Die Wupperfrauen

Februar 11, 2026

Die Wupperfrauen machen Biografien von Frauen sichtbar, die in der Stadtgeschichte übersehen oder vergessen wurden, und verorten sie online auf einem interaktiven Stadtplan. Auf der Website finden wir Biografien historischer und zeitgenössischer Wuppertalerinnen aus Kunst, Kultur, Politik, Sport, Forschung und Religion sowie Informationen zu aktuellen Projekten und Veranstaltungen.

Wir durften der Wupperfrau Dr. Dagmar Hertle ein paar Fragen zu diesem Projekt stellen.

Verein Wupperfrauen e.V. (Quelle: wupperfrauen.de/ueber-uns)

Liebe Dagmar, euer Projekt „Wupperfrauen“ zielt darauf ab, Frauen in der Stadt sichtbarer zu machen – was bedeutet das für euch konkret?

Anlass und Aufhänger für das Projekt „Wupperfrauen“ war die Tatsache, dass in Wuppertal nur wenige Straßen nach Frauen benannt sind. Eine eigene Analyse von 2164 Straßen, Plätzen und Treppen ergab, dass 22 % nach bekannten Männern, aber nur knapp 1 % nach bekannten Frauen benannt sind. Das ist ja nun ein echter Mangel an Gleichstellung und entspricht auch nicht den Vorgaben der Satzung der Stadt Wuppertal für die Benennung von Straßen, Wegen und Plätzen, in der festgelegt wurde, dass auf ein „ausgewogenes Verhältnis zwischen Frauen und Männern“ zu achten sei. Wir wollten diesen Missstand öffentlich machen und zeigen, wie viele z. T. überregional bekannte und interessante Frauen es in unserer Stadt gab und gibt. Und natürlich soll das Projekt Vorbilder zeigen.

Denn es ist uns wichtig – auch angesichts der aktuellen Rückschritte –, dass sichtbar wird, was Frauen alles erlebt, geleistet und erreicht haben, aber auch was ihnen im Leben alles widerfahren kann und wo und wie sie ausgebremst wurden.

Das Projekt „Wupperfrauen“ ist also vor allem auch ein Gleichstellungs- und Sensibilisierungsprojekt. Wir stellen auch aktuelle Bezüge her, dies zuletzt z. B. in einer Veranstaltung zur Ratifizierung der UN-Frauenrechtskonvention durch Deutschland vor 40 Jahren, ein Ereignis, das praktisch gar nicht von der Öffentlichkeit wahrgenommen bzw. medial kommuniziert wurde. Wir mussten feststellen, dass viele Menschen gar nicht wissen, dass es eine UN-Frauenrechtskonvention gibt und schon gar nicht, was darin steht und wie lange Frauen, auch Wuppertalerinnen, schon für Gleichstellung kämpfen.

Der virtuelle Frauenstadtplan bringt viele, ganz unterschiedliche Biografien zusammen. Wie wählt ihr aus, wer aufgenommen wird?

Wir haben uns Auswahlkriterien gegeben, die die internationale, die deutschlandweite, aber auch die regionale und lokale Bedeutung betreffen. Diese Bedeutung kann politisch, kulturell, sozial, wissenschaftlich, unternehmerisch usw. sein. Dabei geht es nicht ausschließlich um „Leistung“, sondern wir beziehen auch Persönlichkeiten ein, die gesellschaftlich relevant sind, weil sie z. B. gegen den Nationalsozialismus Widerstand geleistet haben, sowie Frauen, die bisher keine eigene Stimme hatten, wie Opfer von Rassismus, Antisemitismus oder Kolonialismus. Wir möchten nicht nur die ohnehin schon sehr bekannten Frauen wie Pina Bausch oder Else Lasker-Schüler vorstellen, sondern auch Frauen, die sich vor Ort engagiert haben, z. B. in der Armutsbekämpfung (Johanna Faust, geb. 1825), in der Lokalpolitik und Mädchenbildung (Thekla Landé, geb.1864) oder als Künstlerinnen (Ulle Hees, geb. 1941).

Gab es Biografien oder Geschichten, die euch besonders überrascht, berührt oder auch irritiert haben? Welche und warum?

Mich berühren eigentlich alle Geschichten der von uns dargestellten Frauen. Sehr besonders ist die Lebensgeschichte von Regina Bruce, einer schwarzen Frau, die 1900 im Rahmen einer Völkerschau im Eden-Theater Elberfeld geboren wurde, in Deutschland aufwuchs und später Leiterin des Roten Kreuzes in Togo (dem Heimatland ihrer Eltern) wurde, oder die jüdische Wirtschaftswissenschaftlerin Cläre Tisch, eine der ersten in diesem Fach promovierten Frauen mit großartigen Karriereaussichten, sie wurde deportiert und 1941 in der Nähe von Minsk umgebracht. Als sie nicht mehr arbeiten durfte, war sie sehr engagiert in der zentralen Adoptionsstelle für Jüdische Waisenkinder, die damals in Wuppertal war. Von dort wurden viele jüdische Kinder während der Nazi-Zeit ins Ausland verbracht.

