Sie stammte aus einer armen sächsischen Familie und war nach Maria Sibylla Merian die bedeutendste Naturforscherin und Forschungsreisende Deutschlands. Trotz mangelhafter Schuldbildung machte sie sich als Botanikerin einen so guten Namen, dass sie sich auf Augenhöhe mit Universitätsprofessoren unterhalten konnte. Ihr abenteuerlicher Lebensweg führte sie bis ins australische Outback.

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Sie wird 1821 in eine arme Familie in Sachsen hineingeboren. Ihr Vater war Beutler (Hersteller von Lederwaren) im sächsischen Siebenlehn. Die vierköpfige Familie, Amalie hat noch einen Bruder, lebt in der sogenannten Unterstadt, dem Arme-Leute-Viertel. Die »Nellen Male«, wie sie genannt wird, (ihr Mädchenname ist Nelle), ist ein ernstes und kluges Mädchen, und die Eltern schicken sie sogar auf die Schule, wofür sie von ihrem Haushaltsgeld etwas abzweigen müssen. Sie wird älter, bleibt aber bei den Eltern. Den Heiratsantrag eines reichen Mehlhändlers lehnt sie ab.

Amalie Dietrich
Amalie Dietrich

Mit vierundzwanzig Jahren lernt sie bei einer Wanderung den Naturforscher Wilhelm Dietrich kennen, der in der Oberstadt von Siebenlehn wohnt. Über ihn kursieren die wildesten Spekulationen, denn niemand weiß, was ein Naturforscher eigentlich macht. Wilhelm Dietrich hätte eigentlich Arzt werden wollen, musste jedoch das Studium abbrechen, weil das Geld nicht reichte, er machte eine Apothekerlehre, gab die Anstellung, die er als Apotheker hatte, jedoch auch wieder auf, um Privatgelehrter zu werden. Sein Interesse und seine Leidenschaft gehören der Botanik.

Das Kategorisierungssystem von Carl von Linné, die botanische und zoologische Nomenklatur, ist einige Jahrzehnte zuvor erfunden worden und hat sich etabliert. Der Besitz und das Erstellen von Herbarien, um die Formfülle der Natur zu ordnen, ist sozusagen en vogue. Jeder Botaniker setzt seinen Ehrgeiz daran, die Pflanzenarten in seiner Umgebung oder in bestimmten Regionen zu bestimmen und zu beschreiben. Und das tut also Wilhelm Dietrich, der ungefähr zehn Jahre älter war als Amalie. Die junge Frau ist völlig fasziniert. Ihr erschließt sich mit einem Schlag eine völlig neue Welt. Sie beginnt mit Dietrich die Wälder und Felder zu durchstreifen und als er bei ihren Eltern um ihre Hand anhält, sagt sie sofort Ja.

Wilhelm Dietrich hat natürlich sofort das Talent seiner jungen Frau erkannt. Sie ist fleißig, gelehrig, hat keine großen Ansprüche an ihren persönlichen Komfort, leidet nicht unter »Putzsucht«, denn das gilt quasi als Todsünde – gemeint ist damit, der Wunsch hübsch auszusehen und schöne Kleider zu tragen – und sie ist bereit, sich völlig unterzuordnen. Sie geht bei ihrem Mann in die Lehre.

Dreihundert Taler haben die Eltern für die Aussteuer der Tochter angespart, das ist gar nicht einmal so wenig für eine so arme Familie, und die werden nicht in Leinenwäsche oder ein neues Kanapee investiert, sondern in Pflanzenpressen, Glashäfen, Spiritus und Papier. Das Paar zieht in ein altes Forsthaus, es ist ungemütlich, aber luftig und groß, und jeder Raum wird Teil der Werkstatt. Es gibt keine Wohnstube, es gibt nur Arbeitsräume. Tausende getrocknete Pflanzen liegen in den Regalen, Blüten, Stängel, Wurzeln, dazu mumifizierte Insekten und Mineralien, alles fein säuberlich geordnet und aufgereiht.

Im Sommer wird tagsüber gesammelt und abends getrocknet und gepresst und im Winter ordentlich auf Papier aufgezogen beschriftet. Amalies Eltern ziehen bei dem Paar ein und die Mutter macht den Haushalt. Amalie kann sich also voll und ganz darauf konzentrieren, die Assistentin ihres Mannes zu sein.

Er war womöglich ein guter Lehrer – ob er ein guter Mensch war, sei dahingestellt. Auf jeden Fall nutzt er ihren Aufopferungswillen aus. Beispielsweise trägt er nie selbst den Korb, in dem sie die Pflanzen nach Hause tragen, das lässt er immer sie machen, auch als sie die Wanderungen später ausweiten und teilweise wochenlang umherziehen, ohne nach Hause zurückzukehren. Das geht auch gut, zumindest solange sie noch kein Kind haben. 1848 wird die Tochter Charitas geboren. Der Vater ist enttäuscht, keinen Sohn zu haben, Amalie muss weiter arbeiten, wahrscheinlich will sie es auch. Hausfrau zu sein – und nun auch noch Mutter – hat sie nie gelernt, und ihre Mutter ist ja noch da, um sich zu kümmern. Also bleibt erst einmal alles beim Alten.

Finanziell sieht es nicht so gut aus. Die Herbarien, die sie erstellen, sind zwar sehr hochwertig, aber die Kundschaft, Universitätsprofessoren etwa, ist nicht sehr zahlungsfreudig. Es ist sehr schwer, angemessene Preise für die viele Arbeit zu erzielen. Es reicht also gerade so zum Leben. Vier Jahre später stirbt die Mutter und Amalie fühlt sich überfordert. Sie stellt ein junges Dienstmädchen ein. Nun kommt der Klassiker: Der Ehemann verliebt sich neu und verschwindet, angeblich um in Berlin Geld einzutreiben, das ihm zusteht. In Wahrheit trifft er sich mit dem Dienstmädchen.

