Von der jüdischen Professorentochter zur Krankenschwester im Urwald: Die Frau des berühmten Albert Schweitzer war eine unabhängige, moderne Frau, die ganz genau wusste, was sie konnte und wollte. Sie baute mit ihm das Spital in Lambarene auf und ließ sich auch durch eine Kriegsgefangenschaft und eine schwere Tuberkuloseerkrankung nicht davon abhalten.

Glückliche Kindheit in Berlin
Geboren wird Helene Marianne Bresslau am 25. Januar 1879 in Berlin. Ihr Vater Harry Bresslau ist Historiker und Privatdozent an der Universität Berlin. Ihre Mutter Caroline geb. Isay ist gebildet und eine geschätzte Diskussionspartnerin ihres Mannes. Die Familie ist herzlich, aufmerksam, intellektuell, „typische Repräsentanten der [assimilierten] jüdischen Mittelschicht in Deutschland“ (Mühlstein, S. 13).
Als Helene Bresslau sieben Jahre alt ist, wird sie gemeinsam mit ihren zwei Brüdern evangelisch getauft. Ihr Vater hofft, dass sie es als Christ:innen in Deutschland leichter haben, auch wenn er weiß, dass man sich dem „rassisch begründeten“ Antisemitismus kaum durch eine Taufe entziehen kann. Dennoch versucht er, ihnen mehr Sicherheit zu verschaffen. Ebenso achtet die Familie darauf, dass sich die Kinder in der Öffentlichkeit stets ruhig und gesittet verhalten, um nicht aufzufallen. Als gute Tugenden gelten Fleiß, Bescheidenheit, Sparsamkeit und Ordnung.
Zwischen 1885 und 1890 besucht Helene Bresslau die städtische Charlottenschule in Berlin. Ihr Vater befürwortet Bildung für Mädchen und Frauen. Gute Noten sind eine Selbstverständlichkeit.
Umzug nach Straßburg
Im Jahr 1890 wird ihr Vater als Professor für Mittelalterliche Geschichte an die Kaiser-Wilhelms-Universität in Straßburg berufen. Er nimmt die Stelle an, weil er weiß, dass er als Jude in Berlin diese Chance nie bekommen wird. Es ist ein Rückschritt, den er in Kauf nehmen muss. Dennoch: Die Universität hat einen guten Ruf und damals die weltgrößte Unibibliothek, und 1904 wird er sogar zum Kanzler ernannt – eine „beispiellos[e]“ (Mühlstein, S. 13) Karriere für einen Juden damals.
In Straßburg verspüren die Bresslaus im Privaten kaum Antisemitismus. Als Teil der „altdeutschen“ Gemeinde bleiben sie unter sich. Helene Bresslau besucht eine teure, anspruchsvolle Höhere Mädchenschule und anschließend das Lehrerinnenseminar, das damals die einzige Form der höheren Bildung für Mädchen ihres Standes ist. Hier freundet sie sich mit Elly Heuss-Knapp an und geht mit ihr auf Rad- und Wandertouren. Mit einer Sondererlaubnis kann sie schon mit 17 Jahren die Prüfung als Lehrerin für Höhere Mädchenschulen ablegen und studiert anschließend am Straßburger Konservatorium Klavier, Gesang und Musiktheorie.
Ein sechsmonatiger Italienaufenthalt mit ihren Eltern bringt ihr die Bildende Kunst näher, sodass sie sich danach entscheidet, Kunstgeschichte und Geschichte zu studieren. In Straßburg werden Frauen mit Lehrerinnenexamen an der Universität aufgenommen, wenn die jeweiligen Professoren einverstanden sind. Ihre Eltern stimmen dem Studium ebenfalls zu, erwarten aber trotzdem weiter von ihr, ihre gesellschaftliche Pflichten zu erfüllen und sich einen Mann zu suchen.
Erste Berufstätigkeit
Im Jahr 1902 arbeitet Helene Bresslau ein halbes Jahr in Großbritannien als Lehrerin für Musik, Französisch und Deutsch. Das Unterrichten macht ihr jedoch nie viel Spaß. Sie sieht in London die Slums des East End, wo zahllose Straßenkinder leben. Ihr Interesse für die Sozialarbeit wird geweckt.
