Bettine von Arnim war eine Schriftstellerin der Romantik und eine schillernde Persönlichkeit, die sich nicht den Konventionen ihrer Zeit fügte. Als Witwe begann sie zu schreiben. Sie setzte sich für arme und benachteiligte Menschen ein, wollte den preußischen König belehren und die Welt verbessern, eckte dadurch jedoch auch innerhalb der eigenen Familie an.

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Catharina Ludovica Elisabetha Magdalena Brentano, wie sie mit vollem Mädchennamen hieß, wird am 4. April 1785 in Frankfurt geboren. Den Namen Bettine gibt sie sich selbst, so signiert sie ihre Briefe. Sie ist das dreizehnte Kind ihres Vaters Peter Anton Brentano (1735 – 1797), der aus einer alten italienischen Kaufmannsfamilie stammte, die ursprünglich aus Tremezzo am Comer See nach Frankfurt eingewandert war. Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau ging Peter Anton – oder auch Pietro Antonio – mit 38 Jahren eine zweite Ehe ein. Er heiratete die 18jährige Maximiliane (1756–1793), Tochter von Sophie von La Roche (1730–1807) und Georg Michael Frank von La Roche (1720–1788).

Bettine von Arnim, Porträt mit Büchern von Ludwig Emil Grimm
Um 1809. Zeichnung von Ludwig Emil Grimm.
Quelle: Wikipedia

Die Mutter Maximiliane, der man heutzutage womöglich eine Depression bescheinigen würde, stirbt, als Bettine acht Jahre alt war. Vier Jahre später stirbt der Vater, zu dem Bettine trotz seiner häufigen Abwesenheiten ein enges Verhältnis gehabt haben soll. Neuer Vormund wird ihr Halbbruder Franz Brentano.

In der großen Familie mit der unübersichtlichen Geschwisterschar – zwanzig Kinder von drei Ehefrauen hatte der Vater insgesamt – fehlt es oft an Bezugspersonen für die junge Bettine, was ihr hohes Maß an Resilienz umso bemerkenswerter macht. Später blickt sie in ihrem literarischen Werk mit einer gewissen inszenierten Leichtigkeit auf ihre Kinder- und Jugendjahre zurück. Doch die Ehebriefe an Achim von Arnim oder die Briefe an ihre Söhne verraten – mehr als ihr literarisches Werk es könnte – etwas über die wahre Bettine, offenbaren auch Verunsicherung, Frustration und Zweifel.

Erziehung in der Kindheit – die Schwebereligion

Schon vor dem Tod der Mutter wird Bettine mit zwei ihrer Schwestern in ein Kloster der Ursulinen nach Fritzlar geschickt, wo sie insgesamt vier Jahre bleibt. Bemerkenswert sind Bettines Ansichten zur Religion. Im Kloster in Fritzlar gefallen ihr vor allem der Garten und die Natur. Die Gottesdienste verschläft sie hingegen, mit dem Katholizismus kann sie nicht viel anfangen, insbesondere nicht mit der Vorstellung, dass die Menschen Sünder seien. Bettine kennt zwar die Bibel, entwickelt jedoch ihren eigenen Glauben, da sie mit der Drohbotschaft des Christentums nichts anfangen kann. Sie bezeichnet Jesus als „Seelenschmetterling“ und die Kirchgänger als „ängstliches Raupengeschlecht.“ Bettines Religion ist der zu sich selbst kommende Mensch.

„Ich soll doch mein eigen werden, denn sonst wäre ich umsonst.“ Vertrauen auf Gott bedeutet für sie Selbstvertrauen, fromm sein heißt, die eigene Schönheit zu lieben. „Sei mit dir selbst wie mit einer Geliebten. Wer sich nicht liebt, ist sich verloren.“ Sie spielt sogar mit dem Gedanken, eine eigene Religion gründen, die sie die „Schwebereligion“ nennt. Bettines Credo: „Jeder soll neugierig sein auf sich selber und soll sich selbst zutage fördern wie aus der Tiefe ein Stück Erz oder einen Quell.“

„Mir deucht, mit den fünf Sinnen, die Gott uns gegeben hat, könnten wir alles erreichen.“

Bettine von Arnim

Bei der Großmutter Sophie von La Roche

Mit elf Jahren kommt Bettine – wiederum mit zwei Schwestern – zu ihrer als Schriftstellerin berühmten und sehr erfolgreichen Großmutter Sophie von La Roche. Sowohl im Kloster als auch bei der Großmutter wird ihr die typische eher mangelhafte und unsystematische Mädchenbildung der damaligen Zeit in Musik, Zeichnen und Malen zuteil. Bettine besitzt jedoch einen unerschütterlichen Glauben an die Selbstbildungsfähigkeiten des Menschen und noch dazu relativ große Freiheiten, sich lesend zu bilden. Bettine erweist sich als sehr begabte Schülerin, stilisiert sich jedoch im Nachhinein als bildungsunwillig. Sie mag keine Geschichte, denn männliche Heldentaten sind ihr zuwider, und sie mag keine Philosophie, durch die sie sich eingeengt fühlt. Dafür philosophiert sie selbst, ist beständig auf der Suche nach Wahrheit.

Sophie von La Roche, ihre Tochter Maximiliane und deren Gatte Peter Anton Brentano auf einem Familienbild, etwa 1773/1774 (Wikipedia)

Die Großmutter Sophie von La Roche, geborene Gutermann, hatte 1770 den überaus erfolgreichen Briefroman Das Fräulein von Sternheim veröffentlicht, den ersten deutschsprachigen Roman, der von einer Frau verfasst wurde. Sie unterhielt in ein Ehrenbreitstein einen literarischen Salon und galt als „Erzieherin der weiblichen Jugend zu Sitte und Anstand“. Sie fördert zwar die Bildung von Mädchen, ist jedoch gleichzeitig der Meinung, dass zu viel Bildung die Chancen auf dem Heiratsmarkt einschränkte.

Mit 12 Jahren lernt Bettine ihren sieben Jahre älteren Bruder Clemens Brentano (1778 – 1842) kennen. Ab 1801 beginnt der regelmäßige Briefwechsel zwischen den beiden, der ihr neue Impulse gibt.

Auf dem Heiratsmarkt

Als Bettine siebzehn ist, zieht sie zu ihrem Halbbruder Franz nach Frankfurt, um bei seiner Frau Antonie die Tugenden einer Hausfrau zu erlernen. Mit dem Umzug nach Frankfurt ist das schöne freie Leben für Bettine erst einmal vorbei. Sie ist unglücklich, denn sie würde gerne reisen, was ihr aber nicht gestattet wird. Auf die Entfaltung ihrer Begabung besteht keine Aussicht, nur die Ehe gilt für eine Frau als erstrebenswert.

1803 gibt es einen ersten reichen Heiratskandidaten, den Bettine entsetzt ablehnt, obwohl er sehr reich ist. Sie findet, „er ist ein Esel“. Ihr Bruder Clemens schlägt ihr seinen Freund Friedrich Carl von Savigny (1779 – 1861) vor, doch der „fürchtet sich vor ihr“. 1804 heiratet Savigny die Schwester Gunda. Clemens stellt ihr Achim von Arnim vor (1781 – 1831). Die beiden freunden sich an und schreiben sich, haben jedoch zunächst ein rein freundschaftliches Interesse aneinander.

Bettine von Arnim Porträt
Bettine von Arnim. Quelle: Wikipedia

In den folgenden Jahren lebt Bettine in Marburg bei Savignys, dann in Kassel bei der Schwester Lulu, die einen Bankier geheiratet hat, dann wieder bei den Savignys in Landshut. Sie hilft im Haushalt und mit den Kindern. Bettine ist jetzt 23 Jahre alt. Obwohl sie gemeinsam mit den Schwestern endlich reisen kann und viele Bekanntschaften macht, gefällt es ihr nicht, auf ihre Verwandten angewiesen zu sein. Sie bezeichnet sich selbst als traurig und unruhig, empfindet Isolation und Einsamkeit, fühlt eine gewisse Fremdheit zwischen sich und der Familie.

