Fossiliensammlerin, erste weibliche Paläontologin, clevere Geschäftsfrau. Wer Mary Anning war, erfahren wir hauptsächlich aus Schilderungen Dritter. Sicher ist aber, dass sie an der Südküste von England Fossilien von Ichthyosauriern und Plesiosauriern fand, zu einer Zeit, als noch niemand wusste, dass vor vielen Millionen Jahren solche gigantischen Tiere auf der Erde gelebt haben.

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Krokodile würden es wohl sein, Schildkröten vielleicht oder Fische. So erklärten sich die Geologen und anderen Naturwissenschaftler die seltsamen Funde aus Südengland. Seit dem frühen 19. Jahrhundert wurde das helle Gestein gleich am Ärmelkanal für die Herstellung von Zement abgebaut. Dabei kam neben den üblichen Fossilien von Ammoniten, Belemniten und anderen Meerestieren oder auch Pflanzen und Algen immer wieder Rätselhaftes zutage.

Mary Anning
Mary Anning von B. J. Donne

Mary Anning ging schon als junges Mädchen mit ihrem Vater Richard und ihrem Bruder Joseph auf die „Jagd“ nach Fossilien. Die Familie, die in Lyme Regis lebte, war nicht reich und verkaufte die guten Fundstücke an Tourist:innen und auch professionelle Sammler.

In dieser Folge unseres Podcasts erfahrt ihr, wie Mary vom Blitz getroffen wurde, finanzielle Unterstützung von wohlmeinenden Wissenschaftlern erhielt, während andere ihre Professionalität anzweifelten – und warum sie als Diana, Helena, Sankt Georgina und Prinzessin bezeichnet wurde statt einfach nur (verdammt noch mal) als Paläontologin.

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Quellen:
Thomas W. Goodhue: „Mary Anning: the fossilist as exegete“, Endeavour Vol.29 (1), S. 28–32. Elsevier Review 2005.
Tom Sharpe: The Fossil Woman. A Life of Mary Anning. The Dovecote Press 2020.
Michael A. Taylor und Hugh S. Torrens: „An anonymous account of Mary Anning (1799–1847), fossil collector of Lyme Regis, England, published in Chambers’s journal in 1857, and its attribution to Frank Buckland (1826–1880), George Roberts (c.1804–1860) and William Buckland (1784–1856)“, Archives of natural history 41 (2), S. 309–25. Edinburgh University Press 2014.
Hugh S. Torrens: „Mary Anning (1799–1847) of Lyme; ‚the greatest fossilist the world ever knew’“, BJHS 28 (3), S. 257–84. Cambridge University Press 1995.
Peggy Vincent et al.: „Mary Anning’s legacy to French vertrebrate paleontology“, Geol. Mag. 151 (1), S. 7–20. Cambridge University Press 2013.

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Hier ist der erwähnte Koprolith oder Kotstein von Susanne:

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Liebe Susanne, wir werden wahrscheinlich in die Berge fahren – und sind damit wahrscheinlich auch nicht die einzigen. Aber ich freue mich trotzdem schon, mal wieder aus der Stadt rauszukommen. Außerdem bin ich gespannt, wie…

Back of every great work we can find the self-sacrificing devotion of a woman – das steht auf einer Plakette an der Brooklyn Bridge. Emily Warren Roebling war die Frau, die sich für den Bau dieser ikonischen Brücke „aufopferte“, als ihr Mann, der Chefingenieur, schwer krank wurde. Diese Folge ist eine Ergänzung zur Romanbiografie Die Architektin von New York und erzählt vor allem von Emily Warren Roeblings Leben vor und nach dieser monumentalen Aufgabe.

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Aufgewachsen ist Emily Warren im idyllischen Cold Spring im Staat New York. Sie war ein lebendiges, gesundes Mädchen vom Land, das sofort die Aufmerksamkeit des Adjutanten Washington A. Roebling auf sich zog, als sie sich auf einem Officers Ball kennenlernten. Die nächsten 20 Jahre standen im Zeichen der Great Brigde oder Brooklyn Bridge, aber das soll hier nicht näher ausgeführt werden.

Emily Warren Roebling
Emily Warren Roebling (Quelle)

Im Jahr der Eröffnung dieses monumentalen Bauwerks, 1883, war Emily Warren Roebling 40 Jahre alt und hatte noch längst nicht genug vom Leben. Sie baute ein Haus und richtete es ein, sie kümmerte sich um ihren oft kränklichen Mann, organisierte Wohltätigkeitsveranstaltungen und ging, wenn ihr langweilig wurde, auf Reisen.

1896 wurde sie dabei Queen Victoria in London vorgestellt, und in Russland konnte sie an den Krönungsfeierlichkeiten von Zar Nikolaus dem II. und Zarin Alexandra teilnehmen.

