Es gibt zahlreiche Anekdoten und Legenden um die „Wunderheilerin“ und „Doktorbäuerin“ Amalie Hohenester (1827–1878). Die berühmt-berüchtigte Bayerin lässt sich gut in eine Reihe setzen mit Lola Montez und Adele Spitzeder, über die wir schon eigene Podcastfolgen gemacht haben.
Von Amalie Hohenester werde ich hier in etwas kürzerer Form erzählen.

Es liegt in der Familie
Ihre Familie, wohnhaft im Kreis Holzkirchen, geht eher suspekten Tätigkeiten nach: Die aus Ungarn stammende Mutter Bibiana Nonnenmacher ist „Wettermacherin“, also im Grunde eine Art „Hexe“, die sich mit Heilkräutern und Giften auskennt – Wissen, das sie von ihrem Vater, einem kaiserlichen Wundarzt, hat und später an ihre Tochter weitergibt. Zudem ist sie, was ja immer rasch in Verbindung gesetzt wird, wegen Beihilfe zur Abtreibung beim Landgericht verzeichnet. Amalies Vater Michael Nonnenmacher ist Bauer und Pferdehändler, und ihre Brüder werden später Diebe und Wilderer.
Amalie selbst fällt den Behörden schon im jungen Alter durch Herumtreiben und Diebstahl auf. Sogar bis Hamburg kommt sie einmal. Doch sie wird mehrfach festgenommen, hält sich nach der Freilassung nicht an die Auflagen und kommt immer wieder mit der Polizei in Kontakt. Lesen und schreiben kann sie angeblich nicht, findet aber bald eine Arbeit als Magd im Gasthaus, dann als Dienstmädchen in München und lernt bei einer Gräfin den Umgang in der guten Gesellschaft. Sogar auf Reisen gehen sie gemeinsam – bis Amalie wohl wegen einer ungebührlichen Beziehung zu einem Grafen entlassen wird.
Also kehrt sie in die Heimat zurück und hilft ihrer Mutter, Kranke zu behandeln. Ohne entsprechende Ausbildung ist ihr das aber nicht gestattet – und wieder landet sie kurzzeitig im Gefängnis.
Die erste eigene Praxis
Mit 34 Jahren heiratet sie 1861 schließlich Benedikt Hohenester, ebenfalls Pferdehändler und Bauer, und richtet sich auf seinem Hof in Deisenhofen eine Praxis ein.
Interessant ist, dass gerade um diese Zeit die wissenschaftliche Medizin in München einen großen Sprung macht: Justus von Liebig ist da genauso wie Klinikdirektor Joseph von Lindwurm, und bald wird auf Anregung von Max von Pettenkofer endlich eine funktionierende Kanalisation gebaut, um der Cholera Herr zu werden.
Amalie Hohenester hingegen stellt ihre Diagnosen weiterhin vor allem über Befragungen und den Urin der Patient:innen.
Statt auf schulmedizinische Behandlung zu setzen, die sie ohne entsprechende Ausbildung ja gar nicht leisten kann, verordnet sie Enthaltsamkeit hinsichtlich Alkohol und Nikotin und stattdessen Diäten, Abführmittel, Tees, Kräutertinkturen und -salben, die sie sich von den reicheren Patient:innen gut bezahlen lässt. Die Hohenester hat Geschäftssinn.
Und die Menschen stehen Schlange.
Wieder kommt es zu Anklagen der Pfuscherei, aber ihr Ruf entwickelt sich so gut, dass sie in den Münchner Zeitungen erwähnt wird, was ihr wiederum neue Kund:innen auf den Hof spült.
Umzug nach Mariabrunn
Anfang 1863 zieht das kinderlose Ehepaar in ein Anwesen in Mariabrunn, nordöstlich von München, das früher schon einmal als Heilbad (und Wallfahrtsort) galt, aber inzwischen seine Bedeutung verloren hat. Die seit 1662 bekannte Heilquelle sprudelt aber immer noch, und Amalie Hohenester möchte ihr wieder zum alten Glanz verhelfen.
Eine Idylle inmitten von Wäldern – so präsentiert sich der Gutshof mit der Brauerei, das Wallfahrtskirchlein … und daneben die Brünndlkapelle, in der gelegentlich Besucher das Wasser der Heilquelle … heraufpumpen und im Flascherl mit heim nehmen …
Heres, S. 95
Zum bisherigen Angebot kommen nun Bäder und Güsse hinzu – die Kurgäst:innen übernachten in den neu hergemachten Fremdenzimmern und sind begeistert. Sie schwärmen so sehr von Bad Mariabrunn (das Bad hat Amalie Hohenester wohl selbst hinzugefügt), dass bald die ersten Adligen vor der Tür der Doktorbäuerin stehen: ein russischer Großfürst, ein von Rothschild und sogar Kaiserin Sisi sollen da gewesen sein. Sie kleidet sich entsprechend würdevoll ganz in Schwarz mit einem silbernen Kruzifix um den Hals.
Die Stube gegen die Dorfstraße hin wird zum Wartezimmer, die Kammer daneben zum „Ordinationsraum“, die Küche zum „Labor“ und zur „Apotheke“ umfunktioniert. Unter Mithilfe der Schwägerin und einer Magd kocht, mischt und verpackt sie ab 5 Uhr früh, denn bereits um 7 Uhr erscheinen die ersten Patienten.
