2026 feiern wir den 1100. Todestag der Heiligen Wiborada. Wer war diese Frau?
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Ein Gastbeitrag von Dorothe Zürcher, Autorin der historischen Biografie Stabilitas Loci. Der Weg der Wiborada
Wiborada war eine Inkluse, die im 10. Jahrhundert in St. Gallen lebte. In einer Vision sah sie voraus, wie das Kloster St. Gallen überfallen wurde. Daraufhin evakuierten die Mönche das Kloster und ihre Bibliothek. Heute ist diese Stiftsbibliothek UNESCO-Weltkulturerbe wegen ihrer einmaligen frühmittelalterlichen Bücherbestände, die dank Wiboradas Warnung gerettet werden konnten. Wiborada wurde mehr als 100 Jahre nach ihrem Tod heiliggesprochen, sie ist unter anderem die Schutzpatronin der Bibliotheken und Bücherfreunde.
Zur Quellenlage
Nur eine Quelle aus Wiboradas Lebenszeit ist überliefert. Ein Eintrag im Jahrbuch des Klosters St. Gallen. Darin steht, dass Wiborada am 1. Mai 926 erschlagen worden sei. Ungewöhnlich an dieser Quelle ist, dass die Mönche den Tod einer Frau in ihrem Jahrbuch vermerkten. Dies weist auf eine spezielle Stellung der Wiborada hin.
960 n. Chr. verfasst der Klosterdekan Ekkehard eine Vita über Wiborada. Er schreibt, dass er dazu Menschen, die Wiborada persönlich kannten, befragt hätte. Trotzdem ist diese Quelle mit Vorsicht zu interpretieren, da der Text mit der Absicht geschrieben wurde, Wiborada ins Licht einer Heiligen zu rücken.

Familie
Geburtsdatum und -ort von Wiborada sind unbekannt, ebenso wie auch, aus welcher Familie sie stammt. Ihr eigentlicher Name war Wiberat, Wiborada ist die lateinische Version. Sie wuchs wohl in der Umgebung von St. Gallen, in der Bodenseeregion oder in Südschwaben auf.
Da ihr Bruder Hitto die äußere Schule des Klosters St. Gallen besuchte, um Priester zu werden, stammt Wiborada wohl aus einer adligen Familie.
Nach Angaben in der Vita brachte Hitto ihr die Psalmen bei, die sie in der Kirche sang, was sonst nur dem Priester vorbehalten war. Sie aß sehr wenig und verweigerte eine Heirat. Ob dies stimmt, ist unklar, als adelige Dame konnte sie kaum eine Heirat verweigern. Warum sie nie heiratete, wissen wir nicht.
Pilgerreise nach Rom
Als junge Frau pilgerte Wiborada mit Hitto nach Rom, was nicht nur aufwändig, sondern auch gefährlich war, da Norditalien von den Ungarn überfallen und geplündert worden war. Wiborada pilgerte durch eine zerstörte und von Anarchie beherrschte Gegend. Zu dieser Zeit war es üblich, dass Rompilgernde vor der Abreise ihr Testament schrieben und all ihren Besitz abgaben, um sich vom irdischen Leben zu lösen. Als Wiborada und Hitto nach der Pilgerreise zurückkehrten, war für beide unklar, was sie nun machen sollten.
Hitto trat als Mönch ins Kloster St. Gallen ein. Ein Klostereintritt kam für Wiborada nicht in Frage, sicherlich auch, weil es zu dieser Zeit wenige Frauenklöster gab, schon gar nicht in der Region St. Gallen.
Eine religiöse Gemeinschaft
Also lebte Wiborada mit anderen Frauen zusammen bei der Kirche St. Georgen – diese liegt ca. 20 Gehminuten vom Kloster St. Gallen entfernt. Sie webten dort eventuell Stoffe fürs Kloster und führten in eigener Regie ein religiöses Leben. In der Vita ist vermerkt, während die Mönche Pfingsten im Kloster feierten, feierte Wiborada mit ihren Frauen Pfingsten bei St. Georgen.