Wir haben Pionierinnen in sehr speziellen Bereichen gefunden, wie die habilitierte Islandforscherin Dr. Adeline Rittershaus (geb. 1867), die international anerkannte Flechtenforscherin Prof. Dr. Aino Henßen (geb.1925), die bei der Anmeldung zu wissenschaftlichen Exkursionen sehr von ihrem vermeintlich männlichen Vornamen profitierte (😊), oder Elsbeth von Staehr (geb. 1912), eine Pionierin der Geburtsvorbereitung.

Gibt es Lebensbereiche oder Epochen, aus denen man nur schwer Frauenbiografien findet? Und warum ist das so?

Es ist insgesamt sehr eindrucksvoll, wie schnell und umfassend die Lebensgeschichten und Leistungen von Frauen in Vergessenheit geraten oder Frauen nur noch als „Anhängsel“ von Männern in Erscheinung treten, wie z. B. die in Wuppertal geborene „Muse Wagners“, die Dichterin Mathilde Wesendonck (geb. 1828). Auch zu ihrer Zeit sehr berühmte Frauen wie Helene Stöcker (geb. 1869), eine unglaublich progressive Frauenrechtlerin, kennt heutzutage kaum noch jemand.  Der Nachlass von Flora Klee-Palyi (geb. 1893) wurde nicht aufbewahrt; die Künstlerin, Illustratorin, Übersetzerin und Mittlerin zwischen Dichtung und Bildnerei verschwand im Lauf der Jahre aus den einschlägigen Lexika, und dass die Geschichte von Regina Bruce überhaupt überliefert ist, beruht auf einer Zufallsbegegnung zwischen dem Wuppertaler Verleger Herrmann Schulz und Regina Bruce in den 1970er Jahren in Lomé, der Hauptstadt von Togo. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Umso wichtiger ist es, dass wir Frauen uns selbst darum kümmern, Frauenleben sichtbar zu machen.Die immer noch männlich dominierte Geschichtsschreibung wird es nämlich nicht tun …

Ihr veranstaltet auch vor Ort Führungen, Fahrradtouren oder Kooperationen. Wie wichtig ist der analoge Austausch im Vergleich zur digitalen Präsenz?

Wir möchten in der Stadtgesellschaft wirken, daher ist uns der analoge Austausch mit den Menschen vor Ort sehr wichtig. Unser Projekt beruht komplett auf ehrenamtlicher Basis und ist offen für alle, die mitwirken möchten. Für Interessierte veranstalten wir regelmäßig Treffen zum Austausch. Auf diese Weise ist auch die Fahrradtour entstanden, die Frauen vom ADFC mit Hilfe unseres Materials durchführen. Wir bieten auf Anfrage Frauenstadtrundgänge und Vorträge an, treten aber auch selber in Kontakt mit anderen, die zur Stadtgeschichte aktiv sind, und informieren uns über deren Projekte.

Man kann seine Stadt über die Beschäftigung mit ihren bedeutenden Frauen und deren Zeit und Umfeld nochmal ganz neu kennenlernen.

Wir sind also gut vernetzt und nutzen alle Gelegenheiten, um die Geschichten der Wuppertaler Frauen zu verbreiten und auch für mehr Sichtbarkeit im öffentlichen Raum, z. B. durch Gedenktafeln, Stolpersteine usw., zu sorgen. Dabei spielt natürlich auch die digitale Präsenz (Website/Instagram) eine wichtige Rolle, denn dort kann man jederzeit Biografien und Infos zu unseren Aktivitäten nachlesen.

Habt ihr Empfehlungen für andere Städte bzw. Frauengruppen, die ein ähnliches Projekt anstoßen möchten?

Schaut gerne auf unsere Website. Dort findet ihr viele Informationen, an denen ihr euch vielleicht orientieren könnt, wie spannende Biografien, Veranstaltungen und Kooperationen und weitere Infos, z. B. zu Mitwirkungsmöglichkeiten. Wenn ihr Lust habt, in eurer Stadt Frauenbiografien zu recherchieren und sichtbar zu machen, wäre meine Empfehlung nicht zu zögern, sondern einfach anzufangen – es gibt überall so viele kompetente Frauen (und auch Männer), die werden dazukommen und euch unterstützen. Aus den Fähigkeiten und Kenntnissen der Einzelnen wird sich Interessantes ergeben. Auch wenn alle ehrenamtlich arbeiten, braucht es ein bisschen Geld, z. B. für die Pflege und den Aufbau einer Website oder für Veranstaltungen. Wir haben deshalb den einen oder anderen kleinen Förderantrag gestellt und einen gemeinnützigen Verein gegründet, um besser zu Spenden aufrufen zu können.

Gerne könnt ihr uns kontaktieren, wenn ihr Fragen habt (verein@wupperfrauen.de). Wir halten gegen Spende und Spesen auch Vorträge zu unserem Projekt. Ein Austausch mit Frauen aus anderen Städten ist auf jeden Fall lohnend. Wir stehen z. B. in engem Kontakt mit den Frauen vom Kölner Frauenstadtplan und Frauengeschichtsverein, die uns inspiriert haben und mit denen wir uns regelmäßig treffen.

Herzlichen Dank für deine Zeit, Dagmar, und viel Erfolg weiterhin mit den Wupperfrauen!

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