Eine Heldin war Adele Spitzeder keinesfalls – sie verdiente viel Geld mit Betrügereien und erfand vermutlich das, was wir heute Schneeballsystem nennen. Ihre Gläubiger:innen – hauptsächlich „kleine Leute“ aus der Münchner Au und aus Dachau – verloren viel Geld. Doch nicht alle wendeten sich von der verurteilten Spitzeder ab. Wie konnte sie das Vertrauen dieser Menschen gewinnen und so lange halten?

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Geboren wurde Adelheid „Adele“ Spitzeder am 9. Februar 1832 in Berlin.

Ihr Vater Josef Spitzeder (geb. 1794) stammte aus einer Künstlerfamilie und war Theaterschauspieler und Opernsänger. Während eines Engagements in Berlin lernt er – nachdem seine erste Frau gestorben war – die italienisch-österreichische Sängerin Elisabeth „Betty“ Vio (geb. 1806) kennen, die schon früh als „Wunderkind“ auf der Bühne stand. Sie heiraten und bekommen mehrere Kinder, darunter Adele.

Kindheit und Schulzeit

Adele geht in Berlin und Wien zur Schule, u. a. in ein Internat eines Ursulinenklosters.

Der Vater erhält eine Stelle an der Münchner Hofoper, sodass die ganze Familie umsiedelt. Doch kurz danach stirbt er mit nur 36 Jahren an einem Lungenleiden. Adeles Brüder werden vom bayrischen König Ludwig I. und seiner Frau Therese unterstützt, sodass sie eine Militärschule bzw. ein Kunstseminar besuchen können. Die Töchter bleiben bei ihrer Mutter und ihrer Tante. Einige heiraten später, eine wandert in die USA aus, eine andere wird auch Sängerin. Die Mutter heiratet noch einmal, aber die Ehe hält nur kurz.

Adele Spitzeder selbst wird auf einem der typischen Töchterinstitute aufgenommen, gilt jedoch schnell als wild und jähzornig. Sie raucht Tabak und fährt wie die Gassenjungen hinten auf den Kutschen mit. Gleichzeitig ist sie oft kränklich. Als sie zwölf ist, kann sie noch kaum lesen und schreiben. Ein Talent zeigt sie beim Komponieren und wird auch öfter gebeten, bei gesellschaftlichen Abenden etwas am Klavier vorzuspielen.

Heiraten will Adele Spitzeder, die sich zu Frauen hingezogen fühlt, auf keinen Fall, also braucht sie eine Ausbildung. Erst will sie ebenfalls Sängerin werden, entscheidet sich dann aber doch fürs Schauspielen. Ihre Mutter rät ihr von diesem unsteten Beruf ab, aber da die beiden sich nicht gut verstehen, macht Adele es erst recht.

Erste Karriere als Schauspielerin

Sie nimmt Unterricht bei bekannten Münchner Schauspielerinnen und gibt 1857 mit 25 Jahren ihr Debüt an der Hofbühne von Coburg, wo sie in Maria Stuart von Schiller mitspielt. Sie hat ein Gastspiel in Mannheim und eines am Stadttheater Brünn. Überall herrscht ein heftiger Konkurrenzkampf, was laut eigener Aussage Adele Spitzeders daran liegt, dass sie einfach zu gut war. Sie zieht den Engagements hinterher: Nürnberg, Frankfurt, Bern, Zürich, Karlsruhe, Altona.

Schließlich ist sie erschöpft und hat kein Geld mehr. Das liegt nicht nur an den geringen Verdienstmöglichkeiten als Schauspielerin, sondern auch daran, dass sie nie gelernt hat, mit Geld umzugehen. Sie zeigt sich sehr gern großzügig – und zwar so großzügig, dass sie schließlich einen ersten Kredit aufnehmen muss.

Als sie 1868 in Baden-Baden im Casino alles verliert, was sie noch hat, beschließt sie, nach München zurückzukehren und ihre Schauspielkarriere an den Nagel zu hängen. Sie ist 36 Jahre alt.