Die Gemeinschaft erregte Aufsehen, deswegen wurde Wiborada zu Abt Salomo, der gleichzeitig auch Bischof von Konstanz und Kanzler des Königs war, nach Konstanz vorgeladen. Im Gespräch muss die Idee aufgekommen sein, dass Wiborada das Leben einer Inkluse führen könnte. Wohl ab dem Jahre 916 wohnte Wiborada bei der Kirche St. Mangen in einer Zelle, deren Eingang zugemauert wurde. Die Kirche gehörte Bischof Salomo und liegt nur wenige Gehminuten vom Kloster St. Gallen entfernt. Wiboradas Bruder Hitto wurde Priester dieser Kirche.
Was ist eine Inkluse?
Inklusen gab es im Mittelalter wohl in jeder größeren Siedlung. Eine Inkluse lebte in einer Zelle, die an eine Kirche angebaut war. Die Zelle hatte zwei Fenster, eines an der Kirchenmauer, um den Stundengebeten und der Messe zu folgen, ein Fenster nach außen, um Kontakt mit Besucherinnen und Besuchern zu haben. Die Zelle hatte keine Tür. Eine Inkluse galt als «stabilitas loci» – an den Ort gebunden. Durch ihr Gebet und ihre Lebensweise entwickelte eine Inkluse eine «Nähe zu Gott und den Heiligen», sodass man sie bei Problemen befragte. Sie war eine Art Seelsorgerin, Mentorin und Ratgeberin.
Inklusen waren keine Klerikerinnen, sie kamen aus dem Volk. Wer Inkluse werden wollte – Männer oder Frauen – wurde vorher von einem Kirchenoberhaupt geprüft. Im 15. Jahrhundert wurde das Inklusentum wegen seiner extremen Lebensweise verboten, das gilt heute noch.
Weise Ratgeberin …
Neben dem Verfolgen der Messe und der Stundengebete wurde Wiborada eine Ratgeberin für die Pilger und Pilgerinnen des Klosters. Sie empfing wichtige Ratsuchende, unter anderem auch den Herzog von Schwaben. Andere Frauen folgten ihrem Beispiel.
… und Visionärin
In der Zelle bekam Wiborada Visionen, sie sah Dinge voraus und machte die Gläubigen darauf aufmerksam.
So sah sie voraus, dass das Kloster St. Gallen von den Ungarn überfallen würde. Im ersten Augenblick ist eine solche Vision nicht so überraschend, da die Ungarn das Umland verwüsteten. Die Mönche in St. Gallen fühlten sich jedoch sicher, weil das Kloster seit seiner Gründung nie überfallen worden war. Wiborada hatte die Autorität, die Mönche im Winter zur Evakuierung zu überreden. Diese flohen samt ihrer Bibliothek. Wiborada selbst weigerte sich, ihre Zelle zu verlassen. So wurde sie beim Überfall der Ungaren getötet.
Wiborada heute
Ab dem 15. Jahrhundert geriet Wiborada in Vergessenheit. Seit einigen Jahrzehnten erinnern Gläubige wieder an Wiborada und ihr Leben. Beispielsweise wurde beim ökumenischen Projekt Wiborada21 im Jahr 2021 eine Zelle an die Kirche St. Mangen gebaut. Freiwillige konnten sich melden, um eine Woche darin zu verbringen. Für sie wurde gekocht und Gottesdienste gehalten. Das „Einschließen“ und „Herauskommen“ wurde speziell gefeiert. Das Projekt war so erfolgreich, dass die Zelle heute noch steht.
Im Jubiläumsjahr wollte man die Zelle jeden Tag besetzen, sodass Freiwillige sich auch für einen Tag melden konnten, was die Autorin dieses Textes machte. Der Aufenthalt in der Zelle wurde zum Ereignis, da sich immer wieder Menschen am Fenster der Zelle zum Gespräch einfanden. Einige aus Neugier, um zu sehen, ob jemand da sei, andere wollten wissen, warum man sich für einen Aufenthalt gemeldet habe, sie wollten einen kurzen Schwatz abhalten oder über Wiborada und ihren eigenen Glauben sprechen. So kam es zu inspirierenden Begegnungen. Dazwischen gab es Zeitabschnitte zum Schreiben oder Meditieren. Jedenfalls verging die Zeit im Flug, aber die Bewegung fehlte.

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Quellen:
Vitae sanctae Wiboradae · Lebensbeschreibungen der heiligen Wiborada von St. Gallen: Lateinisch/Deutsch, Walter Berschin, Ekkehart I. von St. Gallen, 2025
Leseempfehlung:
Wiborada von St. Gallen, Inklusin, Märtyrerin, Seelsorgerin – und die erste heiliggesprochene Frau — Neuentdeckung einer Heiligen. Aus der Reihe „Theologisch bedeutsame Orte der Schweiz“.
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Links:
Dorothe Zürchers Roman über Wiborada: Stabilitas Loci. Der Weg der Wiborada.
Die aktuellen Inklusen von St. Gallen.
Unser Interview mit Dorothe über Geschichtsvermittlung in Schulen: Heutige Historikerinnen haben Sensoren ausgebildet.
Hier geht es zur Wyborada-Bibliothek.
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Artwort und Musik sind von Uwe Sittig.
Das Autorinnenfoto ist von Samuel Erni (für Johanna Unternährer Fotografie).