung. Diese Provokation veranlasste Ludwig dazu, ihn zu entlassen. Daraufhin formierte sich ein neues, liberaleres Ministerium, das Lola dann auch die Staatsbürgerschaft und den Adelstitel zuerkannte. Auch in diesem Ministerium wurden danach noch einmal zu ihren Gunsten Posten neu besetzt.

Diese Entwicklungen sorgten für hellen Aufruhr in der Stadt und führten schließlich zu Krawallen zwischen konservativen und liberalen Studenten der Münchner Universität. (Einige Studenten einer Burschenschaft hatte Lola schon länger als ihre „Lolamannen“, eine Art Leibgarde, um sich geschart. Mit mindestens einem davon hatte sie auch eine Affäre.)

Als König Ludwig daraufhin im Februar 1848 die Schließung der Universität anordnete, brach ein Volkstumult aus und ein aggressiver Mob zog zu Lolas Palais in der Barerstraße, um sie aus der Stadt zu vertreiben. Schließlich sah Ludwig keinen anderen Ausweg mehr, als Lola aus Bayern auszuweisen. Kurz darauf kam es zur Märzrevolution von 1848 und er dankte ab.

Lola Montez Antoine-Samuel Adam-Salomon
Lola Montez: Porträt von Antoine-Samuel Adam-Salomon

Lola ging daraufhin in die Schweiz, wo Ludwig noch einige Male versuchte sie zu treffen. Er unterstützte sie auch noch eine Weile finanziell, stellte jedoch mit zunehmender emotionaler Distanzierung von ihr (und nach einem Erpressungsversuch durch einen neuen Liebhaber) die Zahlungen und den Kontakt ein.

Eine zweite Versorgungsehe

Daraufhin heiratete Lola (mit ihrer neuen Identität als Gräfin von Landsfeld) in London ein zweites Mal, um gut versorgt zu sein. Doch der sieben Jahre jüngere George Trafford Heald hielt es nicht lange mit ihr aus. Zudem kam dessen Tante hinter Lolas wahre Identität und klagte sie der Bigamie an. Die Ehe wurde annulliert und das Paar zerstritt und trennte sich kurz darauf ohnehin.

Inzwischen war Lola durch die Affäre in München weltbekannt – und beschloss, diese Episode ihres Lebens auf die Bühne zu bringen und sich fortan als Kultfigur selbst zu vermarkten. 1851 ging sie nach New York und kreierte für den Broadway die Revue „Lola Montez in Bavaria“.

Karriere in den USA und Australien

Ihre zehn letzten Lebensjahre verbrachte Lola überwiegend in den USA, zunächst als Theaterunternehmerin, später auch als Schauspielerin und weiterhin als Tänzerin. Zwei Jahre lang lebte sie sehr bescheiden in einer kleinen Goldgräberstadt. In dieser Zeit war sie mit einem Zeitungsherausgeber namens Patrick Hull verheiratet, der sich jedoch nach knapp einem Jahr von ihr scheiden ließ (diese Scheidung wurde im Podcast nicht erwähnt). Danach unternahm sie mit ihrer Schauspieltruppe Tourneen in Australien, wo sie sich erfolgreich gegen Anfeindungen sittenstrenger Zeitungskritiker wehrte und beim Publikum unter anderem mit ihrem skandalösen „Spider Dance“ (bei dem sie unter ihren Röcken nach einer Spinne suchte) Erfolge verbuchen konnte.

Lolas letzte Jahre

Bei der Rückkehr in die USA ertrank ihr Kollege und neuer Liebhaber Frank Folland. Nach diesem Schicksalsschlag zog Lola sich vom Theater zurück. Stattdessen begann sie in den USA (später auch noch einmal kurz in Europa) Vorträge zu halten, in denen sie ihre Lebenserfahrung und ihre Ansichten zu bestimmten gesellschaftlichen Themen teilte und auch endlich die letzten Geheimnisse um ihre Identität lüftete. 1860 erlitt Lola Montez einen Schlaganfall, von dem sie sich nicht mehr erholte. Sie starb 1861 in New York an einer Lungenentzündung und liegt als Eliza Gilbert auf einem Friedhof in Brooklyn begraben.