Bettine von Arnim und Clemens Brentano

Clemens Brentano ist, genau wie seine Halbschwester Bettine, innerhalb der großen verzweigten Familie Brentano ein Außenseiter. Kaufmännisch weder interessiert noch begabt, widmete er sich vor allem der Schriftstellerei. Gemeinsam mit Achim von Arnim bringt er von 1805 bis 1808 die Volksliedsammlung Des Knaben Wunderhorn heraus. Bettine gegenüber wirkt er zwar gutwillig, aber auch übergriffig. Er glaubte immer zu wissen, was für Bettine gut ist, sagt ihr, was sie lesen, wie sie sich bilden soll. Auch gibt er ihr Handarbeiten auf, um sie beschäftigt zu halten, und er rät ihr, sich nie allein mit Männern abzugeben sondern stets nur in Gesellschaft von Franz und Toni. Sie schreiben sich nun regelmäßig – und Bettine beginnt, sich herrlich spitzzüngig gegen die Erziehungsversuche des Bruders zu wehren:

„Dein Rat ist: Scheine in der Gesellschaft stets lieber dumm als vorlaut“, empört sie sich. Oder sie verbietet dem Bruder den Mund mit den Worten: „Mit meinem Mund gebe ich einen Kuss auf deinen. In welcher Sprache kann ich gebieterischer ausrufen: Halt’s Maul Bruder.“ Sie verlangt: „Fordere nun nicht mehr, ich soll dir treu bleiben. Ich bleibe dir in allem treu, Was meine Natur nicht verleugnet.“ Einmal lautet ihr Fazit auch:

„Dein Brief ist so voll sorgender Liebe zu mir und doch so ohne Zutrauen, dass ich eigentlich nicht weiß, ob ich mich freuen soll oder nicht.“

Bettine von Arnim an ihren Bruder Clemens

1844 bringt Bettine den Briefwechsel mit ihrem Bruder stark überarbeitet unter dem Titel Frühlingskranz heraus.


Bettine von Arnim und Karoline von Günderode

1804 beginnt für Bettine eine intensive Freundschaft mit der fünf Jahre älteren Karoline von Günderrode (1780 – 1806). Die Freundin stammt aus verarmtem Adel. Der Vater starb früh, und Karoline lebte in einem evangelischen Damenstift in Frankfurt, wo sie Philosophie, Geschichte, Literatur und Mythologie studiert. Ab 1804 publizierte sie unter dem Namen Tian. Literatur von Frauen gilt vielen männlichen Zeitgenossen als etwas vollkommen Unnatürliches und gegen die „Bestimmung des Weibes“ gerichtet. Außer Begabung, Können und Fleiß ist zu diesen Zeiten von einer Dichterin vor allem auch Robustheit gefragt, was Karoline jedoch fehlt.
Karoline verliebt sich in den Altertumswissenschaftler Friedrich Creuzer (1771 bis 1858), der aus Pflichtgefühl mit der 13 Jahre älteren Witwe seines einstigen Professors verheiratet ist. Das leidenschaftliche Liebesverhältnis mit Karoline dauert von 1804 bis 1806. Creuzer spricht von Scheidung. Doch dann wird er krank und seine Frau pflegt ihn, woraufhin er mit der Günderode bricht und ihr die Nachricht von einer dritten Person überbringen lässt. Karoline bringt sich daraufhin in Winkel am Rhein um, indem sie sich einen Dolch ins Herz stößt. Die Freundschaft ist deshalb so bedeutend, weil Bettine ihrer Freundin 1840 mit dem Briefroman Die Günderrode ein literarisches Denkmal setzt. Es ist ihr zweites Werk nach Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, das 1835 erscheint.

Karoline von Günderrode
Karoline von Günderrode 1797 (Quelle Wikipedia)

Bettine von Arnim und Frau Rath

Ab 1806 pflegt Bettine einen engen Kontakt zu Goethes Mutter, in Frankfurt unter dem Namen „Frau Rat“ bekannt. Katharina Elisabeth Goethe (1731-1808) war die Mutter von Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832). Bettine geht täglich zu der 75 jährigen. Die fühlte sich zuvor etwas einsam und bittet Bettine, sie solle sie Mutter nennen. Die Verbindung ist tief – beide sprechen von Seelenverwandtschaft – und nicht auf Goethe beschränkt, auch wenn sie viel über ihn reden. Bettine schreibt auch auf Goethes ausdrücklichen Wunsch hin alles auf, was die Mutter über Goethes Kindheit erzählt. Bettine setzt auch Frau Rat ein schriftstellerisches Denkmal. In ihrem Buch von 1843 – Dies Buch gehört dem König – führt Frau Rath fiktive Gespräche mit Königin Luise, der Gattin von Wilhelm III. und repräsentiert somit das stolze freie Frankfurter Bürgertum. Goethe wiederum verwendet Bettines Mitschriften in seinem Buch „Dichtung und Wahrheit“.

Catharina Elisabeth Goethe
Catharina Elisabeth Goethe (Quelle: Wikipedia)

Bettines Ehe mit Achim von Arnim

Ihren späteren Ehemann lernt Bettine bereits 1802 kennen. In Briefen nähern sie sich einander an, dennoch ist nicht abzusehen, dass daraus einmal ein Liebesverhältnis entstehen könnte, vielmehr verlieben sie sich in jeweils andere und tauschen sich über ihren Kummer aus. Doch 1810 stirbt Achim von Arnims Großmutter, die ihn auch erzogen hat, und sie setzt nicht Arnim, sondern dessen Kinder (d. h. Söhne) als Erben und Achim als deren Vermögensverwalter ein. Nun braucht er eine Braut. 1810 macht er Bettine einen Heiratsantrag. Bettine ist 25 Jahre alt und willigt ein. Es handelt sich weder um eine Vernunftehe noch um eine Liebesheirat, sondern um eine Heirat aus gegenseitiger Wertschätzung, aus der mit der Zeit Liebe wird.

Auch in der Liebe bleibt Bettine sich treu. Sie ist der Meinung:

Die Liebe soll helfen, sich zu finden.

In rascher Folge werden die Kinder geboren: Freimund (1812), Siegmund (1813), Friedemund (1815), Kühnemund (1817), Maximiliane (1818), Armgart (1821) sowie Nachzüglerin Gisela (1827). Bettines Schwangerschaften sind schwer, den Entbindungen sehen sie und ihr Mann jeweils mit großer Sorge entgegen. Kein Wundern, denn am Ende des 18. Jahrhunderts stirbt jede zwölfte Frau im Kindbett.

Streit um den Wohnort

Ständiger Streitpunkt des Ehepaars ist der Wohnort. Achim von Arnim hätte gerne eine Stelle als preußischer Beamter oder als Offizier angenommen, doch das gelingt ihm nicht. Darum ist er gezwungen, auf das geerbte Gut Wiepersdorf zu ziehen. Er findet Gefallen an der Landwirtschaft. Bettine jedoch fehlt Berlin und der kulturelle Austausch. Ab 1817 wohnt sie mit den Kindern hauptsächlich in Berlin, was zu neuen, anderen Konflikten mit Achim führt, die nun vor allem per Brief ausgetragen werden. Vor allem über die Finanzen und die Erziehung der Kinder streiten sie sich. Achim ist viel konservativer als seine Frau. Der Ton wird rauer, Bettine klagt über die „Verbauerung ihres Mannes“ und vermisst den Dichter. Sie beschwört Achim, seine geistigen Freiräume zu nutzen.

Berlin, In den Zelten 5, Bettina von Arnims Wohnung in den Jahren 1847 bis 1859
Berlin, In den Zelten 5, Bettina von Arnims Wohnung in den Jahren 1847 bis 1859, Zeichnung von Armgart von Arnim (Quelle: Wikipedia)

Doch da zeigt sich die Verschiedenartigkeit der beiden. Achim braucht die Abgeschiedenheit des Landlebens, Bettine das Kommunikative der Stadt. Bettine hat etwas eigenes Geld von der Familie, was ihr Unabhängigkeit verschafft. 1831 stirbt Arnim überraschend mit 49 Jahren – die jüngste Tochter Gisela ist erst 4 Jahre alt. Sie trauert sehr um ihn, trägt ihn jedoch weiterhin in ihrem Herzen, sagt, er bliebe ihr „als Gesprächspartner erhalten“. Vormund der Kinder wird ihr Schwager Carl von Savigny. 1835 ereilt Bettine ein weiterer schwerer familiärer Schicksalsschlag, als ihr Sohn Kühnemund nach einem Badeunfall mit 18 Jahren an einer Kopfverletzung verstirbt.

