Technisch begabt, politisch umstritten

Januar 20, 2026

Pilar Careaga Basabe war die erste Frau in Spanien mit einem Abschluss in Ingenieurswissenschaften und spielte danach zur Zeit des Franco-Regimes eine umstrittene Rolle in der Lokalpolitik des Baskenlands.

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Geboren wurde Maria del Pilar Careaga Basabe am 26. Oktober 1908 in Madrid. Ihre Familie stammte aus dem baskischen Adel. Sie hatte drei Geschwister – Pedro, Concepción und María Begoña. Pilars unvermeidliches Schicksal: eine Ehe, Kinder, gesellschaftliche Verpflichtungen.

Doch genau das geschah nicht. Sie ging erst in der Schweiz zur Schule und lernte Deutsch, Französisch und Englisch, doch ihre wahre Begabung waren Mathematik und Technik. So durfte sie schließlich die Escuela de Ingenieros Industriales (heute Teil der Universidad Politécnica de Madrid) besuchen, wo sie sich von männlichen Mitstudenten und Professoren skeptisch beobachten lassen musste.

Praktikum auf der Dampflok

In ihrem letzten Studienjahr spezialisierte sie sich auf Eisenbahntechnik und steuerte für den praktischen Pflichtteil als erste Frau eine Dampflok. Die Presse berichtete, ein Fotograf war vor Ort und begleitete die Zwanzigjährige mitsamt einem Reporter der frauenfreundlichen Wochenzeitschrift Estampa von Madrid nach Bilbao. Etwa sechs Stunden dauerte eine Strecke, und sie erzählte nachher, die Arbeit sei nicht besonders anstrengend und die Steuerhebel ließen sich gut handhaben. Nur die Kälte und der Kohlenstaub seien schwierig.

Der „Pilar-Jahrgang“

Im Jahr 1929 erwarb sie nach sechs Jahren Regelstudienzeit ihr Ingenieursdiplom. Der ganze Jahrgang wurde nach ihr als „Pilar-Jahrgang“ bezeichnet. Danach arbeitete sie zunächst in verschiedenen Industriebetrieben. Sie publizierte und hielt Vorträge zum Thema industrielle Modernisierung.

Sie ging gern segeln und besaß ein Boot namens Zortzi.

Politisch rechts

Ihre politischen Aktivitäten müssen mehr als kritisch gesehen werden: Spanien war um diese Zeit von großen Spannungen zwischen linken und rechten Kräften geprägt. Careaga, die ja aus einem traditionellen, katholischen, konservativen Umfeld stammte, engagierte sich in der faschistischen Bewegung Falange und in den Frauenorganisationen der Franco-Diktatur.

Bei den Wahlen 1933 wurde sie neben sechs weiteren Frauen zur Abgeordneten gewählt und setzte sich für eine stärkere Rolle der Frau in der Gesellschaft ein. Im Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) wurde sie mehrere Monate lang von republikanischen Milizen festgehalten. Nach ihrer Freilassung wurde sie in Madrid Delegierte für die Front- und Krankenhausfürsorge der legalen Franco-Partei FET de las JONS. Im Jahr 1943 heiratete sie den Ingenieur Enrique Lequerica Erquicia (1892–1987), den Bruder des damaligen Bürgermeisters von Bilbao.

Parlamentarierin Careaga

Nach dem Krieg wurde sie von den franquistischen Behörden ausgezeichnet und begann im Baskenland ihre eigentliche politische Karriere: 1964 wurde sie zur Beraterin des Provinzialrats der Movimiento Nacional ernannt und war von 1964 bis 1969 die erste Provinzabgeordnete. Sie wurde Vizepräsidentin der Junta de Protección de Menores (Jugendamt) und der Provinzialen Fürsorgekommission. 1970 wurde sie als eine von wenigen Frauen ins franquistische Parlament gewählt.

Bürgermeisterin Careaga

Im Jahr 1975, kurz vor Francos Tod, wurde Pilar Careaga vom Innenminister zur alcalde, zur Bürgermeisterin von Bilbao ernannt – die erste Frau, die dieses Amt bekleidete, und eine von wenigen weiblichen Bürgermeisterinnen Spaniens überhaupt. Es gab noch zwei weitere Frauen, die dieses Amt in Städten mit über 10.000 Einwohner:innen übernommen hatten. Ansonsten standen Frauen eher kleinen Städten vor. Fast ein Drittel davon waren vorher Hausfrauen gewesen, gefolgt von Lehrerinnen, Apothekerinnen, Krankenschwestern und Sozialarbeiterinnen. Ein Großteil dieser Frauen war alleinstehend.

Pilar Careagas Amtszeit fiel in eine politisch aufgeladene Phase. Das Baskenland befand sich im sozialen und politischen Umbruch. Eine wirtschaftliche Krise prägten diese Jahre genauso wie die Gewalt der linken Terrororganisation ETA. Careaga blieb wegen ihrer Nähe zum Franco-Regime und ihrer ultrarechten Haltung stets in Konflikt mit den oppositionellen Gruppen.

Während ihrer recht kurzen Zeit als Bürgermeisterin widmete sie sich der Stadtentwicklung und der Infrastruktur für die über 400.000 Einwohner:innen: Sie kümmerte sich um die Finanzierung neuer Zufahrten (sprich: Brücken) nach Bilbao, um die Wasserversorgung und um eine bessere Schul- und Universitätsbildung. Ihre Mittel und Möglichkeiten waren allerdings begrenzt, und ein neuer Flughafen ließ sich z. B. noch nicht umsetzen. Eine richtige Modernisierung Bilbaos – neuer Hafen, Metro, das Guggenheim-Museum Bilbao – erfolgte erst in späteren Jahrzehnten.

Außerdem sorgte sie dafür, dass Frauen bei der städtischen Polizei arbeiten durften: 1974 wurden die ersten weiblichen Hilfskräfte eingestellt.

1975 später trat sie nach heftigen politischen Auseinandersetzungen und kritischen Medienberichten als Bürgermeisterin zurück. Sie blieb ihrer Ausrichtung treu, unterstützte rechtsextreme Organisationen und war an der Gründung der rechtsextremen Partei Fuerza Nueva beteiligt.

Das Attentat

Am 29. April 1980 war Pilar Careaga in ihrem Seat 127 auf dem Weg zur Kirche, als sie bei einem Attentat der ETA schwer verletzt wurde. Eine Kugel traf sie in die Lunge – sie wurde erfolgreich operiert, zog sich jedoch vollständig aus dem öffentlichen Leben zurück und litt bis zu ihrem Tod am 10. Juni 1993 unter den Verletzungen und den psychischen Folgen des Attentats.

Pilar Careaga Basabe war somit nicht nur die erste Frau, die das Bürgermeisteramt von Bilbao innehatte, sondern auch die erste Frau, die von der ETA getötet werden sollte.

Sie war eine komplexe Figur: Politisch war sie mit ihrer rechten Ausrichtung alles andere als ein Vorbild. Was ihre Hartnäckigkeit anging, sich in den männerdominierten Bereichen der Technik und der Politik durchzusetzen, jedoch vielleicht schon.

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Quellen:
Pilar Careaga y Basabé – Historia Hispánica
Gloria Nielfa Cristobál, Rosario Ruiz Franco, Marta del Moral Vargas: „Rule by women: the incorporation of women into Spanish local government (1924–1975)“, Women’s History Review 2021, Vol. 30, No. 3, S. 465–482.

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