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Quellen:
Krauss, Marita: „Ich habe dem starken Geschlecht überall den Fehdehandschuh hingeworfen“ – Das Leben der Lola Montez, Verlag C.H. Beck, München 2020
Chronologische Kurzbiografie
Fürst Heinrich LXXII
Gräfin von Kainsfeld
Anekdote „Lolus
Gedicht „Die Andalusierin“, König Ludwig I. von Bayern, aus: Aretz, Gertrude: Die elegante Frau, eine Sittenschilderung vom Rokoko bis zur Gegenwart, Grethlein & co. Leipzig, 1929, zitiert nach Projekt Gutenberg (aufgerufen am 4.12.2021)

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Die gebürtige Polin Helena Rubinstein war eine Pionierin der Kosmetikindustrie. Den Grundstein zu ihrem Unternehmen legte sie 1902 im australischen Melbourne, mit einer aus ihrer Heimat importierten und später vor Ort hergestellten Hautcreme. In Europa und den USA eröffnete sie zahlreiche Schönheitssalons und baute in den folgenden Jahrzehnten eine international erfolgreiche Firma auf. 

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Helena ist die älteste von acht Schwestern einer jüdischen Familie, der Vater ist Kolonialwarenhändler in Krakau. Sie möchte Medizin studieren, stellt jedoch fest, dass sie kein Blut sehen kann, weshalb aus diesem Plan nichts wird. Den Ehemann, den die Eltern für sie aussuchen, findet sie zu alt, den jungen Mann, in den sie sich verliebt, mögen die Eltern wiederum nicht. Sie wird nach Australien zu einem Onkel geschickt. (Wie alt sie damals war ist etwas unklar, in ihrer Autobiografie behauptet sie, nicht einmal 18 gewesen zu sein, als sie nach Australien kam, andere Quellen verlegen ihre Ankunft in Australien ins Jahr 1896, dann wäre sie je nach Geburtsdatum – 1870 oder 1872, auch das ist nicht eindeutig – bereits 24 oder 26 gewesen. Leider konnte ich nicht herausfinden, was davon stimmt, wahrscheinlicher erscheint letzteres. Auf jeden Fall hat Helena Rubinstein ihr Alter auch selbst verschleiert, etwa um jünger zu erscheinen als ihre Konkurrentin Elisabeth Arden.)

Im «Schafzüchterland» ist es ihr zu langweilig. Sie geht nach Melbourne und beginnt, eine Hautcreme zu verkaufen. Ihre Mutter hat die Rezeptur von einer berühmten Schauspielerin, mit der sie befreundet ist, ein ungarischer Chemiker stellt die Wundercreme in Krakau her. Mit geborgtem Startkapital eröffnet sie 1902 ein eigenes Geschäft, später kommen weitere Cremes dazu, die sie eigens entwickeln lässt. 

Helena Rubinstein gezeichnet von Paul César Helleu 1908. Quelle: Wikipedia

Helena Rubinstein geht wieder nach Europa

Die junge Firma ist schnell erfolgreich. Hautpflege ist noch weitgehend unbekannt und der Bedarf groß. In zwei Jahren verdient sie 250’000 Pfund. Sie übergibt das Geschäft ihrer Schwester Ceska, die in der Zwischenzeit Chemie studiert hat, und geht selbst zurück nach Europa, um ihre Kenntnisse über Hautpflege zu vertiefen. Sie will ihr Unternehmen professionalisieren, knüpft wertvolle Kontakte zu Ärzten und Chemikern und lässt weitere Hautpflegeprodukte entwickeln. 

1907 eröffnet sie in London ihren ersten Salon in der «Alten Welt». Den Heiratsantrag ihres Geliebten, Edward William Titus, lehnt sie zunächst ab, heiratet ihn dann aber doch. Sie bekommt mit ihm zwei Söhne, tritt aber nur kurzzeitig kürzer. Im Jahr 1912, dem Geburtsjahr ihres zweiten Sohns, eröffnet sie einen Salon in Paris. 1914 siedelt die Familie von London nach Paris über, sie berät die Kundinnen nun wieder selbst. Zahlreiche Prominente und ihr avantgardistischer Freundeskreis verschaffen ihr immer mehr Zulauf. 