Die wirtschaftliche und frauenrechtliche Situation in München

Nach der Revolution von 1848 und der Abdankung des Königs begann in München ein Aufschwung: Die Zeit von 1850 bis 1870 gilt als „Gründerzeit“: Neue „Banken fördern das Kreditwesen und die Gründung von Handelsgesellschaften und  Unternehmen bzw. Fabriken“ (Panzer, S. 26).

Frauen hatten an daran natürlich nur einen geringen Anteil, weil sie vor dem Gesetz nicht geschäftsfähig waren. In München und Bayern galt das zumindest für verheiratete Frauen. Unverheiratete Frauen jedoch waren laut dem geltenden Napoleonischen Code civil genauso geschäfts- und prozessfähig wie Männer.

München war eine rasant wachsende Großstadt mit 145.000 Einwohner:innen. Es gab bereits eine Eisenbahn, eine Kanalisation, eine Universität.

Die Anfänge

Da auch in München kein Theater mehr Interesse an Adele Spitzeder zeigt, erhält sie ein wenig finanzielle Unterstützung von ihrer Mutter. Das Geld reicht jedoch nicht für Adele Spitzeder und ihre „Begleiterin“ Emilie Stier, ebenfalls eine gescheiterte Schauspielerin. Dennoch leben sie lang in Hotels und Gasthäusern, weil es dort einfacher ist, ein gemeinsames Zimmer zu bewohnen, ohne in Verruf zu geraten.

Sie müssen sich immer wieder Geld zu hohen Zinsen leihen und haben mit den Kreditvergebern zu kämpfen. Doch diese Situation scheint Adele Spitzeder zu inspirieren.

Die Anfänge des Spitzederschen Geldverleihs

Sie lernt die Ehefrau eines Zimmermanns aus der Münchner Au kennen. Die Au liegt rechts der Isar und ist zu dieser Zeit noch ein Handwerker- und-Arbeiter-Viertel, sehr eng bebaut und unhygienisch: Wenn in der Stadt die Cholera ausbricht, ist meist die Au der Ursprung.

In einem scheinbar lockeren, zufälligen Gespräch erzählt Adele Spitzeder der Frau davon, dass sie jemanden kenne, von dem sie sich Geld leihe und der 10 % Zinsen pro Monat zahlen könne.

Die Frau ist beeindruckt von der bürgerlich auftretenden Adele Spitzeder mit ihrem herben Gesicht, in einem schlichten Kleid, mit ordentlich gescheiteltem Haar und tragender Stimme. Die Zimmermannsfrau fragt, ob sie dort auch ihr eigenes Geld anlegen könne und nach vielen Einwänden und Zögerlichkeiten stimmt Adele Spitzeder zu, für sie dieses Geld entgegenzunehmen.

Sie brachte mir Geld und vermittelte späterhin noch weitere Darlehen von einem Berufsgenossen ihres Mannes. Letzter machte sodann selbst Geschäfte mit mir und war überhaupt der erste von den Tausenden, welche soviel persönliches Vertrauen zu mir faßten, ohne jedwede Sicherheit oder Deckung Geld darzuleihen … nicht nur sein eigenes [Geld], sondern auch das Geld anderer Leute.

Zit. in Panzer, S. 31

So berichtet Adele Spitzeder in ihrer Autobiografie. Wohl oder übel muss sie weitere Geschäfte machen. Bald ist sie genötigt, mehr Geld anzunehmen, alles aufgrund „meine[r] angeborenen Generosität und meine[r] wahrhaft staunenswerte[n] Vertrauensseligkeit“.

In den kommenden Wochen und Monaten überrollt sie eine Lawine, angetrieben von nichts als Mundpropaganda. Die Zinsen für zwei Monate zahlt sie sofort bei Einzahlung aus, was das Vertrauen in sie stärkt. Sie nimmt nicht nur Bargeld, sondern stellt auch Wechsel aus. Dazu kommt ein Provisionsmodell.

