Zauberin der Zahl

Die britische Mathematikerin Ada Lovelace hat zwar auch einen berühmten Vater – sie ist aber vor allem dadurch bekannt geworden, dass sie ein Computer-Programm schrieb, obwohl Computer noch gar nicht erfunden waren.


Eine zarte Dame mit rosaweißer Haut, spitzer Nase und spitzem Kinn, gekleidet in kostbar schimmernde Seide. Gleich einer Marmorbüste ragen Kopf, Hals und Schultern aus dem Dekolletee, das dennoch züchtig wirkt. Die Keulenärmel betonen die schmale Taille. Ein Kleid für einen offiziellen Anlass. Nicht einmal zum Tanzen scheint es recht zu taugen, die rote Schleppe würde dabei stören. Entstanden ist das Bild 1836, da war Ada seit einem Jahr verheiratet. Wohin ihr Blick wohl gerichtet ist? Vielleicht schaut sie hoffnungsvoll in Richtung Zukunft, nachdem sie durch die Hochzeit mit Baron William King, dem späteren Earl of Lovelace der Erziehungshölle ihrer Mutter Lady Annabelle Byron entkommen ist. 

Ada Lovelaces Persönlichkeit ist so schimmernd und schillernd wie das Kleid auf diesem Bild. Ihr Leben verlief tragisch. In eine privilegierte Stellung hineingeboren, war es ihr dennoch nicht vergönnt, ihre Gaben, Talente und ihre Fantasie zur Gänze zu nutzen und auszuleben. Vielmehr glänzen sie nur hier und da hervor, etwa als sie mit zwölf Jahren ein paar Flügel ersinnt, die in Verbindung mit einer Dampfmaschine den Menschen vom Boden abheben lassen sollen. Oder als sie jenen Aufsatz über die Difference Engine von Charles Babbage schreibt und publiziert, der sie im Nachhinein zu einer Berühmtheit macht. Posthum wohlgemerkt, denn damals hat kaum jemand ihre Vision verstanden. Zu ihren Lebzeiten überstrahlen ihre Biografie und ihr Lebenswandel ihr Werk. 

Einsame Tochter eines Popstars

Sie war die Tochter des großen englischen Dichters der Romantik Lord Byron. Die kurze Ehe der Eltern verlief ausgesprochen unglücklich. Mutter Anne Isabella (Annabella) trennt sich direkt nach Adas Geburt von ihrem Ehemann, den sie für geisteskrank hält, und lässt sich scheiden, was ihr aufgrund des nachweislich unmoralischen Lebenswandels ihres Ehemannes gestattet wird. Die Zeitgenossen verzeihen dem Dichtergenie. Byron wird trotz seiner Verfehlungen verehrt und gefeiert wie ein Popstar. Die kleine Ada bekommt davon nichts mit, die Mutter hält sie fern vom Vater, es darf nicht über ihn gesprochen werden, seine Werke haben Hausverbot und jede Beschäftigung, welche die Emotionen oder die Fantasie anregen könnte, ist dem Kind streng untersagt. Nachdem die dem Kind liebevoll zugewandte Großmutter gestorben ist, wird die inzwischen Siebenjährige nur noch von Gouvernanten und Hauslehrern erzogen. Die rastlose Mutter hält es nie lange zu Hause. Sie ist viel unterwegs, eine hoch gebildete, angesehene Dame der Gesellschaft, die sich mit der Gründung von Schulen für Unterprivilegierte hervortut. Für Ada ersinnt sie ein rigides Erziehungssystem. Unterrichtsstoffe sind Mathematik, Naturwissenschaften und moralische Fragen – Schöngeistiges bleibt außen vor. Auch allzu Kreatives ist nicht gewünscht, die Beschäftigung mit der erwähnten Flugmaschine wird dem Kind sehr bald verboten. Eine Liebelei mit dem Hauslehrer ein paar Jahre später wird entdeckt und streng bestraft. Ada wird sehr krank, überhaupt hat sie eine labile Gesundheit.

Eine Erfindung aus der Zukunft

Einigermaßen genesen, lernt sie bei einer Vorführung in London Charles Babbage kennen, vierundzwanzig Jahre älter als Ada. Er ist ein genialischer wenn auch mäßig erfolgreicher Erfinder, Tüftler und Ingenieur. Sein Eigensinn und seine Wankelmütigkeit hindern ihn immer wieder daran, sein Talent in bare Münze umzusetzen. Die Difference Engine, eine Rechenmaschine, die automatisierte Rechenoperationen durchführt, wie sie vor allem für die Berechnung von aufwendigen Tabellen benötigt werden, (Tabellen finden beispielsweise in der Schifffahrt oder im Versicherungswesen Verwendung), führt das ungleiche Paar zusammen. Ada ist fasziniert, die mechanischen Puppen im Nebenzimmer interessieren die Siebzehnjährige kein bisschen. Sie will verstehen, wie dieses mechanische Wunderding, bei dem es sich um ein Demonstrationsmodell der Rechenmaschine handelt, funktioniert, und sie will von dem Erfinder alles darüber erfahren. Ein reger Briefwechsel beginnt und eine Freundschaft zu beiderseitigem Nutzen entsteht. Adas Verstand bekommt Futter und Anregungen und Charles Babbage erhofft sich vom Kontakt in adlige Kreise eine Förderung seiner Arbeit. Er plant nämlich schon den nächsten Apparat, dessen Fähigkeiten diejenigen der Difference Engine weit übertreffen sollen: Die Analytical Engine, eine Maschine die mit Lochkarten gesteuert wird und mit der sich weit komplexere Berechnungen durchführen lassen.