Emile Auguste Carolus-Duran: Porträt der Emily Warren Roebling – bei Queen Victoria (Quelle)

Danach wurde sie in der Frauenbewegung und zahlreichen Vereinen, Clubs und Vorständen aktiv. Sie hielt Reden und brachte anderen Frauen bei, ebenfalls in der Öffentlichkeit zu sprechen. Eine Vortragsreise führte sie durch die ganzen USA.

Als auch das noch nicht reichte, studierte sie im Rahmen eines speziell für Frauen eingerichteten Studiengangs Rechtswissenschaften an der NYU. In ihrem Abschluss-Essay, den sie während der Zeremonie öffentlich vorlas, kritisierte sie die fehlenden Rechte für Ehefrauen und Witwen.

Emily Warren Roebling nach Abschluss ihres Jurastudiums (Quelle)

Emily Warren Roebling starb 1903 an einer Herzmuskelschwäche.

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Nach Aufnahme dieser Folge meinte Susanne, dass Emilys Mann Washington wirklich nicht allzu gut wegkäme, und weil ich halt doch Autorin und keine Historikerin bin und beim Schreiben meines Romans liebgewonnen habe, will ich hier noch anfügen, dass die Briefe zwischen ihnen wirklich von großer Liebe und Herzlichkeit sprechen und sich in seinem Nachlass ein kopiertes Gedicht aus der Zeit ihres Todes fand, das mit der Zeile „Good night, dear heart, good night, good night“ endet. Über die Zeit des Brückenbaus sagte er einmal: „At first I thought I would succumb, but I had a strong tower to lean upon, my wife, a woman of infinite tact and wisest cousel.“

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Quellen:
David McCullough: The Great Bridge. The Epic Story of the Building of the Brooklyn Bridge. Simon & Schuster, New York 1972.
Donald Sayenga: Washington Roebling’s Father: A Memoir of John A. Roebling. ASCE Press, 2009.
Erica Wagner: Chief Engineer. Washington Roebling. The Man Who Built the Brooklyn Bridge. Bloomsbury Publishing, New York 2017.
Marilyn E. Weigold: Silent Builder: Emily Warren Roebling and the Brooklyn Bridge. Associated Faculty Press, Port Washington, New York 1984.

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Bertha Pappenheim war Frauenrechtlerin, sprach sich aber gegen Frauenwahlrecht und Abtreibung aus. Sie war Sozialaktivistin, sprach sich aber dagegen aus, dass Menschen für Sozialarbeit bezahlt wurden. Sie übersetzte A Vindication of the Rights of Woman von Mary Wollstonecraft sowie die Memoiren von Glikl bas Judah Leib. Außerdem war sie Anna O. – die junge Frau hinter Sigmund Freuds psychoanalytischer Fallstudie zur sogenannten Hysterie, der Modekrankheit des 19. Jahrhunderts.

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Bertha Pappenheim selbst sprach in in ihrem späteren Leben nie mehr über ihre Erfahrungen mit ihrem Dr. Josef Breuer und seiner Psychoanalyse (die er noch nicht so nannte). Doch auch die modernen Biografien, in denen die Autorinnen behaupten, man solle Bertha Pappenheims spätere soziale Arbeit viel stärker betonen als die wenigen Jahre ihrer Krankheit, nehmen bereits in ihren Titeln immer wieder darauf Bezug. Das leicht Skandalöse, Dramatische dahinter zieht. Und so – shame on us – reden auch wir in dieser Folge darüber …

Bertha Pappenheim während ihres Aufenthalts im Sanatorium Bellevue 1882
Fotograf unbekannt, Quelle: Wikipedia

Bertha Pappenheim, die bereits früh schneeweiße Haare bekam, heiratete nie, sondern konzentrierte sich als Erwachsene auf Wohltätigkeitsarbeit. So erzählen wir auch von ihrer Zeit in Frankfurt am Main und der Gründung eines Waisenhauses für jüdische Mädchen und Frauen in Neu-Isenburg sowie von ihren Tätigkeiten im Jüdischen Frauenbund und ihren Reisen durch Osteuropa, wo sie sich Kinderheime und Bordelle ansah. Sie sprach mit Politik, Polizei und sogar einer Königin. Ihr großes Ziel war es, dass die armen, ungebildeten jüdischen Familien dort nicht mehr auf Menschenhändler hereinfielen, die den Frauen und Mädchen das Blaue vom Himmel – genauer: Arbeit und Auskommen versprachen, um sie in Deutschland als Prostituierte zu verkaufen.

Wie es vielen Menschen geht, die ihrem Leben einer solchen Aufgabe verschreiben, hatte Bertha Pappenheim oft Angst, niemals genug tun zu können. Doch viele ihrer Mitstreiter*innen und „Geretteten“ haben sie stets verehrt.

