Die afroamerikanische Chemikerin Alice Augusta Ball fand ein Wirkmittel gegen Morbus Hansen – eine Krankheit, die wir besser unter dem Namen Lepra kennen und die noch immer mit einem großen Stigma einhergeht. Würdigung dafür erhielt die junge Frau viel zu spät.

***

Eigentlich dachten wir, dass wir interessante Frauen, über die wir nicht ausreichend Informationen für eine ganze Podcast-Folge finden, lediglich in einem Blogartikel vorstellen, wie ich es zum Beispiel mit Dr. Marie Maynard Daly und Frances Oldham Kelsey gemacht habe. Aber Alice Ball ist mir irgendwie so sympathisch, dass ich ausführlicher über sie reden möchte.

Sie wird im Juli 1892 in Seattle in eine recht wohlsituierte Familie geboren und kommt vielleicht im Fotolabor ihres Großvaters James Presley Ball zum ersten Mal mit Chemikalien in Kontakt. Diese werden sie ihr weiteres (kurzes) Leben faszinieren.

Eine erste Veröffentlichung

Sie geht zur High School und studiert als eine von wenigen Frauen (erst in Seattle, dann in Honululu) pharmazeutische Chemie und Pharmazie. Noch bevor sie ihr Masterstudium beginnt, kann sie eine erste wissenschaftliche Veröffentlichung im renommierten Journal of the American Chemical Society vorweisen: Beonzylations in Ether Solution – zu dieser Zeit eine außergewöhnliche Leistung. Ihre Masterarbeit schreibt sie über die aktiven Bestandteile des Kavapfeffers. Sie ist die erste Frau, die am College of Hawaii einen Mastertitel erhält, und auch die erste schwarze Studentin.

Quelle: knkx.org

Ein großer Erfolg

Daraufhin arbeitet sie dort als Dozentin und bekommt gleichzeitig eine Stelle in einem Labor von Harry T. Hollmann angeboten, der zu dieser Zeit herausfinden möchte, wie man mit Chaulmoograöl Lepra behandeln kann. Mit ihren 20 Jahren muss Alice Ball eine zielstrebige, intelligente Frau gewesen sein, die trotz der doppelten Arbeitslast bald herausfand, wie man – Achtung, Chemie – die Ethylester der zwei in diesem Öl enthaltenen Fettsäuren (nämlich Chaulmoograsäure und Hydrocarpussäure) bei niedrigen Temperaturen trennen kann, sodass sie wasserlöslich werden und injiziert werden können.

Bevor sie diese Ergebnisse jedoch veröffentlichen kann, atmet sie wohl in ihrem Unterricht Chlorgas ein, wird schwer krank und stirbt 1916 mit nur 24 Jahren. Man wird sich wohl immer fragen müssen, was sie noch hätte erreichen können.

Nach ihrem Tod übernimmt Dr. Arthur L. Dean – ebenfalls Chemiker und gleichzeitig Präsident des College of Hawaii – ihre Arbeit. Es wird ein Medikament hergestellt und in großen Mengen verkauft und erfolgreich verabreicht. Dean veröffentlicht die Ergebnisse als seine eigenen, Alice Ball erwähnt er nicht einmal. Erst später wird ihr Name von einem anderen Forscher in einer Publikation genannt, und die „Dean-Methode“ wird zur „Ball-Methode“ umbenannt – und bleibt bis in die 1940er die beste Behandlungsmethode. Im Podcast erzähle ich mehr über die berühmt-berüchtigte Lepra-Kolonie Kalaupapa auf Hawaii.

Eine Wiederentdeckung

„Wiederentdeckt“ wird Alice Ball von Dr. Kathryn Takara von der University of Hawaii, die 1977 mit der Erforschung schwarzer Frau in Hawaii beginnt, und von Stanley Ali, einem pensionierten Beamten, der sich mit der Geschichte der Schwarzen auf Hawaii beschäftigt. Er hat auch dafür gesorgt, dass ein Porträt von Alice Ball in der Hamilton Library (Teil des Uni-Campus) aufgehängt wurde. Seit 2008 gibt es für sie eine Gedenktafel neben einem Chaulmoograbaum auf dem Campus. Außerdem wurde der 29. Februar zum Alice-Ball-Tag ernannt. 2007 bekam sie posthum die Regents’ Medal of Distinction der Universität verliehen. Im Februar 2020 wurde ein Kurzfilm von Dagmawi Abebe namens The Ball Method auf dem Pan African Film Festival gezeigt, von dem ich online leider nur den Trailer finde. Außerdem ist wohl eine Biografie in Arbeit, durch Paul Wermager von der University of Hawaii.

