Fredericka Mandelbaum war keine Heldin im klassischen Sinne – aber eine Frau, die die Regeln ihrer Zeit radikal brach und damit zur wohl berühmtesten Verbrecherin von New York im 19. Jahrhunderts wurde.

Vom jüdischen Mädchen aus Kassel zur berühmtesten Verbrecherin New Yorks

Fredericka Henriette Auguste Weisner wird am 28. März 1825 in Kassel geboren, in eine jüdische Familie mit sechs Geschwistern, in einer Gesellschaft, die Juden mit Gesetzen und Gewalt klein hält. Ihre Eltern, Samuel Abraham Weisner und Rahel Lea, geborene Solling, ermöglichen ihr dennoch Bildung: Sie lernt Lesen, Schreiben, Rechnen, dazu alle „Frauentätigkeiten“ wie Nähen und Kochen, die sie auf ein braves Leben als Ehefrau vorbereiten.

Aus “Recollections of a New York City Chief of Police” by George Walling, 1887

Zeitgenössische Darstellungen von Fredericka Mandelbaum sind ausschließlich Karikaturen – unser Beitragsbild haben wir darum mit Hilfe von KI generiert.

Mit 20 Jahren heiratet sie den Hausierer Wolf Israel Mandelbaum, begleitet ihn teils auf seinen Routen, beobachtet, wie man handelt, feilscht und Menschen einschätzt – Fähigkeiten, die später zum Kapital ihrer kriminellen Laufbahn werden. Die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich, die Kartoffelfäule und eine tiefe Krise zwingen viele Deutsche zur Auswanderung. Auch die Mandelbaums treffen die Entscheidung zu gehen.

1850 geht Wolf zuerst nach New York, Fredericka folgt auf einem Auswandererschiff im Zwischendeck. Im September 1850 betritt sie den Hafen von New York und landet in „Kleindeutschland“ auf der Lower East Side, einem dicht besiedelten Einwandererviertel mit Biergärten, Vereinen – aber auch Wohnkasernen, Krankheiten und extremer Armut.

Wie aus einer Verkäuferin die „Königin der Unterwelt“ wird

Zunächst arbeitet Wolf weiter als Hausierer. Auch Fredericka verkauft Spitze von Tür zu Tür – doch sie merkt schnell, dass sie mit ehrlicher Arbeit kaum vorankommt. Die Frauen um sie herum schuften als Dienstmädchen oder Näherinnen für Hungerlöhne, viele überleben die Bedingungen nicht.

In den 1850er-Jahren trifft sie Abraham „General Abe“ Greenthal, einen der „gewieftesten Verbrecher des Landes“ und Großhehler. Unter seiner Anleitung lernt sie die New Yorker Unterwelt kennen, den Wert von Luxusgütern wie Seide, Kaschmir und Pelzen einzuschätzen – und sie steigt selbst in die Hehlerei ein.

Ihr Geschäftsmodell ist klar: Sie wird zur Scharnierfigur zwischen Dieben und Käufern, nimmt gestohlene Ware ab, verwandelt Risiko in Ware und sieht sich selbst eher als Geschäftsfrau denn als Verbrecherin. In einer Zeit, in der New York explodiert, der Handel boomt, die Polizei korrupt und überfordert ist und die neue Mittelschicht nach billigen Luxusgütern giert, findet sie ein perfektes Umfeld.

In den 1860er-Jahren mietet sie Laden und Keller in der Rivington Street 163 und baut von dort aus ein professionell organisiertes Hehlerimperium auf. Offiziell betreibt sie eine Textilwarenhandlung, im Hinterzimmer und Keller organisiert sie den Umschlag von Diebesgut – geschützt durch ein ausgefeiltes Sicherheitssystem, Beobachtung der Straße, Seiteneingänge und sogar eine Kaminattrappe mit Aufzug, um heikle Ware blitzschnell verschwinden zu lassen.

Netzwerke, Schülerinnen und spektakuläre Beute

Fredericka baut ein Netzwerk von Diebinnen auf, ihre “Chicks”, denen sie systematische Aufträge, feste Abnahme der Beute und sogar Kaution bei Festnahme in Aussicht stellt. Sie coacht die Frauen, verbessert ihre Techniken, verknüpft sie miteinander – die Legende einer „Verbrecherschule“ entsteht.