Helena Rubinstein. Quelle: Wikipedia

1915 siedelt die Familie nach New York über, was nur möglich ist, da ihr Mann die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt. Schnell erkennt sie das große Potenzial des amerikanischen Marktes. Ihre größte Konkurrentin ist Elizabeth Arden. Beide Unternehmerinnen gründen in rascher Folge Salons in Philadelphia, Boston, Washington, Chicago, Toronto – 1920 eröffnet Arden einen Salon in Paris. 

Börsencrash mit Folgen für Rubinstein

Ende der 20er Jahre verkauft Rubinstein ihre amerikanische Firma an das Bankhaus Lehman Brothers und erwirbt nach dem Börsencrash von 1929 das Unternehmen mit großem Gewinn zurück. 1930 eröffnet sie einen Salon in Rom, 1932 in Mailand, 1934 in Wien. Ihr Erfolg und die vielen Reisen, sie hält zeitweise einen Weltrekord für transatlantische Flüge, gehen auf Kosten ihres Familienlebens. 1937 wird ihre erste Ehe geschieden, sie heiratet ein zweites Mal, einen 25 Jahre jüngeren georgischen Prinzen von allerdings etwas zweifelhafter Abstammung. In einem Sanatorium in Zürich macht sie sich mit den Methoden von Bircher-Brenner vertraut und integriert dessen Methoden in ihr Schönheitskonzept, sie schreibt zwei Bücher und erweitert das Angebot von Helena Rubinstein um Massagen und Diäten. 

Nach dem zweiten Weltkrieg baut sie, mittlerweile über 70jährig, die teilweise zerstörten Salons in Europa wieder auf, manche Mitarbeiterinnen bleiben jedoch verschollen. In New York entwickelt sie Kosmetik für Männer. Auch eine Krebserkrankung in den 1950er Jahren kann sie nicht stoppen, sie arbeitet immer weiter und reist unermüdlich um die Welt. 1955 stirbt ihr zweiter Ehemann, 1958 ihr Sohn Horace. Mit über 90 Jahren bittet sie zu Geschäftsbesprechungen in ihr Schlafzimmer in New York. Ihr Vermögen hat sie teilweise in wohltätigen Stiftungen angelegt, sie besitzt eine umfangreiche Kunstsammlung und mehrere Häuser und Wohnungen. 

Als sie 1965 stirbt, hinterlässt sie ein erhebliches Vermögen und ein erfolgreiches Unternehmen. Die Erben, sie hat zeitlebens auf Angehörige ihrer großen Familie vertraut, haben nicht denselben Geschäftssinn. 1974 wird das Unternehmen für 143 Millionen Dollar an Colgate-Palmolive verkauft. 1980 geht es für nur noch 20 Millionen Dollar an Albi Enterprises Inc., 1988 schließlich an L’Oréal. 

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Für diese Episode verwendete Literatur: 

Doris Burchard: Der Kampf um die Schönheit. Helena Rubinstein, Elizabeth Arden, Estée Lauder. Europäische Verlagsanstalt 1999. 

Helena Rubinstein: Ein Leben für die Schönheit. Im Verlag der Arche, Zürich, 1958.

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Fossiliensammlerin, erste weibliche Paläontologin, clevere Geschäftsfrau. Wer Mary Anning war, erfahren wir hauptsächlich aus Schilderungen Dritter. Sicher ist aber, dass sie an der Südküste von England Fossilien von Ichthyosauriern und Plesiosauriern fand, zu einer Zeit, als noch niemand wusste, dass vor vielen Millionen Jahren solche gigantischen Tiere auf der Erde gelebt haben.

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Krokodile würden es wohl sein, Schildkröten vielleicht oder Fische. So erklärten sich die Geologen und anderen Naturwissenschaftler die seltsamen Funde aus Südengland. Seit dem frühen 19. Jahrhundert wurde das helle Gestein gleich am Ärmelkanal für die Herstellung von Zement abgebaut. Dabei kam neben den üblichen Fossilien von Ammoniten, Belemniten und anderen Meerestieren oder auch Pflanzen und Algen immer wieder Rätselhaftes zutage.

Mary Anning
Mary Anning von B. J. Donne

Mary Anning ging schon als junges Mädchen mit ihrem Vater Richard und ihrem Bruder Joseph auf die „Jagd“ nach Fossilien. Die Familie, die in Lyme Regis lebte, war nicht reich und verkaufte die guten Fundstücke an Tourist:innen und auch professionelle Sammler.