Quelle: imdb.com

Einige Zahlen

Hier sind noch ein paar Zahlen dazu, wie die Situation für Afroamerikaner*innen zu Alice Balls Zeit aussah, was die Zulassung zu Universitäten und Colleges in den USA angeht:

Die erste Universität, die offiziell schwarze Student*innen fördern wollte, war Oberlin College in Ohio. Das war 1833, und viele Schwarze und Abolitionisten (die sich für die Abschaffung der Sklaverei einsetzten) zogen in der Zeit dorthin. Auch die Underground Railroad, über die Sklaven und Sklavinnen aus den Südstaaten in den Norden geschmuggelt wurden, hatte dort einen „Bahnhof“.

Zu Beginn des Sezessionskriegs hatte Oberlin ein Drittel aller afroamerikanischen Akademiker produziert, hauptsächlich Männer, und zwar ungefähr 13. (Die anderen zwei Drittel kamen von anderen Colleges im Norden.)

1850 bekam Lucy Ann Stanton, eine Schwarze, ein Abschlusszertifikat in Literatur vom Oberlin College, aber keinen offiziellen Bachelortitel. Zwölf Jahre später gelingt dies dann Mary Jane Patterson. Und Sarah Woodson Early war noch vor 1900 die allererste schwarze College-Dozentin, die vorher am Oberlin College studiert hatte. Dennoch war natürlich nicht plötzlich alles Friede, Freude, Eierkuchen. Noch 1944 gab es keinen Friseursalon auf dem Oberliner Campus oder in der Nähe, der Haare der schwarzen Student*innen hätte schneiden können. Guter Wille und praktische Umsetzung sind zwei Paar Stiefel. (Quelle)

Siehe auch Historically Black Colleges.

Was Frauen angeht (unabhängig von Herkunft/Hautfarbe), so gab es 1900 in den USA genau 85.338 College-Studentinnen, von denen 5.237 einen Bachelor-Abschluss machten. Im Semester von 1929/1930 waren dann schon 480.802 Frauen eingeschrieben. 1950 wurden 23,9 % der Bachelor-Abschlüsse von Frauen erworben und 9,7 % der Doktortitel. (Quelle)

Außerdem helfen vielleicht noch Erwähnungen von ein paar „die erste, die“-Jahreszahlen verschiedener Universitäten, wie zum Beispiel:

1864 gibt es den ersten medizinischen Abschluss für Rebecca Lee in New England.
1881 eröffnet Spelman College in Atlanta, eine Institution nur für schwarze Frauen.
1890 ist Ida Gray die erste schwarze Frau, die einen Abschluss in Zahnmedizin bekommt, an der University of Michigan.
1897 macht am Vassar College zum ersten Mal eine schwarze Studentin einen Abschluss, Anita Hemmings – von der das College die ganze Zeit dachte, sie sei weiß. Als sie ein paar Wochen vor ihrem Abschluss „geoutet“ wird, fühlt das College sich betrogen, gibt ihr aber trotzdem den Abschluss.
1899 wird zum ersten Mal eine schwarze Studentin Mitglied der Studentinnenverbindung Phi Beta Kappa (die es schon seit 1776 (?) gibt).
1900 ist Otelia Cromwell die erste Schwarze, die einen Abschluss am Smith College in Northampton, Massachusetts macht.
1880 gibt es 45 „schwarze“ Colleges und Universitäten in den USA.
1900 sind es 78.
1932 sind es 117. (Quelle)

***

Quellen:

Jeannette E. Brown: African American Women Chemists. Oxford University Press 2012.
This Podcast Will Kill You – Episode 2: Skin in the Game, Horse in the Race

Comments are closed.