Bettine von Arnim und Johann Wolfgang von Goethe

Nach dem Tod ihres Mannes beginnt Bettines Leben als Schriftstellerin. Ihr erstes publiziertes Werk wird ihr größter Erfolg, nämlich Goethes Briefwechsel mit einem Kinde. Bettine hat schon als Kind viel von Goethe gehört und begegnete ihm 1807, mit 22 Jahren, endlich persönlich. Bettine ist von ihm begeistert, Goethe ist ihr gegenüber reserviert, und das bleibt auch so.

Von 1807 bis 1811 schreibt sie ihm 41 Briefe, Goethe schreibt ihr 17, sie teilweise von seinem Sekretär verfasst werden. Sie bittet ihn, seine Mutter in Frankfurt zu besuchen, die mittlerweile todkrank ist. Goethe erkennt seine Chance und bittet sie, Märchen, Anekdoten und Geschichten aus seiner Kindheit für ihn mitzuschreiben. Er verwendet die Notizen, teilweise wortwörtlich für Dichtung und Wahrheit.

Titelblatt Erstausgabe Goethes Briefwechsel mit einem Kinde Bettine von Arnim

Bettine die Goethe-Verehrerin

1810 begegnet sie ihm wieder. Ihre Schilderungen dieses Ereignisses geraten von Mal zu Mal erotischer. So schreibt sie beispielsweise, dass er ihr „viele Küsse auf den Hals drückt“. 1811 besucht sie Goethe zusammen mit ihrem Mann – und da kommt es zum Eklat mit Goethes Frau Christiane. Doch Bettine lässt sich auch dadurch nicht aufhalten. Sie plant ein Goethe-Monument und zeichnet es selbst. Sie zeigt es ihm 1824, woraufhin er kurzzeitig etwas gnädiger gestimmt ist. 1832 stirbt Goethe in Weimar und sie beginnt, ihre Veröffentlichung vorzubereiten. In Goethes Briefwechsel mit einem Kinde kombiniert sie collageartig Kindheitserinnerungen, philosophische Betrachtungen und die Behandlung politischer Themen und thematisiert in keiner Weise die reale problematische Beziehung zu Goethe. Vielmehr betreibt sie eine Form von Geniekult, bei dem das Individuum sich durch Kontakt mit dem Genius weiterentwickelt und zu sich selbst findet.

Goethe und Psyche, Statue
Goethe und Psyche (Statue von Carl Steinhäuser, 1851) Quelle: Wikipedia

Viele sehen die Publikation höchst kritisch. Clemens Brentano merkt an, dass weder Arnim und Goethe die Veröffentlichung gutgeheißen hätten. Sie trifft auf massiven Widerstand der Familie, alle sind dagegen, auch ihre Schwester Gunda von Savigny, ihr Sohn Siegmund, der jetzt 22 Jahre und preußischer Beamter ist. Doch Bettine lässt sich nicht abbringen. Der Erstdruck erfolgt 1835 und die erste Auflage von 5000 Exemplaren. ist rasch verkauft. Bettine ist auf einen Schlag berühmt und wird zur Hoffnungsträgerin der aufbegehrenden deutschen Jugend. Die Schriftsteller des Jungen Deutschland sehen zu ihr auf.

Die politische Bettine – Dies Buch gehört dem König

Bettine war von jeher eine Person mit einem sozialen Gewissen und eine, die angesichts von Armut und Elend nicht wegschaut. Als im Jahr 1831 eine Cholera Epidemie in Berlin wütet, versucht, sie die ärgste Not zu lindern. Sie bleibt in Berlin, auch wenn sie die Kinder zu Verwandten schickt, sammelt Geld, organisiert Kleidung, Schuhe und Decken und organisiert Arbeit für die Erwerbslosen. Als Anhängerin der homöopathischen Medizin Samuel Hahnemanns verteilt sie Belladonna.

Karitativ waren alle damals Damen tätig, Bettine aber erkennt die Ursachen.

Man soll Mitleid mit niemand haben, man soll sich schämen, dass es so werden konnte.

„Tugendgekitzel“ nennt sie derlei Wohltäterei, die den Gebern schmeichelt, die Nehmenden demütigt und ansonsten die Welt belässt wie sie ist. Sie interveniert für sogenannte Kleine Leute, steht beispielsweise der Mutter eines Schneidergesellen bei, der von Gendarmen krankenhausreif geschlagen wird und verstirbt. Und sie engagiert sich für arme Studenten. Angesichts der Not um sie herum wird sie politisch. Sie hofft auf eine Lösung „von oben“, fürchtet aber die revolutionären Wirren. Ihr schwebt ein „soziales Königtum“ vor.

Im Jahr 1843 mündet ihr politisches Engagement in einer Publikation, die die Widmung im Titel trägt. „Dies Buch gehört dem König“. Darin stellt sie die Forderung auf, der König solle revolutionär werden“. Sie fordert die Einheit von König und Demagogen, glaubt noch an einen „guten König“.

Geldschein 5 DM Bettine von Arnim

Im Buch behandelt sie brisante Themen der Zeit. Sie erklärt das Konzept des Volkskönigs, ergeht sich in Ausführungen zu Justiz und zum Gefängniswesen, kritisiert eine Religion die Menschen klein hält und behandelt Fragen des Pauperismus, denn Löhne unter dem Existenzminimum sind ein großes Problem.

Das Buch beinhaltet auch eine Sozialreportage, Erfahrungen eines jungen Schweizers im Vogtland, die Bettine ihrem ›Königsbuch‹ hinzufügt. Der Text geht auf die Aufzeichnungen des Schweizer Studenten Heinrich Grunholzer zurück, der anhand einer Auflistung von Einzelschicksalen die Lebensbedingungen der Bewohner des Vogtlandes, das war damals eine Armenkolonie in der Berliner Vorstadt, schildert. Bettine hält den Bericht für so bedeutend, dass sie ihn Grunholzer abkauft.


Auszug aus der Reportage

«Im Dachstübchen Nr. 76 wohnt ein Schuster, Schadow. Ich sah lange Zeit durch die gespaltene Türe ins Zimmer. Er arbeitete fleißig; die Frau saß am Boden und nähte einige Lumpen zusammen; zwei kleine, halbnackte Kinder saßen am Boden und spielten mit einer alten Tabakspfeife. Als ich eintrat, war Schadow ganz. erschrocken; er hatte mich für den Inspektor gehalten, dem er Miete schuldig ist, und sah sich gern enttäuscht. Das Zutrauen der Unglücklichen hat man sich bald erworben: es dauerte nicht lange, so erzählte mir der Mann seine ganze Lebensgeschichte; dass er dabei nicht viel von seinen Fehlern sprach, schien mir sehr verzeihlich und zum Teil überflüssig, da ich an ihm ja leicht merken konnte, dass er den Branntwein liebt und seine Frau sehr unordentlich ist. (…) 1836 zog er ins Familienhaus. Fünf seiner Kinder starben an den Pocken, und während sie krank waren, fehlte es ihm an Arbeit. Von niemandem unterstützt, geriet er dadurch so in Schulden, dass er mehrmals aus dem Hause geworfen werden sollte.

Er verkaufte Hausgeräte und Kleider und ist jetzt so entblößt von allem, dass er nicht einmal ein Hemd besitzt. Durch Arbeit kann er sich nicht wieder auf-schwingen, weil es ihm an Leder fehlt und die Flickarbeit, die er den Leuten im Familienhause macht, schlecht bezahlt wird. Zudem hat er mit zwölf andern Schustern, die am gleichen Orte wohnen, zu konkurrieren. Ich sah es selbst, wie seine Frau um Arbeit ausging und er unterdessen die Kinder hütete. Es war drei Uhr abends, und er hatte an demselben Tag erst zwei Silbergroschen verdient; den einen gab er wieder aus für Zwirn, für den andern kaufte er Brot. Das Kleine fing an, vor Hunger zu weinen. Sch. hatte soeben einen Schuh geflickt und gab ihn der Frau mit den Worten: ›Trage ihn fort, laß dir einen Sechser dafür geben und bring dem Kind ein Semmelbrot; es hungert.‹ Die Frau kam mit leerer Hand zurück; das Mädchen, dem der Schuh gehörte, konnte nicht bezahlen. Das Kind weinte noch immer, und Vater und Mutter weinten.«

zitiert nach der Bettine-Biographie von Michaela Diers, Seite 164.