In dieser Folge unseres Podcasts erfahrt ihr, wie Mary vom Blitz getroffen wurde, finanzielle Unterstützung von wohlmeinenden Wissenschaftlern erhielt, während andere ihre Professionalität anzweifelten – und warum sie als Diana, Helena, Sankt Georgina und Prinzessin bezeichnet wurde statt einfach nur (verdammt noch mal) als Paläontologin.

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Quellen:
Thomas W. Goodhue: „Mary Anning: the fossilist as exegete“, Endeavour Vol.29 (1), S. 28–32. Elsevier Review 2005.
Tom Sharpe: The Fossil Woman. A Life of Mary Anning. The Dovecote Press 2020.
Michael A. Taylor und Hugh S. Torrens: „An anonymous account of Mary Anning (1799–1847), fossil collector of Lyme Regis, England, published in Chambers’s journal in 1857, and its attribution to Frank Buckland (1826–1880), George Roberts (c.1804–1860) and William Buckland (1784–1856)“, Archives of natural history 41 (2), S. 309–25. Edinburgh University Press 2014.
Hugh S. Torrens: „Mary Anning (1799–1847) of Lyme; ‚the greatest fossilist the world ever knew’“, BJHS 28 (3), S. 257–84. Cambridge University Press 1995.
Peggy Vincent et al.: „Mary Anning’s legacy to French vertrebrate paleontology“, Geol. Mag. 151 (1), S. 7–20. Cambridge University Press 2013.

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Hier ist der erwähnte Koprolith oder Kotstein von Susanne:

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Die Frankfurterin heiratete einen Kaufmann, bekam fünf Kinder, wurde früh Witwe und musste sich dann ganz allein um Ausbildung, Haushalt, Finanzen und ein Unternehmen kümmern. Friederike Ronnefeldt wurde 99 Jahre alt. Die Firma, die ihr Mann Johann Tobias Ronnefeldt gegründet hat, gibt es heute, 200 Jahre später, immer noch.  

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Die Eckdaten ihres langen Lebens sind bekannt. Es gibt einen Stammbaum, einige Briefe und Fotografien sind erhalten geblieben. Und trotzdem ist es nicht einfach, aus diesen Puzzlesteinen ein ganzes Leben zusammenzusetzen – oder einen Roman. Für die Geschichte um „Die Teehändlerin“ habe ich daher viele weitere historische Quellen hinzugezogen, die in dieser Podcast-Folge zur Sprache kommen. Frankfurt im Jahr 1838, das war eine ausgesprochen lebendige Handelsstadt, Sitz der Deutschen Bundesversammlung und ein Stadtstaat, der sich selbst regierte. Die Bürger waren selbstbewusst, gründeten unzählige Vereine und hatten regen Anteil am kulturellen und politischen Leben. Hauptsächlich galt dies allerdings für die Männer, denn für Frauen war gerade die Zeit des Biedermeier eher mit einem Rückzug in den häuslichen Bereich verbunden. Ich stelle einige Frauen vor, die zur selben Zeit wie Friederike in Frankfurt gelebt haben, und auch die Bedeutung des Tees und des Teehandels kommt in dieser Episode zur Sprache. Einige Zitate aus Originalbriefen von Tobias und Friederike vermitteln einen schönen Eindruck vom damaligen Alltag.

Friederike Ronnefeldt (Abbildung Firma Ronnefeldt)

Eine sehr frühe Anzeige von J. T. Ronnefeldt, mit der er in der Zeitung seine Waren anpreist

Neue Kräme, Frankfurt, 1854
(Aquarell von Theodor Reiffenstein)

Tobias-Ronnefeldt-1
Porträt von Johann Tobias Ronnefeldt (1794 bis 1845)

Tipps und Hinweise

Petra Hucke liest am 28. September 2021 um 19 Uhr in Mühlhausen, Thüringen

Susanne Popp ist am 23. Oktober bei den OpenBooks in Frankfurt dabei

und außerdem am 30. Oktober 2021 bei Zürich liest

In der Episode erwähnen wir Bianca Walther, Podcast Frauen von damals, Folge 8, von Olympe bis Helene: Streifzug durch 100 Jahre Frauenbewegung

