Ein Gastbeitrag von Editha Weber
Schönheit für alle: Constance Spry revolutionierte die moderne Floristik, indem sie Blumen, Blätter und Zweige unkonventionell kombinierte und in ebenso fantasievollen Gefäßen präsentierte. Ihre Zeitgenossen verbanden mit ihrem Namen Glamour und Prominenz. Sie war erfolgreich und vielseitig, führte Dekorationsgeschäfte in London und New York und gestaltete Arrangements für die Hochzeit und die Krönung von Königin Elizabeth II., sodass die ganze Welt ihre Kreationen wahrnehmen konnte. Außerdem gründete Spry eine Floristik- und eine Hauswirtschaftsschule, veröffentlichte über ein Dutzend Bücher und inspirierte unzählige Menschen zu floristischen Werken.

Aufbruch in die moderne Welt
Ihr Lebensweg liest sich wie eine Aufstiegsgeschichte in der Zeit des Aufbruchs in die moderne Welt. Industrialisierung und Urbanisierung veränderten die Gesellschaft, entwurzelten, schufen neue Arten des Zusammenlebens, boten Chancen und kreierten neue Lebenswelten. Sprys Weg begann traditionell an der Seite ihres tatkräftigen, klugen Vaters, der ihr ein Vorbild war, sowie durch Förderung von Menschen, die Verbindungen und Einfluss hatten. Geboren wurde Constance am 5. Dezember 1886 als erstes Kind (fünf Brüder folgten) von George Fletcher und seiner Frau Henrietta Maria in Derby in den East Midlands. Ihr Vater war von einem leidenschaftlichen Drang nach Bildung erfüllt. Es gelang ihm, sich bis zur Position eines höheren Beamten im Bildungsbereich emporzuarbeiten.
Unterstützt von ihrem Vater, begann Constance eine Ausbildung im Bereich der Gesundheitserziehung und arbeitete anschließend für die Women’s National Health Association. Aus der Ehe mit dem wenig verständnisvollen James Heppell Marr, mit dem sie den Sohn Anthony hatte, floh sie nach wenigen Jahren. In den frühen 1920er Jahren begann sie als Schulleiterin im Londoner East End zu arbeiten. Sie liebte es, floristische Kreationen zu erschaffen, und wagte mit Anfang vierzig den Schritt in ein neues Leben. Dieser zweite Lebensabschnitt war so aufregend, erfolgreich und beglückend, dass sie für zahlreiche Menschen bis heute zu einer Ikone der floristischen Gestaltung geworden ist.

Gewagte Kreationen
Seit den späten 1920ern bis zu ihrem plötzlichen Tod 1960 dominierte sie die britische Floristik mit raffinierten, gewagten und immer wieder gänzlich unerwarteten Kreationen. Gewagt deshalb, weil sie zum Beispiel traditionelle Blumen mit Grünkohl, Rhabarberstängeln und Artischockenblättern kunstvoll arrangierte. In ihrer Kindheit und Jugend war es allgemein beliebt, langstielige Rosen, Lilien und Nelken bevorzugt in Silber- oder Kristallvasen zu präsentieren. Das sollte sie ändern, als sie Heckenblumen, Zweige der Trauerweide, Wildkräuter, Gräser und Zierkohl, Artischocken, Canna oder Kürbisse für Sträuße verwendete, frei kombinierte und mit ihren ungewöhnlichen Schöpfungen großen Erfolg hatte.

Klassische Vasen und vor allem die Gleichförmigkeit industriell hergestellter Gefäße langweilten Constance Spry, und so stöberte sie auf Dachböden und in Trödelläden nach Alternativen und entwarf sogar selbst eine elegante Art-déco-Vasen-Serie mit weiten Öffnungen, die zu Sammelobjekten geworden sind. Ihre floristischen Gestaltungen waren durch Gärten inspiriert und folgten ihren Prinzipien, saisonal, natürlich und frei von einschränkenden Traditionen und Regeln zu dekorieren.