Immer wieder betont sie die fehlenden Sicherheiten, doch die Menschen, die überall um sich herum den wirtschaftlichen Aufschwung beobachten, aber nicht daran teilnehmen dürfen – wollen es trotzdem versuchen. Die Gier siegt. Oder die Not.

Heilsbringerin in Brillanten

Adele Spitzeder gibt sich von Anfang an als seriöse Geschäftsfrau, setzt aber auch auf Frömmigkeit. So trägt sie zum Beispiel eine goldene Halskette mit einem brillantbesetztem Kreuz daran, das sie von einem Bettelmönch bekommen haben will. Dieses Auftreten weist auch darauf hin, dass sie keine Jüdin ist – da viele Juden in dieser Zeit gezwungenermaßen vom Geldverleih leben und keinen guten Ruf haben (seufz …), setzt sie sich als christliche Geschäftsfrau ab.

Sie wird von ihren Gläubiger:innen als „Heilsbringerin“, gar „Ersatzmonarchin“ verehrt, ganz egal, wo sie hinkommt. Gleichzeitig kann sie auch deftig mit den „kleinen Leuten“ umgehen, ihren Habitus nachahmen, was die nur noch besser finden.

Nach einer Weile muss sie aus ihrem Pensionszimmer ausziehen, weil der Wirt sich über die vielen Menschen beschwert, die tagein, tagaus zu ihr kommen.

Neue Geschäftsräume

So siedelt Adele Spitzeder 1871 in die Schönfeldstr. 9 am Englischen Garten um. Das Haus in bester Lage erwirbt sie für 54.000 Gulden. Ihre Privatgemächer richtet sie gutbürgerlich ein mit teuren Möbeln, Gemälden, Büchern und Geschirr.

Ihre Geschäftsräume beschreibt sie wie folgt:

Hinter dem Hause, woselbst lauter eiserne Fensterläden sich befanden, war ein großer schöner Garten, zur ebenen Erde befand sich das Auszahlungszimmer. Dasselbe hatte ein Vorzimmer, in welchem sich ein großer Tisch, eine Kopiermaschine, ein Schreibtisch nebst Strohstuhl und Papierkorb befanden. – Dies war das Kabinett meines Privatsekretärs. Im Auszahlungszimmer stand gleichfalls ein Schreibtisch für einen meiner Controleure, auf jenem Tisch lag stets das Strafgesetzbuch und Wechselstubenbuch zur Einsicht bereit, um mich vor Betrug sichern zu können.

Zit. in Nebel, S. 48

Dazu kommen Wachposten, die ebenfalls Sicherheit garantieren (oder zumindest vorgeben) sollen. Sie selbst thront in der Mitte des Auszahlungszimmers auf einem Lederstuhl. Bald hat sie vierzig Angestellte, von denen niemand eine kaufmännische Ausbildung hat.

Ihre Buchführung ist chaotisch und anfällig für interne Betrügereien: Überall liegen Wechsel herum, Bargeld nach einem langen Tag auch einfach auf dem Boden. Ihre Mitarbeitenden lassen sich auch gern „Trinkgeld“ geben, damit man die lange Schlange der Bittsteller:innen umgehen kann.

Langsam bürgert sich der Name „Dachauer Bank“ ein, da ihre Kund:innen nicht nur weiterhin aus der Au kommen, sondern auch aus dem armen Dachauer Land, nördlich von München. Neben diesen „kleinen Leuten“ leihen sich auch viele Offiziere Geld bei ihr, wenn sie sich entsprechend präsentieren müssen, aber gar nicht die Mittel dazu haben.

Wichtig: Adele Spitzeder selbst behauptet von sich selbst nie, dass sie eine Bank sei. Sie sei keine Kauffrau und habe ja keine Ausbildung und agiere lediglich als Privatière (was auch an ihrem Klingelschild steht), aus der Güte ihres Herzens.

Wohltätigkeit mit fremdem Geld

Um den Menschen die langen Wartezeiten angenehmer zu machen, kauft Adele Spitzeder ein Café nebenan, wo sie auf Adeles Kosten Kaffee (und Bier) trinken können. Später eröffnet sie am Platzl eine Volksküche, wo zu niedrigen Preisen Gerichte wie Gerstensuppe, Sauerkraut und Leberknödel (und Bier) angeboten werden.

