Ein Gastbeitrag von Juliane Stadler
Ida von Elsass war Erbin der strategisch bedeutenden Grafschaft Boulogne – und sie war ein Spielball einer rücksichtslosen Heiratspolitik. In dieser Folge erzählen wir von Entführung, Zwangsehen und dem erstaunlich begrenzten Handlungsspielraum einer Frau, deren Land für Könige und Grafen von größtem Interesse war.
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Frauen als Opfer rücksichtsloser Heiratspolitik
Auch wenn der erste König von Jerusalem aus Boulogne stammte, dürfte die kleine Grafschaft selbst Geschichtsinteressierten kaum ein Begriff sein – genau wie die dazugehörige Gräfin Ida. Das hängt in erster Linie damit zusammen, dass der unterhalb von Calais, an der Engstelle des Ärmelkanals gelegene Herrschaftsbereich bereits im Mittelalter Teil von Frankreich wurde (heute Dép. Pas-de-Calais) und damit als eigenständiges Gebiet aus der kollektiven Wahrnehmung verschwunden ist.

Allseits Begehrlichkeiten
Dabei war Boulogne im 12. und 13. Jahrhundert trotz seiner geringen Größe ein äußerst einflussreicher, strategisch und wirtschaftlich bedeutsamer Landstrich. Die Grafschaft verfügte mit Boulogne-sur-Mer über eine prosperierende Hauptstadt, die Grafensitz sowie Handels- und Fischereimetropole mit großem, sturmsicherem Hafen war und eine wichtige Verbindung zum Ärmelkanal und dem nur wenige Seemeilen entfernten England darstellte. Kein Wunder also, dass dieses kleine Stück Land allseits Begehrlichkeiten weckte – zumal man, um es zu bekommen, keinen männlichen Erben aus dem Weg räumen oder einen Krieg führen, sondern lediglich die Erbtochter zur Frau nehmen musste. Eine solche Erbtochter war Ida von Elsass. Doch die Geschichte beginnt mit ihrer Mutter, Maria von Blois.
Idas Mutter: Gewaltsam entführt und in die Ehe gezwungen
Ida wurde ca. 1160 als erstes Kind von Maria von Blois, der Erbin der Grafschaft Boulogne, und Matthäus von Elsass geboren.
Idas Mutter, eigentlich schon ihr ganzes Leben lang Nonne und zum damaligen Zeitpunkt Äbtissin in der Abtei Romsey/England, wurde nach dem überraschenden Tod ihres Bruders 1158 unvermittelt zur Alleinerbin von Boulogne. Das machte sie, unabhängig von ihrem Status als Nonne, schlagartig zum begehrten Heiratsobjekt. Noch im selben Jahr wurde sie von Matthäus von Elsass, dem Bruder des Grafen von Flandern, gewaltsam aus dem Kloster entführt und in die Ehe gezwungen.
Da Maria zum Zeitpunkt der Heirat bereits die geistliche Weihe empfangen hatte, versucht der englische Lordkanzler und Bischof Thomas Beckett – erfolglos – die Ehe zu annullieren. Erfolglos auch deswegen, weil der englische König Henry II. die Verbindung nicht nur billigte, sondern womöglich angebahnt hatte, um sich so die mächtige Familie des Grafen von Flandern, Philipp von Elsass, gewogen zu machen.
Erst zehn Jahre später wurde die Ehe schließlich durch Papst Alexander III. aufgelöst. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits zwei Kinder aus ihr hervorgegangen, Ida und ihre jüngere Schwester Mathilde. Beide wurden kirchlich legitimiert. Ihre Mutter zog sich ins Kloster zurück, der Entführer Matthäus durfte die Grafschaf Boulogne behalten und über sie herrschen.
Frauen bedürfen angeblich stets der Führung männlicher Verwandter
Nach dem Tod ihres Vaters 1173 wurden Ida und ihre jüngere Schwester der Vormundschaft ihres Onkels Philipp unterstellt. Landläufig bestand schließlich die Ansicht, dass Frauen von Gefühlen und Trieben geleitet würden, daher nicht in der Lage wären, rational zu handeln und deswegen stets der Führung männlicher Verwandter bedürften.