Die Krönung ihrer Karriere
Ihre floralen Arbeiten waren weithin anerkannt und begehrt. So entwarf Constance Spry den Blumenschmuck für namhafte Mitglieder der feinen Gesellschaft. Als Edward, der abgedankte König von Großbritannien, 1937 Wallis Simpson heiratete, gestaltete selbstverständlich Constance Spry die florale Dekoration des Ereignisses. Die Royals waren weniger erfreut, sodass sie Constance Spry erst zehn Jahre später den Auftrag für den Blumenschmuck anlässlich der Hochzeit von Prinzessin Elizabeth mit Philip Mountbatten erteilten. Im Jahr 1952 erhielt Constance Spry den zweifellos bedeutendsten Auftrag ihrer Karriere, nämlich die Blumendekoration bei der Krönung Elizabeth II. 1953 zu beaufsichtigen. „Was dann folgte“, schreibt sie begeistert, „glich dem Kindheitstraum, sich in Aladins Schatzhöhle wiederzufinden, mit der Freiheit, alles und jeden zu wählen, ohne dass die Erwachsenen sich einmischen …“ Ihr Auftrag umfasste die Ausschmückung der Westminster Abbey sowie die florale Verschönerung diverser Festessen und des zeremoniellen Weges.
Eine Rose für Constance Spry
Constance Spry war gleichwohl eine leidenschaftliche Gärtnerin, die sich um die Bewahrung historischer Rosen verdient machte. Der britische Rosenzüchter David Austin, der mit seinen Englischen Rosen einen neuen Rosentypus erschuf, ehrte Spry, indem er seiner ersten Schöpfung 1961 den Namen „Constance Spry“ verlieh. Wer Rosen liebt, könnte also bereits von der britischen Floristikkünstlerin gehört haben.

Krieg und Gemüse
Die leidenschaftliche Gärtnerin war auch eine ausgezeichnete Köchin. „Gemüse könne die Nahrung der Götter sein“, meinte sie enthusiastisch und lehrte die Briten während des Zweiten Weltkrieges den Anbau und die Verarbeitung von Gemüse. Trotz der angespannten Situation bemühte sie sich um eine positive und fantasievolle Herangehensweise an das Thema. Im Auftrag des Ministeriums für Information reiste sie durch das Land und hielt Vorträge vor Frauen, die im militärischen Dienst sowie in Fabriken arbeiteten. Dies geschah in erster Linie, um die Menschen aufzumuntern, to lift people’s spirits, wie es in der zeitgenössischen Sprache hieß. Viele Frauen waren an ihren Informationen interessiert und so erreichten Constance Spry noch Jahre nach dem Krieg Briefe voller Worte des Dankes.
Mitten im Krieg verfasste sie ein Buch zu diesem Thema, dessen Titel ihr lebensbejahendes Motto aufnimmt: „Come into the Garden, Cook“ (1942). Es war ein unmittelbarer Erfolg und hatte großen Anteil daran, die Verarbeitung von Gemüse in der Küche populärer zu machen. Sie war überzeugt, wenn Planung und Pflege eines Gemüsegartens auch viel Arbeit und Weitsicht erforderten, sei es eine große Befriedigung, Lebensmittel selbst zu erzeugen und etwas Gesundes ebenso wie etwas Schönes für das Auge zu erschaffen.
