Gertrud Woker war eine Frau, die sich weder in der Wissenschaft noch in der Politik mit den ihr zugedachten Grenzen abfand. Als erste Schweizerin mit einer Promotion in Chemie, frühe Biochemikerin, Frauenrechtlerin und entschiedene Pazifistin warnte sie schon vor hundert Jahren vor den Folgen chemischer und später atomarer Kriegsführung.

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Eine junge Frau gegen enge Rollenbilder

Gertrud Johanna Woker wurde am 16. Dezember 1878 in Bern geboren. Sie wuchs in einer akademisch und politisch gut vernetzten Familie auf: Ihr Vater Philipp Woker war Professor für Kirchengeschichte, ihre Mutter Johanna engagierte sich für Frauenrechte. Dennoch sollte auch Gertrud zunächst nicht den Bildungsweg einschlagen dürfen, der ihren Fähigkeiten entsprach.

Woker rebellierte früh gegen die unterschiedliche Behandlung von Mädchen und Jungen. Heimlich bereitete sie sich nachts auf die Matura vor und bestand sie schliesslich mit Bestnote. Anschliessend studierte sie an der Universität Bern Chemie, Physik und Botanik – ein ungewöhnlicher Weg für eine Frau um 1900.

Gertrud Woker circa 1911

„Von frühester Kindheit an hatte mich nichts so sehr gekränkt, wie die Zurücksetzung meines Geschlechts.“
— Gertrud Woker

1903 promovierte sie mit summa cum laude und wurde damit die erste Schweizerin mit einem Doktortitel im Fach Chemie. Wenige Jahre später erhielt sie als erste Frau im deutschsprachigen Raum die Lehrbefugnis als Privatdozentin für Chemie.

Eine Wegbereiterin der Biochemie

Gertrud Woker interessierte sich besonders für die chemischen Vorgänge des Lebens: für Atmung, Stoffwechsel, Krankheiten und die Wirkung von Substanzen auf lebende Organismen. Für dieses Forschungsfeld verwendete sie den Begriff „physikalisch-chemische Biologie“ – heute würde man von Biochemie sprechen.

Sie arbeitete über Katalyse und veröffentlichte zwischen 1910 und 1931 ein mehrbändiges Werk, das international beachtet wurde. Ab 1911 leitete sie an der Universität Bern ein Laboratorium für physikalisch-chemische Biologie; 1933 wurde sie, spät und unter deutlich schlechteren Bedingungen als ihre männlichen Kollegen, zur außerordentlichen Professorin ernannt.

Ihre wissenschaftliche Weitsicht zeigte sich auch in einem anderen Bereich: Schon 1917 warnte sie vor der Giftigkeit bleihaltigen Benzins und schlug bleifreie Alternativen vor – Jahrzehnte bevor verbleiter Treibstoff in der Schweiz und Europa verboten wurde.

Frauenrechte und Frieden

Für Gertrud Woker gehörten Wissenschaft, Frauenrechte und Frieden zusammen. Während eines Studienaufenthalts in Berlin kam sie mit der radikalen Frauenstimmrechtsbewegung in Kontakt und engagierte sich fortan für politische Gleichberechtigung, gleiche Löhne, Mutterschutz und bessere Unterstützung für berufstätige Frauen.

Der Erste Weltkrieg gab ihrem politischen Engagement eine neue Richtung. Woker erkannte früh, dass der moderne Krieg Wissenschaft, Industrie und Militär auf gefährliche Weise miteinander verband. Sie schloss sich der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit an und organisierte 1918 in Bern eine internationale Konferenz für Völkerverständigung.

In der Schweiz war Frauen bis 1971 das Stimm- und Wahlrecht auf Bundesebene verwehrt. Für Woker war diese politische Ausschließung besonders schwerwiegend: Wer über Krieg und Frieden mitentscheiden wolle, müsse auch politisch mitbestimmen dürfen.

Gegen den Giftgaskrieg

Der Einsatz von Chlorgas bei Ypern im April 1915 machte sichtbar, welche Dimensionen der industrialisierte Krieg annehmen konnte. Chemische Kampfstoffe wurden im Ersten Weltkrieg in grossem Umfang eingesetzt. Woker verstand sie als Warnung davor, was geschieht, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse ohne ethische Verantwortung genutzt werden.

1925 veröffentlichte sie ihr Buch Der kommende Giftgaskrieg. Darin erklärte sie die Wirkung chemischer Waffen und warnte davor, dass künftige Kriege zunehmend auch die Zivilbevölkerung treffen würden. Eine erweiterte Fassung erschien 1932 unter dem Titel Der kommende Gift- und Brandkrieg und seine Auswirkungen gegenüber der Zivilbevölkerung.

„Der Militarismus hat die Menschen zu Sklaven erniedrigt, für die er die teuflischsten Torturen ersonnen hat. Wir verlangen Befreiung von dieser Sklaverei für alle Zeit.“
— Gertrud Woker

Gertrud Woker widersprach ausdrücklich der damals verbreiteten Behauptung, Giftgas sei eine „humanere“ Waffe. Das Genfer Protokoll von 1925 verbot zwar den Einsatz chemischer Waffen im Krieg, nicht jedoch ihre Forschung, Herstellung oder Lagerung. Gerade diese Lücke kritisierte Woker scharf.

Unbequem in Bern

Ihre Haltung machte sie angreifbar. An der Universität Bern wurde Wokers Arbeit lange gering geschätzt; ihr Labor blieb schlecht ausgestattet, ihre Bezahlung unzureichend. Ihre pazifistischen Schriften stießen zudem bei militärnahen Kreisen und Teilen der chemischen Fachwelt auf Widerstand.