Cäcilie Marianne Gontard, Porträt auf frankfurterfrauenzimmer.de

Goethe und der Ginkgo

Quellen:

Im Nachwort zu „Die Teehändlerin“ werden zahlreiche Quellen genannt, die für den Roman und für die Episode verwendet wurden

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Back of every great work we can find the self-sacrificing devotion of a woman – das steht auf einer Plakette an der Brooklyn Bridge. Emily Warren Roebling war die Frau, die sich für den Bau dieser ikonischen Brücke „aufopferte“, als ihr Mann, der Chefingenieur, schwer krank wurde. Diese Folge ist eine Ergänzung zur Romanbiografie Die Architektin von New York und erzählt vor allem von Emily Warren Roeblings Leben vor und nach dieser monumentalen Aufgabe.

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Aufgewachsen ist Emily Warren im idyllischen Cold Spring im Staat New York. Sie war ein lebendiges, gesundes Mädchen vom Land, das sofort die Aufmerksamkeit des Adjutanten Washington A. Roebling auf sich zog, als sie sich auf einem Officers Ball kennenlernten. Die nächsten 20 Jahre standen im Zeichen der Great Brigde oder Brooklyn Bridge, aber das soll hier nicht näher ausgeführt werden.

Emily Warren Roebling
Emily Warren Roebling (Quelle)

Im Jahr der Eröffnung dieses monumentalen Bauwerks, 1883, war Emily Warren Roebling 40 Jahre alt und hatte noch längst nicht genug vom Leben. Sie baute ein Haus und richtete es ein, sie kümmerte sich um ihren oft kränklichen Mann, organisierte Wohltätigkeitsveranstaltungen und ging, wenn ihr langweilig wurde, auf Reisen.

1896 wurde sie dabei Queen Victoria in London vorgestellt, und in Russland konnte sie an den Krönungsfeierlichkeiten von Zar Nikolaus dem II. und Zarin Alexandra teilnehmen.

Emile Auguste Carolus-Duran: Porträt der Emily Warren Roebling – bei Queen Victoria (Quelle)

Danach wurde sie in der Frauenbewegung und zahlreichen Vereinen, Clubs und Vorständen aktiv. Sie hielt Reden und brachte anderen Frauen bei, ebenfalls in der Öffentlichkeit zu sprechen. Eine Vortragsreise führte sie durch die ganzen USA.

Als auch das noch nicht reichte, studierte sie im Rahmen eines speziell für Frauen eingerichteten Studiengangs Rechtswissenschaften an der NYU. In ihrem Abschluss-Essay, den sie während der Zeremonie öffentlich vorlas, kritisierte sie die fehlenden Rechte für Ehefrauen und Witwen.

Emily Warren Roebling nach Abschluss ihres Jurastudiums (Quelle)

Emily Warren Roebling starb 1903 an einer Herzmuskelschwäche.

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Nach Aufnahme dieser Folge meinte Susanne, dass Emilys Mann Washington wirklich nicht allzu gut wegkäme, und weil ich halt doch Autorin und keine Historikerin bin und beim Schreiben meines Romans liebgewonnen habe, will ich hier noch anfügen, dass die Briefe zwischen ihnen wirklich von großer Liebe und Herzlichkeit sprechen und sich in seinem Nachlass ein kopiertes Gedicht aus der Zeit ihres Todes fand, das mit der Zeile „Good night, dear heart, good night, good night“ endet. Über die Zeit des Brückenbaus sagte er einmal: „At first I thought I would succumb, but I had a strong tower to lean upon, my wife, a woman of infinite tact and wisest cousel.“

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Quellen:
David McCullough: The Great Bridge. The Epic Story of the Building of the Brooklyn Bridge. Simon & Schuster, New York 1972.
Donald Sayenga: Washington Roebling’s Father: A Memoir of John A. Roebling. ASCE Press, 2009.
Erica Wagner: Chief Engineer. Washington Roebling. The Man Who Built the Brooklyn Bridge. Bloomsbury Publishing, New York 2017.
Marilyn E. Weigold: Silent Builder: Emily Warren Roebling and the Brooklyn Bridge. Associated Faculty Press, Port Washington, New York 1984.