Trotz ihres Erfolgs in den Kreisen der Reichen und Schönen blieb Constance Spry ihr Leben lang der der Idee verpflichtet, nicht nur Wohlhabende sollten sich Schönheit leisten können. In ihrem Buch A Millionaire for a Few Pence empfahl sie, Grünkohlblätter mit roten Rosen zu kombinieren, Marmeladengläser als Behälter zu nutzen oder einzelne Blüten in je eine Vase zu stellen. Mit ein paar Blumen und ein wenig Fantasie sei das Leben zu verschönern. Ihre Empfehlung war: „Öffnen Sie Ihren Geist für jede Form der Schönheit.“
Gartenbau für den Feminismus
Im Laufe des 19. Jahrhunderts ist ein tiefgreifender Wandel in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu beobachten. Das betrifft etwa die Frage nach den Rechten von Frauen. Frauen haben damals lautstark und vehement für ihren Platz in der Gesellschaft gekämpft. Das Interessante ist, dass gerade der Gartenbau ein wichtiger Schauplatz dieser Kämpfe war: Gartengestalterinnen wie Gertrude Jekyll (1843–1932) oder Theresa Earle (1836–1925) setzten sich dafür ein, Gärtnern als anerkannte professionelle Betätigung für Frauen zu etablieren. Bereits 1899 war die Women’s Agricultural and Horticultural International Union, 1910 umbenannt in Women’s Farm and Garden Union, gegründet worden, deren Vizepräsidentin 1916 Gertrude Jekyll wurde. Als Frances Garnet Wolseley (1872–1936) im Jahr 1902 das Glynde College for Lady Gardeners gründete, zählten Gertrude Jekyll und Theresa Earle zu den ersten Mäzeninnen.
1897 veröffentlichte Theresa Earle ihr erstes Buch: Pot-Pourri from a Surrey Garden. Dieses „klassische Tagebuch einer viktorianischen Lady“ präsentiert eine Mischung aus Anekdoten, Haushalts- und Gartentipps, Dekoration, Rezepten und Erziehungsratschlägen. Für die junge Ehefrau Constance Marr (später Constance Spry) wurde es zur Inspiration im täglichen Leben, mehr noch „zu einer Art Bibel“, wie sie in der Rückschau betont. Es befasste sich mit all dem, was die junge Frau interessierte.
Gluck
Geboren als Hannah Gluckstein nahm Gluck (1895–1978) in den 1920er Jahren den geschlechtslosen Namen Gluck und einen androgynen Stil an, um die eigene persönliche und künstlerische Identität zu bestimmen. Gluck teilte Sprys Ansicht, die Arbeit mit Blumen sei eine Kunstform, und malte in den 1930er Jahren zahlreiche Blumenarrangements.
Constance Spry erhielt im Januar 1932 den Auftrag, die florale Dekoration für die Eröffnung des neuen Kunstateliers von Gluck auszuführen. Sprys Angestellte führten diesen Auftrag aus und erneuerten regelmäßig die Blumen. Gluck war begeistert und fing sofort an, das florale Kunstwerk zu malen. Constance Spry wurde neugierig und kam eines Tages selbst in Glucks Haus. Zwischen beiden begann ganz allmählich eine innige Liebesbeziehung, die nicht zuletzt auf dem Gleichklang ihrer künstlerischen Kreativität basierte. Obwohl ihre Beziehung 1936 endete, malte Gluck bis in die frühen 1940er Jahre weitere Gemälde mit floralen Motiven. Beide sahen einander nie wieder.
Vita Sackville-West (1892–1962) war eine Zeitgenossin von Constance Spry. Sie wurde als Gärtnerin und Schriftstellerin berühmt und war ebenso eine große Sammlerin von Alten Rosen. Noch heute kann man ihren Garten zu Füssen des Sissinghurst Castle in Kent besuchen. Er gilt als Englands schönster romantischer Landhausgarten.
Als die „geheimnisvollste Gärtnerin dieses Jahrhunderts“ gilt Norah Lindsay (1873–1948). Sie nannte ihre Rosen „ihre Kinder des Junis“ und wurde etwa als Sammlerin Alter Rosen von Spry und Sackville-West geschätzt und bewundert.
Natur und Kunst verbinden
Viele Menschen betrachteten die zeitgenössischen Entwicklungen der Industrialisierung kritisch und entwarfen philosophisch-künstlerische Gegenentwürfe, in denen sie durch eine Rückbesinnung auf das Handwerk, traditionelle Techniken, natürliche Materialien und die Natur selbst eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen anstrebten. Natur und Kunst sollten in verbindender Form neue Lebensperspektiven aufzeigen. Der Philosoph, Schriftsteller und Kunstkritiker John Ruskin und der vielseitig begabte Künstler und Unternehmer William Morris wurden zu führenden Vertretern der Arts-and-Crafts-Bewegung, die sich zu einer bedeutenden künstlerischen Strömung entwickelte. Die Vorstellungen vieler Anhänger prägte ein romantischer Blick zurück auf das ländliche Old England, das in vollkommenem Widerspruch zu den geometrisch geplanten viktorianischen Stadtvierteln und den elenden Arbeiterquartieren stand. In der Natur erkannten sie eine Kraft, die in der viktorianischen Gesellschaft belebend wirken sollte und die noch in der späteren Kunstrichtung des Jugendstils sichtbar wird.