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Ergänzungen:

Susanne fragte nach Bertha Pappenheims Bruder. Wilhelm hieß er. Gefunden habe ich nur, dass sie gemeinsam beim Erforschen ihres Stammbaums herausgefunden haben, dass sie mit Glikl verwandt sind. Also hatten die beiden auf jeden Fall im Erwachsenenalter noch Kontakt.

Das erwähnte Buch von Irvin D. Yalom heißt Und Nietzsche weinte. (Und ja, einen Film gibt es davon auch!) Empfehlen kann ich allen, die sich für Psychoanalyse und -therapie interessieren, außerdem Yaloms Memoiren Wie man wird, was man ist. Und, wenn wir grad beim Thema sind: Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden von Lori Gottlieb.

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Quelle:
Marianne Brentzel: Sigmund Freuds Anna O. Das Leben der Bertha Pappenheim. Biografie, Reclam Verlag, Leipzig 2004.

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Glikl bas Judah Leib oder Glückel von Hameln führte das Leben einer wohlhabenden jüdischen Kauffrau im Altona des 17. Jahrhunderts. Sie war zweimal verheiratet, gebar zwölf Kinder und hinterließ ihnen autobiografische Aufzeichnungen, in denen sie sich im inzwischen ausgestorbenen Westjiddisch zu Familie und Ehe, Religion und Messiasglauben sowie die Hochs und Tiefs der jüdischen Gemeinschaft in Europa äußerte.

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Aus vielen Sorgen und Nöten und Herzeleid

Im Jahre 1691 beginne ich dieses zu schreiben, aus vielen Sorgen und Nöten und Herzeleid … Ich habe dieses angefangen zu schreiben mit Gottes Hilfe nach dem Tode eures frommen Vaters, und es hat mir wohlgetan, wenn mir die melancholischen Gedanken gekommen sind, aus schweren Sorgen, als wir waren wie eine Herde ohne Hirt und wir unseren getreuen Hirten verloren haben. Ich habe manche Nacht schlaflos zugebracht und ich habe besorgt, dass ich nicht, Gott bewahre, in melancholische Gedanken sollte kommen. Darum bin ich oft nachts aufgestanden und habe die schlaflosen Stunden damit zugebracht.

Man weiß nicht, wann Glikl ihren Kindern diese Aufzeichnungen überreicht hat. Ob sie noch am Leben war? Oder ob die Kinder die beschriebenen Seiten irgendwann nach ihrem Tod in einer Schublade gefunden haben? Jedenfalls war es ein großer Schatz, den sie dort in den Händen hielten, eine Lebensgeschichte der Mutter, immer wieder ergänzt durch Erinnerungen und Anekdoten aus der großen jüdischen Gemeinde, die sich über Altona und Deutschland auf ganz Europa erstreckt.

Glikl bas Judah Leib
Bertha Pappenheim als Glikl. Gemälde von Leopold Pilichowski. Original von 1925.

Ein seltenes Schriftstück

Und auch für uns heute ist Glikls Autobiografie ein interessantes Schriftstück. Wann kann man schon einmal direkt in den Kopf einer aschkenasischen Jüdin aus dem 17. Jahrhundert schauen? Der Originaltext ist in Westjiddisch verfasst, einer heute nicht mehr gesprochenen Sprache, und auf Deutsch steht er uns dank der Übersetzung von Bertha Pappenheim zur Verfügung. Bertha Pappenheim ist es auch, die auf diesem Gemälde von Leopold Pilichowski als Glikl posiert. Von Glikl selbst gibt es leider kein Porträt.

Wie sie als (sehr!) junge Frau eines Luxuswarenhändlers zurechtkommt, ob sie gute Partien für ihre Kinder findet und ob die ganze Familie einem vermeintlichen Messias nach Ägypten folgt, all das erfahrt ihr in unserer Podcast-Folge zu Glikl bas Judah Leib oder Glückel von Hameln. (Auch die zwei Namen erklären wir natürlich.)

Wie im Podcast versprochen, hier noch ein Link zum ersten von zehn Videos von La Porta Musicale, in denen ein großer Teil aus Glikls Text vorgelesen und passende Musik dazu gespielt wird. Hört mal rein, um euch einen Eindruck von Glikls Sprache zu machen: Glikl von Hameln – musikalisch literarisch.

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Quellen:
Marianne Awerbuch: „Vor der Aufklärung: Die Denkwürdigkeiten der Glückel von Hameln – Ein jüdisches Frauenleben am Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts“. In: Willi Jasper und Joachim H. Knoll (Hrsg.): Preußens Himmel breitet seine Sterne, Georg Olms Verlag, Hildesheim/Zürich/New York 2002.
Bernhard Gelderblom: Die Juden von Hameln von ihren Anfängen im 13. Jahrhundert bis zu ihrer Vernichtung durch das NS-Regime. Verlag Jörg Mitzkat, Holzminden 2011.
Inge Groll: Die jüdische Kauffrau Glikl (1646–1724). Edition Temmen, Hamburg 2011.

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