Aus: Die Verteufelung der Amalie Dietrich von Ray Sumner.

Das ist eine große Krise in Amalies Leben. Sie hat das Gefühl, mit einem Mal völlig allein dazustehen. Sie besorgt sich einen Pass und reist mit ihrer Tochter nach Bukarest, wo ihr Bruder Karl lebt. Für die damalige Zeit eine Reise ans Ende der Welt. Ihr Bruder ist wie der Vater Lederwarenhersteller geworden und hat es damit weit gebracht, er ist recht wohlhabend. Doch das Leben in der Großstadt fällt Amalie schwer und mit ihrer hübschen auf Etikette bedachten Schwägerin, kommt sie nicht sonderlich gut zurecht. Sie lässt sich als Haushälterin bei einem sächsischen älteren Ehepaar in einem Karpatendorf anstellen und schätzt die Ruhe der Natur, die sie dort im Gegensatz zur Großstadt wieder genießen kann. Sie nimmt das Sammeln von Pflanzen wieder auf und schickt die Pflanzen zu ihrem Mann nach Siebenlehn. Nach einem Jahr kehrt sie nach Hause zurück.

Sie ist selbstbewusster geworden – doch es ist für sie keine Frage, dass sie nun wieder mit ihrem Mann zusammen arbeiten wird. Die Tochter müssen sie bei den ausgedehnteren Wanderungen, die sie nun unternehmen, teilweise sind sie vier bis fünf Monate am Stück unterwegs, in fremden Familien unterbringen. Sie sammeln Farne, Moose, Gräser, Giftpflanzen für Apotheken, Schulen, Universitäten und botanische Gärten. Da ihr der Tragekorb auf dem Rücken zu schwer wird, schafft Amalie einen Handwagen an, der von einem Hund, Hektor mit Namen, gezogen wird. Doch wenn es bergauf geht, zieht sie auch selbst.

Dann wird das alles ihrem Mann irgendwann zu anstrengend. Amalie Dietrich ist nun 36 Jahre alt und muss die Familie ernähren. Sie ist jetzt immer allein unterwegs, hat aber auch mehr Freiheiten und kommt in Kontakt und in Gespräche mit ihren Kunden, mit gebildeten Männern, die die Qualität ihrer Arbeit anerkennen. Sie redet mit Universitätsprofessoren, Lehrer, Apotheker – sie erfährt etwas über den Stand der wissenschaftlichen Forschung.

Dann soll die Sammlung ergänzt werden mit Algen und Seetang und sie soll, so der Wunsch ihres Mannes, an die holländische Küste wandern. In Harlem bei Den Haag bricht sie zusammen. Sie hat Typhus und überlebt die Krankheit kaum, liegt wochenlang im Spital. Als sie nach Hause zurückkehrt, ist ihr Mann nicht mehr da. Er hat sich als Hauslehrer anstellen lassen. Die Tochter hat er wiederum bei einer fremden Familie untergebracht.

Sie holt die Tochter zu sich und stellt gemeinsam mit ihr neue Herbarien zusammen, die sie zu Geld machen kann. Nun läuft es für sie ein bisschen besser, sie spart das Geld für eine Bahnfahrkarte nach Hamburg zusammen, wo sie ihre Moosherbarien verkaufen will. Sie wird weiterempfohlen an Cesar Godefffroy, einem Reeder und begeisterten Sammler naturkundlicher Materialien, der dabei ist ein naturkundliches Museum aufzubauen. Beim zweiten Anlauf empfängt er sie, beim ersten hat er sie noch abgewiesen, weil sie nun daran gedacht hat, sich Referenzen zu besorgen, die sie vorlegt. Und sie wird engagiert.

Die Firma Godeffroy ist ein bedeutender Name in Hamburg. Sie haben nicht nur die Reederei, sie verdienen ihr Geld mit Kohle, Eisen und Stahl, mit Überseehandel und Plantagen. Godeffroy wird «König der Südsee», aber auch «Raffzahn» genannt. Und wer Geschäfte in den Kolonien machte, war wahrlich nicht zimperlich. Ein wichtiges Handelsgut war das sogenannte Kopra, getrocknetes Kokosnussfleisch, das man zu Öl verarbeitete. Damals wurden in der Südsee ganze Landstriche gegen Gewehre oder Baumwollstoffe eingetauscht. Anschließend wurden die Ureinwohner auf den Plantagen angestellt, wo sie für einen Hungerlohn arbeiten mussten.

Ein weiteres Standbein von Godeffroy ist das Geschäft mit australischen Auswanderern. In Australien gab es damals reichlich Grund und Boden, aber zu wenig Arbeitskräfte, weshalb man dort billig Grund und Boden erwerben konnte. Zwischen 1855 und 1866 schafften 13 Godeffroy-Schiffe in 26 Fahrten mehr als elftausend deutsche Auswanderer nach Australien.
Die Kapitäne sind angewiesen, unbekannte Pflanzen und Tiere mit zurückzubringen – auf Speicherböden werden die Sachen aufbewahrt und sortiert und dafür auch extra jemand eingestellt, ein Präparator. Nachdem Amalie Dietrich also die Zusage für ihre Anstellung bekommen hat, muss sie noch ihre Fertigkeiten ein wenig ausweiten. Sie lernt, Vögel abzubalgen, mit dem Gewehr umzugehen, lernt Säugetiere und Fische auszunehmen und einzupökeln. Und dann reist sie mit naturkundlichen Büchern, Werkzeug und Materialien im Gepäck nach Australien. Immerhin bekommt sie eine erste Klasse Kabine zugewiesen. Wenn auch ihr Lohn, wie später Forscher herausgefunden haben, nur halb so hoch war, wie der eines Mannes, ist sie nun im Zenit angekommen. Sie hat die Anerkennung der wissenschaftlichen Welt erreicht.