Reaktionen auf das Buch

Die Reaktionen auf das Buch sind gespalten. Fortschrittliche sind begeistert, aber in Bayern und Österreich wird das Buch verboten. Die Preußen reagieren hingegen gelassen, weil sie annehmen, dass Form und Sprache des Werks sich nicht für eine größere Verbreitung eignen.
König Wilhelm IV wurde im Jahr 1840 König. Sie korrespondierte schon vor dessen Amtsantritt mit ihm und setzte sich unter anderem für die Gebrüder Grimm ein, die nach ihrer Entlassung aus der Universität Göttingen in Berlin Aufnahme fanden. Doch sie täuscht sich im König. Wilhelm IV. hängt vorabsolutistischen Vorstellungen an. Er begreift sich als ein König von Gottes Gnaden zum Wohle eines nach Ständen geordneten Volks. Zwar mag er hier und da milde erscheinen, im Kern bleibt er jedoch hart.

Bettine wird Hetze vorgeworfen

In einer weiteren Broschüre veröffentlicht Bettine von Arnim eine Analyse zur entfremdenden Industriearbeit, die den Menschen zum „Automat“ herabwürdigt. Sie lässt 750 Exemplare auf eigene Kosten drucken. Als es im Jahr 1844 zum Weberaufstand in Schlesien kommt, dem sogenannten Armenhaus Preußens, wird Bettine von Arnim vorgeworfen, sie aufgehetzt zu haben. Auch ihre Verwandten wollen sich Bettines Argumentation nicht anschließen. Ihr Schwager Savigny ist beispielsweise der Meinung, die Schlesier seien niederträchtig und verdienten kein Erbarmen.

Bettine ist empört. Sie wehrt sich mit den Worten: „Allein den Hungrigen helfen wollen heißt jetzt Aufruhr predigen“. Bereits seit ihrem Goethebuch schart sie in ihrem Salon junge Leute um sich. Nun findet sie sich im Lager der Staatsfeinde wieder. Man befürchtet gefährliche Umtriebe
in ihrem Salon. 1848 bricht die Revolution aus und der Riss geht auch durch die Familie von Arnim. Im Hause von Arnim gibt es fortan zwei Salons, einen demokratischen und einen aristokratischen.

Wilhelm IV. versucht, die Revolution mit Zugeständnissen zu zerschlagen. Als ihm das nicht gelingt, greift er beispielsweise in Baden und in der Pfalz militärisch hart durch. In Berlin gibt es am 18. März 1848 230 Todesopfer zu beklagen. Die angebotene Kaiserkrone lehnt Wilhelm IV. ab.

Die letzten Jahre

In ihren letzten Lebensjahren lässt Bettine in ihrem Engagement kaum nach. Sie setzt sich beispielsweise, wenn auch vergeblich, beim König für Gottfried Kinkel ein, der ein Mitglied der pfälzischen Revolutionsregierung gewesen war. Außerdem arbeitet sie weiter an der Umsetzung ihre Goethe-Monuments. 1852 erscheint Des Königsbuchs zweiter Band, Gespräche mit Dämonen, das kaum mehr Beachtung findet. 1853 werden ihre sämtlichen Werke in 11 Bänden herausgegeben. Die Politik wird währenddessen immer reaktionärer. Im Bundestag werden 1854 alle Arbeitervereine verboten, Streiks werden fortan mit Gefängnis bestraft.

Ende Oktober 1854 erleidet Bettine einen schweren Schlaganfall, 1856 folgt ein zweiter. Sie wird von ihren Töchtern Armgart und Gisela umsorgt. Sie stirbt am 20. Januar 1859 73jährig im Kreise ihrer Familie in Berlin und wird auf dem kleinen Friedhof von Schloss Wieperdorf neben ihrem Mann Achim von Arnim beigesetzt.

Bettine von Arnim

Die konservativen Familienmitglieder sorgen dafür, dass Bettines Nachlass zunächst unter Verschluss bleibt. Aus finanziellen Gründen wird er 1929 versteigert und ist nun verstreut oder verloren. Das politische Engagement von Bettine von Arnim geriet in Vergessenheit. In der DDR begann seit den 1950er Jahren die Aufarbeitung, in der BRD entdeckten sie die 68er. Bettine von Arnim war die Einzige, die das freiheitlich-individualistische Denken der Frühromantik in den Kampf um politische Freiheit und gesellschaftliche Gerechtigkeit überführt hat. Die einst scheinbar rebellischen Herren (ihr Bruder Clemens Brentano, die Brüder Schlegel, von Görres oder Eichendorff) verabschiedeten sich nämlich sämtlich in Richtung Katholizismus.

Quelle und Leseempfehlung: Michaela Diers: Bettine von Arnim. Deutscher Taschenbuch Verlag. 2010

Hörempfehlungen:

Mit jedem Druck der Feder drück ich Dich an mein Herz. Aus dem Briefwechsel von Bettine von Arnim und Achim von Arnim. Lesung mit Corinna Kirchhoff und Max Volker Martens. Hörbuch

MDR Kultur, Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, Hörspiel

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Frauenleben-Hosts: Susanne Popp und Petra Hucke 

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All unsere inspirierende Frauen und ihre Zeit – wer hat eigentlich dafür gesorgt, dass Ada Lovelace sich stundenlang mit Babbages Erfindung beschäftigen konnte? Wer hat Friederike Ronnefeldt ihren Morgentee aufgebrüht? Das waren vermutlich ihre Dienstmädchen. Junge Frauen, die oft aus ärmeren Verhältnissen kamen und in den Haushalt der bürgerlichen Frauen eingegliedert wurden.

Die österreichische Autorin Maria Wachter hat sich im Rahmen ihres Romans Café Buchwald mit diesen Mädchen und Frauen beschäftigt, insbesondere solchen, die um das Jahr 1900 in Großstädten wie Wien und Berlin tätig waren. In dieser Folge erzählt sie uns von ihrer Recherche und den anstrengenden Aufgaben und langen Arbeitszeiten des damaligen Dienstpersonals.

Fotograf: Patrick Schörg

Wir machen außerdem kurze Abstecher nach Korea und Schlesien und sprechen über die großartige Erfindung der modernen Waschmaschine.

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Maria Wachter ist in Wien aufgewachsen. Nach vielen Jahren in Südkorea, den USA und Deutschland, wo sie in den Bereichen Werbung und Pressebetreuung arbeitete, kehrte sie in ihre Heimatstadt zurück, wo sie jetzt mit ihrer Familie lebt und historische Romane schreibt.

Website: https://www.maria-wachter.at
Instagram: mariawachter.stories

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Artwork und Musik: Uwe Sittig 

Frauenleben-Hosts: Susanne Popp und Petra Hucke 

Frauenleben-Podcast 

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Hättet ihr’s gewusst? Privatdetekteien setzten in den 60er Jahren mit Vorliebe Frauen für verdeckte Ermittlungen ein, um Ehebrechern und Ehebrecherinnen auf die Spur zu kommen. Das brachte das konservative Ehe- und Scheidungsrecht so mit sich.

Darüber und über viele andere spannende Themen sprechen wir in dieser Folge des Frauenleben-Podcast. Eine Episode unserer Minireihe „Autorinnen-Special“. Unsere heutige Gästin Charlotte Printz aka Beatrix Mannel hat schon über dreißig Bücher veröffentlicht und versteht ihr Handwerk, weshalb sie ihr Wissen auch in der Münchner Schreibakademie an andere weitergibt. In ihrem neuesten Roman, „Die rätselhafte Klientin“ aus der Reihe „Die Detektivinnen von Nachtigall & Co.“ geht es um ein ungewöhnliches Schwesternpaar, das eine Detektei in Berlin betreibt. Eine spannende Geschichte aus der Zeit des Berliner Mauerbaus.

Fotograf: Erol Gurian

Website von Charlotte Printz / Beatrix Mannel: https://www.beatrix-mannel.de/
Instagram: https://www.instagram.com/gurianbeatrixmannel/?hl=de
Münchner Schreibakademie: https://www.xn--mnchner-schreibakademie-cpc.de/

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Beitragsbild von Erol Gurian.

Im Zweiten Weltkrieg ist Liselotte Welskopf-Henrich Widerstandskämpferin. Danach führt sie in der DDR ein Doppelleben als habilitierte Althistorikerin einerseits und Schriftstellerin kulturell und historisch (relativ) authentischer „Indianerromane“ andererseits. Ihre wichtigsten Werke sind Die Söhne der großen Bärin und Das Blut des Adlers. Sie setzt sich in den USA auch aktiv für Native Americans ein.