Wenn sie unterwegs ist und von den Menschen erkannt wird – denn sie ist inzwischen durchaus berühmt – zeigt sie sich weiter in all ihrer angeborenen Freigiebigkeit und übernimmt überall die Rechnung. Sie wird Patin zahlreicher Kinder. Sie spendet große Summen an Kirchen und Organisationen und hilft Menschen in Not, wenn eine Familie zum Beispiel die Schuluniformen ihrer Kinder nicht bezahlen kann, wenn ein junges Mädchen die ersehnte Schauspielausbildung nicht bezahlen kann, wenn jemand die Überfahrt in die USA nicht zahlen kann. In solchen Fällen greift sie gern finanziell unter die Arme. Nur dass es nie ihr eigenes Geld ist.

„Mit Speck fängt man Mäuse“

Die Kritik bleibt selbstverständlich nicht aus. Die Presse, insbesondere die linksliberalen Münchner Neueste Nachrichten vermuten schon bald, dass bei einem solchen Geschäftsmodell mit solchen Zinsen nicht alles mit rechten Dingen zugehen kann. Adele Spitzeder wird als Schwindlerin bezeichnet, die anderen, seriösen Banken das Geschäft wegnimmt.

Sie geht bei Kritik meist nach vorn und veröffentlicht selbst Anzeigen oder gibt Interviews mit den ihr wohlgesonnen Zeitungen: Man könne sich ja melden, wenn man sein Geld nicht wie versprochen zurückbekommen hätte. Denn das sei noch nie vorgekommen.

Gleichzeitig verteilen unbekannte Männer in den Redaktionen durchaus Bestechungsgelder oder Drohungen. Einige Redakteure sind ohnehin schon Kunden der Spitzeder. Sie investiert in diverse konservative Zeitungen und gründet selbst das Münchner Tagblatt, das natürlich nur Lobeshymnen auf sie schreibt.

Auch auf diese Weise positioniert sie sich katholisch-konservativ „gegen ein vermeintlich jüdisch-liberales Deutschland“ (Nebel, S. 65).

Spitzeder x Hohenester

In ihrer Autobiografie berichtet Adele Spitzeder über ein Treffen mit der „Doktorbäuerin“ Amalie Hohenester. Sie galt als Wunderheilerin, die jedoch wegen einer fehlenden medizinischen Ausbildung ihrer Tätigkeit nicht mehr nachgehen darf und sogar eine Weile im Gefängnis saß.

Als Adele Spitzeder sie besucht, erkennt die Hohenester in ihr angeblich eine verwandte Seele: „Du hast a guat’s Aug‘, i glaub‘ i könnt Dir guat sei‘“ (Spitzeder, S. 151f). Die Interpretation dieser Episode ist klar: Wir sind zwei Frauen, die nur Gutes wollen, aber nicht dürfen.

Spitzeder x Ponzi x Madoff

In den Jahren 1870/1871 betragen die täglichen (!) Einlagen bei der „Dachauer Bank“ zwischen 50.000 und 100.000 Gulden, wobei zum Beispiel der Bürgermeister 5500 Gulden Jahresgehalt hat, eine Lehrerin 350 Gulden, eine Arbeiterin etwa 200 Gulden.

Jetzt warnt nicht nur die Presse, sondern auch das Staatsministerium: Die „Dachauer Bank“ zahle die Zinsen nur mit Hilfe der Kapitalien, die neu zufließen, und sowas ende immer mit riesigen Verlusten.

Wir kennen genau das heute als Schneeballsystem, und Adele Spitzeder war zumindest in Deutschland die erste, die dieses System umgesetzt hat. Nebel erklärt es wie folgt:

Das System … war denkbar einfach. Die Zinsen wurden von der Einlage selbst bezahlt, und die Auszahlungen von den Einlagen der nachfolgenden Einzahler. Solange es einen Nachschub an Geld gibt, ist dieses System sicher und lukrativ. Denn wer zuerst dabei ist und früh genug aussteigt, kann beträchtliche Gewinne machen. Das Nachsehen haben diejenigen, die investieren, wenn das System zusammenbricht, also nicht mehr genug Nachschub kommt.