Zurück in Straßburg wird sie vom Leiter des Straßburger Armenwesens und späteren Bürgermeister Rudolf Schwander zur ehrenamtlichen Waisenpflegerin ernannt, d. h., sie geht in die Pflegefamilien und kontrolliert die Zustände. In Straßburg herrscht noch eine hohe Säuglingssterblichkeit, vor allem bei unehelichen Kindern. In den folgenden Jahren ändert sich das jedoch, als die Rechte unehelicher Kinder gestärkt werden und die Väter auch ihnen Alimente zahlen müssen.
Helene Bresslau will noch mehr lernen und absolviert 1904 einen dreimonatigen Krankenpflegekurs in Stettin – einer Hafenstadt, in der sie im Krankenhaus viel mit Prostituierten in Kontakt kommt, etwas, wovon Frauen ihres Standes sich eigentlich weit entfernt halten.
Zurück in Straßburg arbeitet sie von 1905 bis 1909 als hauptamtliche Waisenhaus-Inspektorin im Gemeindewaisenamt Straßburg. Als erste Frau. Und sogar gegen Geld, wenn auch zugegebenermaßen ein Taschengeld.
Ihre Eltern sind nicht begeistert, dass sie sich bezahlen lässt, weil es schnell wirken könnte, als könne ihr Vater sie nicht mehr ernähren. Ein Amt als Lehrerin oder Übersetzerin wäre noch angemessener gewesen. Doch Helene Bresslau kümmert sich nun mit der ihr üblichen Disziplin und Zuwendung um 1200 Säuglinge und Kinder, die in Straßburg unter Vormundschaft stehen. Sie kommt gut mit den Müttern zurecht, die in ihr keine feine Dame mit einem Hang zur Wohltätigkeit sein, da sie sich gut in andere Lebensbedingungen einfühlen kann.
Im Jahr 1908 gründet sie im Ortsteil Neudorf mit ihrer Freundin Helene Fehling das Straßburger Mütterheim, in dem ledige Mütter nach der Geburt ihrer Kinder praktische Haushaltsfähigkeiten erlernen sollen, damit es nicht zu noch mehr Waisen kommt. Moralische Instruktion wird nicht gegeben.
Helene Bresslau hält häufig Vorträge vor ehrenamtlichen Sozialarbeiterinnen und veröffentlicht Artikel zum Thema Waisenpflege.
Die große Liebe: Albert Schweitzer
Schon 1898 trifft Helene Bresslau auf einer Hochzeitsfeier zum ersten Mal auf Albert Schweitzer. Er ist vier Jahre älter als sie und hat bereits erste Erfolge als Organist gefeiert. Nun hat er auch gerade sein Theologie- und Philosophiestudium abgeschlossen. Er ist charmant und kann gut tanzen, interessiert sich aber leider eher für ältere Frauen, wie für seine angeheiratete Tante Mathilde, bei der er sehr vertraut viel Zeit in Paris verbringt. Sie stirbt 1902 und hinterlässt einen trauernden Albert.
Ebenfalls 1902 beginnen Helene Bresslau und Albert Schweitzer sich im Rahmen des Radelclubs öfter zu sehen, und Helene verliebt sich in den intelligenten, intellektuellen Mann mit seinen vielseitigen Interessen.
Doch schon bald eröffnet er ihr, dass er nie im Leben heiraten, sondern ungebunden bleiben und Waisenkinder bei sich aufnehmen will. Er bietet ihr jedoch eine Freundschaft an, die sie akzeptiert, wohl auch deswegen, weil sie ja selbst noch nicht weiß, wie sie ihr Leben gestalten will, außer dass es ihr auch nicht reichen wird, Hausfrau und Mutter zu werden – „meinen Weg kenne ich nun noch nicht – ein Mann hat’s darin soviel besser, daß sein Beruf ihn ihm weist“ (zitiert in Mühlstein, S. 57).
In diesen Jahren leidet Helene Bresslau wegen ihrer empfundenen Nutzlosigkeit und wie so viele junge Frauen ihres Standes unter Depressionen. Bertha Pappenheim sei hier genannt, die der Sinnlosigkeit des Lebens durch „Hysterie“ zu entfliehen versucht und schließlich auch in der Sozialarbeit ihre Berufung findet.