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Geboren wird Elisabeth Charlotte Henrich am 15. September 1901. Ihre Mutter ist liebevoll, aber streng, ihr Vater ein überzeugter Demokrat, Rechtsanwalt und Versicherungsdirektor. Er stirbt früh, sodass Liselotte, die an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität Ökonomie, Geschichte und Philosophie studiert und 1925 promoviert, sich und ihre Mutter durchbringen muss. Sie findet eine Stelle im Statistischen Reichsamt, doch als die Nazis an die Macht kommen und Liselotte sich weigert, in die NSDAP einzutreten, ist es mit jeder Art Karriere, auch der wissenschaftlichen bzw. akademischen, erst einmal vorbei.

Die junge Liselotte

Widerstand im Zweiten Weltkrieg

Liselotte wird im Widerstand aktiv und lernt dadurch Rudolf Welskopf (1902–1979) kennen, der als überzeugter Kommunist wiederholt eingesperrt und zur Zwangsarbeit herangezogen wird. Sie kann ihm, dem harten, klugen Mann mit dem Spitznamen „der Inka“, zur Flucht aus dem KZ Sachsenhausen verhelfen und versteckt ihn bei sich. Sie verteilen gemeinsam Flugblätter und helfen beim Lebensmittelmarkenschmuggel. Später schreiben sie über diese Zeit gemeinsam das Jungenbuch Jan und Jutta.

Der harte, kluge Mann wird ganz weich, wenn es um seine geliebte Liselotte geht, und so heiraten sie 1946 und bekommen 1948 einen Sohn, Rudolf – da ist Liselotte schon 47 Jahre alt. Gleichzeitig beteiligen sie sich von Ostberlin aus enthusiastisch am Wiederaufbau. Beide treten in die SED ein und sind und bleiben vom Kommunismus überzeugt; mit den Jahren enttäuscht sie jedoch die praktische Umsetzung.

Nun doch noch eine wissenschaftliche Karriere

Ihr Mann arbeitet als Polizei-Reviervorsteher, Amtsbezirksleiter und im Baustoffhandel, baut einen Bergungsbetrieb für Schrott und andere Wertstoffe mit auf und ist schließlich Verwaltungsleiter bei der Reichsbahn-Bau-Union. Währenddessen ist Liselotte ähnlich umtriebig in der Bezirksverwaltung tätig, bewirbt sich gleichzeitig wieder als Althistorikerin an der Universität, ist dort ab 1952 Dozentin und habilitiert 1960 zum Thema „Probleme der Muße im alten Hellas“. Sie wird das erste weibliche ordentliche Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften, organisiert und publiziert wichtige Bücher zum alten Griechenland. Dafür erhält sie den Nationalpreis der DDR, den Vaterländischen Verdienstorden in Bronze, dann in Silber, die Pestalozzimedaille und den Orden „Banner der Arbeit“ und wird als Verdienter Wissenschaftler des Volkes (ja, in männlicher Form) ausgezeichnet. Sie veröffentlicht übrigens unter dem Namen Elisabeth Charlotte Henrich.

Auf ihre Titel und Auszeichnungen ist sie zurecht stolz, auch wenn sie äußerlich bescheiden bleibt. (Nur Taxi fährt sie gern.) Sie wohnt mit der Familie am Rande des Treptower Parks und hält sich ein paar recht aggressive Schäferhunde.

Sie gilt als Workaholic und isst Kaffeepulver, um wachzubleiben. Ihre Kolleg:innen, deren Arbeitsstellen sie auch schon einmal mit ihrem eigenen Geld finanziert, bewundern sie für ihr Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen.

Doch die wissenschaftliche Arbeit ist für Liselotte Welskopf-Henrich nicht genug.

Ihr Kindheitstraum: Schriftstellerin werden

Schon als 10-Jährige wollte sie Schriftstellerin werden (Althistorikerin übrigens auch). Ihre Lieblingslektüre war „Indianerliteratur“ – James Fenimore Cooper mit seinem Lederstrumpf, die unzähligen Abenteuer-Heftromane, die damals in Mode waren, und auch Karl May. Wobei sie den heimlich las, weil ihre Mutter es als unangemessen empfand, dass May im Gefängnis gesessen hatte.

Schon als 10-Jährige reichte es ihr nicht, nur über die Native Americans und deren romantisierte Vergangenheit zu lesen. Als sie einmal von ihrer Mutter hörte, dass gerade in Mexiko ein Stamm der Native Americans von der Regierung unterdrückt wurde, schrieb sie einen Brief an den „Präsidenten von Mexiko in Mexiko“ und erhielt sogar eine Antwort: Er würde seine Truppen anweisen, menschlich vorzugehen. Allerdings wurde er bald selbst erschossen.

Doch diese Anekdote zeigt, welche Themen Liselotte Welskopf-Henrich ihr ganzes Leben begleiten.

Exkurs: Deutschland und seine „Indianer“

Auch in anderen europäischen Ländern sind „Indianergeschichten“ und „Indianerfilme“ beliebt, doch die Deutschen scheinen eine ganz besondere Affinität zu den Native Americans zu verspüren. Sie gründen sogar Klubs und verkleiden sich samt Mokassins und Federschmuck.

Laut Forschung liegt das daran, dass sich die Deutschen des 19. Jahrhunderts (der erste Winnetou-Band wurde 1893 veröffentlicht) in ihren winzigen Fürstentümern, die ständig mit militärischen und politischen Niederlagen zu kämpfen haben, nach Freiheit sehnen – politisch, religiös und bewegungstechnisch – und sich als ähnlich unterdrückt und unterlegen empfinden wie die Native Americans durch die weißen Kolonialisten. Selbst die Deutschen, die in Massen nach Nordamerika auswandern, sehen sich dort von den englischen und französischen Machthabern weiterhin unterdrückt (während sie den Native Americans aber genauso das Land wegnehmen). Und Hitler? Hitler empfahl den ganz und gar nicht „arischen“ Winnetou als Vorbild eines guten Kompaniechefs.

Dass es sich bei all dem in den meisten Fällen um reine Projektion handelt und nicht um wirkliche Identifizierung mit wirklichen Menschen, ist sonnenklar.

Dazu kommt, dass diese Art Literatur und Filme auch nur funktionieren, wenn Weiße und Native Americans sich gegenüberstehen, meist als Feinde, manchmal auch als Freunde oder zumindest so etwas Ähnliches, wie bei Old Shatterhand und Winnetou. Aber der „Weiße Mann“ spiegelt sich immer im „Wilden“ und feiert seine eigene überlegene Kultur und Zivilisation. Nie geht es in diesen Geschichten allein um die Lebenswirklichkeit der Native Americans, auch nicht vor dem Zeitpunkt, als sie von Columbus „entdeckt“ und überhaupt erst als „Indianer“ bezeichnet wurden. Obwohl all die heterogenen, geografisch verteilten Gruppen und Stämme sich wohl selbst nie als eine Einheit bezeichnet hätten.

Liselotte will es anders machen

Von Karl May war schon die junge Liselotte nicht begeistert (obwohl sie bestimmt viel erwartet hatte, wo sie ihn doch heimlich lesen musste). Old Shatterhand war ihr zu übertrieben gezeichnet, und sie war überzeugt, dass ein Apache-Chief sich niemals so verhalten hätte wie Winnetou.

Sie will aus den Konventionen des Genres ausbrechen, statt eines Abenteuerromans einen historischen Gesellschaftsroman schreiben, und zwar tatsächlich aus Sicht der Native Americans. Löblich. Auch bei ihr gibt es immer Weiße dazu, aber dennoch ein Fortschritt. Als Wissenschaftlerin weiß sie, wie man recherchiert, zieht ethnologische Schriften hinzu und Autobiografien von Native Americans. Gerade wenn es um kulturelle Eigenschaften wie Tänze, Sitten und Namen geht, hält sie sich eng an die Quellen.

Dazu kommt bei ihr noch die sozialistische Ideologie, eine weitere Art der Identifizierung: Die sozialistischen Staaten werden vom Kapitalismus und Christentum unterdrückt, ganz so wie die Native Americans von der US-amerikanischen und kanadischen Regierung. (Winnetou übrigens wurde von einem deutschen Lehrer erzogen und konvertiert vor seinem Tod noch zum Christentum, während ein Männerchor ihm ein Ave Maria singt. Er opfert sich nicht für sein eigenes Volk, sondern für die Weißen. Kein Wunder, dass Liselotte nicht überzeugt war.)