Ihre Tochter kann sie freilich nicht mitnehmen. Sie schickt sie auf eine gute Schule, ein Institut, auf dem sie zur Kindergärtnerin nach der neuen Fröbel-Methode ausgebildet wird. Später verbringt die Tochter längere Zeit in London. Das Geld für die Tochter ist der größte Posten in Amalie Dietrichs Haushalt. Sie verdient 387 Taler im Jahr, das Schulgeld beträgt 150 Taler. Sie selbst gönnt sich so gut wie nichts für ihren persönlichen Komfort.

Amalie Dietrich
und ihre Tochter Charitas

Zehn Jahre bleibt Amalie Dietrich nun in Australien. Sie sammelt alles, was ihr unter die Finger kommt und bekommt auch konkrete Anweisungen aus Hamburg, etwa verschiedene Hölzer zu sammeln, «Probenblöcke», und auch genau, wie sie die Sachen verpacken soll und wie viele Exemplare jeweils gewünscht werden. Godeffroy stellt nämlich wiederum Sammlungen zusammen, die dann weiterverkauft werden.

Aus einer Anzeige:
«Neuholländische Pfanzen, gesammelt von Amalie Dietrich am Brisbane River Col. Queensland im Auftrage des Herren Joh. Ces. Godeffroy & Sohn in Hamburg … Es können Sammlungen bis ca. 350 Arten geliefert werden»

Es werden einige Pflanzen nach Amalie Dietrich benannt, beispielsweise eine Moosart, zwei Algenarten, eine Akazie, zwei Wespenarten.

Von Brisbane zieht sie weiter nach Norden, nach Gladstone. Wie sie dort gelebt hat, wissen wir kaum. Es gibt dazu nur die Schilderungen der Tochter, die in ihr Buch Briefe einbindet, die angeblich von der Mutter stammen sollen, es jedoch sehr wahrscheinlich nicht sind. Sie hat das Buch nach dem Tod der Mutter geschrieben und Forscher haben in den Briefen Zitate aus anderen Büchern wiedererkannt – und außerdem botanische Fehler festgestellt, die Amalie Dietrich wohl niemals unterlaufen wären.

Auch menschliche Skelette schickt sie nach Deutschland. Darwins (1809-1882) Evolutionstheorie ist auf dem Vormarsch und damit auch der Sozialdarwinismus. Man vermutet, dass die australischen Ureinwohner womöglich das Missing Link sein könnten zwischen den Menschenaffen und den Menschen. Godeffroy förderte diesen Zweig der Wissenschaft. In den australischen Briefen heißt es, sie habe bei den Erwachsenen die in den Baumwipfeln aufgebahrten Leichen stehlen müssen. Kinderleichen seien einfacher zu beschaffen, da sie in einen hohlen Baum gesteckt werden, der mit roter und weißer Farbe gestrichen wird.

Sie dringt immer weiter ins Outback vor, weit weg von jeder Zivilisation, bleibt an eine, Ort, an dem außer ihr nur drei Familien leben. Ihre Tochter schildert in ihrem Buch alle möglichen Abenteuer, von denen man aber nicht weiß, ob sie wahr sind. Ein abenteuerliches und entbehrungsreiches Leben war es aber ganz gewiss. Nach zehn Jahren, 1873, kommt sie wieder in Hamburg an und hat zwei selbst gezähmte Raubvögel im Gepäck, einen Keilschwanz und einen australischen Seeadler, als Geschenk für den Hamburger. Zoo Tochter Charitas holt sie ab.

Da saß am anderen Ende der Kajüte eine alte Frau mit gekrümmtem Rücken. Ihr pergamentartiges verwittertes Gesicht war von tausend Falten und Fältchen durchfurcht und wurde von dünnen weißen Scheiteln umrahmt. Ein dürftiges Röckchen und eine dunkle Kattunjacke umschließen die alternde Gestalt. An den Füßen trug sie alte graue Segeltuchschuhe, die vielfach Löcher zeigten. … Zwei Fremde standen sich gegenüber.

Aus: Charitas Bischoff, »Amalie Dietrich. Ein Leben«.

Die Sammlung Godeffroy ist nun ein Museum. Amalie Dietrich bekommt eine Anstellung und darf ihre Sammlung betreuen. Sie ist ein häufiger Gast an der Hamburger Universität, geht dort in die Vorlesungen. Doch sechs Jahre nach ihrer Rückkehr ist Godeffroy plötzlich pleite. Das Museum wird verkauft, die Sammlungen werden auseinandergerissen, vieles – zu vieles – ist noch nicht einmal erfasst und katalogisiert worden. Manche Pflanzen, die sie als erste entdeckt und beschrieben hat, werden später von anderen ein zweites Mal zum ersten Mal entdeckt und beschrieben. Vieles, was überlebt, weil es beispielsweise von der Stadt Hamburg oder von Leipzig aufgekauft wird, wird später im Krieg vernichtet. Nur die Herbarien bleiben wohl verschont und existieren bis heute.

Amalie Dietrich zieht in ein städtisches Altersheim um. Sie stirbt 1891 mit 70 Jahren, 18 Jahre nachdem sie aus Australien zurückgekehrt ist, und 12 Jahre, nachdem die Sammlung Godeffroy aufgelöst wurden.

Für diese Episode verwendete Literatur:

Renate Feyl. Der lautlose Aufbruch. Diana Verlag 2004

Amalie Dietrich (1821-1891) : German biologist in Australia : homage to Australia’s Bicentenary 1988, Stuttgart : Institut für Auslandsbeziehungen

Die Verteufelung der Amalie Dietrich von Ray Sumner

Amalie Dietrich. Ein Leben. Erzählt von Charitas Bischoff

Auf der empfehlenswerten Website fembio.org sind eine Menge weiterer Quellen zu finden

Bildquellen wenn nicht anders angegeben: siebenlehn.de. In Siebenlehn gibt es eine Amalie-Dietrich-Gedenkstätte.

