Etwa 40 Jahre dauerte es, bis die bahnbrechenden medizinischen Erkenntnisse von Rita Levi-Montalcini endlich mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet wurden: Der von ihr so genannte Nervenwachstumsfaktor (NGF) sollte helfen, Parkinson-Kranke zu heilen.

Rita Levi-Montalcini wird am 22. April 1909 – gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Paola – in eine wohlhabende sephardische Familie geboren. Die Naturwissenschaften scheinen ihr in die Wiege gelegt: Schon ihr Vater ist Ingenieur und Mathematiker.
Ihre Berufswahl
Als ihr geliebtes Kindermädchen schwer an Krebs erkrankt, entscheidet die 19-Jährige sich, Medizin zu studieren. Sie besucht die Universität in ihrer Heimatstadt Turin und beschäftigt sich nach ihrem Studium ab 1936 mit neurologischer Grundlagenforschung.
Ihre Flucht
Da sie als Jüdin wegen des „Rassenmanifests“ in Italien nicht mehr akademisch arbeiten darf, zieht sie nach Brüssel und arbeitet dort an einem Institut für Neurobiologie. Kurz vor der deutschen Invasion flieht sie und kehrt nach Italien zurück, wo sie bei der antifaschistischen Partito d’Azione „an vorderster Front“ mitwirken möchte. Doch das, wie sie später einer Journalistin berichtet, „hätte unweigerlich den Tod unserer Mutter bedeutet. So mußte ich mich damit begnügen, gefälschte Papiere und Dokumente anzufertigen“ (zit. in Muhm).
Stattdessen taucht sie in Florenz unter und richtet sich in ihrem Schlafzimmer ein simples Heimlabor ein. Inspiriert von einem Artikel des Embryologen Viktor Hamburger experimentiert sie mit Hühnereiern und den Nervenzellen der Embryonen.
Ihre Entdeckung
Denn sie will endlich die Bestätigung dafür, dass es „Substanzen gibt, die das Wachstum der Nervenfasern fördern“ (Muhm). Und sie findet diese Substanzen, die sie Nervenwachstumsfaktor oder Nerve Growth Factor (NGF) nennt.
Der NGF ist ein Protein und steuert das Überleben, das Wachstum und die Differenzierung bestimmter Nervenzellen, insbesondere während der Entwicklung des Nervensystems. Er wirkt als Botenstoff, der Programme aktiviert, die wiederum die Zellen vor dem Absterben schützen und ihr Wachstum fördern. Auch im erwachsenen Organismus spielt NGF eine Rolle bei der dynamischen Erhaltung und Reparatur von Nervenzellen, etwa nach Verletzungen oder bei degenerativen Prozessen.
Es dauerte eine Weile, bis die Forschungsgemeinde ihre Ergebnisse und deren Bedeutsamkeit anerkannte. Doch dann schienen sie plötzlich besonders für die Heilung von Parkinson interessant, da bei dieser Krankheit bestimmte Nervenzellen im Gehirn verloren gehen. Allerdings hat sich inzwischen gezeigt, dass der NGF nur begrenzt in die relevanten Hirnregionen gelangt.
Dennoch diente Rita Levi-Montalcinis Forschung als Grundlage für die Entwicklung verwandter neurotropher Therapien. Den Begriff „Neurotrophin“ prägte übrigens auch sie in Zusammenarbeit mit einem Kollegen.
Ihre Karriere
Nach Kriegsende geht sie als Ärztin in ein Flüchtlingslager. Sie forscht an der Washington University in St. Louis, wo sie Hamburger persönlich kennenlernt, und leitet von 1969 bis 1979 in Rom das Laboratorium für Zellbiologie des Nationalen Forschungsrats. Dabei konzentriert sie sich weiterhin auf die zelluläre Nachrichtenübertragung und Steuerungsmechanismen des Zell- und Gewebewachstums.
Es dauert also noch bis 1986, dass sie gemeinsam mit Stanley Cohen den Nobelpreis für Medizin und den Albert Lasker Award for Basic Medical Research erhält. Ausschlaggebend für die späte Anerkennung, so sagte Rita Levi-Montalcini, „war sicherlich die heute durch die moderne Gentechnik ermöglichte Synthetisierung des NGF, denn erst damit ist die Voraussetzung gegeben worden, diese Wachstumsfaktoren Labor- und später klinischen Tests zu unterziehen, um ihre biologische Wirksamkeit in der Therapie bestimmter Krankheiten zu prüfen“ (zit. in Muhm).
Ihre Ehrungen
Sie wird Mitglied der römischen Accademia Nazionale dei Lincei und 1974 von Papst Paul VI. als erste Frau überhaupt in die Päpstliche Akademie der Wissenschaften berufen – und zwar als Atheistin. Im August 2001 wird sie, die eigentlich nie etwas mit Politik zu tun haben wollte, zur Senatorin auf Lebenszeit ernannt. Ihre Landsleute verehren ihre stets elegante, hellwache professoressa.
Sie engagiert sich sozial, fördert Studentinnen in den Naturwissenschaften und gründet mit ihrer Zwillingsschwester die Levi-Montalcini-Stiftung, um Frauen in Afrika zu unterstützen. Zudem schreibt sie Bücher über gutes Altern:
Das Gehirn geht nicht in Rente, solange wir es benutzen.
Rita Levi-Montalcini
Rita Levi-Montalcini stirbt am 30. Dezember 2012 in Rom – im Alter von 103 Jahren. Sie wird dem Grab ihrer Zwillingsschwester Paola in Turin beigesetzt. Das Europäische Hirnforschungsinstitut in Rom trägt heute ihren Namen.
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Quellen (Stand 3.6.2026):
Berlin Institute of Health @ Charité
WDR Zeitzeichen vom 22.4.2024
Rita Levi-Montalcini auf Wikipedia
Myriam Muhm: Vage Hoffnung für Parkinson-Kranke, SZ vom 22. Dezember 1986
Moses Chao, Antonino Cattaneo und William Mobley: Rita Levi-Montalcini: The Story of an Uncommon Intellect and Sprit, Neuroscience 252 (2013) S. 431–437