Die Söhne der großen Bärin

Ihr erster Romanzyklus heißt Die Söhne der großen Bärin. Im Jahr 1951 gelingt es Liselotte Welskopf-Henrich, den ersten Band beim Altberliner Verlag zu veröffentlichen. Ihre Lektorin Lucie Groszer wird ihr eine enge Vertraute. Die erste Auflage von 15.000 Exemplaren wird sofort verkauft, nach zehn Jahren sind 200.000 verkauft, heute um die 3,5 Millionen. Dazu kommen verschiedene Übersetzungen, allerdings nicht ins Englische. Sie erhält einen Jugendbuchpreis sowie jede Menge Fanpost und Fanfiction.

Die sechs Bände des Romanzyklus

Verfilmt wird Die Söhne der großen Bärin im Jahr 1966 von der ostdeutschen Filmgesellschaft DEFA. Wie bei den Winnetou-Filmen wird in Jugoslawien gedreht und die Hauptfigur von Gojko Mitic gespielt, der auch schon bei den Karl-May-Filmen dabei war. Allein in der DDR werden zehn Millionen Mark eingespielt. Allerdings hat Liselotte Welskopf-Henrich ihren Namen als Drehbuchautorin zurückgezogen, weil ihr der Film zu kommerzialisiert und stereotyp schien. Da gab es Indianer mit blauen Augen und falschen Perücken sowie einen Badesteg in einem Indianerdorf. Unfasslich, meinte sie und führte einmal, halb scherzend, ihr Gallenleiden auf ihren Ärger mit diesem Film zurück.

Reisen in die USA und nach Kanada

Weil Liselotte Welskopf-Henrich so gut angesehen ist, bekommt sie wiederholt die Erlaubnis zum Reisen. Sie macht Urlaub in Österreich, Italien und Portugal. Aber am wichtigsten für sie werden die Aufenthalte in den USA und Kanada. Zwischen 1963 und 1974 ist sie fünfmal da. Sie besucht die Teton-Sioux bzw. die Lakota, von denen ihre Söhne handeln, und wird mit ihrer offenen Art freundlich aufgenommen, bald sogar zu Feiern eingeladen. Sie besucht verschiedene Reservate, Kulturzenten, Bibliotheken und Museen.

Was jeder Besucherin sofort auffallen muss, sind die schlechten Zustände in den Reservaten. Reservate, so schreibt Peter Schwarzbauer in Der Lakota-Report, seien ein lebendiges Museum für Krankheiten, die es sonst in Amerika nicht mehr gäbe. Die US-Regierung zwingt die Native Americans, dort zu leben, weist ihnen aber die kärgsten Landstriche zu, versorgt sie oft nicht ausreichend mit Lebensmitteln, Gesundheitsvorsorge ist ein Fremdwort, und Schulen sind, wenn überhaupt vorhanden, eine Katastrophe. Die Kinder werden gezwungen, ihre eigene Sprache aufzugeben, und immer wieder verprügelt. Dazu kommt die hohe Arbeitslosigkeit und das Elend in den Familien selbst (das Jahreseinkommen beträgt nur ein Viertel des nationalen Durchschnitts), sodass sich die meisten Jugendlichen fragen, warum sie überhaupt zur Schule gehen sollen.

Gerade die Bildung und Erziehung der Reservatbewohner:innen macht Liselotte Welskopf-Henrich sich zur Herzensaufgabe. Zurück in der DDR gibt sie Fernsehinterviews und schreibt kurze Artikel, um ihre Mitbürger:innen aufzufordern, für die Native Americans zu spenden, Pakete zu schicken oder sogar, falls sie können, selbst hinzufahren und sie vor Ort zu unterstützen.

Kontakt mit dem American Indian Movement

Und das macht sie auch selbst. Sie protestiert mit ihren Bekannten friedlich vor einem Kino, als dort ein rassistischer Western gezeigt wird. Doch sie kommt auch mit Teilen einer Bewegung in Kontakt, die nicht allein auf gewaltfreien Protest setzen. Das American Indian Movement (AIM) kämpft für die Souveränität der Native Americans und wird immer militanter. Im Pine-Ridge-Reservat kommt es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, als der Stammesvorstand Richard Wilson noch brutalere Methoden und einen Schlägertrupp einsetzt. Es kommt zu zahlreichen Todesfällen. Als Liselotte Welskopf-Henrich 1974 an einer Gedenkfeier für einen erschossenen Freund teilnimmt und sie danach nach Hause fahren, geht ihnen das Benzin aus, und sie haben große Angst, ebenfalls auf offener Straße erschossen zu werden. Zum Glück geht es gut.

Schon 1969 besetzte das AIM für achtzehn Monate die Insel Alcatraz und das ehemalige Gefängnis dort. Liselotte Welskopf-Henrich half, die Besetzer:innen mit Wasser zu versorgen. In einer Proklamation mit einer gehörigen Portion Ironie veröffentlichen sie ihre Forderungen:

Wir, die Ureinwohner Amerikas, fordern im Namen aller Indianer … das Land zurück, das unter dem Namen Alcatraz bekannt ist. Wir … bieten hiermit folgenden Vertrag an:

Wir erwerben die Insel Alcatraz für 24 Dollar in Glasperlen und rotem Tuch, nach dem Vorbild des Kaufes einer ähnlichen Insel durch den weißen Mann vor rund 300 Jahren. Wir wissen, dass 24 Dollar in Handelswaren für diese 16 Morgen mehr ist, als für die Insel Manhattan bei ihrem Verkauf bezahlt worden ist, aber wir wissen, dass die Preise für Land im Laufe der Jahre gestiegen sind. Unser Angebot von 24 Dollar ist besser als die 47 Cent pro Morgen, die weiße Männer den kalifornischen Indianern gegenwärtig für ihr Land zahlen. Wir werden den Bewohnern dieses Landes einen Teil davon zu ihrem eigenen Gebrauch überlassen, den die indianische Regierung durch die »Behörde für weiße Angelegenheiten« treuhänderisch verwalten lassen wird; solange die Sonne aufgeht und die Flüsse ins Meer fließen. Weiterhin werden wir die Bewohner in der richtigen Art der Lebensführung unterweisen. Wir werden ihnen unsere Religion, unsere Bildung und unseren Lebensstil vermitteln, damit sie den Stand unserer Zivilisation erreichen und wir sie und alle ihre weißen Brüder aus ihrem wilden und unglücklichen Dasein befreien können. …

Wir glauben, dass sich diese Insel mit dem Namen Alcatraz für diese Zwecke bestens eignet, denn sie entspricht den Standards des weißen Mannes für eine Indianerreservation …:

1. Es existieren keine Anbindung an die moderne Infrastruktur und keine Transportmittel.

2. Es gibt kein frisches, fließendes Wasser.

3. Die sanitären Einrichtungen sind unzureichend.

4. Es gibt keine Bohr- oder Schürfrechte für Öl oder Erze.

5. Es ist keine Industrie vorhanden und daher ist die Arbeitslosigkeit sehr hoch.

6. Es gibt keine Gesundheitseinrichtungen.

7. Die Erde ist felsig und unfruchtbar; der Boden ernährt kein Wild.

8. Es existieren keine Bildungseinrichtungen.

9. Die Bevölkerung war für das ihr zur Verfügung stehende Land schon immer zu groß.

10. Die Einwohner wurden immer wie Gefangene behandelt und in Abhängigkeit gehalten.

Darüber hinaus wäre es passend und symbolhaft, wenn Schiffe aus der ganzen Welt, die in das Golden Gate einfahren, zuerst indianisches Land sehen und so an die wahre Geschichte dieser Nation erinnert würden. Diese kleine Insel wäre ein Symbol für die großen Gebiete, die einst von freien und edlen Indianern beherrscht wurden …

Aus all diesen Gründen fordern wir diese Insel für unsere indianischen Nationen zurück. Wir glauben, diese Forderung ist gerecht und angemessen, und dass uns dieses Land überlassen werden sollte, solange die Flüsse fließen und die Sonne scheint.

Zitiert in Erik Lorenz: Liselotte Welskopf-Henrich und die Indianer

Erfolgreich ist die Besetzung nicht, aber zumindest wird die Insel friedlich geräumt.