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Artwork und Musik: Uwe Sittig

Frauenleben-Hosts: Susanne Popp und Petra Hucke 

Podcast-Website: Frauenleben-Podcast 

Instagram: https://www.instagram.com/frauenleben.podcast/

Die «Grande Dame de la Champagne», Veuve Clicquot-Ponsardin, war eine erfolgreiche Unternehmerin und wurde für ihre Innovation in der Champagner-Herstellung bekannt. Ihr Erbe steckt weltweit in jedem Schaumwein, der nach der Methode der Flaschengärung hergestellt wird.

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Es gibt kein Gemälde, welches die junge oder gar jugendliche Barbe-Nicole Clicquot-Ponsardin zeigt. Es gibt nur Porträts von ihr als alte Dame. Dort präsentiert sie sich stolz als die berühmte «Grande Dame de la Champagne», schon zu Lebzeiten ein Mythos. 

Einer Romanschriftstellerin verschaffen solche und andere Lücken kreativen Spielraum. Es gibt Hinweise auf ihre Augenfarbe, ihre Größe oder Haarfarbe – und schon erscheint die Person vor dem inneren Auge. Ihr Charakter lässt sich aus dem Lebenswerk rekonstruieren. Das Privatleben entsteht rund um die bekannten historischen Daten. 

Da sind zum Beispiel die zahlreichen jungen Männer, die in ihrem Leben eine Rolle spielen. Monsieur Kessler, der später selbst eine Sektkellerei gründet, beginnt mit gerade einmal zwanzig Jahren bei ihr zu arbeiten. Monsieur Werlé, der im Roman noch keinen Auftritt hat, kommt etwa fünfzehn Jahre später als Praktikant zu ihr in die Firma, um sein Französisch aufzubessern, und wird schnell ihr Favorit und später ihr Nachfolger. Ich möchte Madame nichts unterstellen – sondern einfach nur annehmen, dass sie noch andere Dinge im Kopf hatte als ihre Arbeit. 

Portrait de Madame Clicquot par Cogniet (1794-1880).
Huile sur toile (129,5 cm X99,3 cm), peinte entre 1851 et 1861.

Dabei stand die Arbeit ganz ohne Frage im Mittelpunkt ihres Lebens, denn Madame Clicquot war ehrgeizig bis hin zur Besessenheit. Früh erkannte sie, was die Kunden im fernen Zarenreich von ihr erwarteten – und sie ruhte nicht, bis sie zuverlässig den für russische Gaumen perfekten Champagner liefern konnte. Als ihre Konkurrenten am Ende der napoleonischen Ära noch zögerten, charterte sie bereits ein Schiff, um ihren Wein nach Russland zu transportieren – und zwar ohne zu wissen, ob er dort überhaupt gehandelt werden durfte. Sie erfand die Remuage, und während der Wein der übrigen Produzenten immer noch unansehnlich trübe war, da war der Champagner von Veuve Clicquot bereits glasklar und sprudelnd.

Anonymes Gemälde aus dem Bildband von Frédérique Crestin-Billet. Das Etikett ist weiß – auch diese Variante gab es (für demi-sec), wesentlich häufiger war jedoch auch damals das orangenfabene Etikett.

Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Seien es die Brandzeichen auf den Korken, die perfekte Flaschenform, die Wahl der Farbe und des Schriftzugs für die Etiketten – absolut nichts überließ Madame Clicquot dem Zufall, davon zeugt ein umfassender Schriftverkehr. Ihre Risikobereitschaft brachte ihr Unternehmen auch das eine oder andere Mal in Gefahr, doch da sie sich mit zuverlässigen und charakterstarken Mitarbeitern umgeben hatte, bewältigten sie diese Krisen gemeinsam und gingen gestärkt daraus hervor. 

Mehr über das inspirierende Leben dieser beeindruckenden Unternehmerin und die spannenden historischen Hintergründe des Champagners und des Romans erzählen wir euch in dieser Podcast-Episode. 

Foto: Susanne Popp ℅ Veuve Clicquot, Reims

Quellen: 

Tilar J. Mazzeo: Veuve Clicquot. Die Geschichte eines Champagner-Imperiums und der Frau, die es regierte. Hoffmann & Campe 2009
Frédérique Crestin-Billet: Veuve Clicquot. La Grande Dame de La Champagne. Glénat, 1992. 

Das Leben der Veuve Clicquot stellt die historische Vorlage dar für den Roman von Susanne Popp: Madame Clicquot und das Glück der Champagne, Rowohlt, 2020 (zum Beispiel bei Amazon erhältlich)

Artwork und Musik: Uwe Sittig

Frauenleben-Hosts: Susanne Popp und Petra Hucke

Frauenleben-Podcast

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Maria Sibylla Merian war Malerin und Insektenforscherin – in einer Zeit, in der Frauen in den Wissenschaften nichts zu suchen hatten und Insekten als Teufelsbrut galten.

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Ihr Nachname ist bekannt: Maria Sibyllas Vater war Matthäus Merian der Ältere (1593–1650), Schweizer Kupferstecher und Verleger, der bis heute für seine Städteansichten, Landkarten und Chroniken bekannt ist. Das Haus Merian war einer der größten europäischen Verlage, ansässig in Frankfurt am Main, das auch damals schon als Zentrum des Buch- und Verlagswesens galt. Sogar zweimal jährlich fand eine geschäftige Buchmesse statt.