Nebel, S. 155

Ein ganz ähnliches System wurde nach Charles Ponzi (1882–1949) benannt, einem italienischen Einwanderer in den USA, der nach ersten Betrügereien in den 1920ern die Securities Exchange Company gründete und seinen Kund:innen 50 % Rendite in 45 Tagen oder eine Verdoppelung in 90 Tagen versprach. Auch er lagerte das Geld in Schubladen und Papierkörben. Auch sein Geschäft brach bald zusammen, er kam ins Gefängnis. Nach heutigem Geldwert verloren seine Gläubiger:innen etwa 235 Millionen USD. Nach weiteren Betrugsversuchen starb er schließlich verarmt.

In noch größerem Umfang agierte Bernard L. Madoff, der zu diesem Zweck einen Hedgefonds gründete, aber bescheidenere Dividenden auszahlte, sodass er sich 15 Jahre lang halten konnte und erst 2008 aufflog. Der Schaden betrug etwa 65 Milliarden USD.

Zweifelhafter Reichtum

Adele Spitzeder selbst schreibt, dass sie mit dem eingenommenen Geld nichts anfangen konnte, weil die Presse die Leute immer wieder so aufstachelte, dass sie in Massen ihr Geld zurückwollten. Was tatsächlich mehrmals passiert. Und: „Überhaupt hatte ich während der ganzen Dauer meiner sog. Dachauer Bank niemals daran gedacht, Geld für mich beiseite zu schaffen, um auf diese Weise mir eine sorgenfreie Zukunft zu schaffen.“ (Spitzeder, S. 198)

Gleichzeitig kauft sie durchaus Schmuck und Uhren mit Edelsteinen. Sie erwirbt, renoviert und verkauft ein Gut in Oberföhring. Sie kauft ein weiteres Gut in Wolfratshausen und ein Haus in der eleganten Münchner Maximilianstraße. Sie verpachtet ein Gasthaus, ein weiteres Haus mit einer Bäckerei. Sie besitzt bald mehrere große Mietshäuser und am Starnberger See die „Villa Rosa“, die sie wohl nach ihrer neuen Freundin Rosa Ehinger benennt.

Gesellschafterin Rosa Ehinger

Gefunden hat Adele Spitzeder ihre neue „Gesellschafterin“ per Annonce. Bald leben sie eng zusammen. Rosa ist 20 Jahre jünger, wird von Adele eingekleidet und beschenkt. Im „Gegensatze zu anderen Schmarotzernaturen [ging sie mich] nie um ein Geschenk“ an (Spitzeder, S. 144).

Der neue Lebensstil scheint Rosa Ehinger zu gefallen. Von anderer Seite aus dem Freundes- und Familienkreis kommt mehr Kritik. Betty Spitzeder versucht, ihrer Tochter ins Gewissen zu reden: „Ich habe dich ehrlich erzogen und du hattest von jeher ein ehrliches aufrechtes Gemüt und wirst deshalb nie eine unehrliche Handlung zu begehen im Stande sein.“ (Spitzeder, S. 134)

Ihre ehemalige Partnerin Emilie Stier hat sie ohnehin eines Nachts nach einem Streit verlassen.

Ein Bekannter, der Literat und Journalist Fränkel, schreibt ein Gedicht über sie: Du hast Diamanten und Perlen, Von schmeichelnden Freunden ein Heer … Adele! Was willst Du noch mehr?

Eine Verschwörung?

Im Laufe des Jahres 1872 mehren sich die offiziellen Warnungen von Innenministerium und Polizei. Nur ein Eingreifen ist ihnen rechtlich offenbar nicht möglich. Es gibt noch keine Finanzaufsicht. Adele Spitzeder soll sich zumindest ins Handelsregister eintragen lassen und als Bank besteuert werden, aber wieder wehrt sie sich mit dem Argument, dass sie rein als Privatperson agiere.