Ihrer Familie erzählt Helene Bresslau von dieser ungewöhnlichen Freundschaft, die sie ansonsten jedoch geheim halten. Denn ganz „anständig“ ist sie nicht. Albert Schweitzer ist sich durchaus bewusst, dass die Situation für Helene als Frau sogar noch schwieriger ist als für ihn selbst. Dennoch ist sie ihm so wichtig, dass er sie nicht freigibt.
Nach kurzer Zeit beginnt sie, ihm bei den Korrekturen seiner ersten Veröffentlichungen zu helfen. Dabei kümmert sie sich nicht nur um die Rechtschreibung, sondern kann sich auch inhaltlich mit ihnen auseinandersetzen, ob es um das Leben Jesu geht oder eine Biografie über Johannes Sebastian Bach.
Der gemeinsame Traum von Afrika
Albert Schweitzer erkennt, dass sich sein Wunsch, Waisenkinder aufzunehmen, nicht in die Realität umsetzen lässt, da anscheinend niemand einem jungen, alleinstehenden Mann Kinder anvertrauen will. Deshalb orientiert er sich nun um und nimmt ein Medizinstudium auf, damit er für die Französische Mission als Arzt im Kongo tätig werden kann. Seine Familie ist von seinem neuen Plan mehr als irritiert, doch er lässt sich nicht davon abbringen: „Aber die Leute lassen ja nicht zu, daß man aus dem gewöhnlichen heraustritt, daß man sich aus seinen natürlichen Bindungen löst. Ja, aber ich würde darin zugrunde gehen. Ich muß mich daraus lösen.“ (zitiert in Mühlstein, S. 94)
Helene Bresslau ist die Einzige, die ihn vollständig unterstützt – und sie entscheidet sich, ihn zu begleiten. Wieder hadert Albrecht Schweitzer: Er möchte sie gern dabei haben, aber er weiß, wie viel er ihr abverlangt. Doch Helene Bresslau lässt sich nicht umstimmen. Ihr ist die Sorge für andere Menschen genauso wichtig mit ihm, und die Neugier auf ein so anderes Leben ist groß.
So beginnt sie 1909 eine Ausbildung zur diplomierten Krankenschwester in Frankfurt am Main. Die Arbeit ist sogar für die disziplinierte Helene Bresslau zu anstrengend, und sie infiziert sich im Krankenhaus mit Tuberkulose. Schon als zehnjähriges Mädchen hatte sie Probleme mit der Lunge, und nun muss sie die nächsten Monate in erzwungener Ruhe in Sanatorien und Kurorte verbringen.
Als es ihr besser geht, findet im Juni 1912 nun doch die Hochzeit statt, der Albrecht Schweitzer so lange entgehen wollte. Doch unverheiratet ins Ausland zu gehen, das ist unmöglich.
Lambarene (bedeutet: „Wir wollen es versuchen“)
Afrika gilt als der „dunkle, unbekannte Kontinent“, und gerade die westafrikanische Küste von Sierra Leone bis über den Kongo hinaus wird „das Grab des Weißen Mannes“ genannt und als der „absolut tödlichste Flecken der Erde“ (Mühlstein, S. 129).
Lambarene liegt in Gabun, damals Französisch-Äquatorialafrika, also in einer französischen Kolonie. Die Französische Mission hatte gezögert, Albert Schweitzer als Arzt hinzuschicken, da einigen seine zu liberale Theologie ein Dorn im Auge ist. Doch schließlich reist er mit seiner frisch angetrauten Frau Helene im März 1913 per Schiff gen Süden.
Die Lage ist entzückend … Man sieht unten den Flußarm, gegenüber ein […]Dorf, eine blaue Bergkette. Um das Haus Lorbeer- und Citronenbäume, Palmen mit unzähligen Vogelnestern. Dazu eine Wellblechbarake [sic]: unsere Küche samt Waschküche. Der Abtritt liegt 25 m weiter in einem Palmenhain! Kann man etwas poetischeres denken? Der Hügel ist bepflanzt mit Orangen, Citronen, Cacao, Kaffee, Bananen etc. Es kam uns allen so märchenhaft so ganz wie im Robinson-Crusoe vor! … Wir sind ergriffen. … Die [weißen] Herren und Damen sind weiß gekleidet, sehr sauber, gehen aber barfuß … Zum Glück haben Mlle Humbert und Mme Christol schöne Waden, die letztere sogar sehr schöne. … Man … kriecht unter das Moskitonetz, nachdem man ein halbes Dutzend schrecklicher Insekten … und eine grausig mächtige Spinne totgeschlagen hat.