Doch leider erweisen sich seine Pläne als undurchführbar. Die Analytical Engine sollte, so Babbages Plan, von einer Dampfmaschine angetrieben werden, aus 55‘000 Teilen bestehen, neunzehn Meter lang und drei Meter hoch sein. Eine solch komplexe und riesige Maschine, die ein Vorläufer eines Computers gewesen wäre, ließ sich nicht bauen. Die theoretischen Ausführungen dazu erweisen sich jedoch (auch im Nachhinein, also aus heutiger Sicht) als absolut korrekt, und Lady Ada Lovelace gehört zu den Zeitgenossen, die in der Lage sind, Babbages Erfindung zu begreifen. 

Sie übersetzt einen wissenschaftlichen Artikel zur Maschine aus dem Französischen ins Englische und fügt einen Anhang bei, dessen Umfang den ursprünglichen Aufsatz um das Dreifache übersteigt. Darin hält sie unter anderem Handlungsanweisungen für die Maschine zur Berechnung von Bernouillizahlen fest und schreibt somit das erste Programm. Außerdem betont sie die Universalität der Maschine, mit der sich nicht nur Berechnungen mit Zahlen durchführen ließen, sondern mit der man auch mit anderen Dingen operieren könnte, deren Relationen sich mit den Methoden der exakten Wissenschaft beschreiben ließen. Als Beispiel nennt sie Musikstücke von beliebiger Komplexität und Länge. Charles Babbage lässt sich das gerne gefallen, jede Publikation dient der dringend benötigten Publicity. Auch Adas Selbstbewusstsein stört ihn nicht, als sie ihm schreibt: «Ich denke nicht, dass Sie auch nur die Hälfte meiner Vorausahnung besitzen und meines Vermögens, alle möglichen Eventualitäten zu sehen.»

Die Arbeit an diesem Aufsatz, der schließlich anonym und nur mit ihrem Namenskürzel A.A.L. versehen, veröffentlicht wird, bietet Lady Ada Lovelace für ein paar Monate Beschäftigung und geistige Nahrung. Ihr Leben verändert sich dadurch nicht. Sie fängt danach kein ähnliches Projekt mehr an und publiziert auch nichts mehr. Stattdessen beginnt sich, sich mit Pferdewetten abzulenken, eine fatale Entscheidung, die sie viel Geld kostet und in Schulden stürzt. Sie lebt sich mit ihrem Ehemann auseinander, das Ehepaar wohnt fortan die meiste Zeit getrennt. Wieder macht ihr ihre labile Gesundheit zu schaffen. Gegen die Schmerzen nimmt sie Opium, gegen Schlaflosigkeit und Nervosität Laudanum, sie kombiniert beides aber auch mit Wein und Chloroform. Eine Drogenabhängigkeit ist die Folge. Dann wird bei ihr Gebärmutterkrebs diagnostiziert und eine lange Leidensphase beginnt. In ihren letzten Tagen ist ihre Mutter bei ihr, die ohne Unterlass an ihrem Bett wacht und die Gelegenheit nutzt, ihrer Tochter wieder einmal ins Gewissen zu reden. Alle möglichen Verfehlungen soll Ada eingestehen und den Allmächtigen dafür um Verzeihung bitten, darunter mindestens ein Seitensprung, für den sie auch ihren Ehemann und Vergebung bittet, sowie die Verpfändung des Familienschmucks. 

Lady Ada Lovelace stirbt im November 1852 kurz vor ihrem 37. Geburtstag und wird auf ihren Wunsch hin neben ihrem Vater Lord Byron bestattet.

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Quellen und Literaturhinweise:

Sybille Krämer (Hg.) Ada Lovelace. Die Pionierin der Computertechnik und ihre Nachfolgerinnen (Verlag Wilhelm Fink, 2015) 

Benjamin Woolley. Byrons Tochter, Ada Lovelace – Die Poetin der Mathematik, (Aufbau Taschenbuch, 2005)

Der Artikel von Ada Lovelace wurde veröffentlicht in Richard Taylor‘s Scientific Memoir, eine Zeitschrift, die kurz zuvor gegründet worden war, speziell um fremdsprachige Veröffentlichungen einem englischsprachigen Publikum in Übersetzung zur Verfügung zu stellen. Wer sich vertiefend damit befassen will kann hier weiterlesen: http://www.yorku.ca/christo/papers/Babbage-CogSci.htm

Der Autor des Ursprungsartikels, den Ada übersetzt hat, hieß Luigi Frederico Menabrea (1809-1896). Er erschien zuerst auf Französisch im Schweizer Journal  Bibliothèque Universelle de Genève

The Thrilling Adventures of Lovelace und Babbage – so lautet der Titel eines wunderbaren Comics, herrlich gezeichnet aber auch sehr informativ, da mit zahlreichen Literaturhinweisen und Quellenangaben versehen. Von Sydney Padua, Penguin Books, 2015

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