Old Lady from Germany

Das AIM weiß den Einsatz der „Old Lady from Germany“ zu schätzen, die nicht nur selbst so aktiv ist, sondern auch andere dazu inspiriert, aktiv zu werden. Vernon Bellecourt und Dennis Banks, zwei Mitglieder des AIM, kommen sie sogar einmal in Deutschland besuchen (und haben Angst vor ihren Schäferhunden).

Liselotte Welskopf-Henrich mit Vernon Bellecourt und Dennis Banks
Liselotte Welskopf-Henrich mit Vernon Bellecourt und Dennis Banks (Bild aus Erik Lorenz: Liselotte Welskopf-Henrich und die Indianer)

Manche ihrer Leser:innen vermuten, Liselotte Welskopf-Henrich ließe sich von der DDR-Regierung und ihrer Außenpolitik einspannen, um Propaganda gegen den kapitalistischen Westen zu machen. Ihre Stasi-Akte lässt darauf allerdings keine Rückschlüsse zu.

1965 wird sie zum Ehrenmitglied der Sioux ernannt und erhält den Namen Lakota Tashina oder Schutzdecke der Lakota.

Das Blut des Adlers

Inspiriert von ihren Aufenthalten auf den Reservaten und mit dem Wunsch, die Lebenswirklichkeit der Native Americans zu zeigen, schreibt Liselotte Welskopf-Henrich ihren zweiten wichtigen Romanzyklus: Das Blut des Adlers. Sie möchte noch weiter weg von den Konventionen des Genres, von Abenteuern, Federschmuck, Mustangherden auf der Prärie und „Edlen Wilden“. Sie beschreibt stattdessen das Leben in Baracken und wie die Native Americans sich mit Bürokratie und Marginalisierung herumschlagen müssen. Literarisch gesehen ist diese Reihe das Beste, was Liselotte Welskopf-Henrich je geschrieben hat. Und trotz anfänglicher Skepsis der Leserschaft wird auch sie zu einem großen Erfolg. Sie arbeitet daran praktisch bis zu ihrem Tod.

Die fünf Bände in einer Neuauflage

Alles erreicht?

In ihren letzten Lebensjahren ist Liselotte Welskopf-Henrich oft krank. Dazwischen arbeitet sie jedoch umso härter, damit ein geplantes siebenbändiges wissenschaftliches Werk noch publiziert werden kann. Ihre letzten Veröffentlichungen bekommt sie aber tatsächlich nicht mehr mit, als sie im Juni 1979 bei einem Urlaub in Garmisch-Patenkirchen verstirbt, nur wenige Monate nach ihrem Mann Rudolf.

Die Akademie der Wissenschaften organisiert eine große Trauerfeier. Es werden Nachrufe über sie geschrieben, unter anderem in der Jungen Welt. Ihr Sohn Rudolf kümmert sich um den Nachlass.

Man kann sagen, dass Liselotte Welskopf-Henrich all das erreicht hat, was sie sich als Kind vorgenommen hatte: Sie ist Althistorikerin und Schriftstellerin geworden. Dazu war sie den Native Americans das, was wir heute als Ally bezeichnen würden.

Dennoch ist sie schnell in Vergessenheit geraten. Erst ab den 2000er Jahren versucht man, der Öffentlichkeit ihre Werke in neuen Editionen wieder zugänglich zu machen, wozu vor allem der Palisander-Verlag aus Chemnitz einen großen Beitrag leistet. Dankenswerterweise hat er mir auch die Biografie von Erik Lorenz zur Verfügung gestellt.

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Lesetipp: Es gibt inzwischen zum Glück auch Native Americans, die über ihre eigenen Erfahrungen und Familiengeschichten schreiben und veröffentlichen (dürfen). Dazu gehört die großartige Louise Erdrich, zum Beispiel mit Solange du lebst und Das Haus des Windes. Außerdem erwähne ich in der Folge Angeline Boulley mit Firekeeper’s Daughter.

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Stöbertipp: das LWH-Projekt.

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Dank an Ezra für die Empfehlung!

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Quellen:
Colin G. Calloway et al.: Germans and Indians. Fantasies, Encounters, Projections, University of Nebraska Press 2002.
Erik Lorenz: Liselotte Welskopf-Henrich und die Indianer, Palisander Verlag 2021.
Hans Peter Richter (Hrsg.): Schriftsteller erzählen von ihrer Mutter, St. Gabriel Verlag 1968.
Petra Watzke: „East Germany’s Imaginary Indians: Liselotte Welskopf-Henrich’s Harka Cycle (1951–62) and Its DEFA Adaptation Die Söhne der Großen Bärin (1966)“, in: Robert B. McFarland und Michelle Stott James: Sophie discovers Amerika: German-speaking women write the new world, Boydell & Brewer 2014.

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Die deutsche Frauenrechtlerin, Philosophin, Publizistin, Sexualreformerin und Pazifistin Dr. phil. Helene Stöcker war eine Vertreterin des radikalen Flügels der historischen Frauenbewegung. Eine ebenbürtige Partnerschaft zwischen Männern und Frauen und die sexuelle Gleichberechtigung der Geschlechter standen im Mittelpunkt ihres Denkens. Daraus leitete sie die Notwendigkeit umfassender gesellschaftlicher Veränderungen ab.

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Schon in den allerfrühesten Kinderjahren war ich mir vollkommen klar über meine Lebensziele. Sowie ich erwachsen wäre, so dachte ich, würde ich schriftstellerisch tätig sein wollen und für die Gleichberechtigung der Geschlechter kämpfen, deren verschiedene Bewertung ich schon als Kind sehr deutlich und schmerzlich empfand.

Helene Stöcker, Lebenserinnerungen
Helene Stöcker vor 1903 (Quelle Wikipedia)

Helene Stöcker und die Philosophie der Neuen Ethik

In ihrer Philosophie der ‚Neuen Ethik’, die sie ab etwa 1905 beginnt zu entwickeln, erkennt Stöcker nicht die Ehe, sondern ausschließlich die Liebe als Legitimation für sexuelle Beziehungen an. Selbst in einem streng calvinistischen Haushalt aufgewachsen, plädiert sie außerdem für die Überwindung einer heuchlerischen sexuellen Moral, die die freie Sexualität unterdrückt. Sie bekämpft den Status der Frauen als Sexualobjekt, wie er beispielsweise in Goethes „Faust“ in der Geschichte rund um Gretchen gleichsam wie nebenbei thematisiert wird (die Lektüre des „Faust“ hat sie stark beeinflusst). Aus ihren Forderungen nach einer „Kultur der Liebe“ leitet sie die Notwendigkeit einer  finanziellen Unabhängigkeit der Frauen und nach weiteren gesellschaftlich notwendigen Veränderungen ab.

Helene Stöcker mit Schwestern
Helene Stöcker und ihre Schwestern (Quelle: Frauenmediaturm.de)

Wenn ich heute an diese erste Lektüre des „Faust“ zurückdenke, so glaube ich, dass mich in ihm weit mehr die Gretchentragödie erschüttert hat als das Erkenntnisproblem. Ich kann kaum mehr beschreiben, mit wie ungeheurer Wucht dieser erste Einblick in die Gewalt und Tragik der Geschlechtsbeziehungen auf mich damals gewirkt hat. Ich stand am Beginn des Pubertätsalters und war überdies durch Anlage und Erziehung gewöhnt, am Schicksal anderer Menschen mitfühlend teilzunehmen. Auf ein Kind weiblichen Geschlechtes musste diese frühe Begegnung entscheidend einwirken. Welche Gefahren, welche Schicksale einer Frau drohten, wenn die Liebe in ihr Leben trat – das stand hier in der vollen Krassheit eines vernichtenden Schicksals vor mir. Auch dass der männliche Partner in dieser Verbindung sich als so schwach und gleichgültig erwies, dass er keine Hilfe und Rettung vor den zerstörenden Konsequenzen zu bringen vermochte, war hier schonungslos offenbart

Helene Stöcker, Lebenserinnerungen

Abschaffung des Paragrafen 218

Stöcker kämpft mit ihrem ‚Bund für Mutterschutz und Sexualreform’ für die Abschaffung des § 218, den besseren Schutz lediger Mütter und gegen ihre gesellschaftliche Ächtung; für Sexualaufklärung und das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung über ihren Körper. Ihre Zeitschrift „Mutterschutz“, 1908 in „Neue Generation“ umbenannt, erscheint ab 1905 bis zu ihrer Flucht aus Deutschland im Jahr 1932. 