Brief von Albert Schweitzer, zitiert in Mühlstein, S. 146
Das Verhältnis zu den Missionar:innen vor Ort ist herzlich und problemlos. Sie alle versuchen, den europäischen Lebensstil zu pflegen: Die Schweitzers haben Hauspersonal, ein Klavier und Silberbesteck.
Sie denken nicht rassistisch, sie wollen den Schwarzen vor Ort nicht ihre Kultur aufdrängen, an deren Lebensweise ohne Not nichts ändern. Die Kolonialisierung an sich stellen sie zwar nie infrage, aber ihnen ist es wichtig, wie mit den Menschen umgegangen wird. Anfangs versucht Helene Schweitzer sogar, die einheimischen Sprachen zu lernen, gibt aus Zeitgründen aber schnell wieder auf.
Die Arbeit im Urwald
Das Ehepaar hat rund um die Uhr zu tun: Trotz seiner Unerfahrenheit erweist Albert Schweitzer sich als guter Arzt, der auch schwere Fälle wie Lepra, Malaria, Herzkrankheiten usw. behandelt. Er muss viel operieren, auch in Fällen, die ihn und seine Assistentin Helene eigentlich überfordern. Die Verantwortung setzt ihnen zu, aber sie sind erfolgreich und werden von Dorf zu Dorf weiterempfohlen. Helene Schweitzer übernimmt die Pflege der Patient:innen, verabreicht Spritzen und bringt Bandagen an. Sie betreut Kleinkinder mit Ernährungsproblemen, und weil ihre Sprachkenntnisse besser sind als Alberts, dient sie oft auch als Dolmetscherin. Albert Schweitzer lehrt zudem junge einheimische Männer als Gehilfen an.
Endlich hat Helene Schweitzer das Gefühl, ihre Bestimmung gefunden zu haben. Die Depressionen und die Unsicherheit gehören der Vergangenheit an. Doch dann bricht der Erste Weltkrieg aus.
In Kriegsgefangenschaft
Als deutsche Staatsangehörige in einer französischen Kolonie werden die Schweitzers 1914 von den Behörden verhaftet und in Lambarene bzw. später einer anderen Station festgehalten. Der Ort ist von der Lage her ein natürliches Gefängnis: Sie können weder durch den Urwald noch über den Fluss fliehen. Es wird einsam, was sie gar nicht gewöhnt sind, die Kommunikation mit ihren Familien in Europa wird überwacht, und die Bewachung empfinden sie als Schikane. Die Behörden behandeln die Schweitzers deutlich schlechter als andere Missionar:innen, vermutlich weil Albert sich öffentlich kritisch und wenig patriotisch über den Krieg äußert, während Helene sich schriftlich sehr zurückhält.
Um selbst mit Lebensmitteln versorgt zu sein und auch das Spital noch versorgen zu können, müssen die Schweitzers Schulden bei der Mission aufnehmen. Langsam setzt ihnen auch das Klima zu. Die meisten europäischen Missionar:innen bleiben nur ein bis höchstens drei Jahre, weil der Aufenthalt in den Tropen für den Körper zu anstrengend ist. Doch es dauert noch bis September 1917, bis sie nach Frankreich überführt werden. In einem Gefangenenlager in Bordeaux müssen sie neun Tage in einer eisigen Zelle ausharren, was Helene Schweitzers ohnehin angeschlagener Gesundheit nicht gut tut. Beschweren wird sie sich allerdings nie. Später werden sie in die Pyrenäen verlegt, dann nach Südfrankreich, wo die Verhältnisse endlich etwas besser werden.
Zurück nach Europa
Im Juli 1918 werden Helene und Albert Schweitzer durch das Berner Zivilgefangenenaustauschabkommen freigelassen und eilen zurück nach Straßburg, wo Albert Assistenzart in einer dermatologischen Klinik und Vikar in seiner alten Gemeinde wird. Helene Schweitzer erhält 1920 einen französischen Pass.
Helenes Eltern Harry und Caroline Bresslau hingegen werden als Deutsche aus dem französischen Elsass vertrieben und müssen unter bösen Rufen der Beistehenden mit nichts als einem Koffer die Brücke nach Deutschland überqueren. Sie siedeln sich gedemütigt in Heidelberg an.