Mit der Zeit reicht Kleinkriminalität nicht mehr. Sie verlegt sich auf wertvolle, leicht transportierbare Güter wie Diamanten und Seide. Sie plant große Einbrüche, arbeitet mit hochrangigen Unterweltprofis wie Bankräubern zusammen, finanziert Raubzüge und „wäscht“ das Geld – etwa nach spektakulären Taten wie dem Boylston-Bankraub in Boston und später der Manhattan Savings Institution, die als einer der größten Bankraube der USA gilt.

Parallel kultiviert sie ein bürgerliches Image: gut gekleidet, fromme Synagogengängerin, Mutter von vier Kindern, Wohltäterin im Viertel. Ihre berühmten Dinnerpartys, verschickt unter „Der ehrenwerte William Mandelbaum mit Gattin“, bringen Meisterdiebe, Geschäftsleute, Politiker und korrupte Polizisten an einen Tisch – Netzwerke, die ihr jahrelang Schutz verschaffen.

Canada as Mother Mandelbaum

Verfolgung, Flucht und Exil

In den 1870er-Jahren wachsen Reichtum und Risiko zugleich. Ihr Mann Wolf stirbt 1875. Die Kosten für Bestechung und Anwälte steigen. Während sie weiter als zentrale Figur der Unterwelt agiert, wächst der politische Wille, ihr Handwerk endgültig zu zerschlagen.

1884 wird die Privatdetektei Pinkerton engagiert, um ihre Organisation zu infiltrieren. Der Detektiv Gustave Frank, getarnt als Seidenhändler „Stein“, gewinnt ihr Vertrauen; schließlich durchsucht die Polizei ihre Lagerhäuser und findet umfangreiche Beute – genug, um sie für lange Zeit ins Gefängnis zu bringen.

Fredericka wird im Juli 1884 zusammen mit ihrem Sohn Julius und ihrem Partner Hermann Stoude verhaftet und beteuert öffentlich, sie habe nie wissentlich gestohlene Ware gekauft. Doch anstatt den Prozess in New York abzuwarten, flieht sie im Dezember 1884 unter Verstoß gegen die Kautionsauflagen nach Hamilton, Ontario in Kanada.

Dort gibt sie sich als respektable Bürgerin, spendet für wohltätige Zwecke, eröffnet ein Hutgeschäft und schließt sich der jüdischen Gemeinde „Anshe Sholem“ an. Es kursieren Berichte, sie habe wieder als Hausiererin und Hehlerin gearbeitet und sei heimlich für kurze Zeit nach New York zurückgekehrt, etwa zur Beerdigung ihrer jüngsten Tochter – Geschichten, die sich nicht sicher belegen lassen, aber zu ihrer Legende beitragen.

Marm Mandelbaum, “The Queen of Fences”, wie ihre Zeitgenossen sie sahen

Ende eines mythenumrankten Lebens

Im Jahr 1894, rund zehn Jahre nach ihrer Flucht, soll sie einem Besucher anvertraut haben, sie würde ihr gesamtes Vermögen opfern, um noch einmal die Atmosphäre des 13. Wards in New York zu spüren. Kurz darauf stirbt Fredericka Mandelbaum in Kanada – der genaue Tag wird in den Quellen unterschiedlich angegeben, fest steht: Sie kehrt zu Lebzeiten nicht mehr offiziell nach New York zurück.

Der Legende nach soll ihr Leichnam im Sarg heimlich nach New York überführt worden sein, doch auch das bleibt unbewiesen. Sicher ist: Ihr Leben – von der jüdischen Einwanderin aus Kassel zur „Königin der Unterwelt“ des Gilded Age – hat einen der schillerndsten und widersprüchlichsten weiblichen Lebenswege im 19. Jahrhundert hinterlassen.

Quelle für diese Folge

Margalit Fox: Die furchtlose Mrs. Mandelbaum

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Artwork und Musik: Uwe Sittig
Frauenleben-Hosts: Susanne Popp und Petra Hucke
Podcast-Website: Frauenleben-Podcast
Instagram: https://www.instagram.com/frauenleben.podcast/

Ebenfalls in New York in dieser Zeit spielt der Roman von Susanne Popp, Autorin dieser Episode:

https://www.fischerverlage.de/buch/susanne-popp-melodie-der-neuen-welt-auftakt-in-new-york-9783596712656

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