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Artwork und Musik: Uwe Sittig

Frauenleben-Hosts: Susanne Popp und Petra Hucke

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Glikl bas Judah Leib oder Glückel von Hameln führte das Leben einer wohlhabenden jüdischen Kauffrau im Altona des 17. Jahrhunderts. Sie war zweimal verheiratet, gebar zwölf Kinder und hinterließ ihnen autobiografische Aufzeichnungen, in denen sie sich im inzwischen ausgestorbenen Westjiddisch zu Familie und Ehe, Religion und Messiasglauben sowie die Hochs und Tiefs der jüdischen Gemeinschaft in Europa äußerte.

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Aus vielen Sorgen und Nöten und Herzeleid

Im Jahre 1691 beginne ich dieses zu schreiben, aus vielen Sorgen und Nöten und Herzeleid … Ich habe dieses angefangen zu schreiben mit Gottes Hilfe nach dem Tode eures frommen Vaters, und es hat mir wohlgetan, wenn mir die melancholischen Gedanken gekommen sind, aus schweren Sorgen, als wir waren wie eine Herde ohne Hirt und wir unseren getreuen Hirten verloren haben. Ich habe manche Nacht schlaflos zugebracht und ich habe besorgt, dass ich nicht, Gott bewahre, in melancholische Gedanken sollte kommen. Darum bin ich oft nachts aufgestanden und habe die schlaflosen Stunden damit zugebracht.

Man weiß nicht, wann Glikl ihren Kindern diese Aufzeichnungen überreicht hat. Ob sie noch am Leben war? Oder ob die Kinder die beschriebenen Seiten irgendwann nach ihrem Tod in einer Schublade gefunden haben? Jedenfalls war es ein großer Schatz, den sie dort in den Händen hielten, eine Lebensgeschichte der Mutter, immer wieder ergänzt durch Erinnerungen und Anekdoten aus der großen jüdischen Gemeinde, die sich über Altona und Deutschland auf ganz Europa erstreckt.

Glikl bas Judah Leib
Bertha Pappenheim als Glikl. Gemälde von Leopold Pilichowski. Original von 1925.

Ein seltenes Schriftstück

Und auch für uns heute ist Glikls Autobiografie ein interessantes Schriftstück. Wann kann man schon einmal direkt in den Kopf einer aschkenasischen Jüdin aus dem 17. Jahrhundert schauen? Der Originaltext ist in Westjiddisch verfasst, einer heute nicht mehr gesprochenen Sprache, und auf Deutsch steht er uns dank der Übersetzung von Bertha Pappenheim zur Verfügung. Bertha Pappenheim ist es auch, die auf diesem Gemälde von Leopold Pilichowski als Glikl posiert. Von Glikl selbst gibt es leider kein Porträt.

Wie sie als (sehr!) junge Frau eines Luxuswarenhändlers zurechtkommt, ob sie gute Partien für ihre Kinder findet und ob die ganze Familie einem vermeintlichen Messias nach Ägypten folgt, all das erfahrt ihr in unserer Podcast-Folge zu Glikl bas Judah Leib oder Glückel von Hameln. (Auch die zwei Namen erklären wir natürlich.)

Wie im Podcast versprochen, hier noch ein Link zum ersten von zehn Videos von La Porta Musicale, in denen ein großer Teil aus Glikls Text vorgelesen und passende Musik dazu gespielt wird. Hört mal rein, um euch einen Eindruck von Glikls Sprache zu machen: Glikl von Hameln – musikalisch literarisch.

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Quellen:
Marianne Awerbuch: „Vor der Aufklärung: Die Denkwürdigkeiten der Glückel von Hameln – Ein jüdisches Frauenleben am Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts“. In: Willi Jasper und Joachim H. Knoll (Hrsg.): Preußens Himmel breitet seine Sterne, Georg Olms Verlag, Hildesheim/Zürich/New York 2002.
Bernhard Gelderblom: Die Juden von Hameln von ihren Anfängen im 13. Jahrhundert bis zu ihrer Vernichtung durch das NS-Regime. Verlag Jörg Mitzkat, Holzminden 2011.
Inge Groll: Die jüdische Kauffrau Glikl (1646–1724). Edition Temmen, Hamburg 2011.