Mutterschaft
Im Jahr 1922 wird Tochter Rhena Fanny Suzanne geboren. Helene Schweitzer ist schon fast 40 und durchlebt mit den anderen Elsässer:innen schwere Zeiten des Hungers und den Auswirkungen der Grippeepidemie. Das mag dazu beitragen, dass ihre Tuberkulose erneut ausbricht. Es fällt ihr schwer, Ruhe zu halten, und ihr geschäftiges Leben und das junge Kind lassen es kaum zu. Doch sie muss behandelt werden und verbringt erneut Monate in einem Sanatorium.
Tuberkulose ist in dieser Zeit kaum heilbar und gilt auch wegen der großen Ansteckungsgefahr als stigmatisierend. Man spricht nicht darüber, und gerade die verschwiegene Helene Schweitzer nimmt nicht einmal das Wort in den Mund. Eine Nichte erinnert sich später, sie habe ihre Tante Helene nie umarmen dürfen, aber nicht verstanden, weshalb nicht.
Der berühmte, engagierte Arzt Albert Schweitzer ist in diesem Fall kein guter Ehemann: Er hält es nie lange am Krankenbett seiner geliebten Frau aus und will schon bald nach Lambarene zurückkehren. Helene steht ihm nicht im Weg – dieses Mal nicht und auch die vielen anderen Male, die er sie in ihrem Leben alleinlässt.
Monate und Jahre lang ist Helene Schweitzer nun eine alleinerziehende Hausfrau und damit genau das, was sie nie sein wollte. Wenn sie wieder einmal zur Behandlung ins Krankenhaus muss, wird Rhena bei Verwandten und später auch in einem Internat untergebracht.
Allein im Schwarzwald
Die Schweitzers bauen ein Haus im Schwarzwald: Königsfeld ist ein heilklimatischer Ort und somit gut für Helenes Lunge. Albert reist schon bald wieder nach Lambarene, und sie unterstützt ihn von Deutschland aus, sammelt Spenden für den Wiederaufbau des Spitals in Lambaréné. Er ist inzwischen so berühmt, dass Geld aus den USA genauso wie aus Japan kommt.
Helene Schweitzer will eigentlich keine öffentliche Rolle einnehmen und fragt sich manchmal, was wohl eine Elly Heuss-Knapp aus ihrer Rolle machen würde. Stattdessen kümmert sie sich lieber weiter um seine Manuskripte und die Korrespondenz.
Außerdem nimmt sie zwei siebzehnjährige Mädchen als Haushaltshilfen bei sich auf, und auch Elly Heuss-Knapps ehemaliges Kindermädchen Lotte Jürgens kommt bei ihr unter, nachdem Ellys Vater gestorben ist.
Doch Helene Schweitzer will unbedingt zurück nach Lambarene. 1926 besucht sie dafür extra noch einen Kurs in Tropenmedizin in Tübingen.
Erst 1929 geht es zurück nach Afrika, wo in der Zwischenzeit ein neues, größeres Spital gebaut worden ist. Doch sie ist schockiert, dass ganze Dörfer und Landstriche wegen einer Hungersnot und deer Grippeepidemie entvölkert sind. Trotzdem fühlt sie sich gleich wieder zu Hause und arbeitet mit. Wegen schwerer Fieberschübe muss sie den Aufenthalt im April 1930 beenden. Danach verbringt sie mehrere Monate in den Sanatorien von Dr. Max Gerson in Kassel und Berlin. Und irgendwann gilt ihre Tuberkulose tatsächlich als geheilt.
Abkehr von Deutschland
Wenn Albert Schweitzer nach Europa kommt, geht Helene mit ihm auf Vortragsreisen oder begleitet ihn bei seinen Orgelkonzerten. Zeit allein mit ihrem Mann hat sie kaum.
Als er wieder in Lambarene ist, entscheidet Helene sich bereits im September 1932, noch vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten, mit ihrer Tochter nach Lausanne in der Schweiz zu ziehen. Als Französin hätte sie trotz ihrer jüdischen Abstammung möglicherweise noch einige Zeit in Deutschland leben können, doch sie will unbedingt weg.
Die meisten Familienangehörigen und Freund:innen tun es ihr nach – nur ihre alte Mutter bleibt in einem Pflegeheim und lebt dort so „geschützt“, dass sie von den Nazis gewissermaßen übersehen wird und erst 1941 eines natürlichen Todes stirbt.