Matthäus Merian der Ältere

Kindheit mit Puffärmelchen

Maria Sibylla wird am 2. April 1647 geboren. Der Dreißigjährige Krieg neigt sich doch endlich dem Ende zu. Die Hälfte der Bevölkerung ist tot, Seuchen toben durch Deutschland, die Überlebenden hungern. Angeblich kommt es sogar zu Fällen von Kannibalismus. Menschen strömen in die Städte in der Hoffnung auf Arbeit. Gleichzeitig breitet sich der Pietismus aus, eine mystisch-erbauliche, schwärmerische Strömung, die auf Verinnerlichung setzt und das Urchristentum wiederherstellen möchte.

Seit 1645 ist Johanna Sibylla Heim die zweite Frau des Matthäus Merian. Sie gilt als tugendsam, fromm und in Gelddingen kompetent. Maria Sibylla hat ältere Halbgeschwister, unter anderem Matthäus den Jüngeren (1621 geboren) und Caspar (1627), die nach dem Tod des Vaters den Verlag weiterführen. Matthäus der Ältere stirbt nämlich schon, als Maria Sibylla erst drei Jahre alt ist. Kurz zuvor soll er ausgerufen haben: Bin ich schon nicht mehr da, so wird man doch sagen: Das ist Merians Tochter. Eine schöne – und wahre – Prophezeiung.

Sie gilt als sein Lieblingskind, und einem von Matthäus dem Jüngeren gemalten Familienporträt wird sie nachträglich hinzugefügt – anders als die griechisch gewandete Familie jedoch im zeitgenössischen Kleid mit Puffärmelchen. In den Armen hält sie den riesigen Kopf einer Laokoon-Statue aus dem Louvre, die aber angeblich nichts weiter zu bedeuten hat, als dass der Maler sagen wollte: Schaut her, ich war in Paris.

Matthäus Merian d. J.: Familie des Künstlers

Laut Matthäus dem Jüngeren ist Johanna eine „Stiefmutter wie sie im Buche steht“. Mit einem Blick auf seine Autobiografie lässt sich allerdings auch sagen, dass er nicht unbedingt der netteste aller Stiefsöhne war … Sie werden streng religiös erzogen, Arbeit gilt als die höchste Tugend, und somit hat Johanna wohl auch einfach keine Zeit, ihre Kinder zu verhätscheln.

Ein neuer Stiefvater und eine unwiderstehliche Tulpe

Nach dem Tod ihres Mannes bekommt sie von ihrem Stiefsohn widerwillig ein kleines Erbe ausbezahlt und zieht mit Maria Sibylla ins Stadtzentrum von Frankfurt, wo sie ein kleines Haus mietet. 1651 heiratet sie Jacob Morell (ein Mann mit vielen Schreibweisen), einen Blumenmaler mit Kontakten in die Niederlande,  wo gerade die Tulpenmanie wütet. Er richtet im Haus eine Werkstatt ein, die die kleine Maria Sibylla immer wieder anzieht. Selten geht sie ihren Bruder Caspar in der Druckerei des Verlages besuchen, ansonsten sind die Kontakte zur Familie Merian kaum noch vorhanden.

Sie geht in die Schule – nicht selbstverständlich für Mädchen zu dieser Zeit, lernt Rechnen, Schreiben, Lesen, aber kein Latein, das für ihr frühes Interesse an den Naturwissenschaften eigentlich unabdingbar gewesen wäre. Denn Insekten haben es ihr angetan. Sie will sie allerdings nicht nur tot oder in Büchern studieren, sondern in der lebendigen Natur.

Dafür richtet sie sich heimlich auf dem Dachboden eine kleine Forschungsstation her, mit Dosen, Schachteln und Gläsern voller krabbelnder, kreuchender, fleuchender Insekten. Ob das wirklich so war? Das Haus war winzig, die Türen standen immer offen, Menschen gingen ein und aus. Wahrscheinlich hätte sie so etwas vor ihrer Mutter nicht geheim halten können. Und dann ist da noch die Anekdote mit dem Tulpenklau: Ein reicher Nachbar hat viel Geld ausgegeben und sich im Garten Tulpen angepflanzt. Maria Sibylla pflückt sich eine der Blumen (je nach Quelle auch das gesamte Beet), um sie zu malen. Als der Nachbar es herausfindet, gibt es ein großes Donnerwetter. Maria Sibylla gesteht, dass sie unbedingt die wunderschönen Blüten malen wollte. Ungläubig lässt der Nachbar sich das Aquarell zeigen – und ist so begeistert von Maria Sibyllas Talent, dass er ihr nicht mehr böse sein kann.

Ausbildung zur Kupferstecherin – es bleibt in der Familie

Nun erhält sie auch einen eigenen Arbeitsplatz in der Werkstatt des Stiefvaters. Damals ist es gar nicht unüblich, dass die Frauen der Handwerkerfamilien mitarbeiten. Da Jacob Morell viel verreist, wird ihr der achtzehnjährige Abraham Mignon als Lehrer zugewiesen. Er bringt ihr bei, wie sie Aquarellfarben herstellt, welche Maltechniken es gibt, wie Kupferstiche entstehen, wie sie Gemälde komponiert.

Mit einem eisernen Grabstichel, befestigt an einem hölzernen Griff, vorne spitz, ritzt er feine Linien in die große, polierte Kupferplatte, die vor ihm schräg auf einem Pult liegt. Immer wieder vergleicht er mit der gezeichneten Vorlage. Für breitere Linien oder Flächen nimmt er ein vorne breiteres, rundes oder flaches Werkzeug. Mit einem Schaber entfernt er die kleinen, aufgeworfenen Kupferspäne entlang der Linien. Die so hergestellten Vertiefungen der Platte sollen später, beim Druck, die schwarze Farbe aufnehmen. Je tiefer die Linie, so erklärt er ihr, desto dunkler erscheint sie auf dem Papier. Hellere oder dunklere Schattierungen erreicht er durch engeren oder weiteren Abstand der Linien.