Heres, S. 99
Die Kräuter selbst kauft sie gern günstig den Frauen aus dem Dorf ab, die für sie sammeln gehen. Und tatsächlich scheinen ihre Mittel oft zu helfen und die Leiden der Menschen verringern oder sogar heilen zu können. Wenn sie selbst erkennt, dass eine Krankheit für sie nicht behandelbar ist, weiß sie sich auch zu helfen und sagt: Für dich ist meine Kur zu stark.
Alle werden übrigens geduzt bei ihr, ob Bauer oder Baronin. Und es wird kein Blatt vor den Mund genommen, wenn die ihre Anweisungen nicht befolgen.
Ausbau zum Kurbad
Natürlich haben die Behörden sie schon wieder auf dem Kieker: Kurpfuscherei, Scharlatanerie, Quacksalberei, fehlende Lizenzen. Doch Amalie Hohenester weiß sich zu helfen. Sie stellt offiziell einen Badearzt an: Dr. Curtius, Königlicher Stabsarzt im Ruhestand, und später einen Dr. Weisbrod aus München. Ob jemals jemand wegen genau dieser Ärzte zur Behandlung nach Mariabrunn kommt, muss wohl offen bleiben. Dr. Weisbrod soll später in einer Psychiatrie gelandet sein.
Amalie Hohenester baut währenddessen eine Wandelhalle und einen Musikpavillon. Spazierwege führen zu einem Wildgehege. Auch die Ansässigen freuen sich über den Betrieb, der ihnen Lebensmittel abkauft und Arbeitsplätze sichert, ob als Kutscher, Kellnerin oder Zimmermädchen.
Ein kurzer Erfolg
Lang kann Amalie Hohenester ihren Erfolg nicht genießen: Sie stirbt schon im März 1878 mit nur 50 Jahren an Herzversagen. Eventuell hatte sie auch Brustkrebs, den sie selbst nicht behandeln konnte. Jetz will i schlaffa, sollen ihre letzten Worte gewesen sein.
Ihre Nichte versucht, den Badebetrieb noch eine Weile aufrechtzuerhalten, doch ohne die Tante muss sie Mariabrunn bald wieder aufgeben. Den Besitz erbt ihr Mann (stimmt, es gab ja einen Mann) und verkauft ihn bald. Amalie Hohenester wird unter großer Anteilnahme auf einem Friedhof in Ampermoching beigesetzt.
Was aus ihr hätte werden können
Eine intelligente Frau, vielleicht nicht aus bester Familie, die offenbar gern Ärztin gewesen wäre, um Menschen zu helfen. Die es trotz dieser Herkunft erst einmal schafft, sich in „besseren Kreisen“ aufzuhalten. Dort lernt sie, wie man mit diesem Schlag Menschen umgeht. Gleichzeitig wird sie aber nicht zu fein, um mit den „kleinen Leuten“ ruppiger zu reden, wie es so deren Umgangston ist. Sie muss allgemein eine gute Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis gehabt haben.
Mit ihren naturheilkundlichen Mitteln schafft sie es also, Krankheiten einzudämmen oder zu heilen: Mit Harnschau und Kräutern – Mitteln, die jahrhundertelang eingesetzt wurden, bevor wir unsere moderne Medizin entwickelt haben. Und wenn sie es nicht kann, ist sie schlau genug (und ein wenig schlitzohrig, zugegeben), gar keine Behandlung zu versuchen. So weckt sie keine falsche Hoffnungen und kommt auch nicht in Gefahr, wieder im Gefängnis zu landen. Auch die kranke Adele Spitzeder weist sie übrigens ab.
Gleichzeitig hat Amalie Hohenester Geschäftssinn. Von den reicheren Patient:innen verlangt sie übrigens mehr als von den ärmeren Bäuer:innen aus der Umgebung.
Als Mann hätte sie garantiert früh das Geld aufgetrieben, um Medizin zu studieren. Mariabrunn wäre noch einmal eine andere Art Kur- und Pilgerort geworden. Als Mann hätte sie sich nicht ständig mit den Behörden herumschlagen müssen, sondern hätte noch mehr Zeit für ihre Patient:innen gehabt. Als Mann wäre sie kein Doktorbauer, kein Wunderheiler gewesen, sondern der respektierte Dr. med. Hohenester.
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Wenn ihr euch näher mit Amalie Hohenester beschäftigt wollt, gibt es verschiedene Theaterstücke und Filme (u. a. mit Christine Neubauer) und auch den Roman Die Pfuscherin von Norbert Göttler. Ich habe nur kurz reingelesen und finde es ganz interessant, wie der Autor die wissenschaftlichen Entwicklungen in München mit den plötzlich noch altmodischer wirkenden Behandlungsmethoden von Amalie Hohenester in Kontrast setzt.
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Quellen:
Hedi Heres: Von Hexen und Druden. Rosenheimer Verlagshaus, Rosenheim 1995. (Und selbst durch diesen Beitrag zieht sich ein seltsamer Spott, den ich hier nicht wiedergegeben habe.)
Amalie Hohenester, Wikipedia-Artikel, Stand 6.7.2026