Helene und Albert Schweitzer machen 1938 eine achtwöchige Promotionstour durch die Vereinigten Staaten, um bei Kirchengemeinden und Missionsgesellschaften um Geld und Medikamente für ihr Spital zu bitten. Tatsächlich wird großzügig gespendet. Albert Schweitzer in persona sehen zu können, führt zu Begeisterungsstürmen.
1939 kehrt Helene Schweitzer für sechs Wochen nach Lambaréne zurück, wo sie sich gleich wieder in die Arbeit stürzt und sich um die Säuglinge kümmert. Dieses Mal ist auch ihre inzwischen siebzehnjährige Tochter Rhena dabei, die sich freut, endlich einmal das große Werk ihrer Eltern sehen zu können.
Noch ein Weltkrieg
Doch es zieht Rhena zurück ins Elsass, wo sie mit einem Orgelbauer verlobt ist. Nach der Hochzeit ziehen sie nach Paris, und nach dem Kriegsausbruch kommt Helene ihnen hinterher, um nicht von ihrer Tochter getrennt zu sein. (Die ihr übrigens in den kommenden Jahren drei Enkelkinder schenkt.)
Im Juni 1940 müssen sie schließlich aus Paris fliehen. Es ist ein langer Weg Richtung Süden mit schlechten Unterkünften und wenig zu essen und der ständigen Angst, dass die Deutschen schneller sind als sie. Von Südfrankreich aus tut Helene Schweitzer dann alles dafür, nach Lambarene reisen zu dürfen, was erst im August 1941 gelingt.
Sie ist glücklich, mit ihrem Mann vereint zu sein. Das Klima verträgt sie erst einmal ganz gut, und fast schämt sie sich für ihr sicheres Leben im Urwald, während in Europa, wo sie ihre Tochter und deren Familie zurückgelassen hat, der Krieg tobt.
Europa ist ihr fremd geworden
Erst nach dessen Ende kehrt sie 1946 bzw. 1947 nach Deutschland zurück, um Ordnung in ihr Haus in Königsfeld zu bringen. Doch Europa ist ihr fremd geworden. Die Ehrungen für Albert Schweitzer nehmen kein Ende, er wird als „größte Seele des Christentums“ und das „Universalgenie Westeuropas“ bezeichnet. Er erhält in den USA mehrere Ehrendoktorwürden und 1954 schließlich den Friedensnobelpreis. Tausende Menschen versammeln sich in Oslo vor dem Rathaus und ehren ihn mit einem stillen Fackelzug. Das Ehepaar Schweitzer ist gerührt von diesem Anblick.
Die Medien sind nicht nur wild nach Albert, sondern auch neugierig auf Helene, die Frau hinter dem erfolgreichen Mann. Doch sie will den Trubel nicht, fühlt sich – krumm und am Stock, wie sie inzwischen läuft – alt und unansehnlich und lehnt die allermeisten Interviewanfragen ab. Einem Reporter verrät sie jedoch, dass Lambarene immer ihr Zuhause war.
Dieses Zuhause besucht sie 1956/1957 ein letztes Mal und kehrt wieder einmal ohne Albert nach Europa zurück, wo sie am 1. Juni 1957 in Zürich stirbt.
Ihre Asche wird in Lambaréné beerdigt. In Nachrufen und einer ersten Biografie wird viel über ihre Schwäche und Opferbereitschaft geschrieben – ein willenloses Frauchen, das ihrem Mann aus Liebe in den Urwald folgt. Später jedoch wird anhand ihrer Briefe und anderer Dokumente klar, wie selbstbewusst und zielgerichtet sie ih rLeben gestaltet hat.
Für Helene und Albert Schweitzer bedeutete Unsterblichkeit, dass „unsere Gedanken in anderen leben – wenn wir aufgehört haben zu leben“ (zitiert in Mühlstein, S. 83).
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Quellen:
Verena Mühlstein: Helene Schweitzer Bresslau. Ein Leben für Lambarene. C. H. Beck 1998.
Patti M. Marxsen: Helene Schweitzer: A Life of her Own, Syracuse University Press 2015.
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Artwork und Musik: Uwe Sittig
Frauenleben-Hosts: Susanne Popp und Petra Hucke
Podcast-Website: Frauenleben-Podcast
Instagram: https://www.instagram.com/frauenleben.podcast/
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