Helmut Kaiser, Maria Sibylla Merian: eine Biographie, S. 39.

Inzwischen geht es der Gesellschaft besser. Nach dem langen Krieg können die Menschen sich endlich wieder etwas gönnen. Seide gehört zu den größten Luxusartikeln, und ihre Herstellung ist in Europa noch gar nicht allzu lang bekannt. Mit dreizehn Jahren bekommt Maria Sibylla deshalb von einem Bekannten Seidenraupen geschenkt. Ihre Leidenschaft ist endgültig geweckt. Allerdings nicht für das Luxusgut Seide, sondern für die Entwicklung der Insekten, vom Ei über die Raupe und den Kokon bis hin zum wunderschönen Falter.

Sie beginnt mit einer wissenschaftlich fundierten, systematischen Erforschung der Insekten, findet heraus, welche Futterpflanzen sie brauchen, wie lange sich welche Art verpuppt und dass aus hübschen Raupen nicht immer unbedingt die hübschesten Schmetterlinge entstehen. Fast ein ganzes Jahrhundert vor Carl von Linné notiert sie ihre Beobachtungen und nimmt zum Beispiel bereits die Einordnung in Tag- und Nachtfalter vor.

Sommervögelein und Mottenvögelein

Ihre geliebten Schmetterlinge nennt sie Sommervögelein, die Nachtfalter Mottenvögelein. Damals hießen diese Tiere meist noch Butterfliegen (im Englischen heute noch butterflies) – das Wort Schmetterling hat denselben Ursprung wie das Wort Schmand, denn damals glaubt man, dass Hexen sich gern in Schmetterlinge verwandeln und die Milch ranzig machen … Die schlimmste Zeit der Hexenverfolgung ist zwar zu Maria Sibyllas Zeiten schon vorbei, aber leicht hat es ihr der Aberglaube bestimmt nicht gemacht. Zudem meint man auch, dass Insekten generell aus Morast und Exkrementen entstehen und somit reine Teufelsbrut sind. (Es wurden sogar einige Insekten vor Gericht verurteilt, damit sie bestraft und ihnen der Teufel ausgetrieben werden konnte.)

Von ihrer speziellen Insektenleidenschaft aber einmal abgesehen, ist das Sammeln von Pflanzen usw. eigentlich gar nicht so schlecht angesehen, genauso wie das Beobachten der Sterne. Weiberarbeit, von Rousseau empfohlen, damit die Frauen nicht stattdessen auf schlimmere Gedanken kommen. (Seltsam, oder? Ist nicht gerade die Natur voll von Schweinereien und Sex?)

Mutter Johanna ist nicht besonders begeistert, aber der Stiefvater unterstützt sie. Außerdem ist da noch die Sache, dass Johanna sich vielleicht selbst die Schuld gibt an der seltsamen Leidenschaft ihrer seltsamen Tochter. Beim sogenannten Versehen geschieht es nämlich, dass eine Frau, die sich, während sie schwanger ist, zum Beispiel vor einem Hasen erschrickt, ein Kind mit Hasenscharte zur Welt bringt. Und Johanna hat während ihrer Schwangerschaft eine alte Truhe geöffnet, in die sich jede Menge Insekten verkrochen hatten. Darüber ist sie so erschrocken, dass die ungeborene Maria Sibylla vielleicht Schaden genommen hat …

Maria Sibylla muss ein introvertiertes Kind gewesen sein, das viel Zeit allein verbringt. Ihr Halbbruder Caspar ist viel unterwegs, Morell und Mignon genauso.

Maria Sibylla heiratet und wird von der Merianin zur Gräffin

Im Jahr 1665 ist sie achtzehn. Ein ehemaliger Schüler ihres Stiefvaters kehrt aus Italien zurück, wo er sich zum Architekturmaler hat ausbilden lassen. Andreas Graff kommt ursprünglich aus Nürnberg und ist zehn Jahre älter als Maria Sibylla.

Noch im gleichen Jahr heiraten sie. Es scheint für beide Seiten eine willkommene Ehe zu sein: Maria Sibylla darf weiter forschen und malen, er hingegen ist wohl ein bisschen faul und undiszipliniert und kann sich an ihrer Selbstständigkeit und ihrem Selbstbewusstsein festhalten. Außerdem hofft er vielleicht, dass ihm die Kontakte zum Verlagshaus Merian helfen. Die ja aber leider kaum vorhanden sind.

Im Jahr 1668 kommt die erste Tochter zur Welt, Johanna Helena. Zwei Jahre später ziehen sie nach Nürnberg, mit 25.000 Einwohnern eine enge Stadt, deren goldene Zeiten mit Dürer usw. jedoch vorbei sind. Hier wird Maria Sibylla aktiv: Sie eröffnet eine Stick- und Malschule für junge Patrizierinnen und Töchter aus Künstlerfamilien und nennt sie die Jungfern-Company. Sie zieht einen Farbenhandel hoch, verkauft Stickvorlagen und bemalte Stoffe (zum Beispiel Tischdecken). Außerdem gibt sie ihr erstes Blumenbuch heraus, bei der ihr laut Danksagung ihr „Eheliebster“ geholfen hat. Im Jahr 1678 wird die zweite Tochter geboren, Dorothea Maria, ganze zehn Jahre nach der ersten. Es bleibt bei zwei Kindern – für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich.

Die erste Veröffentlichung

Ihr erstes kleines Wunderwerk ist das Buch Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung, ganz elegant mit Ganzledereinband und Goldschnitt – und dem Hinweis „Tochter des M. Merian“. Je nach Geldbeutel kann es unkoloriert, teilkoloriert oder koloriert bestellt werden. Obwohl sie inzwischen Latein gelernt hat, entscheidet sie sich für eine Veröffentlichung auf Deutsch, damit alle es lesen können. Das Besondere bereits an ihrem Werk ist die Darstellung ökologischer Zusammenhänge und der Metamorphose der Insekten. Maria Sibylla denkt holistisch.