Der kinderlose Graf Philipp plante, die Nichten zur Vergrößerung und Sicherung des eigenen Einflussgebietes einzusetzen. So verheiratete er die jüngere Mathilde mit dem Erben des benachbarten Herzogtums Brabant, während er Ida 1181 Gerhard, dem Erben der Grafschaft Geldern, zur Frau gab. Letzterer verstarb jedoch noch im selben Jahr. Auch ihre nächste Ehe, vermutlich mit dem 30 Jahre älteren Berthold von Zähringen, endete nach nur wenigen Jahren 1183 kinderlos mit dem Tod Bertholds.
Daraufhin verlobte sich Ida, womöglich auf eigenes Betreiben, mit Arnould, dem Erben der in unmittelbarer Nachbarschaft von Boulogne gelegenen Grafschaft Guînes. Das Urteil von Lambert d‘Ardres, dem Verfasser der Chronik Historia Comitum Ghisnensium (Geschichte der Grafen von Guînes) fiel um 1200, wie so oft, wenn Frauen wagten, eigene Entscheidungen zu treffen, harsch aus. Er unterstellte Ida wahlweise Wollust oder Tücke, während er Arnould als Opfer oder klugen Strategen inszenierte:
… so ohne Mann zurückgeblieben, gab sich [Ida] weltlichen Genüssen und körperlichen Freuden hin. Sie verliebte sich leidenschaftlich in Arnold II. von Guînes und setzte alles daran, ihn zu verführen – oder vielmehr heuchelte sie dieses Gefühl mit der für Frauen typischen Wankelmütigkeit und Tücke vor. Boten und geheime Zeichen wechselten zwischen ihnen hin und her als Beweise einer gewissen Liebe. Arnold liebte sie entweder tatsächlich oder gab dies – mit männlicher Weitsicht und Klugheit – nur vor; denn er strebte nach dem Land und der Würde der Grafschaft Boulogne, sobald es ihm gelänge, die Gunst der Gräfin durch – ob nun geheuchelte oder echte – Liebe zu gewinnen.
Wie der Mutter, so der Tochter
So oder so, zu einer Hochzeit zwischen den beiden kam es nicht, denn 1191 ereilte Ida dasselbe Schicksal wie schon ihre Mutter: Sie wird auf Betreiben des französischen Königs Philippe II. von dessen Jugendfreund Renaud de Dammartin entführt und in die Ehe gezwungen. Renaud musste sich dafür zunächst seiner Bis-dato-Ehefrau Marie von Châtillon durch Scheidung entledigen, was für einigen Unmut sorgte. Doch König Philipp legitimierte die neue Ehe mit Ida und machte sie dadurch unanfechtbar. Renaud wurde de iure uxoris, aus dem Recht seiner Frau, zum Grafen und Herrscher von Boulogne. Der französische König versprach sich auf diese Weise Zugang zur Küste und zum Ärmelkanal, denn zu diesem Zeitpunkt befanden sich Normandie und Bretagne noch in der Hand des verfeindeten angevinischen Fürstenhauses.
… so der Enkeltochter
Auch Idas einziges, der Ehe mit Renaud entsprungenes Kind, ihre Tochter Mathilde, ist mehr als zwanzig Jahre später Mittel zum Zweck, um Boulogne in neue Hände zu bringen. Diesmal ist es der französische König selbst, der seinen Zweitgeborenen Philippe Hurepel mit der Erbin der Grafschaft verlobt und nach dem Tod des alten Grafen mit dieser verheiratet. Auf diese Weise wird Boulogne schließlich Teil der französischen Einflusssphäre.
Ida verstirbt 1216 nur wenige Monate nach der Hochzeit ihrer Tochter im Alter von 56 Jahren.
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Wir danken Juliane für das spannende Gespräch!

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Artwort und Musik sind von Uwe Sittig.
Das Autorinnenfoto ist von Steffen Beck.