Artwork und Musik: Uwe Sittig

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Noch mit 90 Jahren sitzt die US-Amerikanerin Betty Ann Dodson im Fernsehstudio und klärt Frauen über Gleichberechtigung und Selbstständigkeit auf – zu erreichen durch befreiten Sex und Masturbation. Denn wenn Frauen ihren eigenen Körper kennen und lieben, können sie viel selbstbewusster durchs Leben gehen.

Diese Podcastfolge über The Women’s Guru of Self-Pleasure (NYT) ist unser kleiner Beitrag zum Karfreitag … gegen die verklemmte katholische Sexualmoral …

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Ihre Initialen formen das Wort BAD – schlecht, böse, verdorben. Und das nimmt sich bereits die junge Betty zum Vorbild, als sie im Mittleren Westen aufwächst und mit der rigiden Sexualmoral der Dreißiger, Vierziger, Fünfziger Jahre so überhaupt nichts anfangen kann. Warum soll sie als Frau ihre Lust nicht zeigen? Warum darf sie sie sich selbst nicht einmal eingestehen?

Eigentlich möchte sie Modeillustratorin werden und studiert an der National Academy of Design in New York City. Aber als sie zum ersten Mal im Museum alte Renaissance-Aktgemälde sieht, ist es um sie geschehen. Genau so etwas will sie zeichnen.

Und so etwas will sie selbst erleben. Betty Dodson begibt sich in den nächsten Jahrzehnten auf eine Reise ins Reich ihrer eigenen Sexualität und macht vor (fast) nichts und niemandem Halt. In den Sechzigern und Siebzigern – zur Zeit der sexuellen Revolution – ist sie dabei zum Glück nicht allein. Sie möchte ihre eigenen Grenzen austesten und überschreiten, auch wenn ihr das nicht immer leicht fällt.

Quelle: Pinterest

Bald erkennt sie außerdem, dass sie anderen Frauen viel über ihre Körper und ihr sexuelles Erleben beibringen kann und beginnt eine Reihe von Workshops mit „Genital Show and Tell“ (bei dem die Frauen ihre eigene Vulva betrachten und bewundern lernen) und der Vermittlung von Praktiken für Masturbation und Partnersex.

Auch ihre Kunst kommt nicht zu kurz. Sie stellt ihre Bilder aus und verkauft sie, auch wenn es oft in ihrem Leben Phasen gibt, in denen sie kaum Geld hat.

Sie schreibt für das Ms. Magazine – Selbstbefriedigung ist für sie radikaler Feminismus – und veröffentlicht das Buch Liberating Masturbation. A Meditation on Self-Love, das Ende der Achtziger von einem großen Verlag „entdeckt“ wird. Und noch mit 90 Jahren sitzt sie bei Gwyneth Paltrow im Goop Lab (Netflix-Serie) und assistiert ihrer Geschäftspartnerin Carlin bei laufender Kamera, bis diese zum Orgasmus kommt.

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We’re very dangerous when we’re knowledgeable

Betty Dodson in „The Goop Lab with Gwyneth Paltrow“

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Nachtrag: Susanne fragt in der Folge danach, was Betty Dodson wohl zu #metoo zu sagen hatte. Hier gibt es ein Interview bei InsideHook, in dem sie darüber spricht.

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Quelle:
Betty Dodson: Sex by Design – The Betty Dodson Story, Eigenverlag 2010

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Website Betty Dodson & Carlin Ross. Better Orgasms. Better World

Bettys Bücher Sex for One – Die Lust am eigenen Körper und Sex for Two – Gemeinsam Lust empfinden

The Goop Lab with Gwyneth Paltrow, Folge 3, „Das Vergnügen ist ganz meinerseits“ auf Netflix

Zwei Aufklärungsbücher aus früheren Jahrhunderten, die wir erwähnen:
Geheime Belehrung über den Ursprung des Menschen und nöthige Warnungen für junge Mädchen zur allerfrühesten Bewahrung ihrer Unschuld (1789)
Dr. Karl Weißbrodt: Die eheliche Pflicht: Ein ärztlicher Führer aus Uromas Zeiten (1897, Neuauflage bei Heel 2011)

Der Podcast-Klassiker zur finanziellen Weiterbildung: Madame Moneypenny mit Natascha Wegelin

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