Als 1681 der Stiefvater stirbt, kehrt die Familie nach Frankfurt zurück. Maria Sibylla kümmert sich um ihre alternde Mutter, geht aber auch den gleichen Unternehmungen nach wie in Nürnberg. Vier Jahre später trennt sich das Ehepaar, und Andreas Graff zieht allein nach Nürnberg zurück. Sie bittet jedoch in einem Brief eine Freundin, sich um ihn zu kümmert, scheint ihm also trotz der Trennung noch wohlgesonnen.

Dann kehrt Maria Sibylla auch Frankfurt den Rücken. Sie zieht mit ihrer Mutter und ihren Töchtern nach Schloss Waltha in den Niederlanden (Westfriesland). Dort lebt bereits ihr Halbbruder Caspar in einer Labadisten-Gemeinde. Die Niederlande sind ein stark bevölkertes und im Vergleich zu Deutschland religiös sehr freies Land.

Living la vida Labadista

Der Franzose Jean de Labadie (1610–1674) war Pietist, predigte gegen Üppigkeit und Unsitten, gegen Tanz, Glücksspiel und luxuriöse Kleidung, gegen Besitz allgemein. Er wurde als eine Art zweiter Calvin bezeichnet. Dabei gab er jedoch immer nur Ratschläge und empfahl meditative Übungen – Dogmen verbreitete er nicht. Maria Sibylla ist zwischen solchen Strömungen aufgewachsen, sodass diese Hinwendung nicht aus dem Nichts kommt.

Schloss Waltha gehört Cornelis von Aerssen von Sommeldijk, dem Gouverneur von Surinam. Zur Orientierung: Surinam liegt in Südamerika, nördlich von Brasilien und ist etwa halb so groß wie Deutschland heute. Die Niederlande haben es gegen Neu-Amsterdam (das heutige New York) eingetauscht und wegen des Reichtums an Zuckerrohr kolonisiert. Der Familie von Sommeldijk gehört zeitweise ein Drittel des ganzen Landes. Drei von Cornelis’ Schwestern leben ebenfalls in der Sekte. Insgesamt sind es rund 350 Leute, als Maria Sibylla dort ankommt. Nachfolger von Labadie ist der weniger beliebte Pierre Yvon.

Maria Sibylla ordnet sich der Gemeinschaft jedoch auch hier nicht ganz unter – genauso, wie sie schon ihr Leben lang nicht allen Konventionen getrotzt oder offen dagegen rebelliert hat und trotzdem immer ihren eigenen Weg verfolgt hat. Sie lernt weiter (auch Holländisch), gibt ihren Töchtern eine gründliche künstlerische Ausbildung und erstellt ein Studienbuch mit Vorlagen für ihre späteren Werke.

Vier Jahre später stirbt Caspar. Prompt kommt Andreas Graff angereist, der Maria Sibylla bittet, doch wieder mit ihm zu kommen. Aber sie sagt Nein, ihre Töchter ebenso. Unverrichteter Dinge reist Graff wieder ab. Offiziell geschieden wird die Ehe jedoch erst sechs Jahre später, als er eine andere Frau heiraten möchte.

Aus dem Kokon hinaus in die Welt

Maria Sibyllas Zeit der Verpuppung (dieses Bild bietet sich einfach an …) endet 1690, als ihre Mutter stirbt und der Gouverneur von Sommeldijk in Surinam gewaltsam getötet wird. Die Zukunft des Schlosses ist ungewiss, und die Gemeinschaft löst sich wegen Uneinigkeit und Geldnöten auf.

Sie zieht, inzwischen 44 Jahre alt, mit ihren Töchtern nach Amsterdam. Mit 200.000 Einwohnern ist Amsterdam eine wohlhabende Hafen- und Handelsstadt, international durch zahlreiche Geflüchtete. Maria Sibylla kommt erneut in Schwung, richtet ihren Farbenhandel wieder ein und arbeitet auf Auftrag. Sie knüpft Kontakte, unter anderem zum Bürgermeister und dem Leiter des Botanischen Gartens.

Johanna Helena heiratet den Kaufmann Jacob Hendrik Herolt, der ebenfalls mit Surinam Geschäfte macht. Als sie von einer Reise dorthin zurückkehren, ist Maria Sibylla von den Schilderungen ihrer Tochter so begeistert, dass sie ebenfalls entschließt, die Überfahrt zu wagen. Sie braucht jedoch finanzielle Unterstützung, und das dauert. Patiencya ist ein gut Kräutlein, sagt sie sich.

Über den Atlantik: Maria Sibyllas Reise nach Surinam

Erst im Juni 1699 ist es soweit. Sie ist 52 Jahre alt. Sie macht ihr Testament, packt ihre 21-jährige Tochter Dorothea Maria ein und sticht in See. Wir befinden uns noch hundert Jahre vor Alexander von Humboldt und seiner Tour de Force durch Südamerika. Drei Monate lang sind die Frauen auf See. In der surinamischen Hauptstadt Paramaribo mieten sie ein Holzhäuschen mit Garten und machen sich jeden Tag in den frühen Morgenstunden auf in den Urwald.

Begleitet werden sie von ihren Sklaven. Zwar spricht Maria Sibylla sich vehement gegen die Sklaverei und die furchtbare Behandlung der Einheimischen und aus Afrika Verschleppten aus und irritiert damit die übrigen Siedler, aber sie nimmt sie offenbar doch zu Hilfe, um nicht vom Dschungel verschlungen zu werden. Wespen und Mücken stören bei der Arbeit, obwohl doch alles viel schneller gehen muss als zu Hause. Denn die gesammelten Tiere und Pflanzen verschimmeln oder vertrocknen sofort oder werden von anderen Viechern aufgefressen. Die Durchschnittstemperatur liegt bei 28 Grad. Wahrscheinlich ist es gut, dass Maria Sibylla schon so viel Erfahrung mit dieser Arbeit hat – alle anderen wären von der Artenvielfalt und der guten Tarnfähigkeit der Insekten vermutlich überwältigt gewesen. Einmal fahren sie auf dem Fluss etwa 65 Kilometer flussaufwärts zur dortigen Labadistenkolonie.