Sie veröffentlicht weitere Zeitungsanzeigen, um sich zu erklären, und viele der sie verehrende Gläubiger:innen unterstützen sie: Die schlechte Presse könne eine Verschwörung der Sparkassen sein, denen ja nun die ganzen Einlagen fehlen. (Größere Banken sind keine Konkurrenz, weil die den „kleinen Leuten“ ohnehin keine Kredite geben.)

Andere empfehlen ihr, sich ins Ausland abzusetzen (und wollen sich dabei durchaus selbst durch ihre Hilfestellung bereichern), aber sie ist empört ob dieses Vorschlags und bleibt. Sie spricht beim bayrischen Innenminister und dem Polizeidirektor persönlich vor, aber die lassen sich ausnahmsweise nicht bestechen. Der Direktor bittet sie, falls sie die Absicht haben sollte, München zu verlassen, ihm vorher Bescheid zu sagen – eine unmissverständliche Drohung, dass eine Abreise als Flucht gedeutet werden könnte.

Gleichzeitig haben die Behörden Angst davor, was passieren könnte, wenn die Bank zusammenbricht, da inzwischen so viele Menschen dort ihr Geld gelagert haben. Sie schleusen Spitzel ein, die sich erfolgreich Adele Spitzeders Vertrauen erschleichen und über die unprofessionellen Geschäftspraktiken informieren können.

Der Zusammenbruch

Adele Spitzeder muss nun doch Konsequenzen ziehen: Die „Dachauer Bank“ verringert die Zinsen von 10 auf 3 % und schränkt die Geschäftszeiten ein. Trotzdem wollen immer mehr Menschen ihre Gelder vorzeitig abholen. Die Einlagen schrumpfen.

Am 12. November 1872 stehen die Menschen schon vor Sonnenaufgang in der Schönfeldstraße – ein „Menschenmeer“. Noch hat Adele Spitzeder keine Auszahlung verweigern müssen. Noch läuft ihre Bank, die keine ist.

Doch am Nachmittag kommen Polizei und Gerichtskommission mit einem Großaufgebot und sperren die Räumlichkeiten mit sofortiger Wirkung. Advokat Berghofer hat einen sogenannten Gantantrag (Konkurs-/Insolvenzvertrag) gestellt und besteht nun auf einen Offenbarungseid: Wenn die Spitzeder ihm keine Übersicht über ihr Vermögen geben kann, wird sie verhaftet.

Natürlich kann sie das nicht: Sie hat immer noch keine ordentlichen Handelsbücher, kein Kassenbuch – und eine mündliche Aufzählung all ihrer Kund:innen, die sie ihm angeblich liefern kann, reicht ihm nicht.

Die Bank wird behördlich geschlossen und als bankrott erklärt. Es werden keine Auszahlungen mehr vorgenommen.

Adele Spitzeder sinkt bei dieser Ankündigung bühnenreif zusammen.

Währenddessen nutzen mehrere Angestellte das Chaos aus und verlassen die Räume mit vollen Taschen. Auch einige der Polizisten sind nach diesem Einsatz reicher als vorher.

Etwa 30.000 Privatpersonen und Gemeinden wurden um 38 Millionen Gulden (ca. 400 Millionen Euro Stand 2017) gebracht. Dazu kommt möglicherweise eine recht hohe Dunkelziffer.

Viele Menschen schämen sich, auf solch unrealistische Versprechungen hereingefallen sind. Einige begehen Suizid. Eine zeitgenössische Karikatur drückt es so aus: „Viel war’s nicht, aber alles.“

Adele Spitzeders Zusammenbruch fällt mit anderen ökonomischen Schwierigkeiten zusammen: In der sogenannten Gründerkrise stürzen auch andere Bankensysteme und die gesamte Wirtschaft zusammen. Das wiederum führt zu einem Wachstum des Judenhasses (seufz …). (Jüd:innen waren in Bayern übrigens seit 1868 rechtlich völlig gleichgestellt.)

