Dr. Marie Maynard Daly

November 2, 2020

Dr. Marie Maynard Daly (1921–2003) war die erste afroamerikanische Frau mit einem PhD-Abschluss in Chemie und unterstützte mit ihrer Arbeit die nobelpreisgekrönte DNA-Forschung von James Watson und Francis Crick.

Sie wird am 16. April 1921 als ältestes von drei Kindern in New York City geboren. Ihr Vater, Ivan C. Daly, ist von den Westindischen Inseln eingewandert und studierte Chemie an der Cornell University in Ithaca im Staat New York, bis er schweren Herzens aufgeben musste, weil er seine Unterkunft nicht mehr bezahlen konnte. Sein Interesse für Chemie gibt er jedoch an seine Tochter weiter und unterstützt sie, obwohl ihre zwei jüngeren Zwillingsgeschwister Jungen sind.

Maries Mutter Helen stammt aus Washington, D. C. Sie liest ihrer Tochter schon früh vor, und Marie beschäftigt sich bald selbst mit Büchern über Wissenschaftler, die sie in der Bibliothek ihres Großvaters mütterlicherseits findet. Besonders beeindruckt ist sie von Paul Henry de Kruifs Microbe Hunters. (Ein Buch, das Kurt Tucholsky übrigens als verniedlichend ziemlich verrissen hat.)

Marie geht in Queens zur Schule und bringt gute Noten nach Hause. Da ihre High School mit einem College verbunden ist, darf sie schon früh Universitätskurse besuchen. Später studiert sie am Queens College, einer relativ neuen Einrichtung, in der sie als gute Schülerin kostenlos aufgenommen wird. Im Jahr 1942 macht sie ihren Bachelorabschluss mit magna cum laude, und bereits ein Jahr später erhält sie ihren Masterabschluss von der New York University.

Da während des Zweiten Weltkriegs alle möglichen Wissenschaftler*innen – und eben auch Chemiker*innen – gebraucht werden, bekommt Marie gleich im Anschluss eine Doktorandenstelle im Labor von Dr. Mary L. Caldwell an der Columbia University in New York City. Caldwell stellt gern Frauen ein und wird Marie ein großes Vorbild. Sie begegnet ihren Studentinnen mit großem Respekt und kann sie bei Niederlagen mit freundlichen Worten schnell wieder aufbauen.

Im Jahr 1947 schließt Marie ihre Arbeit ab und erhält 1948 ihren Doktortitel. Die Doktorarbeit ist ihren Eltern und Dr. Caldwell gewidmet und trägt den Titel A Study of the Products Formed by the Action of Pancreatix Amylase on Corn Starch. Darin erklärt Marie, wie ein Enzym der Bauchspeicheldrüse das Kohlenhydrat Maisstärke in Zucker aufspaltet, damit es vom Körper besser aufgenommen werden kann.

In der Folge nimmt Marie einen Job als Dozentin für Naturwissenschaften an der Howard University in D. C. an. Eingestellt wird sie von Herman R. Branson, der zum Thema DNA forscht – ebenso wie in Cambridge James Watson und Francis Crick, die später den Nobelpreis für die Entdeckung der Doppelhelix bekommen.

Kurze Zeit später wechselt sie jedoch mit einem Stipendium der American Cancer Society zum Rockefeller Institute. Die afroamerikanische Gemeinde ist stolz darauf, dass sie dort als einzige Schwarze arbeitet, und in einem Artikel im Interracial Review wird über sie berichtet. Heute klingt das etwas merkwürdig:

Die junge Dr. Daly arbeitet nun schon im dritten Jahr als Stipendiatin der American Cancer Society. Obwohl sie während des Großteils ihres bislang kurzen Erwachsenenlebens ihre Nase tief in Zellkerne, Chromosomen, Amylasen und andere biochemische Dingsbums vergraben hat, ist Miss Daly ein patentes und lebensfrohes amerikanisches Mädchen und kümmert sich nicht um die Aufmerksamkeit, die sie als die einzige schwarze Wissenschaftlerin im Institut auf sich ziehen muss.

(eigene Übersetzung, zitiert in Brown, S. 37/38)

Tatsächlich erforscht Marie – patent und lebensfroh – die Zusammensetzung und den Metabolismus von Zellkernen, um Krebserkrankungen besser zu verstehen. 1955 wechselt sie zurück zur Columbia University beziehungsweise zum College of Physicians and Surgeons, wo sie Biochemie unterrichtet und als Forschungsassistentin arbeitet, um die Ursachen für Herzinfarkte zu untersuchen. Sie findet unter anderem mehr dazu heraus, welche Rolle Cholesterin bei Herzproblemen spielt und wie sich Zucker und Rauchen negativ auf die Herzgesundheit auswirken.

Im Jahr 1960 wird sie am Albert Einstein College of Medicine angestellt, ebenfalls in New York City. Sie bekommt finanzielle Unterstützung, um sich mit dem Alterungsprozess und dessen Auswirkungen auf den Blutkreislauf zu beschäftigen. Sie plant eine langfristige Studie, in der sie sich mit Ernährung und Hormonen auseinandersetzen will. Von 1962 bis 1972 bleibt dies ihre Hauptaufgabe.

Gleichzeitig unterrichtet sie weiter, am liebsten kleine Gruppen, tritt als Mentorin von vornehmlich afroamerikanischen (und puerto-ricanischen) Studentinnen und Studenten auf und unterstützt aktiv ein Programm zu deren Förderung. 1975 nimmt sie zum Beispiel an einer Konferenz teil, bei der untersucht werden soll, welchen Schwierigkeiten Frauen aus Minderheiten sich in den Naturwissenschaften gegenübersehen.

Bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1986 ist sie Mitglied zahlloser Verbände und Vereine. 1988 gründet sie ein Stipendium für afroamerikanische Student*innen der Chemie und Physik am Queens College – zu Ehren ihres Vaters, der seinen Abschluss nie hat machen können.

Über ihr Privatleben ist wenig bekannt: Marie heiratet 1961 Dr. Vincent Clark, einen Arzt am Harlem Hospital in New York. Sie leben in Queens und später in Long Island. Marie spielt mit Begeisterung Flöte und wechselt später, als sie Krebs bekommt, der ihr das Spielen unmöglich macht, zur Gitarre. Sie liebt ihren Garten und ihre Hunde. Eigene Kinder hat sie nicht, aber mit ihrer Heirat wird sie zweifache Stiefmutter. Sie stirbt am 23. Oktober 2003.

Quelle: Jeannette E. Brown: African American Women Chemists. Oxford University Press 2012.

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