Allzu lange bleiben die beiden Frauen nicht in Surinam. Maria Sibylla wird krank – Gelbfieber, Malaria oder Ruhr – und muss abreisen. Sie ist nicht das einzige Opfer:

150 Jahre später, selbst unter verbesserten hygienischen Verhältnissen, gibt Schomburgk noch folgende Zahlen: Von 400 Deutschen, die 1839 angekommen waren, lebten 1844 noch 20. Von 10.000 Portugiesen waren bei seiner Abreise noch 3000 am Leben.

Helmut Kaiser, Maria Sibylla Merian: eine Biographie, S. 39.

Im September 1701 sind sie zurück in Amsterdam. Dorothea Maria heiratet, und Maria Sibylla erkennt, dass sie schon wieder Geld braucht. Sie malt auf Auftrag und bietet Teile ihrer einheimischen und surinamischen Insektensammlung zum Kauf an. Gleichzeitig erhält sie jedoch die Möglichkeit, ihre Ausstellung im Rathaus zu zeigen.

Metamorphosis Insectorum Surinamensium

Und sie fängt mit ihrem Hauptwerk an: Metamorphosis Insectorum Surinamensium. Dafür malt sie 60 Aquarelle im Folioformat, die als Vorlage für 60 Kupferstiche dienen. Beim Stechen helfen ihr aus Zeitgründen drei Künstler. Die erklärenden Texte verfasst sie selbst und entscheidet sich für eine lateinische und eine holländische Version. Wegen der hohen Kosten setzt sie auf Subskription: 15 Gulden soll die unkolorierte, 45 Gulden die kolorierte Version kosten. (Ein ganzer Batzen, denn für 12 Gulden erhält man laut Kaiser bereits zwei geschlachtete Kälber.) Dieses Mal braucht es keinen Hinweis auf den alten Merian mehr und auch der „Eheliebste“ wird nicht mehr erwähnt. Maria Sibylla ist eine eigenständige, selbstbewusste Künstlerin und Wissenschaftlerin.

Das Buch enthält neben den Zeichnungen der Insekten und ihrer Futterpflanzen auch Speisezubereitungen, Kultivierungsempfehlungen für tropische Pflanzen und Informationen zu ihrer Heilwirkung. Auch für ethnologische Beobachtungen ist Platz. Dabei bewertet sie niemals die Kultur der Eingeborenen, kritisiert aber umso stärker die Siedler und Kolonisten, die nur an den verdammten Zucker denken und die Einheimischen misshandeln, statt zum Beispiel Vanille und Weintrauben anzubauen. Sie berichtet, dass die Sklavinnen eine Pflanze kennen, mit der sie ihre ungeborenen Kinder abtreiben, weil sie der Überzeugung sind, dass die Babys so in Afrika wiedergeboren werden und dem elenden Leben in Surinam entgehen.

Sie wird mit ihrem Buch leider nicht reich, auch weil sie bei Arbeit und Material keine Kosten und Mühen scheut. Aus einer deutschen Version wird nichts, und auch die angedachte englische Übersetzung muss sie sich aus dem Kopf schlagen, obwohl sie so gern der Queen ein unterzeichnetes Exemplar zukommen lassen würde, so von Frau zu Frau.

Das Erbe der Merian

Im Jahr 1715 erleidet Maria Sibylla einen Schlaganfall, und zwei Jahre später stirbt sie mit siebzig Jahren. Ihr Grab ist nicht erhalten, aber ihre Werke werden in Amsterdam, im British Museum, in Basel und in Sankt Petersburg gut gehütet. Dort soll übrigens auch Vladimir Nabokov darauf gestoßen sein, was zu seiner Leidenschaft für das Schmetterlingssammeln geführt haben soll.

Nach ihrem Tod wurde sie häufig kritisiert und als unwissenschaftlich bezeichnet. Teilweise mag das stimmen – es gibt in ihrem Werk zum Beispiel die Zeichnung eines Insekts, dessen Kopf und Rumpf nicht zusammenpassen – angeblich hatte da ein Helfer den Schalk im Nacken.

Dennoch muss man unbedingt anerkennen, dass sie eine, wenn nicht gar die Vorreiterin der Insektenkunde war, was Linné und Kolleg*innen auch dadurch anerkannt haben, dass inzwischen sechs Pflanzen, neun Schmetterlinge und zwei Wanzen nach ihr benannt sind. Ihre Unabhängigkeit, ihre Neugier und ihr verblüffend wissenschaftliches Denken, für das sie überhaupt kein Vorbild gehabt hat, machen Maria Sibylla Merian zu einer beeindruckenden Frau des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts.

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Quellen:
Helmut Kaiser: Maria Sibylla Merian: eine Biographie. Artemis und Winkler, Düsseldorf/Zürich 1997.
Charlotte Kerner: Seidenraupe, Dschungelblüte: Die Lebensgeschichte der Maria Sibylla Merian. Beltz & Gelberg, Weinheim/Basel 1988.

Lesehinweise:
Wer sich „der Merianin“ lieber belletristisch nähern will, wird auch fündig: Utta Keppler schreibt über Die Falterfrau Maria Sibylla Merian, Inez van Dullemen über Die Blumenkönigin (Übersetzung: Marianne Holberg) und Nicole Steyer über den Fluch der Sommervögel.

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