In Untersuchungshaft

Nachdem Adele Spitzeder sich körperlich erholt hat, wird sie gegen Mitternacht in Untersuchungshaft gebracht. Rosa Ehinger und ihr Hund Daisy begleiten sie. Die Bedingungen könnten schlechter sein: Sie darf sich Annehmlichkeiten bringen lassen, kann den Wärter mit einer Glocke rufen und wird medizinisch betreut.

Bald wird sie in Einzelhaft überführt und entwickelt eine Depression bis hin zu Suizidgedanken. Nicht einmal zum Begräbnis ihrer Mutter darf sie. Deren Nachlass kommt im Übrigen zur Gantmasse, so wie der ganze Rest von Adele Spitzeders Privatvermögens – sogar das mit Brillanten besetzte Kreuz, das sie um den Hals trug.

Die Schwurgerichtsverhandlung

Nach zehn Monaten kommt es zur Verhandlung. Adele Spitzeder, Rosa Ehinger und drei ihrer Angestellten werden angeklagt.

Presse und Schaulustige sind anwesend, als Adele Spitzeder schwarz gekleidet und selbstbewusst, aber noch hagerer als früher den Gerichtssaal betritt. Nun sollen fünfzehn Geschworene entscheiden, und der Richter setzt Strafmaß fest.

Neben den rein geschäftlichen Vorgängen spielt auch Adele Spitzeders Beziehung zu Rosa Ehinger eine Rolle – einerseits geht es um 50.000 Gulden, die die Spitzeder ihr bereits vor zwei Jahren geschenkt haben soll, andererseits soll die lesbische Beziehung der beiden natürlich auch ihren Ruf beschädigen. Ein Dienstmädchen sagt zum Beispiel aus, dass Spitzeder und Ehinger sehr zärtlich miteinander umgingen und sich öfters geküsst hätten.

Es werden 130 Zeug:innen befragt, davon 97 Belastungs- und 17 Entlastungszeug:innen.

Adele Spitzeder argumentiert über ihren Verteidiger, dass die Bankrotterklärung rechtswidrig gewesen sei, weil sie nie jemanden die Auszahlung ihrer Gelder verweigert habe. Sie sei nur bankrott gegangen, weil sie geschlossen wurde: „das Gericht hatte, so lange ich zahlte, kein Recht über mich und am allerwenigsten das, mich verhaften zu lassen“ (Spitzeder, S. 206).

Das Urteil

Die Verhandlung dauert sieben Tage. Alle drei werden schuldig gesprochen.

Mühsam erhob ich mich vom Stuhl … langsam, schleppend und völlig geistesabwesend ging ich vor dem Richtertische vorbei, der Türe zu, gleich einer Nachtwandlerin … ein Nebel breitete sich vor meinen Augen, der Saal mit dem Kronleuchter und den Tausenden von Menschen, die uniformierten Richter, das mir drohende Gefängnis, alles fing an in meinem Gehirn ein unentwirrbares Chaos zu bilden, und an der Türe angelangt, brach ich machtlos zusammen, eine Ohnmacht umhüllte wohltätig meine Stimme! – Ich wollte, ein gütiger Gott hätte damals jene Ohnmacht in den Schlummer des Todes verwandelt! – Verurteilt, gefangen! –

Spitzeder, S. 254

Rosa Ehinger und die drei Angestellten werden zu mehreren Monaten Haft verurteilt, kommen aber auf freien Fuß, weil sie bereits so viel Zeit in Untersuchungshaft abgesessen haben. Zu Rosas Freilassung schreibt Adele Spitzeder:

Dies kränkte mich unsagbar tief, umso mehr als im Grunde genommen Rosa Ehinger doch einzig und allein die Ursache meines Unglücks gewesen war, und gerade sie hatte mir doch die größte Anhänglichkeit und Aufopferung in den Tages meinen Glückes bewiesen oder vielmehr vorgeheuchelt.