Literatur von und zu Constance Spry
Martin Battersby, The Decorative Thirties, New York 1971.
Douglas Brenner und Stephen Scanniello, A Rose by Any Name, Chapel Hill 2009.
Jane Brown, The English Garden in our time from Gertrude Jekyll to Geoffrey Jellicoe, Woodbridge 1986.
Jane Brown, Eminent Gardeners: Some People of Influence and Their Gardens, 1880–1980, London 1990.
Timothy Clark, »Mrs C. W. Earle, (1836–1925), a Reap praisal of Her Work.« Garden History, vol. 8, no. 2, 1980, pp. 75–83. JSTOR, https://doi.org/10.2307/1586630. (Abfrage 09.04.2022)
Shane Connolly, Constance Spry and the Fashion for Flowers, Garden Museum, London 2021.
Dorothy Cooke und Pamela MacNicol, A History of Flower Arranging, Oxford 1989.
Molly und Don Glentzer, Pink Ladies & Crimson Gents. Portraits and Legends of 50 Roses, New York 2008.
Harold Piercy, The Constance Spry Book of Flower Arranging, London 1983.
Sue Shephard, The Surprising Life of Constance Spry, London 2011.
Diana Souhami, Gluck 1895 – 1978. Her Biography, London 2013.
Constance Spry, Flower Decoration, London 1934.
Constance Spry, Flowers in House and Garden, London 1937.
Constance Spry, Garden Notebook, London 1940.
Constance Spry: Come into the Garden, Cook, London 1942.
Constance Spry, Summer and Autumn, London 1951.
Constance Spry, Winter and Spring Flowers, London 1951.
Constance Spry, How to do the Flowers, London 1952.
Constance Spry, A Constance Spry Anthology, London 1953.
Constance Spry, The Art of Arranging Flowers, mit einem Vorwort von Beverley Nichols, New York 1953.
Constance Spry, Party Flowers, London 1955.
Constance Spry and Rosemary Hume, The Constance Spry Cookery Book, London 1956.
Constance Spry, Simple Flowers ‘A millionaire for a few pence’, London 1957.
Constance Spry, Favourite Flowers, London 1959.
Constance Spry and Rosemary Hume, Hostess, London 1961.
Judith B. Tankard und Martin Wood, Gertrude Jekyll at Munstead Wood, London 2015.
Pamela Todd, The Arts and Crafts Companion, London 2004.
Pamela Todd, William Morris and the Arts and Crafts Home, San Francisco 2005.
Ausstellung im Garden Museum London „Constance Spry and the Fashion for Flowers“, 17. Mai bis 26. Sept. 2021
Bücher von Editha Weber:
Editha Weber, Gartenkünstlerinnen. Gertrude Jekyll, Vita Sackville-West und Constance Spry, Berlin 2022.
Editha Weber, Das Glück wohnt im Garten. Von Elizabeth von Arnim bis Margery Fish, Berlin 2024.
Editha Weber, Große Fürstinnen und ihre Gärten. Spaziergänge durch sieben der schönsten Schlossparks in Deutschland, Regensburg 2019.
Editha Weber, Fürstinnen im Grünen. Spaziergänge durch Schlossgärten, Berlin 2016.
Editha Weber im Web:
Website und Blog: www.ulrich-travelguide.de
Instagram: die_kulturgaertnerin
YouTube: edithaweber2106

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Artwork und Musik: Uwe Sittig
Frauenleben-Hosts: Susanne Popp und Petra Hucke
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