Mutterschutz Zeitschrift von Helene Stöcker
Quelle: Frauenmediaturm.de

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs engagiert sich Stöcker in pazifistischen Organisationen. So ist sie unter anderem von 1922 bis 1932: Vorstandsmitglied der „Deutschen Liga für Menschenrechte“.

1943 stirbt sie verarmt und einsam im New Yorker Exil. 

Helene Stöcker Mutterschutz Publikation
Quelle: Frauenmediaturm

Zweck des Bundes ist es, die Stellung der Frau als Mutter in rechtlicher, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht zu verbessern, insbesondere unverheiratete Mütter und deren Kinder vor wirtschaftlicher und sittlicher Gefährdung zu bewahren und die herrschenden Vorurteile gegen sie zu beseitigen, sowie überhaupt eine Gesundung der sexuellen Beziehung anzubahnen.

Helene Stöcker über den Bund für Mutterschutz und Sexualreform BfMS

Es müssen Mittel und Wege gefunden werden, auch denen zu helfen, die durch das Übel der Schwangerschaftsunterbrechung ein noch größeres Übel – nämlich das der Zerstörung von Gesundheit und Lebensglück der schon Lebenden – vermeiden wollen.

Helene Stöcker

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Literatur: 

Helene Stöcker: Lebenserinnerungen. Die unvollendete Autobiographie einer frauenbewegten Pazifistin. Herausgegeben von Reinhold Lütgemeier-Davin und Kerstin Wolff.
L‘HOMME Archiv 5, Böhlau Verlag, Köln 2015. 

Angelika Schaser: Frauenbewegung in Deutschland. 1848 – 1933

Chronologische Biographie von Helene Stöcker mit Jahreszahlen unter Lebendiges Museum Online

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Empfehlungen

Wir sprechen über die Romane von Petra Hucke „Vom Gehen und Bleiben“, S. Fischer Verlage und von Susanne Popp „Der Weg der Teehändlerin“, Fischer Taschenbuch

Wir weisen auf den Podcast frauenvondamals von Bianca Walther hin, die sich fundiert mit der Frauenbewegung in Deutschland beschäftigt, zum Beispiel Folge 8: Von Olympe bis Helene, Streifzug durch 100 Jahre Frauenbewegung oder Folge 18: Helene Lange (Begründerin der Gymnasialkurse für Mädchen).

Wir erwähnen die frauenleben-podcast-Folge über Iris von Rothen und die Folge über Bertha Pappenheim. Für den Mutterschutz und den Schutz unehelicher Kinder setzte sich im Nachkriegsdeutschland auch die erste Ministerin Deutschlands ein: Elisabeth Schwarzhaupt

Eine zeitgenössische heute noch lesenswerte Autorin ist Gabriele Reuter, zum Beispiel der damals sehr erfolgreiche Roman „Aus guter Familie“, der auch von Helene Stöcker in ihrer Autobiographie erwähnt wird. (Gibt es hier gratis als E-Book)

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Sofja Kowalewskaja war Mathematikerin, Revolutionärin und Schriftstellerin. 1850 in Moskau als Tochter eines russischen Landadligen geboren, wurde sie in ihrer Jugend Teil der nihilistischen Bewegung in St. Petersburg und ging eine Scheinehe ein, um in Deutschland studieren zu können. Sie gewann mit dem Prix Bordin eine der höchsten Auszeichnungen in Mathematik und erhielt in Stockholm als erste Frau in Europa eine Mathematikprofessur. Ihr größter Wunsch, in ihrer russischen Heimat lehren und arbeiten zu können, blieb unerfüllt. 

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In ihren Jugenderinnerungen zeichnet sie ein leicht skurriles Bild ihrer Kindheit. Da gibt es Kindermädchen und Gouvernanten, die ihre Machtposition ausnutzen, um die Geschwister gegeneinander auszuspielen, einen distanzierten Vater und eine noch weiter entfernte Mutter, Verwandte, die kommen und gehen – oder sich auch wochenlang einnisten, einen Hauslehrer, der sich selbst im Nachhinein als wichtig für die Entwicklung des genialen Kindes beschriebt, von der kleinen Sofia jedoch offenbar kaum wahrgenommen wird, und das alles in der Abgeschiedenheit eines russischen Landsitzes mit dem poetischen Namen Palibino. 

Begeisterung für Mathematik und Physik

Mit 18 Jahren kehrt sie dieser Welt den Rücken. Sie weiß bereits, dass sie Mathematik studieren will und eine besondere Begabung für das Fach hat. Trotzdem widmet sie sich einige Semester lang auch der Medizin und der Physik. Die Scheinehe mit dem später als Paläontologen bekannt gewordenen Wladimir Kowalewski, der sie zuerst nach Heidelberg und dann nach Berlin begleitet, erweist sich als spannungsreich. Was als rein kameradschaftliches Verhältnis geplant war, wird zu einer komplizierten Beziehung und zu einer lebenslangen Zerreißprobe für beide. 

Sofja Kovalevskaja | © Mittag-Leffler-Institut Djursholm/Schweden

Ab 1870 studiert Sofja Kowalewskaja – unterstützt mit Geld ihrer Familie – privat beim Mathematiker Karl Weierstraß in Berlin, da sie als Frau keine Zulassung an der Universität erhält. Sie und Wladimir reisen viel herum und haben viel Kontakt zu den intellektuellen Geistesgrößen dieser Zeit, und insbesondere Sofja erlangt eine gewisse Berühmtheit. Einen engen Kontakt pflegt sie auch zu ihrer sieben Jahre ältere Schwester Anjuta, die sich in diesen Jahren hauptsächlich der Revolution in Frankreich verschreibt.1874 ermöglicht Weierstraß Sofja die Promotion in Göttingen.

Berufsverbot und finanzielle Probleme

Danach kehren sie und ihr Mann nach Sankt Petersburg zurück, wo ihr jegliche ihrer Qualifikation angemessene Beschäftigung versagt wird. Abgesehen davon, dass sie als Frau nicht an einer Universität lehren darf, stammen beide aus dem Milieu der russischen Nihilisten. Die revolutionären Bestrebungen, die sich gegen das zaristische Russland richten, machen es ihnen unmöglich, in ihrer Heimat wieder Fuß zu fassen. Die beiden betreiben einen Salon, werden Eltern und Sofja versucht sich mit einigem Erfolg als Schriftstellerin, doch 1879 sind sie finanziell am Ende und 1883 nimmt sich Wladimir, der das verbleibende Vermögen durch Immobilien-Spekulationen verloren hat, das Leben. Er lässt seine Frau allein mit der fünfjährigen Tochter zurück.

Sofja wendet sich wieder der Mathematik zu. Mit einem Vortrag auf einem Kongress in Petersburg erregt sie das Aufsehen des Schweden Mittag-Leffler, auch er ein Weierstraß-Schüler wie sie, der beschließt, ihr zu einer Universitätslaufbahn zu verhelfen. Vier Jahre später geht sie als Privatdozentin nach Stockholm, doch sie muss auf Gehalt verzichten, um arbeiten zu dürfen. Erst mit Verzögerung bekommt sie ab 1884 eine Anstellung als außerordentliche Professorin für Mathematik an der Universität Stockholm. 1888 erhält sie den Prix Bordin, eine der höchsten Auszeichnungen in Mathematik. Wegen der Eleganz der Ausführungen wird das Preisgeld von 3000 Francs auf 5000 Francs erhöht. 1891 stirbt sie in Stockholm an einer Lungenentzündung. 

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Literatur: 

Ann Hibner Koblitz: A Convergence of Lives, Birkhäuser Boston Inc. 1983

Sonja Kowalewski: Jugenderinnerungen. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 1968

Anna Maria Stuby: Sofja Kovalevskaja – „Prinzessin der Naturwissenschaften“. Ein Beitrag zur Entheroisierung. Aus der Zeitschrift „Feministische Studien“, 2017 

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Empfehlung:

Erzählung von Alice Munro über Sofja Kowalewskaja: Zu viel Glück. Veröffentlicht in Alice Munro, Zu viel Glück, Fischer Taschenbuch Frankfurt am Main 2011 

Eine Quellensammlung findet sich auch unter https://www.cordula-tollmien.de

Wir erwähnen die Folge über Laura Bassi

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