Spitzeder, S. 258

Adele Spitzeder selbst wird zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt (und eine Revision wird abgewiesen), darf wegen ihrer schlechten Gesundheit jedoch im Gefängnis bleiben. (Im Zuchthaus hätten Arbeitseinsätze zum Alltag gehört, und die Bedingungen waren generell deutlich strenger.) Sie lebt dort relativ komfortabel und darf sich zum Beispiel der Ölmalerei oder italienischen Übersetzungen widmen und ihre Memoiren schreiben.

Nach der Haft

Als Adele Spitzeder aus der Haft entlassen wird, ist Rosa Ehinger über alle Berge und hat einen Mann geheiratet. Die Spitzeder wird von treuen Anhänger:innen in Empfang genommen und findet über sie eine Wohnung. Da sie kaum laufen kann, engagiert sie eine Pflegerin. Sie hat wenig Geld (eine geringe Jahresrente, ein wenig aus dem Erbe ihrer Mutter) und hofft, dass ihre Memoiren ihr etwas einbringen.

Nach einer elfmonatigen Kur im Schwarzwald, die ebenfalls von ehemaligen Gläubiger:innen bezahlt wird, versucht sie sich noch einmal sechs Monate lang als Schauspielerin in Altona, Berlin und Frankfurt. Doch sie ist überall unerwünscht, und die Presse lästert. Spitzeders Kommentar: „Gerechtigkeit – dein Begriff ist ein sehr dehnbarer!!!“ (Spitzeder, S. 277)

So kehrt sie 1880 nach München zurück und versucht es erneut mit einem Darlehensgeschäft. Bald wird sie wieder verhaftet – und wieder freigelassen. Der Staatsanwalt ist der Meinung, dass die Leute selbst schuld seien, wenn sie so dumm sind.

Adele Spitzeder arbeitet als Komponistin und Kapellmeisterin und tritt als Diseuse bzw. Sängerin auf. Sie nutzt den Namen Adele Vio, also den Mädchennamen ihrer Mutter. Eine Zeit lang nicht nur, um den berüchtigten Namen Spitzeder loszuwerden, sondern wohl auch, weil sie ihn nicht mehr führen darf: Die Ehe ihrer Eltern sei nicht rechtmäßig gewesen, da ihr Vater keine ordnungsgemäße Eheerlaubnis eingeholt habe. Dementsprechend sei Adele illegitim. Das wurde 1892 allerdings wieder rückgängig gemacht.

Tod und Nachruhm

Am 27. Oktober 1895 stirbt Adele Spitzeder im Alter von 63 Jahren an Herzversagen. Ihre Vermieterin versucht noch, an ihr Geld zu kommen, bleibt aber auf ihren Schulden sitzen. Die Spitzeder wird anonym auf dem Alten Südlichen Friedhof beerdigt. Ihr Tod ist der Presse kaum eine Meldung wert.

Sie wird sie noch einmal „berühmt“, als sie zum Prototyp der „lesbischen Kriminellen“ stilisiert wird: Die Kriminalpsychologie erlebt um 1900 einen Aufschwung, und Adele Spitzeders Lebenswandel als nicht verheiratete, unangepasste geschäftstüchtige Frau, die dazu noch wie ein „Mannsweib“ aussah, galt den Fachleuten (-männern) als ideales Beispiel.

Zudem entstehen Theater- und Marionettenspiele, in den 1970ern in Fernsehspiel namens Adele Spitzeder mit Ruth Drexel in der Titelrolle. 1992 entstand für den Bayerischen Rundfunk die Fernsehdokumentation Adele Spitzeder oder das Märchen von den Zinsen von Hannes Spring. 2012 wurde der Fernsehfilm Die Verführerin Adele Spitzeder mit Birgit Minichmayr in der Titelrolle veröffentlicht.

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Quellen:
Julian Nebel: Adele Spitzeder. Der größte Bankenbetrug aller Zeiten. FBV 2018.
Adele Spitzeder: Geschichte meines Lebens. Autobiographie. Der große Münchner Bankskandal 1872. Buchendorfer Verlag, München 1996.
Marita A. Panzer: Adele Spitzeder. Schauspielerin, Bankgründerin und Betrügerin. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2023.

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