Auch im Nationalsozialismus blieb sie eine Gegnerin von Aufrüstung und Krieg. Ihre Schriften wurden in Deutschland verbrannt. Nach 1945 wandte sie sich gegen atomare Waffen, gegen Kernwaffentests und gegen den Einsatz von Chemikalien im Vietnamkrieg. Noch 1962 schrieb sie im Namen der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit an US-Präsident John F. Kennedy und forderte ein sofortiges Ende atomarer Testexplosionen.

Gertrud-Woker-Straße Düsseldorf
Späte Würdigung: Die Gertrud Woker Straße in Düsseldorf …
Hertrieb Woker Straße Bern
… und die Gertrud-Woker-Straße in Bern

Eine Wissenschaftlerin mit Verantwortung

Gertrud Woker starb 1968, im selben Jahr, in dem die Universität Bern den ersten Lehrstuhl für Biochemie einrichtete – jenes Fachgebiet, an dessen Entwicklung sie selbst maßgeblich beteiligt gewesen war. Heute erinnern unter anderem eine Gertrud-Woker-Strasse in Bern und ihr Nachlass im Gosteli-Archiv an ihr Leben und Werk.

Ihre Geschichte stellt eine Frage, die bis heute aktuell ist: Welche Verantwortung tragen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wenn ihre Forschung missbraucht werden kann? Gertrud Woker gab darauf eine klare Antwort. Sie nutzte ihr Wissen nicht nur, um die Welt zu verstehen, sondern auch, um vor den Folgen ihrer Zerstörung zu warnen.

Führende Frauen Europas 1928

Quellen für diese Folge und Leseempfehlungen

Gedruckte Quellen
Gerit von Leitner: Wollen wir unsere Hände in Unschuld waschen. Gertrud Woker (1878-1968) Chemikerin – Internationale Frauenliga 1915-1968 Weidler Buch-Verlag 1998 

Führende Frauen Europas in sechzehn Selbstschilderungen. Hrsg. von Elga Kern. München, 1928. Seite 138 ff

Majken Nina Larsen: Der Kampf der Frauen gegen die Hölle von Gift und Feuer: Die IFFF, Gertrud Woker und die Giftgasdiskussion in der Schweiz der Zwischenkriegszeit. Lizentiatsarbeit Univ. Zürich, 1995

Audio

SRF Kontext – (1994) – Gertrud Woker – eine totgeschwiegene Berner Naturwissenschaftlerin
https://www.srf.ch/audio/kontext/gertrud-woker-eine-totgeschwiegene-berner?id=20b0d01d-d83b-4f1d-83fc-3a8a5ec768a2

Gertrud Woker: vergessene erste Biochemikerin – Audio & Podcasts https://www.srf.ch/audio/srf-wissen/gertrud-woker-vergessene-erste-biochemikerin?id=1dc826b1-3fef-4393-a4dc-45b6c8cb764e

Bianca Walther – Frauen von damals – Episode 20: Frauen für den Frieden über den Friedenskongress in Den Haag von 1915

SRF-Beitrag: Kein Frieden ohne Frauen – Clara Ragaz’ feministischer Pazifismus

Online

Blog des Landesmuseum: »Gas-Trudi» und das Gewissen der Wissenschaft https://blog.nationalmuseum.ch/2026/06/gas-trudi-und-das-gewissen-der-wissenschaft/

Simone Meier: Das Berner Chemie-Genie Gertrud wollte die Welt vor Giftgas- und Atomkriegen retten
https://www.watson.ch/wissen/schweiz/766564751-gertrud-woker-wollte-die-welt-vor-giftgas-und-atomkriegen-retten?utm_source=perplexity

Jessica Wehner (18. April 2022). “Im Namen der Menschheit” und “Im Namen der Würde der Wissenschaft” – Die Chemikerin Gertrud Woker als Akteurin zwischen Wissenschaft und Aktivismus in der Giftgasdebatte der Zwischenkriegsjahre. https://doi.org/10.58079/sbyn

Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh): Biografie Gertrud Woker  https://www.gdch.de/chemie-entdecken/biografien-von-chemikerinnen/biografie-gertrud-woker

Universität Bern: Gertrud Woker – Die Karriere dem Kampf für Frieden geopfert https://www.unibe.ch/universitaet/portraet/wissenschaftlerinnen_der_uni_bern/gertrud_woker/index_ger.html

Der kommende Gift- und Brandkrieg und seine Auswirkungen https://de.wikipedia.org/wiki/Der_kommende_Gift-_und_Brandkrieg_und_seine_Auswirkungen_gegen%C3%BCber_der_Zivilbev%C3%B6lkerung

Universität Osnabrück: Die Chemikerin Gertrud Woker als Akteurin zwischen Wissenschaft und Aktivistmus in der Giftgasdebatte der Zwischenkriegsjahre https://nghm.hypotheses.org/4785

Über den Dokumentarfilm: Die Pazifistin

Beitrag auf SRF https://www.srf.ch/kultur/film-serien/dokfilm-die-pazifistin-wie-gertrud-woker-gegen-alle-widerstaende-zur-heldin-wurde

Eine feministische Chemikerin kämpf für den Frieden https://www.etue.ch/eine-feministische-chemikerin-kaempf-fuer-den-frieden/

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Artwort und Musik sind von Uwe Sittig.